Sternentanz

28.07.2005 um 09:06 Uhr

Merkwürdig

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Leise und verhalten - und ein wenig traurig
Musik: Das Brummen der Waschmaschine und des Geschirrspülers

Eigentlich sollte ich beinahe überschäumen vor Freude, sollte die Tage und Stunden zählen und ganz ungeduldig und hibbelig dem Moment unseres Wiedersehens entgegenfiebern. Aber ich tu's nicht und bin selbst erstaunt darüber. Vielleicht liegt es daran, dass ich gar nicht weiß, wann er kommt. Vielleicht auch an der gehetzten, missmutigen Stimmung unserer letzten beiden ICQ-Konversationen. Mir ist, als sei uns beiden die Vorfreude in der Hektik der letzten Tage abhanden gekommen. Es gab überhaupt keinen Raum für irgend eine Art von Ouvertüre. Durchaus denkbar, dass das zu meiner gedämpften Stimmung beiträgt.

Womöglich liegt es aber auch daran, dass ich Sorgen habe. Trotz unserer Aussprache ist das Zusammenleben mit meiner Schwester nach wie vor schwierig. Es sind oft Kleinigkeiten: Bemerkungen, die sie fallen lässt, oder scheinbar harmlose Gesten, die mich dennoch treffen. Für mich ist dieser Drahtseilakt zwischen Untermiete und WG-Leben, der sich nie ganz für die eine oder andere Seite entscheidet, höchst unbefriedigend. Und das macht so manche Situation wahrscheinlich komplizierter, als sie es ihrer Natur nach wäre. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, dass sich daran so bald etwas ändern wird.

Außerdem hat die Leiterin unseres Frauenprojektes uns am Dienstag verkündet, dass sie aus dem Mietvertrag für unsere Praxisräume und den Gruppenraum aussteigen wird. Aus ihrer Warte kann ich das verstehen, weil es wirklich sehr viel Arbeit ist und sie genug zu tun hat. Aber für mich ist das natürlich alles andere als einfach. Denn wenn sich keine findet, die bereit ist, als Hauptmieterin in ihre Fußstapfen zu treten, kann es sein, dass die Räume anderweitig vermietet werden und mein Traum von einem Praxisraum im Projekt dann schon wieder ausgeträumt ist.

Nicht zuletzt habe ich gestern mit einer lieben Freundin gesprochen, die offenbar geradewegs auf den Burn Out zueilt - wenn sie nicht schon längst mitten drin steckt. Sie sieht das auch ganz deutlich, hat aber weder die Kraft, noch den Willen, etwas dagegen zu unternehmen. Mir scheint, ehe sie nicht ernsthaft krank wird, gibt es für sie keine Chance, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Das mitanzuhören und zu wissen, dass ich nichts, aber auch gar nichts für sie tun kann, ist nicht leicht für mich.

Ach ja, eines noch: Nehmt die Erwähnung des Romanes von Italo Calvino bitte nicht als Buchempfehlung. Er hielt leider nicht, was er zunächst versprach.

27.07.2005 um 13:57 Uhr

Traumzeit

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Verhaltene Vorfreude
Musik: ---

"Lebe ganz im Hier und Jetzt", heißt eine dieser schönen Weisheiten, die auf den ersten Blick sofort einleuchten und doch so schwer umzusetzen sind. Was will sie mir sagen? Ist sie ein Fingerzeig, mir keinerlei Gedanken über die Zukunft zu machen? Keine Ziele zu verfolgen, keine Wünsche zu haben, keine Pläne zu schmieden? Nur da sein, atmen und wahrnehmen, was gerade unmittelbar geschieht? Hoffnungen, Sehnsüchten und Ängsten weise ich die Tür, wenn ich ganz in der Gegenwart lebe, denn das, worauf ich hoffe oder wovor ich mich fürchte, betrifft ja eine Zukunft, von der ich gar nicht weiß, ob sie jemals kommen wird.

Was aber, wenn meine Gegenwart erfüllt ist von lebhaften Bildern und Vorstellungen, seien sie verlockend oder beängstigend? Wenn Tagträume oder Schreckensvisionen wie von selbst aus den verwunschenen Quellen meiner Seele sprudeln? Ich könnte sie weit von mir weisen und mich wieder ganz auf das konzentrieren, was vor mir liegt. Mich zurückholen in die Welt meiner fünf Sinne oder meines Körpers. Mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Und manchmal tue ich das auch. Oft genug aber folge ich auch dem Lockruf dieser Bilder und begebe mich auf die Reise. Diese führt mich fort vom Hier und Jetzt, weit hinein in eine Zukunft, die es so wahrscheinlich niemals geben wird, weil das, was ich mir heute ausmalen kann, immer weniger sein muss als das, was das Leben für mich bereit hält. Doch letztlich endet sie immer dort, wo sie begann: In der Gegenwart.

Wann immer ich mich meinen inneren Bildern anvertraue, hingebungsvoll träume, meinen Hoffnungen und Ängsten folge und den damit verbundenen Gefühlen nachspüre, kehre ich am Ende zu mir selbst zurück. An irgend einem Punkt der Reise merke ich beispielsweise, dass ich mich schützen will, mich wappnen, mich innerlich vorbereiten auf etwas, dem ich niemals wirklich vorbereitet begegnen kann. Oder dass ich mir etwas inniglich wünsche, mit der ganzen Kraft meines Herzens, das ich einfach nicht kontrollieren kann. Die Leidenschaft meines Hoffens und Bangens, meines Wünschens und Sehnens löst sich auf in einem tiefen Seufzer. Und all das führt mich heim ins Hier und Jetzt. Zurück zu diesem Herzschlag, diesem Atemzug, diesem Schritt, der vor mir liegt.

Für mich ist die Achtsamkeit, die in der sinnlichen Wahrnehmung des Gegenwärtigen liegt, nur eine Spielart des Lebens. Die Traumzeit, die Reise in die Welt der Phantasie, ist eine andere. Und meinem Empfinden nach bedingen sie einander, befruchten sich gegenseitig und entfalten ihren wahren Reichtum nur im Wechselspiel von Traum und Wirklichkeit. Die wahre Kunst besteht einzig darin, die richtige Balance zwischen beiden zu finden.

24.07.2005 um 21:25 Uhr

Traurigkeit

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Schwerer Kopf, müde Augen
Musik: Das Ticken der Uhr

Sie sind selten geworden, aber es gibt sie, diese Momente, in denen ich einfach nur müde, traurig und ratlos bin. In denen ich mich zusammenrollen möchte, mir die Decke über den Kopf ziehen und an nichts mehr denken. In denen meine Sehnsucht nach einer Umarmung oder einer liebevollen Berührung so groß wird, dass ich mich in meiner hübschen Wohnung plötzlich einsam fühle. Manchmal ermüdet er mich so, der Balanceakt der Herzen. Ich kann nicht immer rücksichtsvoll und nachsichtig sein, alles einsehen und verstehen. Manchmal möchte ich einfach nur aufstampfen und laut werden: "Verdammt noch mal, ich will aber!"

Nur weiß ich ja, dass das nichts hilft, dass es so nicht funktioniert. Und es wäre auch nicht dasselbe. Es gibt Dinge, die verlieren an Wert, wenn du das Gefühl hast, dass der andere sie dir nur unter Murren und Zähneknirschen zugesteht. Du willst sie nicht einfordern oder erbitten müssen, du möchtest sie geschenkt bekommen, aus freien Stücken und von ganzem Herzen. All das weiß ich und meine Vernunft beschwichtigt mich. Doch kommt es mir vor, als würde ich mich in meiner Kraft beschneiden, wenn ich es mir nicht erlaube, auch einmal impulsiv und unvernünftig zu sein.

15.07.2005 um 11:30 Uhr

Internetdiät

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Sehnsüchtig
Musik: ---

Das Thema lässt mich nicht los. Ich setze mich gerade intensiv mit meinem Internetkonsum auseinander, reflektiere meine Online-Zeiten und beobachte, wann es mich an den Rechner zieht und in welchen Momenten der Sog besonders stark ist. Zwei Dinge konnte ich schon feststellen: Zum einen ist es der Wunsch nach Kontakt, der mich den Rechner einschalten lässt, und zum anderen Langeweile. Besonders schlimm ist es, wenn es eigentlich eine Menge Dinge zu erledigen gäbe, ich aber so gar keine Lust habe, mich ihnen zu widmen. Dann ist das Internet eine Flucht vor lästigen Verpflichtungen und hinterlässt einen schalen Nachgeschmack aus Unzufriedenheit und schlechtem Gewissen. Dieser Verlockung zu widerstehen, ist besonders schwierig, wenn ich für das, was es zu erledigen gäbe, meinen Rechner benötige. Allzu verführerisch ist es, im Hintergrund ein Browserfenster offen zu haben und immer mal wieder einen Blick hineinzuwerfen. Um diesem Sog nicht zu erliegen, braucht es eine Menge Disziplin und eisernen Willen, den ich nicht immer habe. (Allerdings habe ich festgestellt, dass ich in Leerlaufphasen im Büro immer dann, wenn ich keinen Internetzugang habe oder ihn mir nicht erlaube, stattdessen FreeCell spiele. Wesentlich produktiver und kreativer ist das auch nicht.)

Wieder anders ist es mit den Menschen, die ich mittlerweile übers Internet kennen gelernt habe. Immer wieder erwacht in mir das Bedürfnis, einfach mal nachzuschauen, ob sie da sind, ob sie was geschrieben haben oder ob sich die Gelegenheit ergibt, ein wenig mit ihnen zu plaudern. Mein PC ist eine Art Tor zur Welt. Ich muss ihn nur einschalten und bin nicht länger alleine. Das ist zwar durchaus verlockend und schön, an manchen Tagen jedoch extrem unbefriedigend. Denn mitunter ist es nur ein schaler Ersatz für das, was ich mir eigentlich wünsche. Viel lieber, als Buchstaben in die Tastatur zu tippen, würde ich dann nämlich mit lieben Menschen irgendwo im Gras sitzen, mir die Sonne auf die Nase scheinen lassen oder den kühlen Schatten alter Bäume genießen und über Gott und die Welt reden. Besonders deutlich wird mir das, wenn ich ins Internet gehe, um zu sehen, ob ich dort meinen Liebsten irgendwo erwische. In solchen Momenten wäre mir oftmals einfach nur danach, ihm durchs Haar zu streichen, ihm einen Kuss zu geben oder ein paar liebevolle Worte mit ihm zu wechseln. Aber was soll eine machen, wenn fast alle ihre Freunde wer-weiß-wo wohnen und auch der Geliebte viele hundert Kilometer weit weg ist?

28.06.2005 um 11:30 Uhr

Besuch, die zweite

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Fröhlich
Musik: Vor meinem Fenster singt ein Vogel

Bei näherer Betrachtung und mit etwas Abstand komme ich zu dem Schluss, dass nicht so sehr der Balkon das Problem war, sondern doch eher die Person. Ich fand diese Frau nämlich anstrengend. Nett war sie, ohne Frage. Aber nicht wirklich meine Kragenweite. Sie redete mit lauter Stimme und fränkischem Dialekt wie ein Wasserfall - ohne Punkt und Komma. Und soll ich euch was sagen? Ich habe den starken Verdacht, dass auch meine Schwester sie anstrengend fand und heilfroh war, als sie wieder weg war.

Wie ich darauf komme, dass es eher die Person war und nicht so sehr die Tatsache des Besuches an sich? Nun, meine Schwester erzählte mir gestern, dass sie für heute Abend ein paar Freunde eingeladen hätte - all jene, die jetzt am Ende ihres Studiums noch einmal in München versammelt sind und sich danach vermutlich in alle Winde verstreuen werden. Eine Art Abschiedsfest sozusagen. Und bei dem Gedanken hatte ich mich eher gefreut. Die Leute mag ich nämlich alle. Die können auf unserem Balkon und in unserem Garten sitzen, solange sie wollen. Zu denen geselle ich mich auch gerne dazu.

Im Grunde ist das doch wie früher, als ich noch ein Kind war: Wenn meine Eltern Besuch erwarteten, hingen meine Reaktionen sehr stark davon ab, wer sich da angekündigt hatte. Es gab Leute, die fand ich mordsmäßig nett, und andere, die mir schlicht auf die Nerven gingen. (Meinen Eltern ging es da übrigens nicht anders.) Von daher besteht die Kunst wohl darin, in erster Linie die Menschen zu sich einzuladen, die man wirklich von Herzen gerne mag. Dann ist alles andere nämlich kein Problem mehr.

26.06.2005 um 12:37 Uhr

Dieser Platz gehört mir!

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Leicht genervt, erstaunt, nachdenklich
Musik: Robbie Williams - Misunderstood

Im Moment mache ich eine interessante Erfahrung. Zum ersten Mal, seit wir beide hier in dieser Wohnung wohnen, hat meine Schwester Wochenend- und Übernachtungsbesuch. Bislang waren immer nur ihre Freunde abends hier, die sowieso in der Stadt wohnten und nur dann über Nacht blieben, wenn es so spät war, dass sie die letzte U-Bahn verpasst hatten. Ich habe mich bislang nie an diesen Besuchen gestört, wohl auch deshalb, weil meine Schwester sich früher oder später mit ihren Freunden in ihr Zimmer zurückzog und es sich mit ihnen dort gemütlich machte.

Aber nun ist Sommer. Es ist warm, sonnig und angenehm draußen. Meine Schwester sitzt seit gestern nachmittag um fünf Uhr nahezu ununterbrochen mit ihrer Bekannten auf dem Balkon. Und zu meiner großen Überraschung stört mich das ganz gewaltig. Ich hätte das nie gedacht. Aber ich fühle mich aus meinem angestammten Revier vertrieben. Wenn ich mich nicht in die Gespräche der beiden mit einklinken möchte (wonach mir gerade nicht ist), bleibt mir eigentlich nur, mich nach drinnen zurückzuziehen, um einigermaßen ungestört zu sein. Der Balkon steht für mich an diesem Wochenende nicht zur Verfügung.

Es ist nicht so, dass ich ständig und ununterbrochen dort sitze, wenn ich allein bin. Aber ich fühle mich im Moment einfach nicht frei, mich in meiner Wohnung so zu bewegen, wie ich es will. Zum ersten Mal merke ich, was es wirklich heißt, in einer WG zu wohnen und sich in solchen Situationen abzustimmen. Nun, wahrscheinlich lässt sich dieses Problem lösen, wenn ich erst einmal den Garten angelegt habe und sich damit der Raum im Freien für uns vergrößert. Trotzdem ist es eine Erfahrung, die mich gerade beschäftigt.

Was ist es, das dieses Gefühl in mir erzeugt: "Das ist mein Balkon" oder gar "Das ist mein Revier"? Ist es tatsächlich so, wie meine Schwester es immer empfunden hat: Dass dies meine Wohnung ist, in der sie eben auch wohnen darf? Und wenn es so ist, woran liegt das? Dass ich den noch fehlenden Anteil des Kaufpreises finanziert habe? Dass mein Name auf der Eigentumsurkunde steht? Dass ich sehr viel mehr Zeit hier verbringe als sie? Was ist es, das mir dieses starke Reviergefühl gibt? Und warum bezieht sich dieses Gefühl vor allem auf den Balkon? Würden die beiden nämlich die ganze Zeit in der Küche sitzen, hätte ich damit vermutlich weitaus weniger Schwierigkeiten.

17.06.2005 um 12:19 Uhr

"Lerne tanzen in der Jugend..."

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Vergnügt
Musik: Eagles - Hotel California

Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass ich in meinem Alltag sehr viel mit Menschen zu tun habe, die deutlich jünger sind als ich. Und ich verstehe mich blendend mit ihnen - oftmals besser als mit Menschen, zu denen derselbe Altersunterschied nach oben hin besteht. Woran mag das liegen? Natürlich sollte ich das Thema nicht verallgemeinern, denn das Alter ist ja nur ein Mosaiksteinchen unter vielen, die einen Menschen prägen und beeinflussen. Und es gibt Menschen, die schon mit Anfang Zwanzig irgendwie alt wirken, während andere noch mit 80 jugendliche Frische verströmen (wie beispielsweise Gerda Boyesen). Doch wenn es das Alter nicht ist, was ist es dann? Und warum spüre ich mein Alter zwar anhand der Fülle von Erinnerungen und Erfahrungen, die ich mittlerweile schon mein eigen nennen darf, fühle mich selbst aber noch überhaupt nicht alt?

Manchmal denke ich, dass es etwas mit Fragen und Antworten zu tun hat. Als "alt" empfinde ich Menschen, die auf alle Fragen sofort eine Antwort parat haben. Zu jedem Thema gibt es bereits eine Meinung, zu jedem Problem eine Lösung - und vor allem gibt es nichts mehr daran zu rütteln. Wenn man es so betrachtet, bin ich heute jünger als vor fünfzehn Jahren. Während meiner Jugend war ich esoterisch so verbildet, dass ich glaubte, auf viele große Fragen des Lebens eine Antwort zu haben - oder zumindest genau zu wissen, wo ich die Antworten finden könne. Erst mit zunehmendem Alter wurde mir klar, dass diese Wahrheiten für mich nicht stimmten. Und tatsächlich habe ich mit den Jahren zwar immer wieder Antworten auf für mich wichtige Fragen gefunden, aber mir wurde zunehmend klar, dass diese alles andere als allgemeingültig waren. Selbst für mich stimmten sie vielleicht nur innerhalb einer begrenzten Zeit. Das Leben ist viel zu bunt und vielschichtig, als dass es auf wichtige Fragen unverrückbar feststehende Antworten geben könnte.

Besonders deutlich merkte ich das, als ich mich vor ein paar Jahren einer kleinen Gemeinschaft anschloss, der ich mich zunächst im Geiste sehr verbunden fühlte. Dort wurde die Göttin verehrt, man engagierte sich ökologisch und friedenspolitisch, gab sich frauenbewegt und die psychologische Selbsterfahrung hatte einen hohen Stellenwert. Anfangs fühlte ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Doch schon bald erwachte in mir ein verschwommenes Unbehagen, das ich gar nicht so recht greifen konnte. Bis mir deutlich wurde, woran es lag: In dieser Gemeinschaft gab es zwar Antworten, aber keine Fragen mehr. Im Gegenteil: Es gab überhaupt keinen Raum dafür, das Bestehende in Frage zu stellen. Das hatten die dort alle schon hinter sich, hatten ihre Antworten gefunden und wollten nun nicht mehr gestört werden. Vielen Dank, nix für mich!

Ein Zeichen des Alters kann es auch sein, wenn eine gewisse Resignation sich breit macht, und das Gefühl verloren geht, dass das Leben voller Möglichkeiten ist. Auch das ist mir fremd. Denn obwohl mein Leben sich äußerlich in eher ruhigen Bahnen bewegt, fühlt es sich für mich innerlich doch immer noch an wie ein einziges großes Abenteuer. Es gibt noch immer so vieles zu entdecken, so vieles zu erkunden, so vieles, das mich immer wieder aufs neue verwandelt. Und ganz ehrlich: Ich hoffe inständig, dass mir dieses Gefühl niemals verloren geht.

06.06.2005 um 14:15 Uhr

Das liebe Geld

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Leicht gelangweilt von der alltäglichen Routine
Musik: --

Ist es nicht erstaunlich, wie kompliziert der Umgang mit einem kleinen Stückchen Papier manchmal sein kann? "Geld regiert die Welt", heißt es, und wenn man sich so umschaut, könnte man glatt zu dem Schluss kommen, dass es so ist. Die gesamte Politik ist bestimmt davon und daran, wofür ein Staat sein Geld ausgibt, lässt sich ablesen, wie bestimmte Themen gewichtet werden. Doch ich möchte mich an dieser Stelle gar nicht mit der großen Weltpolitik befassen. Mir geht es um die Frage, welche Rolle Geld in engen Beziehungen spielt.

Solange zwei Menschen sich mit ihrem finanziellen Hintergrund in etwa in derselben Preisklasse bewegen, ist das Ganze ja kein großes Problem. Aber was ist, wenn der eine über wesentlich mehr Geld verfügt als der andere? Wenn der eine ein gutes, sorgenfreies Auskommen hat und der andere jeden Cent einzeln umdrehen muss? Spontan würde ich sagen, dass es dann doch die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, dass derjenige, der deutlich mehr hat, seine Fülle mit dem anderen teilt. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Denn eine emotionale Beziehung lebt nun einmal vom harmonischen Pendelschwung zwischen Geben und Nehmen. Und Geld ist in diesem Zusammenhang auch nur eine Form der Energie wie alles andere auch. Es schafft Wirklichkeit und erzeugt eine Dynamik, die nicht zu unterschätzen ist.

Natürlich könnten beide sich darauf einigen, dass der Betuchtere von beiden grundsätzlich immer die Rechnung übernimmt. Es gibt durchaus Leute, die überhaupt kein Problem damit haben, sich aushalten zu lassen. Und es gibt Menschen, für die es gar nicht zur Debatte steht, in irgend einer Form mit ihren Gütern zu knausern. Meine Eltern beispielsweise sind ungemein freigiebig und großzügig. Sie haben ihre drei Töchter finanziell unterstützt, wo es nur ging, ohne je mit der Wimper zu zucken. Auch heute noch ist es für meinen Vater selbstverständlich, uns einzuladen, wenn wir mal zusammen essen gehen, und ich habe es mittlerweile aufgegeben, ihn davon abbringen zu wollen. Diese Großzügigkeit sehe ich übrigens nicht nur mir und meinen Schwestern gegenüber, sondern sie ist eine generelle Eigenart meiner Eltern. Auch Freunde und Bekannte der Familie werden immer äußerst gastfreundlich empfangen, wenn sie zu Besuch sind, und niemand rechnet nach, ob irgendwann auch mal etwas Entsprechendes zurückkommt. Ihr Umgang mit Geld hat mich auf jeden Fall geprägt.

Nun ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ja von Natur aus asymmetrisch, aber selbst da machen sich schon die ersten Nachteile eines solchen Gefälles bemerkbar: Wenn deine Eltern dich ständig finanziell unterstützen, wo sie nur können, dir hier was zustecken und dort was bezahlen, verlierst du leicht den Überblick über deine eigene Finanzlage und kannst nicht so recht einschätzen, ob du tatsächlich in der Lage wärst, deinen Lebensunterhalt auch allein zu bestreiten. Und natürlich entsteht das unbestimmte Gefühl, ihnen was zu schulden. Aber was sollte das sein, wenn sie sich doch weigern, auch umgekehrt Geld von dir anzunehmen (und du dir einen solchen Ausgleich im selben Umfang auch gar nicht leisten könntest)? Dann bleibt dir doch eigentlich nur, eine nette Tochter zu sein, sie regelmäßig mit deiner Anwesenheit zu beehren und sie an deinem Leben teilhaben zu lassen. Das bindet und verpflichtet.

Diese Art von Dynamik ist zum Glück in der Beziehung zu meinen Eltern wenig ausgeprägt, weil ich ihre Großzügigkeit als ehrlich und aufrichtig empfinde und nicht das Gefühl habe, dass sie im Gegenzug etwas von mir erwarten. Es macht ihnen einfach Freude, uns etwas zu schenken und zu sehen, dass wir uns nun unsererseits darüber freuen. Dennoch war es mir irgendwann wichtig, mich finanziell weitgehend abzunabeln und meine Anschaffungen selbst zu bezahlen. Wenn ich mir sicher bin, mir die Dinge, die ich brauche, wirklich leisten zu können, auf finanzielle Unterstützung also nicht angewiesen zu sein, dann fällt es mir wesentlich leichter, hie und da Geschenke anzunehmen. Es macht mich selbständiger und unabhängiger - und auch das Annehmen wird dadurch unkomplizierter.

Wirklich schwierig wird es in Freundschaften oder Partnerschaften. Ein grundsätzliches Ungleichgewicht im Geben und Nehmen hat dort nur allzu leicht unerwünschte Nebenwirkungen. Aus diesem Grund bin ich so vorsichtig und zurückhaltend, wenn es darum geht, dem Mann, den ich liebe, etwas zu schenken. Ich weiß, dass es nicht so einfach für ihn ist, mit solchen Geschenken umzugehen, weil er sich eben nicht gleichermaßen dafür revanchieren kann. Und dass es ihm so schwer fällt, macht mich wiederum befangen. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass eines Tages Pflicht und Schuldigkeit den Platz einnehmen, den heute noch die Liebe ausfüllt.

23.05.2005 um 10:41 Uhr

Small Talk

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Lächelnd
Musik: Cat Stevens & Ronan Keating - Father and Son

Es gibt Menschen, die haben das Talent, über alles und jedes zu plaudern. Sie haben keinerlei Schwierigkeiten, mit x-beliebigen Personen ins Gespräch zu kommen, finden immer einen Punkt, an dem sie anknüpfen können, und sind in der Lage, selbst banale Ereignisse des Alltags so zu erzählen, dass eine amüsante Geschichte dabei herauskommt. Ich gehöre nicht dazu. Nicht, dass ich nicht gerne reden würde, oh nein! Unterhaltungen mit anderen Menschen gehören zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Aber ich habe kein Talent für Small Talk. Ich weiß nie so recht, worüber ich in locker-flockigen Runden sprechen soll, und bekomme im allgemeinen Geplänkel auch selten einen Fuß in die Tür. Also verlege ich mich eher aufs Zuhören und Mitlachen.

Um selbst ins Reden zu kommen, brauche ich völlig andere Rahmenbedingungen. Ich brauche vertraute Menschen um mich - oder zumindest Personen, zu denen ich sofort einen Draht spüre -, brauche eine eher ruhige, entspannte Atmosphäre, die Redepausen erlaubt, und ein Thema, das mich wirklich bewegt und berührt. Es muss genügend Raum vorhanden sein, auch einmal in mich hineinzulauschen, die Worte sich in Ruhe bilden zu lassen und dem Gesagten und Gehörten nachzuspüren. Am schönsten ist für mich daher das Zweiergespräch, aber auch Unterhaltungen in kleiner, vertrauter Runde. Dann darf sich das Gespräch gerne in Richtung heiterer Albernheiten und leichtfüßiger Unsinnigkeiten entwickeln, ich fühle mich trotzdem vernetzt und eingebunden in das Geschehen.

Small-Talk-Runden und allgemeines Festgeplauder strengen mich hingegen eher an, so amüsant sie auch manchmal sein mögen. Ich fühle mich überflutet von Stimmen und Worten und verspüre früher oder später eine unbändige Sehnsucht nach Stille und Alleinsein. Das ist der Grund, warum ich Partys, Hochzeiten und andere gesellschaftliche Ereignisse eher meide und außerdem Schwierigkeiten habe, mit fremden Personen ins Gespräch zu kommen. Ich empfinde das nicht als schlimm, schließlich verfüge ich durchaus über gute soziale und sprachliche Fähigkeiten. Es ist einfach meine Eigenart - mit all ihren Vor- und Nachteilen. Aber manchmal, wenn ich Leute so munter drauflos plaudern sehe, wünschte ich mir doch, ein wenig mehr von ihrer Unbekümmertheit zu besitzen.

09.05.2005 um 14:29 Uhr

Angst

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Sehnsucht nach wärmeren Tagen
Musik: Regen, der an die Scheibe klopft

Angst ist ein erstaunliches Gefühl. Sie kriecht aus den verborgenen Winkeln deiner Seele, fährt dir in die Knochen und lässt dir die Knie weich werden, umklammert dein Herz mit eisigem Griff und besetzt deinen Verstand. Alle rationalen Argumente helfen nichts mehr, wenn die Angst dich einmal gepackt hat.

Ihrem Wesen nach ist die Angst ein ungemein wichtiges und weises Gefühl. Sie warnt uns vor Gefahren und versetzt uns in die Lage, angemessen darauf zu reagieren. Von einer Sekunde auf die andere können die uralten Alarmsysteme unseres Körpers aktiviert werden. Das Herz schlägt rascher und kräftiger. Das durch heftiges Atmen mit Sauerstoff angereicherte Blut wird auf dem schnellsten Weg dorthin transportiert, wo es gebraucht wird. Der Blick wird wachsamer. Die Muskeln bereiten sich durch leichtes Zittern darauf vor, entweder loszurennen oder sich zu wehren. Alle Organsysteme, die jetzt nicht weiter wichtig sind, werden lahmgelegt, um keine unnötige Energie zu verschwenden. Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich darauf, der Bedrohung zu begegnen. Auf diese Weise vermag uns die Angst das Leben zu retten.

Was aber ist, wenn die Angst keiner realen Bedrohung entspringt? Wenn sie lediglich in Phantasien, Erinnerungen oder vergangenen Erfahrungen wurzelt, in altem Schmerz aus längst vergangenen Tagen? Wenn sie gar einer Gefahr gilt, die sich weder durch Flucht noch durch Konfrontation abwenden lässt? Wenn die Ängste sich nicht aus dem nähren, was ist, sondern aus dem, was geschehen könnte? Dann erscheint die Angst nicht als hilfreiche Retterin aus der Not, sondern als düstere Dämonin. Sie lähmt, schwächt und  entmutigt, anstatt uns zu stärken und zu mobilisieren.

Das Verrückte ist, dass selbst das Schlimmste, was wir uns vorstellen können, in dem Moment, in dem es tatsächlich geschieht, eine völlig andere Qualität hat als in unserer Phantasie. Denn in dem Moment, in dem es geschieht, können wir darauf reagieren. Wir können schreien, weinen, toben, wehklagen - und uns schließlich daran machen, die Scherben aufzusammeln. Vielleicht entdecken wir, dass in uns plötzlich Kräfte frei werden, von denen wir zuvor nicht einmal etwas ahnten. All das ist nicht möglich, solange uns die Angst in ihren Klauen hält. Denn all unsere Kräfte verzehren sich darin, sie in Schach zu halten. Uns immer wieder zu beruhigen und sie beiseite zu schieben, nur um sie wenig später von neuem aufflammen zu sehen. Dabei kann selbst die Angst, die sich lediglich aus Gedanken und Phantasien lehrt, uns eine wichtige Lehrmeisterin sein, wenn wir uns umdrehen und ihr ins Gesicht schauen, anstatt vor ihr davonzulaufen.

Wovor hast du Angst? Was genau fürchtest du? Und warum? Worauf gründet sich deine Angst? Wo liegen ihre Wurzeln? Wenn du dem Ruf der Angst folgst, führt sie dich in deine eigenen Tiefen, in dunkle, verborgene Winkel deiner Seele. Sie zeigt dir alte Wunden, von denen du vielleicht nicht einmal etwas wusstest, und unbekannte Seiten deiner selbst. Am Ende landest du bei den Quellen deiner ureigenen Kraft, bei der Weisheit des Körpers und seiner Fähigkeit, sich selbst zu heilen. Der Weg dorthin ist alles andere als gemütlich. Aber er lohnt sich.

30.04.2005 um 00:43 Uhr

Zwischen den Fronten

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: müde, ausgelaugt, traurig
Musik: --

Ich habe eine merkwürdige Marotte: Wenn zwei Personen aus meinem näheren Umfeld in einen Konflikt geraten und sich gegenseitig in einen Teufelskreis aus Verletzungen und Vorwürfen verstricken, dann erwacht in mir sofort der Impuls zu vermitteln. Und meistens geht das ganz fürchterlich schief. Dabei sollte ich es eigentlich besser wissen. Es gibt eine professionelle Grundregel meines Berufsstandes, die besagt, dass bestimmte Interventionen eine therapeutische Distanz erfordern - die natürlich nicht gegeben ist, wenn mir die beiden Streithähne zutiefst am Herzen liegen.

Vermutlich habe ich eine gewisse Begabung, mich in andere Menschen einzufühlen und mich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einzustellen. In Konflikten bin ich oftmals in der Lage, beide Seiten zu verstehen und ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Wenn ich dann längere Zeit mit der einen Person rede, erwacht in mir früher oder später das Bedürfnis, der anderen Person diese Sichtweise zu vermitteln und verständlich zu machen. Und wenn ich dann wiederum mit der anderen Person spreche, möchte ich deren Gefühle und Empfindungen der ersteren klar machen.

Das mag im Beruf ganz hilfreich sein. Im Privatleben ist es Gift. Es laugt mich völlig aus. Zerreißt mich innerlich. Am Ende habe ich das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen und beide Seiten fürchterlich enttäuscht zu haben. Ich fühle mich hohl und leer. Mein Nacken schmerzt. Meine Hände sind kalt. Manchmal ist mir regelrecht übel. Ich fühle einfach zu sehr mit. Wenn sich keine Harmonie herstellen lässt, spüre ich das geradezu körperlich. In beruflichen Zusammenhängen ist das völlig anders. Da bin ich viel ruhiger und gelassener, wenn es um solche Dinge geht. Im Privaten reibt es mich auf.

Wie oft habe ich mir schon geschworen, die Finger davon zu lassen? Und doch passiert es mir immer wieder. Weil die betroffenen Menschen mir leid tun. Weil ich ihre Not so deutlich spüre. Weil ich größenwahnsinnig genug bin anzunehmen, dass ich vielleicht etwas bewirken könnte. Weil ich einfach nicht glauben kann, dass es keinen Weg zur Versöhnung geben soll. Dabei sollte ich längst wissen, dass selbst wenn es einen gibt, nicht ich diejenige sein kann, die ihn begleitet.

28.04.2005 um 22:40 Uhr

Feurige Träume

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Nach einem guten Tag rechtschaffen müde
Musik: Das Ticken der Uhr

Diese Woche hat es, was Träume angeht, ganz schön in sich. Normalerweise kann ich mich kaum an meine Träume erinnern, aber seit ich in Bernried war, wache ich fast jeden Morgen mit Erinnerungen an nächtliche Bildergeschichten auf. Heute Nacht habe ich so wild und lebhaft geträumt wie schon lange nicht mehr. Ein ganzer Kinofilm mit folgerichtiger Handlung entfaltete sich da vor meinem inneren Auge.

Leider war es ein Horrorfilm.  

Wenngleich ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern kann, weiß ich doch noch, dass es um den Teufel ging. In einer Szene offenbarte er einer Frau sein wahres Gesicht und es war das eines eiskalten, weißen Engels. Etwas später waren wir auf der Flucht vor ihm. Wir rannten durch einen Wald und suchten nach einem Versteck. Schließlich fanden wir in einem Gebäude Unterschlupf, in dem irgendeine Vorführung stattfand. Während der Vorführung tauchten plötzlich von allen Seiten Flammen auf und wir wussten: Jetzt ist er da, der Teufel. Wir rannten zur Tür, um ihm erneut zu entkommen, aber irgendwelche glühenden Gegenstände (Schürhaken?) versperrten uns den Weg. Mehr noch: Sie kamen auf uns zu und kesselten uns ein. Zum Glück bin ich an dieser Stelle aufgewacht.

Wisst ihr, dass das schon das zweite Mal in dieser Woche ist, dass ich von Feuer und Flammen träume? Was, bitte, will mir das sagen?  

18.04.2005 um 10:55 Uhr

Ebbe und Flut

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: leise, zart und nachdenklich
Musik: ---

Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkommen.
~ Anne Morrow Lindbergh
 
Gestern bin ich zufällig über dieses Zitat von Anne Morrow Lindbergh gestolpert. Vor vielen Jahren hat es mich schon einmal sehr beschäftigt - so sehr, dass ich es damals in einem Notizbuch mit wichtigen Textauszügen festhielt. Und als ich es nun wieder las, hielt ich inne und fragte mich, wie es denn um meine Beziehung zu den Gezeiten des Lebens heute bestellt sei.
 
Die Ebbe und ich - das ist ein ganz eigenes Kapitel. Ich bin nicht gerade eine Freundin der Leere, der Stille und der Kargheit. Ich liebe die Fülle, die bunte Vielfalt des Lebens und bin ganz gewiss eine von jenen, die der steigenden Flut entgegenjubeln. Die Ebbe löst bei mir oft Trauer und Verlustängste aus. Es fällt mir schwer, die schönen Erfahrungen des Lebens gehen zu lassen, obwohl ich schon mehr als einmal erlebt habe, dass sich auch in kargen Zeiten kostbare Verwandlungsprozesse vollziehen.
 
Was mir hilft, mit der Ebbe umzugehen, ist das Wissen, dass die Flut irgendwann zurückkommt. Das ist mittlerweile zu einer tiefen Gewissheit geworden. Es ist einfach eine Erfahrungstatsache für mich. Solange ich mich den Gezeiten meines Daseins nicht verschließe und offen bleibe für den Ruf des Lebens, wird immer wieder eine neue Flut hereinbrechen.
 
Dennoch fällt es mir in einem Bereich besonders schwer, der Woge zu erlauben, sich zurückzuziehen, um neue Kraft zu schöpfen - und das ist die Liebe. Das mag an meinem Erfahrungshintergrund liegen. Ich habe es in meinen Partnerschaften einfach noch nie erlebt, dass die Flut zurückkehrt. Wann immer sie der Ebbe Platz machte, mündete sie letztlich in die Leere, das Nichts, das Aus.
 
Dabei finde ich gerade in der Liebe den Rhythmus von Ebbe und Flut sehr schön und sinnvoll. Würde die Liebe ausschließlich aus sehnsüchtigen Seufzern und symbiotischer Verschmelzung bestehen, wären mein Herz und mein Verstand fortwährend nur gefüllt mit Gedanken und Gefühlen an den Liebsten, dann würde ich mich darüber früher oder später selbst verlieren. An eine Bewältigung der alltäglichen Aufgaben und Pflichten wäre gar nicht mehr zu denken. Von daher ist es wundervoll zu erleben, dass hinter der Intensität der Liebesgefühle irgendwann auch wieder die Beziehung zu mir selbst und zu meinem eigenen Leben auftaucht. Dass andere Dinge wieder an Bedeutung gewinnen und die Liebe sich heimlich, still und leise einen Platz in meinem Alltag sucht.
 
Wenn da nur die alten Ängste nicht wären! Die aufkeimende Ebbe löst nur allzu leicht das Bedürfnis in mir aus, die Woge festzuhalten, um sie zu kämpfen, sie auf gar keinen Fall gehen zu lassen - eben weil ich Angst davor habe, dass sie nicht wiederkommt. Dies allerdings ist etwas, das ich über die Jahre gelernt habe: Ich kann sie nicht festhalten. Es steht einfach nicht in meiner Macht. Wenn die Liebe sich tatsächlich entschließt zu gehen, bleibt mir keine andere Wahl, als sie ziehen zu lassen. Sie ist ein Geschenk des Lebens und ich kann nur mit ihr fließen und mich von ihr verwandeln lassen, sie aber niemals in feste, dauerhafte Strukturen zwingen.
 
Vielleicht ist das etwas, das man Weisheit und Erfahrung nennen könnte: Ich weiß heute mehr über die Gesetzmäßigkeiten des Lebens und der Liebe als noch vor zehn Jahren und kämpfe nicht mehr dagegen an. Obwohl auch heute noch manchmal der alte Trotz in mir aufkeimt, bin ich doch sehr viel eher bereit, das, was ich nicht ändern kann, zu akzeptieren und meinen Frieden damit zu machen.

10.04.2005 um 01:14 Uhr

Nachtgedanken

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: nachdenklich
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Symphonie Nr. 40, g-moll

Als ich heute auf dem Weg zu C. über die Reichenbachbrücke lief und die Isar flussaufwärts schaute, entdeckte ich entlang der Baumreihen am Ufer schon einen durchgehend grünen Schimmer. Wie ein zarter Hauch lag er über den Zweigen. Nicht einmal der strömende Regen konnte dieser Verheißung etwas von ihrer Wirkung rauben. Jedes Jahr wieder bricht das junge Leben aus der Kargheit hervor. Jedes Jahr wieder erwacht das, was so lange kalt und tot aussah, aus seinem Winterschlaf und beginnt einen neuen Zyklus. So banal es auch sein mag, mir erscheint es jedes Mal wie ein Wunder.

C. hat ihre Arbeitsstelle gekündigt. Ich bewundere ihre Entschlossenheit und ihren Mut. Sie hat sich in den letzten Wochen so elend dort gefühlt und ich konnte förmlich mitansehen, wie sie krank und kraftlos wurde. Nun den Schritt zu wagen und das Arbeitsverhältnis zu beenden, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben, weckt meine uneingeschränkte Hochachtung. Es fühlte sich für mich als Zuhörerin absolut gut und richtig an - so als würde sie einem kraftvollen, lebensbejahenden Impuls in sich folgen, der sich mit großer Entschiedenheit wehrt, an den Umständen zugrundezugehen. Natürlich wird es schwer werden. Es ist alles andere als ein Vergnügen, arbeitslos zu sein. Aber ich bin überzeugt, es war die richtige Entscheidung.

Unser Gespräch heute Abend hat mich sehr nachdenklich gemacht. Obwohl ich im Großen und Ganzen das Gefühl habe, mit mir im Reinen zu sein, gibt es doch genügend Situationen, in denen ich nicht meinem spontanen Gefühl folge, sondern mich von der Angst lähmen lasse. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn mein spontanes Gefühl Zorn oder Empörung wäre. Mir ist klar, dass es nicht immer angebracht ist, solchen Gefühlen freien Lauf zu lassen, vor allem nicht in beruflichen Situationen. Aber sie völlig zu unterdrücken und ihnen gar keine Stimme zu geben, ist auch keine Lösung.

Ach, es ist das alte Thema! Ich weiß nicht, wie lange mich diese Fragen schon beschäftigen. Und im Grunde habe ich längst Antworten darauf gefunden. Vor nicht allzu langer Zeit, während meiner Ausbildung, wurde mir klar, dass es mit Achtsamkeit und Liebe nichts zu tun hat, wenn ich meinen Ärger aus Angst unterdrücke. Erst wenn ich mich frei fühle, ihn jederzeit offen und ehrlich zum Ausdruck zu bringen, habe ich wirklich die Wahl, liebevoll und nachsichtig zu reagieren. In allen anderen Fällen kaschiert meine Freundlichkeit oft genug nur die Scheu vor Konflikten. Sie ist nicht unbedingt falsch, aber wenn sie von Angst unterwandert wird, bleibt sie seltsam saft- und kraftlos.

All das weiß ich nun schon so lange. In der Theorie ist alles klar. Und hin und wieder gelingt es mir auch schon, meiner Einsicht zu folgen. Aber es gibt noch allzu viele Situationen, in denen mir die Erkenntnis kein bisschen weiterhilft, weil die Angst einfach stärker ist. Ich sehe schon: So schnell wird das Leben ganz sicher nicht langweilig!