31 Tage und der Kreis...
Am Sonntag –nachdem wir völlig gerädert- aus dem Wachkoma auferstanden sind, sollte Steffi kommen. Jene ominöse Dame, die auf den Jakobsweg will, aber die letzte Verabredung gecancelt hat. Um 14:00 Uhr wollte sie mit dem Radel in ihrem Stadtteil los, hatte sie am Spätvormittag noch mal telefonisch durchgegeben.
Wir also einen leckeren Kuchen gezaubert und gewartet…. Ein paar Tage vorher hatte ich noch mit meinem behinderten Jakobsweg-Freund aus Hamburg gemailt und mit ihm darüber „gesprochen“. Er hatte etwas auf dem Herzen und schilderte, dass seine alte Nachbarin gestorben sei, Freunde die Wohnung auflösten und er dabei zwei Jakobsmuscheln gerettet habe.
Lange Pause…..
Ob ich die Muscheln auf den Weg bringen könne?
Das Symbol der Jakobspilger war von jeher eine Jakobsmuschelschale. Zum einen hatte das in früheren Zeiten durchaus seine praktische Berechtigung. Mittels der Muschelhälfte konnte Wasser geschöpft und Essen zu sich genommen werden. Zudem galt sie sozusagen als „Ausweis“ das man sich auf Pilgerfahrt nach Santiago befand und sollte so schützen und Einlass in Unterkünfte gewähren. In der heutigen Zeit lebt diese Tradition fort und nicht nur an Rucksäcken baumelt eine Muschelhälfte, viele tragen sie auch als Halsschmuck und was man in Santiago selbst an den Neppständen und Souvenirgeschäften in Muschelform bekommt, spottet jeder Beschreibung. Obwohl ich selbst zu meiner Schande gestehen muss, das mir der heilige Jakob als Knubbelmännchen in der Schneekugel sehr gut gefallen hat. Ich liebe Schneekugeln. Gekauft habe ich ihn aber nicht.
Meine eigene Jakobsmuschel zu ergattern erwies sich als Odysee. Ich habe in Wiesbaden alles an Fischgeschäften abgeklappert, nur um die immer gleiche Antwort zu bekommen: Die Schale können sie nicht haben, dat is Deko! Das Muschelfleisch an sich findet nur gefroren seinen Weg in die Fischtheken, die Schalen: Deko. Na, Klasse. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, da fiel meiner Mutter und mir noch der Fischfuzzi unten im Delicatessa im Karstadt ein. Diese Yuppie Bude. Trotzdem: Nix wie rein. Der Verkäufer hörte sich geduldig meine Litanei vom Jakobsweg an und rief hilflos seinen Boss. Der wollte mir eine Bestellung fertigmachen und könnte eine Schale mitbestellen. Eine? Nö, ich wollte zwei! Okay, dann zwei. Mütterlein und ich wieder abgezogen. An der Kasse holte uns dann Scheffe wieder ein: Hah! Er hätte doch noch zwei Exemplare gefunden! Was hab ich gestrahlt. Er wollte dann zwar eine für meine Begriffe etwas hohe Summe dafür haben, aber ich hatte endlich, endlich meine Muscheln! Es konnte quasi losgehen!
Daheim habe ich eine Muschelhälfte sehr sorgfältig verpackt und meinem Hamburger Freund einen Brief geschrieben. Das es mir leid täte, dass er nicht auf den Jakobsweg könne, dass der Tag käme, wo wir eine Lösung fänden, wenigstens ein Stück zusammen nach Santiago zu kommen und das die andere Hälfte dieser Muschelschale mit mir unterwegs auf Pilgerschaft sei, er solle gut auf seine achten, sie wären durch ein unsichtbares Band verbunden….
Ein paar Tage später erreichte mich ein Brief. Herauspurzelte ein Polaroid Foto. Unten auf dem weißen Rand stand: Ehrenplatz in meiner Küche! Das Bild zeigte eine Wand seiner Küche, an der Postkarten und Erinnerungen hingen und in der Mitte „meine“ Muschel. Mit diesem Bild im Herzen bin ich losgelaufen….
Nun also das Angebot zwei Muscheln von ihm zu erben und auf den Weg zu bringen. Ich erzählte ihm, dass ich für den Meinigen auf unserem zweiten Jakobsweg nur eine klitzekleine ergattern konnte und von Steffi. Zwei Tage später hatte ich ein Paket….
Steffi erzählte mir bereits am Telefon, dass sie den Weg mit ihrem Mann laufen wollte, dieser aber an Krebs gestorben sei. Nun wolle sie den Weg FÜR ihn laufen. Hat aber eine Heidenangst, als Frau, alleine und dann 800 Kilometer um den Block? War ich ganz bei ihr. Hätte mir jemand ein halbes Jahr vor meinem Weg erzählt, dass ich quer durch Nordspanien latschen werde, hätte ich ihm SEHR intensiv den Vogel gezeigt! Und lange!!!! Jetzt nachdem ich schon zweimal unten war und es nichts Schöneres, als das Wissen gibt, in vier Wochen wieder auf dem Weg zu sein, hoffte ich, ihr Ängste nehmen zu können. Funktionierte bei mir auch meist ziemlich gut. Solange ich lange und breit erklärt bekam, was mich erwartete, konnte ich mir nicht so viele Horrorszenarien ausmalen und empfand die unbekannte Kluft als nicht mehr so groß.
Wohlgemerkt: Im Tempus des Plusquamperfekt. Oder auf gut Deutsch: Schnee von gestern. Seit meiner Reise auf Jakobs Wegen ist mir alles scheißegal. Ich stürze mich in Neues, ich weiß, mir kann nichts passieren, all die irrealen Ängste sind so gut wie weg. Was nicht heißt, dass ich mich mit Blutwurst behängt in ein Alligatorenbecken werfe. Ich bin aber noch nicht mal alleine zur Wassergymnastik gegangen, da musste die dicke Iris Schützenhilfe leisten. Anderes Thema. Weiter mit Steffi.
Steffi ist dann am Sonntag tatsächlich angerückt. Wir haben schön Kaffee respektive Tee getrunken, lecker Kuchen gemümmelt und sind mit dem Fingerchen auf meiner riesigen Spanienkarte unterwegs gewesen. Dann haben wir sie mit Bildern zugeballert, Excel Tabellen gezückt, Reiseführer, Notizen und so weiter und so fort. War schön. Ist eine Nette. Blieb aber nicht lange, da sie abends noch verabredet war und noch heimradeln musste. Kurz bevor sie aufbrach, fiel mir noch mein Päckchen aus Hamburch ein. Ich sagte ihr nur, dass es ein Geschenk für sie von einem Freund sei, der wolle, das es den Weg auf den Camino findet.
Sie hat dann ganz vorsichtig Lage um Lage Seidenpapier entfernt und dann endlich die Muschel in Händen gehalten. „Für mich?“, fragte sie ganz ungläubig? Ich nickte. Wie noch mal der Freund aus Hamburg heißt? Ich sagte ihr seinen Namen und sie sagte nach einer ganzen Weile: So hieß mein verstorbener Mann. Und ich antwortete: Dann schließt sich ja ein Kreis….
Woraufhin ein großes Umärmeln stattfand und ein paar Tränen gekullert sind, bei uns allen….Hach, schön. Manchmal gibt es Sachen, die fühlen sich so richtig an und die hallen noch so lange nach….Nochmal hach….
Dann werde ich mich heute Abend mal hinsetzen und meinen Freund schreiben, welche Kreise sich schlossen. Ich denke, er wird sich genauso freuen, wie wir drei am Sonntag. Abschluss-Hach…..und mein (gepackter) Rucksack mit Muschel.
Abseits der Tränchen:
-Unser Bundesinnenminister der Herr Wolfgang Schäuble hat endlich mal den Arsch in der Hose Anstand die HDJ (Heimattreue Deutsche Jugend) zu verbieten. Nur gut, das die Affen nur neunzehn Jahre Mist vom Stapel lassen konnten und erst heute merkt es jemand! Naja, Hauptsache es wurde überhaupt verboten.
-Wir gratulieren dem Eifelturm der heute 120 Jahre alt wird. Hier mal ausnahmsweise keine Anekdötchen oder Fallstricke, das Ding ist durch und durch französisch, finito.
-Und seit dreißig Jahren dürfen in der EWG keine Vögel mehr gefangen und gefuttert werden, was unseren lieben Südeuropäischen Kollegen ja bekanntlich bis heute scheißegal ist. Die armen Vögelchen…
