Stimmung: Für den Augenblick getröstet und versöhnt
Musik: Die Geräusche des Spätsommers vor meinem Fenster
Am schlimmsten während der letzten Tage war der Gedanke, dass ich mich womöglich geirrt haben könnte. Dass er mich niemals wirklich geliebt hat. Dass dies alles nur eine Spielerei war, ein flüchtiger Traum, der nicht die Kraft hatte, dem ersten Ansturm der Realität zu widerstehen. Angesichts des Endes, das diese Geschichte nahm, fiel es mir sehr schwer, noch an die Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu glauben. Doch heute Vormittag fand ich einen versöhnlichen Gedanken, der mir half, diesen Schmerz zu heilen.
Ich wachte schon sehr früh auf - wie so oft mit einem traurigen, schmerzlichen Gefühl im Magen. Da meine Versuche, wieder einzuschlafen, zum Scheitern verurteilt waren, beschloss ich, in den Morgenstunden ein wenig im Ostpark spazierenzugehen. Es war ein nebliger Morgen, der die Wärme des bevorstehenden Tages kaum ahnen ließ. Ganz bewusst spürte ich den Boden unter meinen Füßen und die Weite des Himmels über mir. Ich sah die Bäume am Wegrand, die Birken, Eschen und Linden, deren Blätter sich allmählich zu färben begannen und deren Sommerfrische sich dem Ende zuneigte, lauschte dem zarten Strömen des Hachinger Baches und folgte seinem Lauf. Er führte mich zu einem Platz etwas abseits vom Weg, wo ich mich auf einem großen Stein niederließ und meine Gedanken auf die Reise schickte.
Zu meinen Füßen floss der kleine Bach vorbei. Stetig, unermüdlich. "Du kannst den Lauf der Dinge niemals aufhalten", flüsterte er mir zu. "Du kannst nur das Leben durch dich hindurchfließen lassen und alle Geschenke annehmen, die es dir bringt - Liebe und Schmerz, Freude und Trauer, Angst und Glück." Es war so heilsam, dort zu sitzen und dem leisen Plätschern des Wassers über den Steinen zu lauschen. Gar nichts zu tun, einfach nur da zu sein, zu atmen, zu schauen und zu spüren, wie all das meinen Schmerz linderte.
Leb wohl, mein Liebster. Auch ich kehre nun zurück in meine Welt und in das Leben, das ich führte, ehe wir einander begegnet sind. Und doch ist es nicht mehr dasselbe wie vorher, denn unsere Liebe hat mich verwandelt. Genau in diesem Moment bin ich bereit anzuerkennen, dass du mich sehr wohl geliebt hast. Es war nur keine Liebe, auf die man hätte bauen können, sondern eine flüchtige, federleichte, fast spielerische Liebe, in der gar kein Raum war für schwermütige Gedanken. Die Liebe eines jungen Mannes, der ganz im Augenblick lebt. Meine Liebe zu dir war anders: Reifer, tiefer, verwurzelter und der Erde näher - mitunter ebenso schwer und dunkel wie sie, aber auch beständiger. So ist es und so war es und es ist gut so. Ich werde nicht länger dem Fehler verfallen, nur in Kategorien von Schwarz oder Weiß zu denken, die der Liebe mit ihren vielen, bunt schimmernden Facetten niemals gerecht werden. Das wäre nicht nur töricht, sondern würde mir auch unnötig das Herz wundscheuern.