Stimmung: Nachdenklich
Musik: Reinhard Mey - Es gibt keine Maikäfer mehr
Heute habe ich viele Stunden vor dem Rechner verbracht. Zum einen habe ich eine Weile in diversen Foren herumgesurft und zum anderen lange ICQ-Gespräche geführt. Im Gegensatz dazu bestand mein reales, irdisches Leben an diesem Sonntag aus Hausputz, Wäsche waschen und bügeln, einem Telefonat mit einer Freundin, Yoga-Übungen auf meinem Balkon, der Pflege meiner Balkonblumen und ein wenig Meditation. Und plötzlich habe ich mich gefragt, wie eigentlich mein Leben aussah, ehe ich in der Welt der virtuellen, weltweiten Kommunikation gelandet bin. Oder wie es heute aussehen würde, wenn ich dieser Welt niemals begegnet wäre.
Ich weiß, dass ich früher wesentlich mehr ferngesehen habe. Heute schalte ich den Fernseher so gut wie gar nicht mehr an. Er steht bei mir im Schrank und wird nur zu besonderen Anlässen hervorgeholt und eingestöpselt. Außerdem telefoniere ich längst nicht mehr so viel wie früher. Ich kann mich noch erinnern, dass ich einst ganze Abende am Telefon verbrachte und teilweise mit zwei oder drei Personen an einem Abend sprach. Ich habe viel geschrieben: Texte, Exzerpte, Gedankensammlungen - und natürlich Tagebuch. Letzteres tue ich immer noch, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so intensiv (und ergänzt durch das vorliegende Weblog). Und meine Kreativität lebe ich mittlerweile hauptsächlich in Internetforen aus.
Es macht mir Spaß, in der virtuellen Realität herumzuhüpfen und mit den unterschiedlichsten Leuten in Kontakt zu sein. Ich habe sehr nette Menschen dadurch kennen gelernt und verdanke diesem Medium sogar eine zarte Liebesgeschichte. Es gibt also eigentlich nichts, was ich der Virtualität vorwerfen könnte. Und doch packt mich mit schöner Regelmäßigkeit die Frage, ob es denn auch ohne das alles gehen würde. Mittlerweile wohne ich in in meiner Lieblingsstadt. Das Leben hier hätte eine Menge zu bieten und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich den Reichtum des realen Lebens hier vor Ort verschmähe, um über virtuelle Wiesen zu toben.
War es anfangs noch aufregend, mit meinem Liebsten im ICQ zu plaudern, machen mich solche Chatgespräche mittlerweile oftmals ungeduldig und unzufrieden. Mein Liebster ist nicht gerade eine Kommunikationskanone und unsere Nähe speist sich nicht unbedingt aus Worten. Am Telefon haben wir wenigstens den Klang unserer Stimmen, Atemzüge und verträumte Seufzer, die uns einander nahebringen. Im ICQ gibt es nur karge Buchstaben auf hellblauem Grund. Und so sind wir zwar manchmal im Kontakt, aber doch meilenweit voneinander entfernt.
Vor nicht allzu langer Zeit kam mir daher der Gedanke, einfach mal Urlaub zu machen von der Virtualität und herauszufinden, wie mein Leben hier und heute aussehen könnte, wenn ich nicht länger in diesem oder jenem Forum aktiv wäre. Noch zögere ich, diesen Gedanken umzusetzen, weil die Forumswelt zu einem festen Bestandteil meines Alltags geworden ist und ich sie nicht missen möchte. Aber ein spannendes Experiment und eine interessante Erfahrung wäre es schon - auch wenn es sicherlich nicht immer leicht wäre, der Versuchung zu widerstehen.
Mal sehen, wie sich die leise murrenden Stimmen in meinem Inneren entwickeln und was aus diesen ersten Impulsen in den kommenden Tagen und Wochen wird. Eigentlich wäre es die ideale Zeit für einen Interneturlaub: Es ist Sommer, die Tage sind hell und weit und ich habe genug zu tun, um Langeweile nicht fürchten zu müssen. Doch ob ich wirklich das Durchhaltevermögen habe, mich konsequent vom Netz fernzuhalten, dessen bin ich mir noch nicht so sicher.