Für Mama
Ich denke an dich und liebe dich sehr.
Stimmung: Traurig und verloren
An diesem Wochenende war ich auf einem Nachtreffen unserer biodynamischen Grundausbildung. Es waren zwei herrlich entspannte, wohlige, frauenbewegte Tage mit langen Gesprächen, wohltuenden Massagen, Geborgenheit spendender Nähe und wahren Festgelagen. Wir waren in einem großen Haus untergebracht, das früher einmal ein Heim für Ordensschwestern gewesen war und nun einer Hochschulprofessorin gehörte. Diese erwies sich als höchst inspirierende Frau, die mich mit ihrer heiteren Bestimmtheit, ihrer Begeisterung für Sprache und ihre Liebe zu Platons Dialogen sehr berührte und beeindruckte. Sie führte uns auch durch die Räume, die sie selbst bewohnte, und ich war hingerissen von ihrer Idee, jeden einzelnen Raum in einer anderen Farbe zu gestalten und dadurch in jedem Zimmer eine ganz eigene Stimmung hervorzurufen.
Am Samstagabend zogen wir Bachblütenkarten und nahmen diese zum Anlass, uns mit den angesprochenen Themen etwas ausführlicher zu beschäftigen. Mich verwiesen die Karten auf die Erfahrung von Hoffnungslosigkeit und Mutlosigkeit nach traurigen Ereignissen. Zunächst erschien mir das gar nicht sonderlich passend, doch je mehr ich dem Thema nachspürte, umso deutlicher wurde mir, dass es sehr wohl eine Seite in mir gibt, die nach all den Verlusten, Trennungen und Kümmernissen in der Liebe die Hoffnung auf eine dauerhafte, erfüllte Partnerschaft schon fast aufgegeben hat. Diese Seite lässt sich von den Hindernissen, Konflikten und Schwierigkeiten einer Liebesbeziehung sehr leicht verunsichern und entmutigen und zieht sich dann schutzsuchend zurück. Natürlich weiß ich, dass das keine heilsame Lösung ist. Es braucht Offenheit und Vertrauen, um sich auf die Liebe einzulassen. Doch in dem Maße, in dem ich mich öffne und einlasse, spüre ich auch meine Angst und meine Verwundbarkeit wieder stärker. Ich werde einen Weg finden müssen, die zarte, verletzliche Seite in mir sanft zu behüten, ohne ihr dabei allzu viel Macht über mein Denken, Fühlen und Handeln einzuräumen.
Stimmung: Die Zeit hält den Atem an
"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit." (Prediger 3, 1-8)
Obwohl ich der christlichen Religion nicht mehr sonderlich nahestehe, liebe ich dieses Bibelzitat ungemein. Es berührt mein Herz, hüllt mich tröstend ein, versöhnt mich mit allen Erfahrungen des Lebens, bewahrt mich vor überstürztem Handeln und hilft mir, Durststrecken zu überstehen. Für mich ist dies eine Zeit, in der das Vergnügen zurücktreten muss hinter die Pflicht. Der Zeitraum ist überschaubar und ein Ende ist absehbar. Das hilft mir, mich ins Unvermeidliche zu fügen und das Notwendige zu tun. Äußerlich ist mein Leben gerade karg und wenig abenteuerlich. Innerlich ist es dennoch eine sehr bewegte Zeit, eine Zeit vielfältiger Gefühlsregungen und bisweilen auch rastloser Ungeduld und innerer Unruhe. Vielleicht spüre ich diese sogar umso stärker, als ich nur wenig Raum dafür habe, mich meinem Seelenleben zu widmen. Im Grunde bin ich zutiefst glücklich und dankbar, doch in dieses Glück mischen sich immer wieder Momente von Wehmut und Traurigkeit, eine unbändige Sehnsucht und eine Rastlosigkeit, die ich nicht so recht zu deuten weiß. Was davon ganz unmittelbar Folge meiner augenblicklichen Lebenssituation ist und was anderswo seine Wurzeln hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber es gibt ja für alles eine Zeit. Und so lehne ich mich gelassen zurück und warte geduldig auf den Tag, da sich der Nebel lichtet und mein Leben in neuem Glanz und alter Frische erstrahlt.
Stimmung: Verträumt lächelnd
„Lieben heißt nicht mögen oder schön finden oder in sonst einer Weise positiv beurteilen. Lieben heißt nicht zu beurteilen, sondern mit ganzem Herzen präsent zu sein, mit allen Sinnen aufzunehmen und mit vollen Händen zu geben, was immer du dem gegenwärtigen Augenblick zu geben hast. Nichts zurückhalten von dir selbst und nichts verschmähen von dem, was der gegenwärtige Augenblick dir als Geschenk und Nahrung bietet.“
~ Safi Nidiaye, Die Schönheit der Liebe
Dies ist, wie ich finde, eine wunderschöne Definition von Liebe. Mich ganz zeigen. So wie ich hier und jetzt bin. Nichts verstecken, nichts zurückhalten, keine Masken oder Kostüme tragen. Mich zeigen mit meiner Stärke und meiner Schwäche, meiner Angst und meiner Zärtlichkeit, meinem Stolz und meiner Scheu, meiner Lust und meiner Empfindsamkeit – mit allem, was ich bin und habe. Alle Erwartungen, Drehbücher und Programme im Kopf über Bord werfen. Nur tun, was mein Herz mir im gegenwärtigen Augenblick sagt. Ja und Nein. Tränen und Jauchzen. Zorn und Seligkeit. Und gleichzeitig den Geliebten genauso wahrnehmen und annehmen, wie er ist. Ihn nicht messen an Erwartungen, Sehnsüchten und Wünschen. Da sein. Wach sein. Gegenwärtig sein. Hier bin ich und da bist du. Und es ist, was es ist.
Stimmung: Friedlich
Musik: Die Toten Hosen - Wünsch dir was
Mit der Frage, was Menschen gesund hält und ihnen hilft, auch belastenden Lebensereignissen standzuhalten, beschäftigt sich sogar ein eigener Forschungszweig, der sogenannte salutogenetische Ansatz. Als ausgesprochen gesunderhaltend gelten Humor, Optimismus und ein tragfähiges Netz menschlicher Beziehungen. Die Gabe, sich selbst mit allen Stärken und Schwächen wertzuschätzen, gehört ebenso dazu wie die Überzeugung, schwierige Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können. Hilfreich ist es, wenn Menschen in der Lage sind, Veränderungen grundsätzlich als Herausforderung zu betrachten und anzunehmen. Und dann gibt es noch etwas, das die Fachwelt als Kohärenzsinn bezeichnet und das eigentlich drei Dinge umfasst: Erstens die Überzeugung, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen, zweitens die Zuversicht, das eigene Leben gestalten zu können, und drittens den Glauben, dass das Leben einen Sinn hat.
Das alles klingt durchaus überzeugend und wunderbar und es gibt immer wieder lebende Beispiele für die Richtigkeit dieser Annahmen: Menschen, die trotz schwierigster Umstände ihre Heiterkeit und ihren Lebensmut nicht verlieren, die aus nahezu jeder Situation das Beste machen und angesichts von schweren Schicksalsschlägen förmlich über sich hinauswachsen. Nur - sind nicht letztlich auch die genannten Gaben und Fähigkeiten höchst ungleich verteilt? Schließlich können die meisten von uns sich ja nicht einfach vornehmen, die Dinge von nun an mit Humor zu betrachten und an den Sinn des Lebens zu glauben. Und an dieser Stelle beschäftigt mich einmal mehr die grundsätzliche Frage von Therapie und Heilung: Gibt es Bedingungen, die es Menschen möglich machen, diese heilsamen Fähigkeiten auch in späteren Lebensjahren noch zu entfalten und dadurch alte Wunden zu schließen?
Der Begriff "Therapie" selbst gibt ein paar Antworten darauf, denn das griechische Wort, das ihm zugrunde liegt, hat ursprünglich vier verschiedene Bedeutungen: (1) Einen Menschen aufmerksam wahrnehmen, da sein, präsent sein, echtes Interesse zeigen, (2) sich jeder moralischen Wertung enthalten, (3) einen Menschen durch die Schattenseiten des Daseins begleiten und (4) im Gegenüber das Göttliche achten. Diese vier Begriffe haben mein professionelles Verständnis von Therapie sehr geprägt. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es diese vier Dinge sind, die Heilung ermöglichen.
Stimmung: Zärtlich
Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Beobachtung mache: Rituale haben bisweilen eine erstaunliche Wirkung. Oft genug schlägt das Pendel danach erst einmal in die andere Richtung aus, öffnet mir die Augen und bringt Dinge zum Vorschein, die ich vorher nicht sah oder nicht fühlte. Mein Heilungsritual vom Freitag hat mich sehr stark mit meinem Schmerz in Berührung gebracht. Bilder, Gefühle, Erinnerungen, aber auch giftige Gedanken, Zweifel und Selbstvorwürfe tauchten auf. Ich spürte die Enttäuschungen und Verletzungen meiner Vergangenheit, zurückreichend bis in meine Schulzeit, so deutlich wie schon lange nicht mehr. Und kaum saß ich heute in meiner Therapiestunde auf dem Stuhl, begann ich auch schon zu weinen. Der Schmerz floß aus meinem Herzen in meine Kehle, bahnte sich von dort einen Weg ins Freie und löste sich in heftigem Schluchzen.
Es war so wohltuend und heilsam, dabei nicht alleine zu sein. A. begleitete mich wie so oft mit liebevoller Wärme und großer Klarheit. Immer wieder holte sie mich zu mir selbst zurück, ließ nicht zu, dass ich mich in sinnlosen Spekulationen verirrte, sondern half mir, mich wieder mit den Quellen meiner Kraft zu verbinden und den Schmerz und die dunklen Erinnerungen zwar anzuschauen, aber mich nicht darin zu verlieren. Sanft wiegte ich mein eigenes Herz, während A. ihre Hände auf meinem Bauch und in meinem Rücken ruhen ließ oder mir behutsam über Arme und Beine strich. Heilung hat so wenig mit zielorientiertem Handeln zu tun, sondern vielmehr mit Da-Sein, Atmen und Spüren, mit Ja und Nein und "Hier bin ich".
Stimmung: Friedlich und zufrieden
Was für ein wunderschöner Oktobertag! Warmes, goldenes Sonnenlicht. Bunte Blätter, die sich von den Bäumen lösen und behutsam zur Erde tanzen. Mein Rechen, der das Laub einsammelt. Und ein sanfter Frieden, der mein Herz berührt. Während ich in der Erde grabe, Akeleien und Storchenschnabel aus dem Garten meiner Mutter einpflanze und Tulpenzwiebeln setze, klingen noch die Gefühle des Vormittags in mir nach. Ein Gedanke von Susun Weed geht mir durch den Sinn: "In dieser Tradition der Weisen Frau kommt Ganz-/Heil-/Heilig-Sein dadurch, dass wir etwas hinzufügen, also durch Ernährung. Probleme, Schmerzen, Krankheit und Leiden werden nicht kuriert, instandgesetzt, ja nicht einmal ausgeglichen, sondern geehrt, unterstützt, respektiert für die Wahrheit, die in ihnen liegt. Sie werden genährt und zur Wahrheit des ganzen Wesens hinzugefügt."
Heilung bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Wunden sich schließen oder die Narben schwinden. Mitunter mag der Heilungsprozess allein darin bestehen, meine Wunden und Narben liebevoll anzunehmen, sie meinen Erfahrungen hinzuzufügen und sie mir quasi "einzuverleiben". Was nützt es, damit zu hadern, dass sie da sind? Was nützt es, mir zu überlegen, was wohl geschehen oder wie gar mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ihnen hätte ausweichen können? Ich bin die, die ich bin. Dies ist meine Geschichte. Hier sind meine Stärken und Schwächen, meine Ängste und Unzulänglichkeiten, meine Hoffnungen und Sehnsüchte. Einige Schätze meiner Seele sind leicht zu erschließen. Sie fliegen den Menschen, die sich auf die Suche danach machen, förmlich zu. Andere liegen tief im Verborgenen. Sie zu heben und ans Tageslicht zu bringen, braucht viel Geduld und Behutsamkeit. Nur jemand, der mich wirklich liebt, wird sie überhaupt finden. So ist es nun einmal. Das ist meine Wirklichkeit. Und mich damit auszusöhnen, anstatt daran zu verzweifeln, ist überaus heilsam.
Stimmung: Sehr, sehr dankbar
Musik: Richard Strauss - Der Rosenkavalier
Gefühle sind doch etwas Erstaunliches und Wundervolles. Solange wir sie einfach fließen lassen, bleiben sie stets lebendig und im Wandel. Wenn die Trauer mich überkommt, lasse ich meinen Tränen freien Lauf und weine, bis sie wieder versiegen. Danach breitet sich oft eine heilsame Ruhe in mir aus, aus der ich neue Kraft und Zuversicht schöpfen kann. Und hinter dem Zorn, dem Groll und der Bitterkeit wartet überraschend ein tiefer Frieden.
Vorhin war ich wieder einmal im Ostpark spazieren. Die Herbstsonne schien auf das rot und golden gefärbte Laub, tanzende Blätter lehrten mich das Loslassen und die leise Stimme des Hachinger Bachs erzählte mir wie so oft seine Geschichten vom Fließen und Verwandeln. Und auf einmal erfasste mich ein ungemein zärtliches Gefühl. Es ist alles gut so, wie es ist. Was helfen mir schon die bitteren Gedanken des "hätte", "wenn" und "wäre"? Ich wollte ihn immer nur glücklich sehen und das ist er jetzt. Genau wie ich konnte er nur seinem Herzen folgen und das hat ihn sicher geführt. Es gibt so manches, das er hätte anders machen können, aber wirklich vorzuwerfen habe ich ihm nichts.
In solchen seltenen, ungemein kostbaren Momenten lösen sich Schmerz und Bitterkeit ganz in Liebe auf. Ich weiß, dass sie nicht andauern, dass ich den Augenblick nicht festhalten kann. Aber es ist überaus tröstlich, dass es sie gibt. Und es macht mir Mut. Eines Tages, das weiß ich, wird nichts anderes mehr übrig bleiben als Dankbarkeit.
Stimmung: Ruhig, klar, gefasst
Musik: Bette Midler - From A Distance
Derzeit wird es von Tag zu Tag leichter. Ich denke nicht mehr so oft an ihn, und wenn es doch geschieht, tut es nicht mehr so weh. Selbst wenn ich von ihm träume, wie etwa vorgestern Nacht, vermag ich die Traumbilder beim Erwachen meist mit einer klaren und entschlossenen Handbewegung fortzuwischen: Es ist vorbei. Es ist vorüber. Adieu!
Sein Brief hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie gut es war, unseren Kontakt vorerst zu beenden und ihm nicht noch ein halbes Dutzend klärender Gespräche abzuringen. Es gab nichts mehr zu bereden. Es war alles längst gesagt. Und was immer ich an Gefühlen und Empfindungen noch zu durchleben hatte, war allein Teil meines Weges. Mit ihm und unserer gemeinsamen Geschichte hatte es kaum noch etwas zu tun.
Von seltenen Ausnahmen einmal abgesehen, grolle ich ihm auch nicht mehr. In guten Momenten kann ich ihm sogar Glück wünschen. Mein Herz ist im Begriff, ihn wirklich freizugeben. Und auch wenn ich nicht dem Trugschluss verfalle zu glauben, dies sei das Ende der Spirale, so erstaunt es mich doch, wie rasch ich zu diesem Punkt gelangt bin.
Der Abstand zwischen uns beiden lindert meinen Schmerz. Er schenkt mir Klarheit, Gewissheit und die Verbundenheit mit meiner eigenen Kraft. Es hilft mir sehr, dass es definitiv kein Zurück mehr gibt und mir von Anfang an nichts anderes blieb, als mich damit abzufinden. Dadurch kam ich gar nicht erst in Versuchung, meine Kraft im Kämpfen, Ringen oder Hadern zu zerstreuen. Ich konnte mich ganz aufs Loslassen konzentrieren. Und das war ungemein heilsam.
Stimmung: Dankbarkeit
Musik: Das Klappern der Tastatur
Übers Wochenende war ich in Bernried am Starnberger See, um dort gemeinsam mit J. unser "Entspannungswochenende für Leib und Seele" anzuleiten. Es waren zwei rundum gelungene Tage. Das Kloster Bernried liegt direkt am Seeufer und das Wetter war so freundlich, uns nicht nur frischen Aprilregen, sondern auch ein paar herrliche Sonnenstunden zu bescheren. Die Küche im Kloster ist fantastisch! Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so üppig geschmaust habe. Und auch die Gruppe war ausgesprochen nett - eine bunte Mischung von Männern und Frauen, zum Teil noch Studierende, zum Teil bereits berufstätig. C. war auch dabei, das hat mich besonders gefreut. Denn dadurch hatten wir mal wieder Gelegenheit, ganz in Ruhe Zeit miteinander zu verbringen, ausgiebig spazierenzugehen und über alles zu reden, was uns bewegte.
Passend zum Thema "Veronika, der Lenz ist da!" begannen wir das Seminar damit, die verschiedensten Sinneseindrücke zu erkunden und zu genießen - zunächst mit Hilfe einer Phantasiereise und am nächsten Tag auch ganz real. Das Seeufer, der wunderschöne Klostergarten und der Kräutergarten der Schwestern luden regelrecht dazu ein, den jungen Frühling in vollen Zügen auszukosten, ihn zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, ihm zu lauschen und ihn staunend zu betrachten. Schon allein das Konzert der Vögel war eine Wonne!
Am Nachmittag entdeckten wir dann auch die Muskeln unseres Körper und den Rhythmus unseres Atems als Quelle der Entspannung. Wir praktizierten gemeinsam die Kundalini-Meditation, bei der wir uns zunächst im Schütteln und Tanzen austobten und dann erst in die Ruhe und in die Stille gingen. Ich habe diese Meditation schon oft gemacht, doch am Samstag war sie besonders wirkungsvoll. In den ersten beiden Phasen bewegte sich mein Körper fast wie von selbst. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als ihm freien Lauf zu lassen, und fühlte mich so frisch und lebendig wie selten. Die beiden Ruhephasen danach waren ungemein wohltuend. Ich folgte dem Rhythmus meines Atems, fühlte mich in mir selbst ganz und gar geborgen und mein Herz floss schier über vor Zärtlichkeit.
Mit einer sanften Massage und später mit einer stillen Sitzmeditation vertieften wir diese Erfahrungen. Wieder wurde mir bewusst, wie wichtig es für mich ist, mir Zeit zu nehmen für die Beziehung zu mir selbst. Ich brauche regelmäßige Ruhepausen und Momente der Innenschau, um mich mit meinen Kraftquellen zu verbinden und mich ein Stück weit unabhängig zu machen von den äußeren Umständen meines Lebens.
Ein Märchenabend und eine Klosterführung am nächsten Morgen rundeten das Wochenende ab. Ich war zuletzt nicht weniger entspannt als unsere Teilnehmer, obwohl ich wieder einmal festgestellt habe, dass ich das Zusammensein mit vielen Menschen über einen längeren Zeitraum als anstrengend empfinde. Von daher war ich auch ganz froh, als ich am Sonntag Nachmittag nach Hause kam und wieder ganz meinem eigenen Rhythmus folgen konnte.
Stimmung: wohlig
Musik: leider noch immer der Entfeuchter
Immer wieder gerate ich ins Staunen darüber, was für ein Wunderwerk der menschliche Körper ist. Wisst ihr, wovon ich spreche? Ich meine nicht allein die Tatsache, dass er ohne unser Wissen und Zutun eine Meisterleistung nach der anderen vollbringt und beispielsweise unser Herz schlagen lässt, Atmung und Stoffwechsel aufrechterhält, uns den Rhythmus von Wachen und Schlafen ermöglicht und vieles mehr. Nein, ich meine vor allem das, was wir bewusst wahrnehmen und erleben können: Unsere Sinnlichkeit, Lebendigkeit und Emotionalität - die enge Verbindung von Körper und Seele.
Als ich am vergangenen Sonntag auf meiner Kuscheldecke im Garten lag, die Erde unter mir, der Himmel über mir, da spürte ich, wie meine Muskeln sich entspannten und mein Körper sich in seiner ganzen Schwere der Erde überließ. Meine Haut vertiefte sich unterdessen in ein Gespräch mit Sonne und Wind, immer wieder leise kichernd und wohlig seufzend. Mein Atem kam zur Ruhe und wurde tief und weit. In einem Zustand himmlischer Zeitlosigkeit lag ich da und fühlte mich ganz in mir selbst zu Hause.
Ganz anders am Dienstag, als ich meine 14-tägige Einzelsitzung in körperorientierter Selbsterfahrung hatte: Ich sprach über tiefsitzende Ängste und alte Verletzungen, und während ich redete, spürte ich, wie ich am ganzen Leib zu zittern begann und mein Nacken sich verkrampfte. In meiner Kehle bildete sich der berühmte "Nein-ich-will-jetzt-nicht-weinen-ich-bin-vernünftig-und-erwachsen"-Kloß. Als A. eine Hand auf meinen Bauch legte, mit der anderen meinen Nacken unterstützte und mit ruhiger, liebevoller Stimme zu mir sprach, löste sich der Widerstand und ein tiefes Schluchzen floss aus meinem Brustraum. Und die ganze Zeit erklang in meinem Bauch das uralte, heilsame Lied der Darmperistaltik.
Wieder anders die Erfahrung bei meinen gestrigen Yoga-Übungen: Als ich anfing, fühlte ich mich ausgesprochen wach, lebendig und erfrischt, sodass ich die Übungen mit großer Achtsamkeit und Konzentration ausführen konnte. Es ist faszinierend, wie schnell die Muskeln ihre Starre überwinden und geschmeidig werden, wenn man ihnen ein wenig Geduld und Aufmerksamkeit widmet. Außerdem fühlt es sich fantastisch an, mich langsam in die Dehnung hineinzubewegen, zu atmen und zu spüren, dass durch ein bewusstes Loslassen und Entspannen sehr viel mehr möglich wird als durch willentliche Kraftanstrengung. Ich liebe es, meinen Körper wahrzunehmen, mit ihm in Beziehung zu treten und auf seine Botschaften zu lauschen.
Und hier für alle, die gerne einmal selbst ausprobieren möchten, wie wunderbar lebendig sich ihr Körper anfühlen kann, eine großartige Übung von Gerda Boyesen zur Belebung des Beckenraumes und der sinnlichen Energie:
Der Lust-und-Liebe-Turbo
1. Phase: Anfangen
Stell dich hin und fang an, dich ganz locker zu schütteln. Die Arme, den Oberkörper, den Kopf, den ganzen Körper. Irgendwann wird es dir leicht fallen, auch deine Stimme mit zu schütteln. Kleine und tiefe Töne steigen in dir hoch und entspannen deine Kehle. (Die Begleitung mit der eigenen Stimme ist immer gut, aber kein Muss.) Nun lässt du dein Becken kreisen, abwechselnd in beide Richtungen, ohne jede Anstrengung.
2. Phase: Loslegen
Dann legst du dich bequem auf eine Unterlage. Stell deine Beine auf und hebe dein Becken an. Wieder bewegst du es - machst Kreise, streckst es in Richtung Himmel, lässt es fallen. Es wird anstrengend, aber du machst weiter! Und vergiss nicht das Ausatmen! Verbinde die einzelnen Bewegungen mit einem bewussten Ausatmen.
Ruh dich einige Augenblicke aus, um zuerst dein Becken und dann den ganzen Körper, begleitet von bewusstem Ausatmen, in den boden zu drehen. (Du kannst dir dabei vorstellen, du wurdest am Strand liegen und deinen Körper immer wieder in den warmen, weichen Sand drehen.) Du erlaubst dir wieder eine Pause. Spürst du die Veränderungen in deinem Becken?
Stell dir nun vor, du müsstest auf die Toilette und hieltest bis dahin den Harn zurück. Der Muskel, den du zu diesem Zweck anspannst, wird PC-Muskel genannt. Jetzt weißt du, wo er sich befindet und kannst Kontakt zu ihm aufnehmen. Bau jetzt eine Spannung in diesem Muskel auf, aber nur hier - nicht zusätzlich im Bauch oder in den Oberschenkeln. Dabei solltest du dich ruhig bewegen, ganz locker und wie zum Ausgleich. Du wirst die Spannung nicht lange halten können, dann lass los und entspanne dich. Irgendwann geht es weiter. Je häufiger du diesen Muskel anspannst, desto kräftiger wird er. (Du kannst diesen Teil der Übung mehrfach am Tag wiederholen.)
Zum Abschluss eine spielerische Belohnung: Noch einmal hebst du dein Becken an und lässt es auf die Matte fallen, immer wieder. Vielleicht überkommt dich der Wunsch nach kräftigen Bewegungen, dann folge ihm. Atme kräftig dabei, möglichst mit Tönen, und stell dir vor, wie diese energievollen Bewegungen alle Verspannungen in dir nach außen befördern (evtl. mit rhythmischer Begleitmusik).
3. Phase: Loslassen
Dann klingen alle Anstrengungen und wilden Bewegungen aus. Du bleibst auf dem Rücken liegen, reckst und streckst dich. Dann stellst du deine Beine auf und genießt eine wunderbare Bewegung. Deine Beine öffnen und schließen sich, und zwar so langsam wie möglich. Gleichzeitig bewegt sich dein Kiefer im gleichen Rhythmus, auch die Lippen, die Zunge. Es ist wie ein Schmelzen. Beine, Becken und Mund finden zu einem leichten, lustvollen Zusammenspiel (evtl. ebenfalls mit Musik). Bleib mindestens fünf Minuten lang in diesem Sing-Sang. Dabei kannst du eine Hand auf dein Becken legen und die andere auf dein Herz - spüre dieses beglückende Zusammenspiel.
4. Phase: Loswerden
Zum Schluss folgt eine Phase der weitgehenden Passivität. Du liegst (am besten auf der linken Seite) oder sitzt bequem, bis in deinem Bauch Darmgeräusche hörbar werden. (Diese sind ein Zeichen der Entspannung und Verarbeitung des Erlebten.) Bleibe mindestens zehn Minuten in diesem Zustand der Passivität, selbst dann, wenn dir dabei langweilig werden sollte. Wenn du magst, sag dir dazu selbst: "Ich erlaube mir meine Lust, ich genieße meine Lust, sie ist ein wunderbares Geschenk!" oder "Meine Lust ist so, wie sie ist - mal schwach, mal stark, mal gar nicht, mal wie ein billiger Schlager und ein anderes Mal wie eine gewaltige Symphonie - so ist die Natur!"