Freud und Leid liegen so dicht nebeneinander....
Vor was hast Du Angst? , wurde ich vor ein paar Tagen gefragt. Fragt man das Deutschlandweit, dann ist die häufigste Antwort Arbeitslosigkeit, gefolgt von Inflation und der wirtschaftlichen Entwicklung.
Ich hatte gestern Angst. Kurze, heftige Angst. Auf der Autobahn entging ich nur knapp einem Desaster, als ein LKW und ich es mit 120 Sachen gegeneinander versucht haben. Die Sekunde, die ich das Lenkrad verriss, wurde zu Stunden, die 5 Zentimeter, um die wir uns verfehlten, zu hauchdünnen Nanometern. Mein Puls raste, mein Herz setzte einen Augenblick aus und ich war binnen einer halben Sekunde klatschenass geschwitzt. Ich versuchte mich zu beruhigen, dass es ein "wenig" ungeschickt von dem Herrn LKW-Fahrer war und, dass doch nichts passiert ist! Es ist nichts passiert!
Ich hätte da aber auch zermatscht kleben können. Es hätte der Meinige da kleben können...
Minuten später, komme ich in einen Stau. Ein Kleinwagen hat sich überschlagen, die Straße ist bis auf eine Spur gesperrt und da reiht sich alles ein und krabbelt im Schneckentempo am Unfallort vorbei. Immer hübsch schauend, ob man noch was sieht. Vielleicht sogar einen Toten! Idioten! Meinen Blick starr auf die Fahrbahn gerichtet, versuche ich -immer noch aufgewühlt- an der Unfallstelle vorbei zu kommen und NICHT zu gaffen. Trotzdem steht der defekte Wagen so in die Fahrbahn, das er keinem entgeht. Die Rettungskräfte sind längst weg, nur noch Feuerwehr und Polizei steht vor Ort, das Wrack verrät aber, dass es da raus keiner mehr lebend geschafft hat. Ich sitze im Auto und weine.
Vor was hast Du Angst? Die Frage hämmert in meinem Hirn.
Über den Firmen des Meinigen und mir kreisen die Geier. Wir haben einen neuen Boss, der gerade eine andere Firma gegen die Wand saniert hat und hier Abrissbirne genannt wird. Die Kolleginnen lachen, die können das Controlling doch nicht auch nach Schottland, Südafrika, Polen oder Ungarn verlegen! Haha, das ginge doch gar nicht. In der Firma des Meinigen, soll seine Abteilung ebenfalls ins osteuropäische Ausland wegorganisiert werden. Haha, lachen da einige, das bekommt man doch gar nicht zentral gesteuert, aus Rumänien oder sonst wo her.
Die Hälfte seiner Kollegen hat schon Aufhebungsverträge vorliegen. Jeden Tag trifft es einen anderen. Als er heimkommt und sagt, dass Steffi -eine Kollegin, die siebzehn Jahre im Haus war- gehen muss, weine ich. Steffi, das Herz und die Seele der kompletten Abteilung. Gerade gebaut, kleines Kind daheim, der Mann seit drei Monaten arbeitsuchend. Wo bleibt der Mensch?
Wieder weine ich. Denke daran, als ich vor ein paar Jahren vor dem absoluten Nichts stand. Der Chef hatte Firmengelder veruntreut. Wir brauchten am nächsten Tag nicht mehr zu kommen. Der Insolvenzverwalter hat die Bude dicht gemacht. Aus und vorbei nach sieben Jahren. Nach sieben Jahren, in denen ich mir den Arsch für diese Firma aufgerissen habe. Stehe da, mit 54 anderen Kollegen. Arbeitslos, ohne Kohle.
Eben stehe ich mit einem Kollegen im Rauchereck. Er hat einen Verband ums Handgelenk. Knochenhautentzündung. Eine Woche krank geschrieben....eigentlich. Was machst Du dann hier? Er schaut auf meine bandagierte Sehnenscheidentzündung und fragt, und du? Wo bleibt er, der Mensch?
Ich habe keine Angst vor Arbeitslosigkeit, Inflation und der Zukunft. Ich habe mich immer und immer wieder aufgerappelt. Ich habe es immer und immer wieder auf die Füße geschafft. Meine Familie steht hinter mir, wie ein Block, all meine Freunde, auch der Meinige seit ein paar Jahren. Wie oft mussten wir uns alle schon gegenseitig auffangen, wenns bei der Miete knapp wurde, wieder eine Firma in die Insolvenz gerast ist. Reihum könnten wir die Miete einander zahlen. Wir tun es. Mein soziales Netz ist stark, sehr stark und engmaschig. Würde ich hier morgen hier in der Firma, auf die Schnauze fallen, ich könnte sofort da oder dort anfangen. Diese sozialen Netzwerke zu pflegen kostet viel Kraft und Mühe. Oft wäscht eine Hand nur die andere, aber irgendwann werde ich auch jemanden brauchen, der meinen Fall weich abfedert. Ich vertraue darauf, ich habe da keine Angst.
Und wieder: Vor was habe ich Angst? Vor was, wenn ich die Urängste der Deutschen nicht teile? Angst den Meinigen zu verlieren? Er ist mein Lebensmensch. Ich wäre nicht mehr "ganz" ohne ihn. Er wäre das Loch in meiner Lebensdecke, wäre er nicht mehr da. Nur darf ich nicht täglich Ängste haben, dass er an diesem ungeschickten LKW hängen könnte, nie mehr wiederkehren könnte. Die Angst würde mich zerfressen. Ich vertraue darauf, dass er auf sich acht gibt. Um seinetwillen und auch um meinetwillen, diesen Egoismus gönne ich mir. Vertrauen in ihn. Keine Angst.
Ich habe Angst. Ich habe Angst, eines dieser Arschlöcher zu werden, die den Menschen nicht mehr "sehen". Ich beobachte mich, als eine Kollegin die andere fragt, wie es dem Vater ginge, der letzte Woche mit Herzproblemen zusammen gebrochen ist. Wieso stelle ich diese Frage nicht? Ich hatte es nicht mehr auf dem Radar. Werde ich oberflächlich und doof? Davor habe ich Angst. Die Welt kann ich nicht retten. Vielleicht hie und da anderen helfen. Eine Familienpatenschaft übernehmen, Fonds und Projekte unterstützen, Geld rauspfeffern. Zu einfach.
Wir sind auf dem Parkplatz eines Baumarktes und laufen auf unser Auto zu. Eine Frau steht in kurzer Entfernung, neben sich eine riesige Regenwassertonne aus Kunststoff, in der Hand die Bedienungsanleitung des Wagens. Wir drehen zeitgleich auf dem Absatz um, ob sie Hilfe brauche? Sie hat noch nie die Rückbank umgelegt. Wir, hier gezogen, da gedrückt, Rückbank umgelegt, Tonne zu zweit reingewuchtet, Klappe zu und schönen Tag noch. Sie lacht, dankt. Ich bin für das Lachen dankbar und mich beschleicht Angst, dass ich jenes nicht mehr sehen könnte. Diese kurze Mühe, die keine ist. Das schöne Lachen, welches man geschenkt bekommt.
Kollegin steht im Büro und erzählt. Letzte Woche wurde sie von einer Freundin angerufen und gefragt, ob sie Lust habe, für das Gartenfest am Freitag einen Salat zu machen. Sie lacht mich an und sagt: Ich hab nur 'Nö!' gesagt, denn Lust hatte ich keine! *hahahaha* Die Freundin hat geantwortet: 'Dann eben nicht!' den Hörer aufgeklatscht und seitdem ist Krieg. Die sei doof, sagt Kollegin. Die hätte weiterfragen müssen, ob die Kollegin trotzdem einen macht. Tza, hat sie nicht, hat sie Pech gehabt!, meint sie. Sowas macht mich echt stinkig. Das ist genauso, wie die Frage 'Weißt Du, wie spät es ist?' oder 'Hast Du Feuer?' Machen wir unser Witzchen drüber, sagen dann die Uhrzeit oder reichen lachend Feuer. Aber was bitte, ist das denn? Hast Du Lust einen Salat zu machen? Nö! *batsch* Aufgelegt. Das ist sowieso so eine scheiß oberflächliche Kuh. Mein tollstes Beispiel für einen Menschen, der ich nie werden will. Wo Ängste in mir stecken. Pele, sag immer alles offen und ehrlich, sag das was Du meinst. JEDE Lüge kommt irgendwann heraus. Hab den Respekt vor deinem Gegenüber, ihm immer mit Ehrlichkeit zu begegnen! Und habe -um HIMMELS Willen- den Arsch in der Hose, den Unterschied zwischen "jemandem mit dreckigem Wanderstiefeln über die Seele latschen" und "höflich sein" immer vor Augen zu haben.
Ich habe Angst, irgendwann nicht mehr zu merken, was ich meinem Gegenüber eigentlich sagen möchte und wie -was viel wichtiger ist- es bei ihm ankommt. Erst am letzten Samstag haben der Meinige und ich so blöd aneinander vorbei geredet, dass sich Menschen, wie meine Eltern, darüber wahrscheinlich in der Luft zerfetzt und drei Tage mit dem Arsch nicht angeschaut hätten.
Wir haben uns prüfend angeschaut und versucht, zu ergründen, an welcher Stelle das gerade schief gegangen ist. Kurz später, das erleichternde "Ach soooooo!". Wie viel Kraft das gekostet hat. Aber sollte mir das nicht selbstverständlich sein? Sollte das nicht ohne Kraft geschehen? Ich habe Angst, dass mich irgendwann diese Kraft verlässt und ich pampig werde. 'Leck mit am Arsch' sage, mich rumdrehe und weg gehe. Nicht dem Meinigen gegenüber, er ist zu wertvoll. Jeder Mensch ist wertvoll. Aber manche gehen mir so unendlich auf die Nerven, dass ich sie am liebsten schütteln würde. Dick & Doof haben mich letzte Woche angelogen, nichts Großes, nur verhaspelt und verplappert. Warum sagen die mir nicht von Anfang an, die Wahrheit? Ja, sie haben sich wieder saudoof angestellt und Schwierigkeiten bekommen, aber das ist ihr Leben, das dürfen sie ausbügeln. Ich habe darüber keine Meinung und lege keine Wertung an. Das steht mir nicht zu. Ich will aber auch nicht belogen werden, vielleicht aus Angst, das ich Ihnen doch irgendwann sage: "Ihr seid soooooo blöd!" Sind sie. Steht mir trotzdem nicht zu. Solln mal machen.
Habe ich Angst anderen nicht gerecht zu werden? Ja. Will ich anderen gefallen? Nein. Ich will meine Maßstäbe und die meiner Religion leben. Die Latte liegt verdammt hoch und wenn ich in Tibet auf dem Berg hocken würde, wäre mir sicher so manches leichter. Hock ich aber nicht. Ich hock hier und schaue mich an. Wandere in mir umher und sehe mich. Lege mich neben mich und ruhe neben mir. Pele, wo vor hast Du Angst? Vor nichts! , schießt es als allererstes durch mein Hirn. Und während ich mit mir rede, merke ich, dass da doch Ängste sind. Jede Menge. Und das ist gut so.
Liebe Mitbloggerin*, die Du mir in den letzten Tagen so wertvolle Fragen gestellt hast: Ich danke Dir. Ich danke Dir von Herzen, dass Du mich zur Angst geführt hast. Das ich mich mit meinen Ängsten unterhalten habe. Sie angeschaut und für gut befunden habe. Das ich gemerkt habe, dass ich nicht jedem gefallen muss und kann und mich von Menschen, die mich anlügen und ausnutzen, abwenden darf und muss. Das ich nicht everybodys darling zu spielen brauche, sondern bei mir selbst bleiben darf. Das mir all jene auch mal den Buckel runterrutschen dürfen, die mich nicht "sehen" und einfach nur in ihrer Ego-Welt unterwegs sind und das auch noch größtenteils alleine. Die behaupten, sie wären "echt" und ehrlich und sich damit nur selbst betrügen und belügen. Dann lieber, vor genau diesen Sachen Angst haben. Ich habe das noch nicht fertig gedacht, schimpfe noch zu viel mit mir. Du, stelle mir weiter solche Fragen. Sie sind gut.
*Du bist unterwegs, deswegen werde ich Dich nicht namentlich outen. Darfst Du selbst machen. Ich schenke Dir ein Lächeln.

Ich freu mich, das dir nichts passiert ist
Puhhhhh
Ich denke, ich werd das Thema auch mal aufgreifen, wenn ich denn darf??? Mir wurde eine ähnliche Frage gestellt, da würde das dazu passen.
Für einen Kommentar wäre das einfach zu viel.
Auch wenn ich in solchen Situationen echt schmerzfrei bin - ist ja nix passiert, nech - wenn ich dann an Unfallstellen vorbei komme und Wracks sehe, wie Du es beschrieben hast, zieht es mich auch runter.
Gesellschaftsängst wie Arbeitslosigkeit etc. liegen mir auch nicht, ich habe mich bisher durch alle Täler gekämpft.
Wovor hast Du Angst? ist eine tolle Frage. Ich kenne die Antwort auf Anhieb, aber sie wäre ebenfalls ausschweifend ;)
Wer das Thema mitnehmen will, nimmt es mit, wer darauf schon Antworten hat, den beglückwünsche ich neidlos. Das ist schön.
Ich denke noch ein bißl draufrum. *lächel*
aber Gedanken festhalten - so wie bei dir - da würde schon ma gehen...
Wenn ich will, habe ich so ziemlich vor allem Angst, dabei bin ich doch eigentlich so optimistisch veranlagt... Eine seltsame Mischung.
werden sie von vielen ohne scheu artikuliert, ist es der erste schritt, sie zu besiegen.
Ich bin nur sehr froh dass euch nichts passiert ist. Und auch ich bin der Meinung, solche Momente sind dafür da, sich erstmal seiner selbst wieder richtig Bewusst zu werden...
Glück gehabt, datt nix passiert ist... *schwitz*
Wovor ich Angst habe... ich glaube, einen anderen Menschen fahrlässig bzw. unglücklicherweise zu töten. Sei es das kleine Mädchen, das zwischen den parkenden Autos zum Vorschein kommt und Du hattest keine Chance, rechtzeitig zu bremsen. Oder so ähnliche Dinge.
Nee, da darf man nicht weiter drüber nachdenken...
Ich wünsche uns allen, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Für immer.
Angst ist doof.
und jetzt OT :)
es hat definitv was für sich, wenn man in so nem blog wie deinem länger nicht liest... dann kann man nämlich die ganze story auf einmal lesen und muss die tage dazwischen nicht kcal-futtern (nervennahrung) ;-)
als ich las war ich fast dabei - und ich fands toll :o)
... so un jetzt muss ich nach dem lesemarathon erstmal eine schmöcken... joah...nebenwirkungen...*seufz*
IF you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don't deal in lies,
Or being hated, don't give way to hating,
And yet don't look too good, nor talk too wise:
If you can dream - and not make dreams your master;
If you can think - and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you've spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build 'em up with worn-out tools:
If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: 'Hold on!'
If you can talk with crowds and keep your virtue,
' Or walk with Kings - nor lose the common touch,
if neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds' worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that's in it,
And - which is more - you'll be a Man, my son!
Ohne Angst zu leben wäre gefährlich. Dann gingen wir zu nah an die Klippe heran und fielen vielleicht hinunter.. Angst ist wichtig, sie ist gut, und es ist gut, sie kennen zu lernen - die individuelle Angst.
Wir handeln immer wieder aus unseren Ängsten heraus, die uns meist nicht bewusst sind. Es wiederholen sich Muster, immer wieder, aufgrund einer Angst, die man nicht genau greifen kann. Sieht man sie aber, fühlt man sie, kann man sie bei der Hand nehmen und als Warnanlage benutzen ;).
Ich umarme dich. *lächel*
PS: Weniger denken - mehr fühlen.
Und zur Erklärung:
Die Frage wurde mir gestellt, bevor sich der LKW mit mir anlegen wollte. Ich trug sie schon den ganzen Tag mit mir herum. Und ich war alleine im Wagen.
Danke allen, für die Reaktionen. Die sind schön zu lesen. Danke auch für den Kipling, der trifft es ziemlich gut. :o)
Gänsehautige Reflektion. Danke fürs Teilen!