Stimmung: Feierabendlich
Musik: "Oh, wie ist das schön..."
Es ist zehn vor vier. Alle meine Kolleginnen haben sich auf den Weg gemacht, irgendwo in Kneipen, Biergärten oder Cafés das bevorstehende Fußballspiel zu gucken. Sie haben mich gefragt, ob ich mitkomme, und meine Chefin, die sich nicht im geringsten für Fußball interessiert, hat den vorgezogenen Feierabend der Mitarbeiterinnen sogar abgenickt. Trotzdem sitze ich noch immer hier und halte die Stellung. Wir haben eine kleine Therapiegruppe um halb fünf, von der ich zwar nicht weiß, ob jemand kommen wird (auch unsere Mädchen schauen ganz gerne Fußball), deren Angebot ich aber trotzdem aufrechterhalten möchte. Nicht zuletzt will ich um sechs noch zur Selbsterfahrung und könnte den Ausgang des Spiels somit eh nicht mitverfolgen. Da sich mein Interesse an der Fußball-WM in Grenzen hält, ist es kein großes Opfer für mich - und belohnt werde ich wieder einmal mit einer himmlischen Ruhe*. Ein laues Lüftchen weht durch die geöffneten Türen und Fenster des Büros zu mir herein. Draußen zwitschern die Vögel und nur von fern dringt leises Verkehrsrauschen an mein Ohr.
Drei Fußballspiele habe ich bislang gesehen und bei keinem dieser drei hat die deutsche Nationalmannschaft mitgespielt. Es ist mir auch herzlich egal, wie die Deutschen spielen, wie weit sie kommen und ob sie Weltmeister werden. Diese Art von Nationalgefühl ist mir vollkommen fremd. Ich kenne die Herren, die da über den Rasen rennen, doch gar nicht. Warum also sollte mich mit ihnen ein besonderes Wir-Gefühl verbinden? Damit will ich nicht sagen, dass die Tatsache, dass ich Deutsche bin, für meine Identität keine Rolle spielt. Ich fühle mich der deutschen Sprache sehr verbunden, der Landschaft, in der ich lebe, sicherlich auch gewissen Gepflogenheiten meines Volkes (zum Beispiel der Mülltrennung), den Menschenrechten und dem Grundgesetz, aber schon bei Kunst und Kultur fängt es an, schwierig zu werden. Wolfgang Amadeus Mozart war Österreicher, Fréderic Chopin Pole, Claude Débussy Franzose, Giuseppe Verdi Italiener, Leonard Bernstein US-Amerikaner, Jane Austen Engländerin (ebenso wie Virginia Woolf), Astrid Lindgren Schwedin. Isabelle Allende ist Chilenin und Gioconda Belli stammt aus Nicaragua. Während in Sachen Musik mein europäisches Erbe durchscheint, schlägt sich bei meinen literarischen Vorlieben die Tatsache, dass ich eine Frau bin, sehr viel stärker nieder als meine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land.
Michael Ende sagte einmal, die Romantik sei die einzige typisch deutsche Kunstepoche - und so gesehen bin ich wohl ziemlich deutsch. Eins aber bin ich ganz sicher nicht: Stolz darauf, Deutsche zu sein. Dass ich hier geboren wurde und aufgewachsen bin, ist schließlich nicht mein Verdienst. Warum um alles in der Welt sollte ich also stolz darauf sein? Es gibt vieles an Deutschland, das ich mag, allerlei, das ich nicht mag, und so manches, das völlig an mir vorbeigeht. Letztendlich ist meine Nationalität - wie so vieles andere - nur ein kleines Mosaiksteinchen im großen Gesamtgebilde meines Daseins.
*Mit der Ruhe war es übrigens vorbei, sobald das Spiel angepfiffen wurde. Lautstarke Nachbarn waren so großzügig, mich lebhaft am Geschehen teilhaben zu lassen. Aber meine Therapiegruppe ist immerhin vollzählig erschienen.