Mit Oma im Tempel
Nachdenklich sitze ich auf meinem Bett und drehe das rote Blechherz in der Hand. Es sieht alt aus, abgenutzt – und ich kann es nicht aus der Hand legen, es ist wunderschön.
Es ist ein Gruß dabei:
„Fühle mehr, als du denkst. Träume mehr, als du planst. Schlafe mehr, als du wachst. Sei mehr, als du willst. Ich bin alle Zeit mit dir.“
Unterschrieben: „Großmama“
Jetzt bin ich schon fast zwei Realwochen bei Oma und träume in der Tat mehr, als ich wache…
Die Einreise in die namenlose Provinz ist gewöhnungsbedürftig und auch diesmal bin ich in einem Zeitstrom gelandet, von dem ich nicht genau sagen kann, ob er schneller oder langsamer fließt, als gewohnt. Mein Empfinden ist augenblicklich beides zugleich und dieses Empfinden ist ein alter Freund. Da hilft nur weiter atmen.
Großvater ist aufmerksam und hat für Oma und mich bei meiner Ankunft einen Tempeltag arrangiert - ich höre ihn Lydia seine Anweisungen geben: „…achja, Lydia – Luna kommt auf Besuch – all diese Unebenheiten in der Zeit… und sie breitet sich aus, denk daran Lydia – hier sind wir noch sicher, aber in die meisten Provinzen hat sie bereits Einzug gehalten - eine Nebenwirkung der Orakeltätigkeiten und immerhin… ich schweife ab. Was ich sagen will ist, arrangier doch am Eintreffen einen Tempeltag für meine Frau und die Kleine, ihr Körper wird sich besser gewöhnen.“
Lydia hat die wunderbare Gabe, inmitten Großvaters großartiger Reden sicher die Essenz dessen, was ihr Tun ist, zu hören.
„Lieber Großvater – allerbeste Lydia“ denke ich, während eine der Tempeldienerinnen meine Füße bearbeitet.
Ein wenig vermisse ich die süße Maylea, die mir sonst immer dienlich ist… nun, meine Füße sagen, Loma macht ihre Sache ebenfalls sehr gut. Ja, so ist es - wohlig dehne ich ein wenig mein linkes Bein, während Lomas Hand die Wade hinaufwandert.
Maylea betreibt jetzt in Reality einen Massagesalon und recht erfolgreich, wie ich höre. Das bedeutet, sie ist aus dieser Idylle herausgewandert, denn Großvater hält eine Beschleunigung der Dinge hier durch Rückwandern nicht für zweckdienlich. Seines Zweckes nicht dienlich, versteht sich – und der ist, seine Provinz von Reality möglichst sauber zu halten.
Wieso er mit Oma bei sich zuhause und in aller Fröhlichkeit den Valentinstag begeht - und das, wo er immer so beschäftigt ist – ist mir allerdings ein Rätsel… sich um gesamtutopische Belange kümmern und den Austausch mit Reality pflegen, ist ja seine Verpflichtung – aber Oma???
Meine Oma, die mir emsig in ihrer Küche und in ihrem Garten beschäftigt vorkommt – sie überrascht mich ebenfalls. Geht hin, um eine Hinterlassenschaft zu sehen…
„Oma, wer ist Belle?“ murmele ich in mein Handtuch. Ich fühle mich so wunderbar, dass ich fast nicht bemerkt habe, dass ich meinen Gedanken laut ausspreche. Ich zucke ein wenig zusammen, als ich Oma´s erstickte Stimme tief aus ihrem Handtuch höre: „Belle ist der Zartname, mein Kind. Wenn du wissen willst, wessen Nachlass ich mir um deinetwillen angesehen habe, so wisse, es ist die Erbin unsere Urmutter - deine Großmama Maria.“
Jetzt zucke ich wirklich – und nicht nur, weil Lomas Ellenbogen nun ebenfalls mit ihrem ganzen Gewicht meinen Rücken aufwärts streichen, wie vorher Shivani´s Ellenbogen bei Oma.
„Uaff???“ Jetzt sind die Ellenbogen oben angekommen und drücken mich tief in mein Handtuch…
„Schatz, lass uns den Tempel genießen, du erhältst, warum du hier hier bist - sei sicher.“
Oma hat gesprochen und die Hände auf meinem Rücken sind offensichtlich sehr einverstanden – alle Dienerinnen des Tempels lieben die Stille. Seufzend gebe ich mich diesen Händen hin und meinen Gedanken.
