86 Tage und ein ausgeglichener Klassenprimus
So jetzt habe ich es schriftlich: Ich bin ausgeglichen. Aha. Außerdem bin ich Klassenprimus. Und höflich und zuvorkommend bin ich auch. Soso. Außerdem fachlich kompetent, hilfsbereit und wat weiß ich nicht noch alles. Höhö...
Ich musste zur jährlichen Mitarbeiterbeurteilung bei meinem obersten Boss antanzen. Alle Jahre wieder. Und der hat mir das jetzt schriftlich attestiert. Schön. Macht mich stolz. Vor allem, weil er mir in Sachen Vertretungswesen ein Magna cum Laude reingesemmelt hat. Hat meines Wissens sonst kein anderer hier eingesackt. Okay, wir arbeiten uns also aufs Summa cum Laude vor, legen uns entspannt zurück und sind ein Ründchen stolz auf uns. Und bilden uns -gottweißwas- darauf ein. Hach!
Wochenende:
Freitag:
Mit großem schönem Autochen rumdüsen. Hose finden, Hose anziehen, Hose passt. Hose kaufen. Strike! Ich hasse Hosen kaufen! Weddingplaner ruft an. Noch mal Termine am kommenden Samstag abchecken. Schwierig, da Brautmodenausstatter auch Termin verlangt. Es ist 18:55 Uhr. Öffnungszeiten Brautmodenausstatter: Bis 19:00 Uhr. Och, ruf ich trotzdem mal an. Und dann beginnt der Größenwahn. Sie haben genau das Kleid da! In genau meiner Größe! In genau der Farbe! Sie öffnen den Laden eine halbe Stunde eher, damit ICH genau den Fummel anprobieren kann. Strike!
Samstag:
Mit großem schönem Auto zum großen schönen Brautmodenausstatter. Und da kommt er schon, der erste schöne große Kardinalsfehler: Die stopfen mich in einen Reifrock. GEHT Ü-BER-HAUPT-NICHT! No Go! Örgs. Ich könne sonst mit den Massen an Stoff nicht gescheit laufen. Machen wir es kurz: Das Kleid gefiel mir nicht. Der Reifrock gefiel mir nicht. Die zwei Meter lange Schleppe gefiel mir nicht. Nein, ich lasse sowas nicht abschneiden, wieso kaufe ich mir so ein schweineteures Kleid, wenn ich es anschließend zerlegen lasse? Nix da.
Kleid Nummer zwei gefiel mir auch nicht. Kleid Nummer drei sieht schon auf dem Bügel nach nix aus. Ich solls trotzdem anziehen. Gnarf. Naja, okay. Das noch, dann aber nichts wie raus hier, denn mittlerweile tummeln sich zehn - zwölf Beraterinnen und der Laden wird von Bräuten erstürmt. Gruselig. Hinein ins Kleid und raus aus der (sensationell riesigen) Umkleidekabine. Und allen fällt die Klappe. Ich drehe mich Richtung Spiegel um und mir fällt ebenfalls die Klappe. Boah, ist das schön! Ich sehe aus, wie eine Fee. Wie ein wahr gewordener Traum. Für einen kleinen Augenblick bleibt in dem hektischen Hühnerstall die Zeit stehen. Großartig. Okay, was kostet? Hm, verkraftbar. Wann ich heiraten würde? In drei Monaten. Und ALLE werden hysterisch. Das sei viel zu spät! Woher ich erst JETZT kommen würde? Die würden alle nach Auftrag geschneidert! Da würde die ZEIT garnicht mehr ausreichen! Und so weiter und so fort. Anruf beim Hersteller: Lieferbar am 14.06.10. Tza, dann halt nicht. Es ginge aber auch Expresslieferung! Lieferbar eine Woche vor der Hochzeit. Aufpreis: Unverschämt. Und da es sowieso mittlerweile in dem Laden zugeht, wie bei Pauli in der Kurve, machen wir uns erstmal ganz, ganz schnell davon. So ein Hektikkram bekommt mir nicht. Annermal.
Ab durch die Mitte zur Frau G. (Jene Dame, die deutsche Topfmodells laufen lässt). Dort die Meisterin herself, nebst entzückender in der Nase popelnder* Tochter kennengelernt UND Frau Schmitt. Die einzigartige, formidable, mit Zuckerguss überträufelte Frau Schmitt, die Atelierleiterin.
Jede Frau sollte eine Frau Schmitt haben. Frau Schmitt richtet, zuppelt, macht Vorschläge, hält Stoff an und wird nach fünf Minuten von mir gefragt, ob sie bei mir einziehen möchte. Ich hab mich definitiv verliebt. Frau Schmitt ist toll, toll, toll und nochmal toll. Sie möchte der Braut, die sich bald traut ein Hochzeits-Outfit auf den Leib schneidern. Ein von Frau G. designtes Hochzeitskleid. Und was hatte die Kleider da und Stoffe und diese Schnitte! Und Frau Schmitt!!!!! Kurz: Wir können uns nur schlecht lösen, machen einen Folge-Termin aus und sind auch schon wieder unterwegs. Frau G. war übrigens auch ganz, ganz toll. Nachdem ich mal aus meiner Ehrfurchtsstarre erwacht bin, konnte ich auch ganz normale deutsche Sätze von mir geben. Tolle Frau! Tolles Kind. Tolle Kleider. Alles toll. Wir müssen aber weiter.
Bezeichnend: Jedesmal, wenn ich Hochzeitskleider schauen gehe, komme ich an einem Fußballstadion vorbei, wo gerade ein Spiel läuft. Das letzte Mal war es Offenbach und ich habe ganz laut aus dem Fenster HALLLOOOOOO JOOOOOOOO! gebrüllt, habe aber bis heute den Verdacht, er hat mich nicht gehört und dieses Mal war es Mainz 05. Da kenne ich (gottseidank) niemanden, da wurde nicht gebrüllt.
Nächster Termin: Boutique, die einer weiteren Freundin meiner formidablen Weddingplanerin gehört. Schicke Frühjahrs- und Sommermode, aber noch nicht mal ansatzweise etwas, was ich selbst nur als Gast auf meiner Hochzeit tragen könnte. Damit an einem lauschigen Sommerabend unten am Rhein noch einen Wein trinken, ja. Damit als Braut? Ohgott, ohgott, ohgott! Okay, ein lässiges Sommerkleidchen war dabei. Aber doch bitte nicht in beige-braun, da sehe ich aus, wie meine eigene Omma.
Mittagessen beim Japaner und weiter durch die Boutiquen dieser Welt. Bei dieser Dame verliebe ich mich kurzfristig in ein rein weißes Kleid, was auf dem Bügel einfach großartig aussieht, aber angezogen nicht mehr diiiiiie Wucht ist und so geht das dann den ganzen Tag weiter. Auf dem Bügel plöth, angezogen toll und umgekehrt. Ächz, anstrengend.
Aber was es an Etuikleidern in dieser Saison gibt! Ich wäre mit dreißig von den Dingern heimgekommen, wenn ich nicht zufällig die Braut wäre. Wir stehen also immer noch unverrichteter Dinge in einer Boutique doof rum, als uns der Inhaber anspricht. Nachdem er sich meine Brautkleidwünsche angehört hat, bietet er mir eine tolle Designerin (Namen sag ich nich) an, die auch das Brautkleid seiner Frau geschneidert hat -die mittlerweile zu uns gestoßen ist- und macht mich damit wirklich sehr happy. Aber auch durcheinander, denn mittlerweile habe ich dermaßen viel gesehen und angehabt, das ich ehrlich nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist. Ich muss nachdenken. Und außerdem bin ich völlig aufgekratzt.
Also heim, einer tollen Frau in einer großen Stadt mit langen Strassen das Ohr (wiedermal) abgebabbelt, weil ich total hibbelig war, wegen Designern und Autos und Kleidern und schon wieder weiter, um den Meinigen einzukassieren, der den Kampf um Ruhm und Ehre gewonnen hat und siehe da: Die erste Mannschaft schaut mich mit dem Arsch nicht an. Sowas dummes aber auch. Denn die zweite Mannschaft darf mit dem 524 PS Boliden um die Ecken kacheln und die haben ZIEMLICH große Freude damit, denn sowas fährt man nicht alle Tage. Das bleibt den Tröten aus der Ersten aber erspart. Wenn DIE die Zähne nicht auseinander bekommen. Pföh! Der Meinige hat aber auch schon Hochzeitseinladungen verteilt und hundertpro ist schon rum, wer kommt und wer nicht. Und gerade, wo man so schön sieht, wie sich da manche verhalten, sind wir ganz froh, die Spacken nicht dabei zu haben. Punkt.
Sonntag
Ausfahrt zur Schwester des Meinigen und Abstecher zu einem Freund, der sich gerade von seiner Frau getrennt hat und ziemlich unter dem Allein sein leidet. Ich leide mit, tut mir nicht gut.
Montag
Ich stelle für mich fest, das war am Wochenende zuviel. Zuviele Designer, zuviel hin und her. Zuviel Brautkleid. Zuviel Wagen. Wir sind tatsächlich sehr oft mit dem Ding fotografiert worden und alle Welt hat uns hinterher gestarrt. Irgendwie war alles zuviel. Und ich musste mich mal fragen, was der Wagen mit mir gemacht hat. Oder ob es überhaupt der Wagen war.
Er war es nicht. Wir haben gestern darüber gesprochen. Ich kann ein guter Mensch und gläubiger Buddhist sein, auch WENN das Auto weder etwas mit bescheiden, noch was mit Demut zu tun hat. Ich kann den Jakobsweg laufen UND ein Designerbrautkleid haben. Ich kann solche goldenen Tage verleben und DARF sie auch genießen, denn ich bleibe ich. Ich hatte nur irgendwann zwischendurch große Angst, dass ich das nicht mehr sein kann. Dem ist nicht so. Denn das Wichtigste am Wochenende war folgendes:
Beim Einkaufen am Freitagabend stand auf dem Parkplatz ein Mann neben seinem Auto und schien auf irgendetwas zu warten. Wir schauten in seinen Wagen, dort schlief selig sein circa zweijähriger Sohn. Uns entfuhr ein "Ach, wie süß!" , wir strahlten, wie die Atomkraftwerke und der Mann wurde fünf Zentimeter größer. Als wir weiter an seinem Wagen vorbeigingen, sahen wir, dass auf der anderen Seite ein Baby ganz entspannt schlief und quietschten lächelnd weiter. Der Mann wurde nochmal größer und strahlte uns an.
Als wir kurz darauf weggefahren sind, haben wir ihm gewunken und ihm zugelacht. Und er hat auch gelacht und ganz lieb zurück gewunken.
Und es war scheißegal, ob wir in einer Karre für teuer Geld saßen, oder einen alten Golf gehabt hätten: Wir haben uns mit ihm über seine Kinder freuen können, über diese entzückenden Würmer, die sein ganzer Stolz waren. Und der Blick, den er auf unser Entzücken und seine Kinder warf, der ist kein Auto auf der ganzen Welt wert!!!
*Das sei ein Zeichen von Konzentration sagt Fachfrau aus großer weitweger Stadt mit den langen Straßen!
