Stimmung: Berührt und bewegt
"Willst du uns mit der Tatsache, dass du direkt nach deinen Gedanken zum Thema Kinder einen Beitrag über Männer veröffentlichst, vielleicht irgendetwas sagen?", werdet ihr jetzt womöglich fragen. Die Antwort lautet jedoch: Nein. (Auch wenn ihr natürlich gerne tiefenpsychologische Betrachtungen darüber anstellen dürft.) Mit den Gedanken, die ich hier zu Papier - bzw. auf den Bildschirm - bringen möchte, trage ich mich schon seit dem Wochenende, finde allerdings erst jetzt die nötige Muße, sie auszuformulieren.
Anlass für meine Überlegungen war die Tatsache, dass bei unserem Wochenendseminar mal wieder ein deutliches Übergewicht an Frauen herrschte. Von den 18 Personen im Raum waren nur fünf Männer - und einer davon war Seminarleiter. Drei der vier verbleibenden männlichen Teilnehmer wiederum erklärten, dass sie einzig und allein wegen ihrer Ehefrauen hier seien - entweder weil diese darauf bestanden hätten, dass sie teilnähmen, oder weil sie herausfinden wollten, ob das, was ihre Frauen so treiben, Anlass zur Beunruhigung bietet. Und das, obwohl wir schon am ersten Abend erfuhren, dass man in vielen Kulturen der Ansicht gewesen sei, dass Männer Initiationsrituale wesentlich nötiger hätten als Frauen (weil letztere durch das Einsetzen der Menstruation oder bei der Geburt ihrer Kinder durch natürliche Initiationsprozesse gehen).
Wieder mal typisch, dachte ich seufzend und mit großem Bedauern. Es machte mich traurig, erneut mit solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen, dass es nur wenige bewusste Männer gibt, während die meisten noch immer in den alten, ausgetretenen Pfaden des Männlichkeitsklischees dahintrotten. Aber wie ihr ja alle wisst, war es ein Wochenende voller Wunder und so wollte das Leben es nicht zulassen, dass ich mich selbstzufrieden in meinem kleinen Käfig aus Vorurteilen verbarrikadiere.
Zu meinem großen Erstaunen ließen sich alle anwesenden Männer mit derselben Offenheit auf die Medizinwanderung und den anschließenden Austausch in der Runde ein wie die Frauen. Ganz besonders berührt hat mich einer, von dem ich das nach unserer Eröffnungsrunde am ersten Abend niemals erwartet hätte. Er erzählte uns seine Geschichte - sowohl seine persönliche Geschichte, als auch seine Erfahrungen auf der Wanderung - und im Spiegel unserer Seminarleiter (übrigens ein Mann und eine Frau) geriet beides zu einer wundervollen und anrührenden Liebesgeschichte.
Warum nur hatte ich die Schönheit der Seele dieses Mannes vorher nicht gesehen? Hatte ich mich wirklich von seinem Beruf und seiner schlichten, männlichen Fassade täuschen lassen? Ich war zutiefst bewegt und auch ein wenig beschämt angesichts meiner tiefsitzenden Vorurteile. Offenbar hatte er gemerkt, dass ich seiner Geschichte mit besonderer Aufmerksamkeit zugehört hatte, denn schon beim Erzählen hielten wir über weite Strecken Blickkontakt. Anschließend kam er noch zu mir herüber zu einem kurzen Gespräch und ich empfand dies als eine echte, nahe Begegnung von Herz zu Herz.
Nur damit hier erst gar keine Spekulationen entstehen: Er ist verheiratet und hat drei Kinder und ich rede nicht davon, dass ich mich verliebt habe. Ich spreche einfach nur davon, dass ein ganz normaler Mann mich tief beeindruckt hat, weil er sich mit all seinen Gedanken und Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten offen und ehrlich gezeigt hat. Seine Worte waren schlicht und man merkte ihm an, dass er das alles nicht gewohnt war. Aber vielleicht war es deshalb nur umso anrührender. Und ich sitze nun hier und frage mich, in wie vielen Männern sich eigentlich solch ein zartfühlendes Herz verbirgt, ohne dass es mir je aufgefallen wäre.
(Anmerkung: Bei der Suche nach passenden Bildern für meinen Beitrag bin ich auf eine verblüffende Homepage gestoßen. Ich kann sie allen, die sich mit Geschlechterklischees und den Schubladen in unseren Köpfen auseinandersetzen wollen, nur wärmstens empfehlen: Wie muss mann sein?)