Merkwürdig
Stimmung: Leise und verhalten - und ein wenig traurig
Musik: Das Brummen der Waschmaschine und des Geschirrspülers
Eigentlich sollte ich beinahe überschäumen vor Freude, sollte die Tage und Stunden zählen und ganz ungeduldig und hibbelig dem Moment unseres Wiedersehens entgegenfiebern. Aber ich tu's nicht und bin selbst erstaunt darüber. Vielleicht liegt es daran, dass ich gar nicht weiß, wann er kommt. Vielleicht auch an der gehetzten, missmutigen Stimmung unserer letzten beiden ICQ-Konversationen. Mir ist, als sei uns beiden die Vorfreude in der Hektik der letzten Tage abhanden gekommen. Es gab überhaupt keinen Raum für irgend eine Art von Ouvertüre. Durchaus denkbar, dass das zu meiner gedämpften Stimmung beiträgt.
Womöglich liegt es aber auch daran, dass ich Sorgen habe. Trotz unserer Aussprache ist das Zusammenleben mit meiner Schwester nach wie vor schwierig. Es sind oft Kleinigkeiten: Bemerkungen, die sie fallen lässt, oder scheinbar harmlose Gesten, die mich dennoch treffen. Für mich ist dieser Drahtseilakt zwischen Untermiete und WG-Leben, der sich nie ganz für die eine oder andere Seite entscheidet, höchst unbefriedigend. Und das macht so manche Situation wahrscheinlich komplizierter, als sie es ihrer Natur nach wäre. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, dass sich daran so bald etwas ändern wird.
Außerdem hat die Leiterin unseres Frauenprojektes uns am Dienstag verkündet, dass sie aus dem Mietvertrag für unsere Praxisräume und den Gruppenraum aussteigen wird. Aus ihrer Warte kann ich das verstehen, weil es wirklich sehr viel Arbeit ist und sie genug zu tun hat. Aber für mich ist das natürlich alles andere als einfach. Denn wenn sich keine findet, die bereit ist, als Hauptmieterin in ihre Fußstapfen zu treten, kann es sein, dass die Räume anderweitig vermietet werden und mein Traum von einem Praxisraum im Projekt dann schon wieder ausgeträumt ist.
Nicht zuletzt habe ich gestern mit einer lieben Freundin gesprochen, die offenbar geradewegs auf den Burn Out zueilt - wenn sie nicht schon längst mitten drin steckt. Sie sieht das auch ganz deutlich, hat aber weder die Kraft, noch den Willen, etwas dagegen zu unternehmen. Mir scheint, ehe sie nicht ernsthaft krank wird, gibt es für sie keine Chance, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Das mitanzuhören und zu wissen, dass ich nichts, aber auch gar nichts für sie tun kann, ist nicht leicht für mich.
Ach ja, eines noch: Nehmt die Erwähnung des Romanes von Italo Calvino bitte nicht als Buchempfehlung. Er hielt leider nicht, was er zunächst versprach.
