Stimmung: Wohlig, entspannt, sonntäglich
Musik: Stille (nebenan schläft mein Liebster)
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Es war meine Schwester, die mich ganz plötzlich und überraschend für Feng Shui begeistert hat. Ich war damals unzufrieden mit meinem neuen Büro und fühlte mich insbesondere mit meiner Position am Schreibtisch - zwischen Tür und Fenster mit dem Rücken zur Fensterfront - nicht besonders wohl. Als meine Schwester nun zu mir kam und mir die Problematik meines Büros aus Sicht des Feng Shui erklärte, erschienen mir ihre Ausführungen überraschend plausibel. Mich erstaunte das vielfältige Wissen, das sie sich bei der Einrichtung ihrer eigenen Wohnung nach Feng-Shui-Kriterien erworben hatte, und ich wollte mehr darüber erfahren. Also lieh ich mir eines ihrer Bücher und kaufte mir auch bald selbst Literatur zu diesem Thema.
Die Chinesen betrachten Chi als die allumfassende, universelle Energie, die alles durchdringt und umgibt und die alle Dinge lebendig macht. Im Idealfall kann das Chi frei fließen und tanzt dann in wogenden, wiegenden Bewegungen durch unsere Adern, unsere Organe, unsere Wohnung und das Land, auf dem wir leben. Je mehr es sich auf seine natürliche Weise ausbreiten kann, umso wohltuender ist seine Wirkung. Problematisch wird es erst dann, wenn das Chi sich nicht mehr in sanften Wellen dahinschlängelt, sondern schnurgerade voranschießt und dabei ein hohes Tempo entwickelt. Dann verliert es seine hilfreiche, lebenspendende Wirkung und entfaltete eine scharfe, zerstörerische Kraft. Dies geschieht laut Feng Shui etwa in langen, geraden Fluren oder wenn in einem Raum Tür und Fenster direkt gegenüber liegen. Auch begradigte Gewässer oder Schnellstraßen entfalten eine derartige Wirkung. Umgekehrt gibt es auch Konstellationen, durch die das Chi seine Bewegungsenergie einbüßt, stagniert und ins Stocken gerät. Es entfaltet dann eine modrige, träge, lähmende und morbide Energie, wie sie bisweilen in fensterlosen Räumen, Abstellkammern voller Gerümpel oder an dunklen Tümpeln zu finden ist. Während im ersten Fall die Yang-Energie überhandnimmt, überwiegt im zweiten die Yin-Energie.
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Dies führt uns zu einem ersten Grundsatz des Feng Shui: Damit das Chi frei fließen kann, sollten Yin und Yang sich in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Das setzt nicht immer ein völlig ausgeglichenes Verhältnis voraus, doch keines der beiden Prinzipien sollte eindeutig die Oberhand gewinnen. Stets ist es wichtig, dass beide noch miteinander in Beziehung treten können, sich gegenseitig befruchten und beleben. Dieser Grundannahme kann ich wunderbar folgen. Sie berührt mich, erscheint mir natürlich und vertraut und leuchtet mir ohne weiteres ein. Auch das Grundprinzip des Feng Shui gefällt mir ungemein: den Blick für den Fluss der Lebensenergie zu schärfen und den wiegenden Tanz dieser Energie nach Kräften zu unterstützen.
Gewiss, wissenschaftlich ist das Chi nicht nachweisbar und die Lehre des Feng Shui von daher nicht objektivierbar. Doch auf rein subjektiver Ebene ist diese Energie für mich erfahrbare Realität. Es entspricht meiner unmittelbaren Erfahrung, dass es Lebensräume gibt, in denen ich mich spontan wohl fühle, die mich stärken, erfrischen, zuversichtlich und fröhlich stimmen, und andere, die mich lähmen und ermüden, in denen meine Energie stagniert und die mir Kraft rauben. Der Fluss der Lebensenergie in diesen Räumen ist für mich ein angemessenes Bild, um diese Erfahrung zu fassen. Allerdings könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das, was einzelne Menschen als nährend oder zehrend empfinden, individuell sehr verschieden ist. So kenne ich Menschen, die die Farbe Schwarz als ausgesprochen stärkend und inspirierend empfinden, während sie mir eher Kraft raubt und mich auslaugt. Auch das klassische Feng Shui weiß um diese individuellen Herangehensweise und berücksichtigt bei seinen Berechnungen jeweils die Geburtsdaten eines Menschen.
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Es mag auch einige allgemeingültige Faktoren geben, denn die wenigsten Menschen wohnen gerne an vielbefahrenen Straßen oder sitzen im Restaurant am liebsten mit dem Rücken zur Tür. Dennoch gefällt mir der Ansatz, dass das Chi auch unseren Blicken folgt oder in seinem Lauf von unseren Gedanken und Gefühlen beeinflusst wird. Das lässt mir den nötigen Handlungsspielraum und gibt mir nicht das Gefühl, strengen, unabänderlichen Regeln unterworfen zu sein, deren Missachtung mich ins Unglück stürzen würde. Das nämlich ist ein Aspekt, der mir am Feng Shui nicht gefällt: die Vorstellung, dass überall Unheil lauern könnte, vor dem ich mich dringend schützen muss.
Sehr gut nachvollziehen kann ich hingegen, dass es Ecken und Räume gibt, in denen die Energie stagniert, und andere, durch die sie geradezu hindurch zischt, ohne wie sonst kreisend, wogend und wiegend zu verweilen. An diesen Stellen mit der Energie in Beziehung zu treten, sie entweder aufzuwecken und in Bewegung zu bringen oder aber abzumildern und zu besänftigen, erscheint mir ein lohnendes Unterfangen. Das Wechselspiel der Polaritäten, die Harmonie von Yin und Yang ist mir als Konzept so grundvertraut, dass ich nicht lange zweifelnd und prüfend darüber nachdenken muss.
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Weniger vertraut und von daher zunächst irritierend war für mich das Konzept der fünf Elemente, das in seiner Symbolik und Eigenart stark von der westlichen Elementelehre abweicht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich jedoch auch diesem Ansatz ohne weiteres folgen. Besonders schön finde ich, dass hier, wie so oft in der chinesischen Philosophie, die Wechselbeziehungen und Wandlungsprozesse der jeweiligen Elemente untereinander im Vordergrund stehen. Die einzelnen Elemente sind nicht voneinander getrennt, sondern mit den anderen in einem fortwährenden Zyklus des Werdens und Vergehens verbunden. Sie nähren und unterstützen sich gegenseitig oder begrenzen und vermindern die Kraft des jeweils anderen, so dass im Idealfall keines von ihnen überhandnimmt oder das Gleichgewicht stört. Etwaige Unausgewogenheiten können laut Feng Shui durch die geeignete Verwendung von Formen, Farben, Materialien und Symbolen ausgeglichen werden.
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Beim Ausbalancieren der Elemente spielen auch die Himmelsrichtungen eine Rolle, die auch in einigen Ausprägungen des Bagua-Systems zur Anwendung kommen. Das Bagua weist jeder Lebens- und Erfahrungswelt einen ganz konkreten Platz in einer Wohnung, einem Büro oder einem Garten zu. Dieser Teil des Feng Shui, mag er auch der einfachste und dadurch der beliebteste sein, weckt bei mir Skepsis. Die damit verbundenen Orakelspiele und magischen Interventionen, die ein grundsätzliches Lebensproblem durch eine Veränderung der Wohnumgebung zu lösen versuchen, erscheint mir suspekt. Auch das klassische Feng Shui, das die moderne Bagua-Theorie als "McFengShui" verachtet, hat mir diesbezüglich nichts Besseres anzubieten, im Gegenteil: Hier gibt es gar unheilvolle Richtungen, in die der Eingang, das Schlafzimmer oder das Bett auf gar keinen Fall ausgerichtet sein dürfen. Es widerstrebt mir, meiner Wohnumgebung derart viel Macht und Einfluss auf meine allgemeine Lebensführung und Lebensgestaltung zuzugestehen.
Auf der anderen Seite gefällt mir der Gedanke, mich einem bestimmten Lebensthema ganz bewusst widmen zu können, indem ich darüber nachdenke, welche konkreten Veränderungen meines Lebensraumes die ersehnte Vision, den erwünschten Zustand am besten widerspiegeln können. Es ist schön, auf diese Weise meinen Lebensthemen durch die bewusste Gestaltung bestimmter Plätze in meiner Wohnung oder in meinem Garten Ausdruck zu verleihen. So nutze ich die kreativen, anregenden und inspirierenden Aspekte des Feng Shui und lasse all jene Inhalte unbeachtet, die mir Unbehagen bereiten oder mich nicht überzeugen. Auf diese Weise ist Feng Shui eine wahre Quelle der Inspiration für mich. Es schärft meine Sinne und verfeinert meine Wahrnehmung und konfrontiert mich immer wieder aufs neue mit der Frage, was ich wirklich will. Nebenbei entstehen schöne, ästhetisch ansprechende Gestaltungsideen, mit denen ich mich rundum wohl fühle.