Das Apfelbäumchen
Stimmung: Apfelblütenerinnerungen
Musik: Beethovens Waldstein-Sonate
Meiner alten Heimat nahe, in einem kleinen Städtchen auf dem Lande, wartete die nächste Liebesgeschichte auf mich und sie verblüffte mich sehr. Der Mann, in den ich mich diesmal verliebte, hätte nämlich gut und gern mein Vater sein können. Er war wesentlich älter als ich und anfangs hätte ich niemals geglaubt, dass ich mich in ihn verlieben könnte. Doch unsere Seelen waren sich wesentlich näher als die Jahre unserer Geburt. Uns verbanden die Liebe zur Natur, eine tief empfundene Spiritualität und die Freude an einem einfachen, bewussten Lebensstil. Es war Mai und die Apfelbäume blühten, als wir beide erkannten, dass die Liebe vor Altersgrenzen nicht Halt macht.
Nach zwei Beziehungen, in denen meine Gefühle unerwidert geblieben waren, spürte ich nun endlich wieder die Resonanz zweier Herzen. Kann man es mir verdenken, dass wieder die alten Wünsche und Sehnsüchte in mir erwachten? Dass ich glaubte, nun vielleicht doch die Liebe meines Lebens gefunden zu haben? Der Altersunterschied ließ mich keineswegs zweifeln, im Gegenteil, er bestärkte mich sogar noch in meinen Gefühlen. Naiv wie ich immer noch war, glaubte ich meine Liebe stark genug, solche Hürden zu überwinden. Jedenfalls war ich bereit, mich jeder damit verbundenen Herausforderung zu stellen. Die allerdings kamen schneller, als mir lieb war. Denn der reife Mann an meiner Seite ließ sich von meinen Gedanken an eine gemeinsame Zukunft keineswegs in die Flucht schlagen wie die beiden jüngeren zuvor, sondern nahm diese Frage sehr ernst und prüfte sie sorgfältig.
Dabei traten zwei Probleme zutage, an denen unsere Beziehung letztlich scheitern sollte: Zum einen passte ich so gar nicht in seinen derzeitigen Lebensentwurf. Er liebte mich und war ernsthaft bereit, sich auf mich einzulassen, aber seine Pläne für die nächsten Jahre ließen nur wenig Raum für eine feste Partnerschaft und offenbar war er nicht mehr flexibel genug, sie kurzerhand zu ändern. (Und ich war nicht flexibel genug, mich ihnen anzupassen.) Zum zweiten wünschte ich mir Kinder. Er aber wollte ganz sicher keine mehr und hatte auch nie welche gewollt.
Ich musste schmerzlich erkennen, dass Liebe allein für eine langfristige Beziehung nicht genügt. Diese Rahmenbedingungen hätten einer Liebe bedurft, die stärker war als alles andere - einer Liebe ohne Zweifel und Bedenken. Und das war sie nicht. Ich konnte meinen Wunsch, eine Familie zu gründen, nicht einfach aufgeben, selbst wenn ich nicht sicher war, ob er sich andernorts je erfüllen würde. Schon gar nicht, da ich das Gefühl hatte, auf der Liste der anstehenden Erledigungen meines Freundes nur unter "ferner liefen" zu rangieren. Nach elf Monaten trennten wir uns daher in gegenseitigem Einvernehmen, liebevoll und unter Tränen, aber mit großer Klarheit. Als Paar hatten wir keine Zukunft. (Als Freunde leider auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.) Meine Suche nach der wahren Liebe ging weiter.


