Novemberkind

20.02.2012 um 20:57 Uhr

Time Goes By - 23 Monate sind ein langer Zeitraum.

Ich habe lange überlegt, ob ich mich hier noch melde. Die letzten Monate schon immer mal wieder, aber es kam mir nie richtig vor, der Drang zum Schreiben hat mir irgendwie gefehlt. Heute ist er aber wieder da. Ich schreibe heute alleine schon deshalb, weil mich (auch wenn ihr hier wahrscheinlich alle gar nicht mehr reinschaut) all die lieben Kommentare, die ihr mir in den letzten 23 Monaten geschrieben habt, wirklich berührt haben, heute noch einmal.

Ich habe heute endlich mal wieder wirklich Zeit und ich habe sie mir heute auch genommen, um mir sämtliche Beiträge seit dem Unfall durchzulesen. Es sind so unglaublich viele Emotionen wieder hochgekommen dabei, soviel Trauer und Tränen. Aber das hat unglaublich gut getan. Mein Leben hat sich im letzten Jahr so sehr verändert, ich habe mich so verändert, glaube ich. 

Dass ich nicht geschrieben habe, heißt nicht, dass ich nicht nicht an sie gedacht habe oder an den Unfall. Es ist nur irgendwie anders geworden. Ich musste an fast jeden 20. eines Monats arbeiten und wenn ich arbeite, dann in 24h-Schichten, da bleibt keine Zeit für Emotionen. Meist brannte die Kerze dafür die Nacht von 19. auf den 20., damit wenigstens etwas bleibt. 

Ich habe heute hier gelesen und mich erinnert und es sind Gefühle wieder hochgekommen, die ich schon so lange nicht mehr so intensiv gefühlt habe. Das hat mich so erleichtert. Einfach weil ich nun wieder wirklich weiß, dass mein Leben jetzt zwar in gewissen Bereichen ein anderes ist, aber die Trauer immer noch dazu gehört, sowie das Erinnern, die Emotionen und alles. Ich vermisse sie noch, wenn auch nicht mehr so offensichtlich wie früher, eher in den kleinen Momenten. 

Ich glaube, ich fange wieder an wirklich zu Leben. Ich habe gelernt mich zu beweisen, Verantwortung zu tragen, Menschen schätzen mich als die Person die ich bin, ich plane mein Leben, werde wahrscheinlich im Oktober ausziehen, eigene Wege gehen. Mit ihr, mit der Trauer, vielleicht auch immer noch mit ein paar Einschränkungen und hoffentlich ohne Vergessen. 

Das ist meine größte Angst noch. Sie und unsere gemeinsame Zeit, dieses Gefühl von Freundschaft irgendwann zu vergessen. Keine Trauer mehr zu empfinden. Das Geschehene zu akzeptieren. 

Denn es ist und bleibt doch ungerecht. Nächsten Monat sind es 2 Jahre, die ihr genommen wurden, die sie verdient hätte zu leben. Nicht nur ich und ihre Freunde und Familie haben sie verloren. Das schlimmste ist, sie hat ihr Leben verloren, ihre Chance einer Zukunft. 

 

 

Heute durfte ich dich wieder richtig intensiv vermissen. Und ich hoffe, genau das darf ich auch in 50 Jahren noch spüren. 

 

 

 

21.09.2011 um 21:37 Uhr

18 Monate. / Eineinhalb Jahre.

 

Gestern konnte ich leider hier nichts schreiben, da ich arbeiten musste. Gedacht habe ich trotzdem an sie gestern, besonders beim Autofahren. Wahrscheinlich habe ich gestern auch meinem Kollegen etwas deutlicher, als ich es sonst tun würde, meine Meinung über seinen Fahrstil gesagt. Man wird so schnell nachlässig beim Autofahren, aber ich finde es einfach nicht mehr "cool", absichtlich viel zu schnell zu fahren (obwohl das nicht der Grund für den Autounfall war) und bei Fahrten, bei denen wir mit Sonderrechten fahren dürfen, diese allzu riskant aufs Spiel zu setzen. 

Und sonst so? Ich spreche ihren Namen, auch wenn er einen anderen Menschen benennt, nicht gerne aus. Ich rede nicht über den Unfall, auch wenn es in die Situation passen würde, ich kann bestimmte Süßigkeiten bestimmt nie wieder mit gutem Gefühl essen und manche Gedanken können mich zum weinen bringen, bei anderen kann ich mich lächelnd an schöne Zeiten erinnern. Ich habe Angst Erlebnisse vergessen zu haben oder zu vergessen und habe mich immer noch nicht überwunden, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Ich habe immer ein Bild von ihr dabei, wenn ich auswärts übernachte und in meinem Portmonee ist seit bald 2 Jahren ein Teil ihres Weihnachtsgeschenks an mich. 

Alles normal also irgendwie.  

 

 

20.08.2011 um 23:42 Uhr

17 Monate.

17 Monate ist der Unfall nun schon her. Ich habe gerade das Gefühl, dass die Zeit nur so rast.

Das Arbeiten tut mir gut, glaube ich. Ich bin nicht ungern zur Schule gegangen, aber ich glaube momentan macht mir die Arbeit mehr Spaß, als die Schule es getan hat. Ich habe einfach wieder eine Aufgabe, finde wieder einen Sinn im Weitermachen. Es ist irgendwie ein Neuanfang. 

Ein Neuanfang, in dem aber auch das alte Leben noch seinen Platz hat. Natürlich vermisse ich sie, gerade in bestimmten Momenten, noch so sehr. Es fehlt ein Puzzlestück in meinem Leben und das für immer.

Es sind inzwischen die kleinen Dinge, die mir zeigen, dass ich noch beim Verarbeiten bin. So kann ich zum Beispiel immer noch nicht über den Unfall reden, oder ihren Namen sagen. Und ich sehne mich manchmal so nach jemanden, mit dem ich so offen über alles reden konnte, wie mit ihr und bei dem ich mich so geborgen und einfach wohl und glücklich fühlen kann. Doch so jemanden wird es nie wieder geben.

 

 

20.07.2011 um 23:16 Uhr

16 Monate.

16 Monate. Dieser lange Zeitraum erschreckt mich gerade ein bisschen. 16 Monate sind eine verdammt lange Zeit irgendwie.

Im Moment kann ich gar nicht sagen, wie ich mich fühle. Vielleicht bin ich gerade einfach nur müde, vielleicht gibt es gerade die Tage wieder so viel zu tun, dass meine Gedanken woanders sind, vielleicht verdränge ich mal wieder die Trauer oder vielleicht wird es doch wirklich besser. 

Aber möchte ich inzwischen denn, dass es besser wird? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich immer noch schuldig, weil ich denke gerade an Tagen wie heute zu wenig zu trauern. Mein Leben wirkt langsam wieder normal auf mich und doch können mich, wie ich neulich ja erst festgestellt habe, doch auch noch kleine Dinge aus der Bahn werfen. 

Auf jeden Fall ist die Trauer, egal wie lange man Zeit hat sich mit ihr abzufinden, nie steuerbar. Gerade gehts mir gut und im nächsten Moment könnte ich vor Vermissen verzweifeln. Und doch das wird hoffentlich für immer bleiben: das Vermissen und die Erinnerungen.

 

 

 

 

15.07.2011 um 21:42 Uhr

Einmaleins oder Krise.

Ich hatte eine ganze Weile das Gefühl, dass es mir doch ganz gut geht. Ich habe mein Abitur geschrieben, bin auf Abifahrt gefahren, hatte viel Freizeit, meine Abientlassung und meinen Abiball. Und dann habe ich schließlich mein FSJ angefangen. 

Es war alles so neu und anders und geprägt von neuen Erfahrungen und Eindrücken. Klar habe ich täglich an sie gedacht und auch mal geweint, aber ich dachte, es ist langsam wieder "normal". "Normal" soweit es normal werden kann eben. "Eingearbeitet".

Und dann kam das Seminar, auf dem ich vor kurzem war. Dieses dauert 5 Tage und es kommen FSJler aus verschiedenen Ortsverbänden zusammen um diese Zeit miteinander zu verbringen. Ich war nie ein Mensch, der gerne im Mittelpunkt stand, aber ich bin eigentlich in der Lage an Gesprächen aktiv teilzunehmen und in "normaler" Geschwindigkeit wie andere Menschen auch Sozialkontakte zu knüpfen. Diesmal war es wie eine Blockade. Ich habe lieber meistens nur Zugehört anstatt mich aktiv am Gespräch zu beteiligen und ziemlich lange zum "Auftauen" gebraucht. Wirklich viel gesprochen habe ich nur, wenn ich mich separat mit einer einzelnen Person unterhalten habe. Ich weiß nicht warum. Ich konnte das mal anders, aber ich war wie blockiert. Ich habe alle Gruppenaktivitäten mitgemacht soweit, jeder war nett, ich war integriert und doch konnte ich einfach nicht aus mir rauskommen. 

Ich glaube, es fällt mir momentan unheimlich schwer, Menschen zu vertrauen. Auf der einen Seite möchte ich jemanden haben, bei dem ich mich geborgen fühlen kann und auf der anderen Seite mich niemanden anvertrauen. Wahrscheinlich mache ich das aus zwei Gründen: Zum Einen, weil ich gar nicht wüsste wie ich mich anvertrauen soll und mir dabei selber irgendwie blöd vorkommen würde und, was wohl noch wichtiger ist, niemanden mit irgendwas belasten möchte und zum Anderen weil ich niemanden mehr so Nahe an mir haben möchte, um Verlusten oder Enttäuschung vorzubeugen.

Und dazu kam dann noch, dass wir das Thema "Krisenintervention" behandelt haben. Lebenskrisen durch den Verlust einer nahestehenden Person war unser Beispiel. Es wurden die Phasen und Merkmale einer Krise durchgenommen und an dem Punkt habe ich angefangen im Kopf das komplette Einmaleins durchzurechnen. Ich war so angespannt innerlich, weil jeder Satz auf mich übertragbar war. Man trauert ohne Anleitung und doch kam ich mir fast wie das perfekte Musterbeispiel für einen Trauernden vor.

Und noch schlimmer war und ist für mich, dass es dieses Verhaltensmuster als Krise bezeichnet wird. Ich meine, ich habe meine beste Freundin verloren und getrauert und vermisse sie immer noch. Aber ich hätte meine Situation nie als Krise bezeichnet. Krise ist so mächtiges Wort irgendwie. 

Ich weiß im Moment nicht mehr, was ich möchte, wozu ich bereit bin, was ich mir selber vorspiele und wie es in mir wirklich aussieht. Ich glaube nicht, dass ich in einer Krise bin. Aber warum war ich so schüchtern? Warum kann ich nicht offen über alles reden, warum ist das blockiert, warum ist es mir extrem unangenehm Gefühle zu äußern? Warum sehne ich mich nach Beziehungen und stoße sie dann selbst wieder weg oder halte sie auf Distanz? 

Ich verstehe mich im Moment einfach selbst nicht. Und das nur wegen dieser 5 Tage. Vielleicht rede ich mir das alles auch nur ein, vielleicht übertreibe ich ja auch, vielleicht bin ich einfach noch ruhiger geworden. Ich weiß es enfach nicht.