Stimmung: Nüchterne Einsicht
Es erscheint mir vollkommen irreal, dass ich in drei Wochen vor meinen Doktorvater treten und ihm eineinhalb Stunden lang erklären soll, was ich mir bei meiner Doktorarbeit so alles gedacht habe. Beim Durcharbeiten meiner wissenschaftlichen Ergüsse gehen mir selbst höchst unterschiedliche Reaktionen durch den Kopf. Manchmal bin ich ganz verblüfft: "Ach? So hast du dir das damals gedacht? Ist ja gar nicht so blöd, sondern klingt recht einleuchtend." An anderen Stellen jedoch stoße ich auf kleinere oder größere Fehler und Ungenauigkeiten, bei denen ich mir nur mit der Hand vors Hirn hauen möchte: "Was um alles in der Welt hast du dir denn dabei gedacht!" Dieses Phänomen ist mir allerdings nicht neu. Jedesmal, wenn ich meine Doktorarbeit nach einer längeren Pause wieder in die Hand genommen hatte, fielen mir Dinge auf, die ich dringend überarbeiten musste. Und vermutlich wäre das bis in alle Ewigkeit so weitergegangen, wenn ich mir nicht irgendwann einmal gesagt hätte: Jetzt ist Schluss! Perfekt oder nicht, du reichst das Ding jetzt endlich ein.
Mir ist völlig klar, dass ich mit dieser Arbeit keinen Meilenstein der psychologischen Forschung abgeliefert habe. Meine Dissertation ist ganz nett formuliert, schlingert bisweilen recht unentschlossen herum und hat keinerlei weltbewegende Ergebnisse vorzuweisen. Aber es war auch nie mein Ziel, damit Eindruck zu schinden. Ich wollte im Grunde nie promovieren, fühlte mich von der Aussicht auf den Titel zu keinem Zeitpunkt angespornt und konnte mich auch für das Thema meiner Arbeit nicht begeistern. Es ging mir immer nur darum, das alles endlich hinter mich zu bringen. Und nun soll ich in zwei Wochen etwas vertreten und verteidigen, hinter dem ich selbst nie wirklich stand. Das ist für mich das Schwierigste an der ganzen Sache. Die Prüfung hat natürlich den Vorteil, dass ich zu einigen der oben genannten Fehler noch einmal Stellung beziehen und diese gegebenenfalls korrigieren kann. Aber eine Tour de Force wird das Ganze sicher nicht werden. Schade eigentlich. Würde ich mich heute noch einmal für die Promotion entscheiden (was ich - nebenbei bemerkt - ganz sicher nicht täte), dann würde ich mir ein Thema suchen, für das ich von ganzem Herzen entflammt bin. Irgendwas aus der Geschlechterforschung vielleicht. Eine Untersuchung, deren Ergebnis mich auch selbst brennend interessieren würde. Etwas, womit ich voller Begeisterung meine gesamte Umgebung nerven und worauf ich wirklich stolz sein könnte.
Tja, war wohl nichts. So wird meine Doktorarbeit für mich immer nur ein mahnendes Beispiel bleiben, mich nie, nie, niemals wieder auf ein derart zeitaufwendiges Projekt einzulassen, wenn ich nicht aus tiefstem Herzen dazu stehen kann.