Petitessen

04.02.2015 um 20:48 Uhr

Nun also doch

Ich bin umgezogen. Der letzte Serverchrash hat mich echt genervt und so habe ich jetzt eine Parallelexistenz und heute sag ich Tschüss und Danke für eure Aufmerksamkeit, Unterstützung und oftmals totkomischen Kommentare. 

Hab ein paar tolle Leute hier kennenlernen dürfen. Und einen richtig guten Freund gewonnen. Allein dafür hat es sich gelohnt. 

Macht's alle gut, bleibt gesund. Lesen und kommentieren werde ich bestimmt noch weiter (bin so schlecht im loslassen...) 

29.01.2015 um 23:58 Uhr

Vegan? Och nöö.

 

Hier war ich heute essen. Mal ein Experiment: vegan

Wie ich da so anmutig, sittsam und mit geschlossenen Knien saß (ich könnte jetzt kerzengerade wie Kronprinzessin Victoria stundenlang die Nobelpreisverleihung über mich ergehen lassen, oder eine Adelshochzeit in der ersten Reihe; eine ganz neue Körperbeherrschung ist das, nur lädt mich kein Schwein ein), wie ich da also saß, die Karte studierte und den Kellner fragte, was "Mock Duck" ist und mir angewidert anhörte, dass es sich um irgendwas Klebriges aus Weizen handelt, das so ähnlich schmeckt wie Ente, schimpfte ich mich "Überwinde deine eingeschränkte Landpomeranzen-Herkunft, zimper nich rum und bestell es in Gottes Namen, immerhin ist Kartoffelpürree dabei." 

Als Alternative gab es gebratenes Tofu mit Rotkohl oder Rote Beete Gnocchi. Ich erwartete gespannt mein Essen, denn ich bin eine kosmopolitische Landpomeranze. 

Tja, eine Veganerin wird nicht aus mir. Ein Haps vom Kartoffelpürree ließ mich vermuten, dass Kartoffeln nur in homöopathischen Dosen verarbeitet wurden, aber man hätte mit ihm tapezieren können. Der erste, einzige und letzte Bissen von der klebrigen Ente aus Weizen beendete mein Experiment. 

Ich ließ das Essen umgehend zurückgehen, sowas Ekliges hatte ich noch nie, ich wollte es nicht mal mehr ansehen. Ich kaute auf Gummi, aber nicht auf niedlichen Gummibärchen, sondern auf... ich finde keine Worte... einer Mischung aus Abflusspömpel und Gartenschuhen, die in Blumenwasser gelegen haben. Womit ich nur die Konsistenz zu beschreiben versuche, nicht den Geschmack, denn es schmeckte nach gar nichts. 

Der Kellner war erschrocken, aber ich beruhigte ihn mit Trennungsmodalitäten: "Es liegt nicht an dir, es liegt an mir." Zu seinem und meinem Trost (ich war echt ausgehungert) bestellte ich mir das Dessert, einen Schokoladenkuchen, da kann man nichts falsch machen. Was auch immer sie da reingemischt haben, ich war versöhnt.


P.S. Fälschlicherweise vermutet man evtl. eine Restaurantkritik, ist es aber nicht, bzw. füge ich an: den anderen hat's geschmeckt, der Kellner war unglaublich freundlich, das gesamte Setting war unaufgeregt und angenehm ruhig

25.01.2015 um 20:37 Uhr

Der Pate von Friedenau

Ich laufe los, weil sitzen weh tut. Irgendwann steige ich in einen Bus ein (das ist das Schöne ohne Auto, wo man geht und steht, kann man einsteigen und aussteigen, eine ganz neue Freiheit ist das), ich lasse mich treiben, dann fällt mir ein, es ist verkaufsoffener Sonntag, eine gute Gelegenheit, mir einen Schrittzähler zu kaufen. Aber vorher was essen. 

Ich setze mich ins Chacaron, direkt gegenüber vom Forum Steglitz, von außen vermutet man eine Geldwäscher-Bude, drinnen bedienen blutjunge, freundliche Kinder Menschen und verkaufen Flammkuchen und selbstgebackenen Kuchen. Ich lebe gerade in der Flammkuchen-Dekade. Trinke wie immer schwarzen Tee dazu. Egal, was ich esse, dazu schwarzen Tee. 

Ein liebgewonnene Tradition aus meiner Zeit mit dem geschwollenen Gewerkschafter mit den geschwollenen Augen: bei ihm zuhause, also bei seinen Eltern, aß ich zum Abendbrot immer ein Leberwurstschnittchen mit schwarzem Tee und natürlich schmeckte es ungleich besser, als bei meinen Eltern. Seine Eltern waren ja auch viel toller als meine Eltern. Seine Mutter fand mich anmutig, jawohl, während meine Mutter nichts dergleichen an mir feststellte.

Ein Platz ist nur direkt an der Tür frei. Ein distinguierter alter Herr fragt, ob er sich an meinen Tisch setzen darf, ich nicke (ich sitze auf einem Barhocker an einem Thekentisch, tut fast nicht weh). Es wird wegen der Tür kalt im Rücken, drum suche ich mir einen anderen Platz. Etwas später stehe auf, geh durch den Laden und hole mir den Spiegel. Der Herr kommt zu meinem Platz "Sie haben sich den Spiegel geholt?" Ich schau ihn verwundert an, "Ja?" - "Kann ich mir dann die Gala nehmen?" - "Aber ja." - "Darf ich mich bedanken?" - "Nicht dafür." Er verbeugt sich leicht und setzt sich wieder still an seinen Platz.

Die Tür geht auf und ein Hüne von Mann, ca. 30, unbestimmter Herkunft, schlägt ihm zur Begrüßung auf die Schulter, sieht sich dabei -Verfolgungswahn im Blick - suchend im Lokal um, fragt ihn hektisch "Hat dich wer dumm angemacht?" Aha, wir sind also in Absurdistan.

Ich frag mich, wer diesen feinen Herrn dumm anmachen sollte? Und weshalb? Und warum vor allem hier? Ist das doch ein Geldwäscheladen? Und der Herr in Wirklichkeit Der-große-Kaiser-Maximus-von-Steglitz-Mitte? Der Typ sein Personenschützer? Es scheint fast so, denn der Alte blättert weiter in der Gala, während der andere stumm neben ihm sitzen bleibt. Ein merkwürdiges Paar.

Als ich gehe, spricht er mich noch mal an "Darf ich Ihnen einen schönen Sonntag wünschen?" Die Fragerei geht mir langsam auf die Nerven. Der bullige Typ mustert mich misstrauisch. Ich seh zu, dass ich vom Acker komme. Nicht, dass ich da in was reingerate und am Ende eine neue Identität an einem sicheren Ort brauche.

Rasch kaufe ich mir noch den Schrittzähler, laufe 3108 Schritte und verbrauche 63 Kalorien. Als Invalidin. Ich glaube, mir ist niemand gefolgt

24.01.2015 um 19:21 Uhr

Hexenschuss

Damals in Niedersachsen war es unter Frauen en vogue, einen Hexenschuss zu erleiden. Ich weiß nicht, wie oft ich meine Mutter, Tanten und Nachbarinnen klagen hörte, dass sie die Hexe geschossen hat. Meine kindliche Phantasie ging mit mir durch (ebenso wie bei dem Satz „Es ist etwas Kleines auf die Welt gekommen“ – weil „die Welt“ für mich auf dem Vordach zum Treppenhaus verortet war, aber niemals ein Baby dort abgelegt wurde); ich sah mich des Öfteren um, ob eine Hexe in der Nähe ist, um mich zu exekutieren. Ich blieb unversehrt.

Bis heute. Ich bückte mich harmlos und mir schoss ein Schmerz in den Rücken, von dem mir kotzübel wurde. Aus der gebückten Haltung kam ich nicht mehr hoch. „Verdammt!“, dachte ich, „man kommt ja wirklich nicht mehr hoch.“ Ich blieb eine Weile so stehen und hechelte den Schmerz weg. Wenn ich mich zufällig über einen schönen Blumenstrauß gebeugt hätte, wäre das eine schöne Gelegenheit zur inneren Einkehr gewesen, aber ich hing über dem Mülleimer. Mir brach der Schweiß aus.

Ich trippelte zum Küchentisch, stützte mich erleichtert ab und beglückwünschte mich zu diesem gelungenen Wochenende, an dessen Ende ich stehend und mumifiziert aufgefunden sein würde, vielleicht auch erst am Dienstag. Nach endlosen Minuten richtete ich mich langsam wieder auf.

Ein paar Stunden sind seitdem vergangen und ich weiß nun die Vorzüge der Somatisierung  zu schätzen: vor dem Knacks war mir so’n bissel oll zumute, denn ich habe heute, am heiligen Samstag, keine Verabredung und da bin ich noch ganz Mädchen geblieben, am Samstag keine Verabredung, dem bin ich nicht gewachsen und werde es nie sein; da hilft auch nicht, dass ich  mich gestern, an meinem ebenso geheiligten Freitag (Freitags geh ich nie weg) auf einer epochalen Party bis tief in die Nacht herumgedrückt habe, der Samstag muss für eine geglückte Lebensplanung aushäusig verbracht werden.

Aber seitdem ich mich vor Schmerzen krümme, bin ich versöhnt mit diesem Tag, denn nun habe ich ein Motiv, ein Alibi, ich könnte gar nicht vor die Tür, selbst wenn ich wollte. Ist das nicht schön?

Diclofenac intus, Wärmflasche im unteren Lendenwirbelbereich, bewege ich mich in Schonhaltung durch meine vier Wände, gekleidet in Flausch und Wolle, zufrieden mit mir und der Welt. Bis auf die fiesen Schmerzen halt und dem Unvermögen mich aus einem Sessel zu erheben, weil diese Vorwärtsbewegung viehisch weh tut.

Es wird Zeit für einen Notknopf, den ich um den Hals trage.

21.01.2015 um 22:44 Uhr

Omma parkt ein

In meiner Straße ist es totenstill. Die einzigen Krawallschachteln hier sind Amseln. Und Omma von nebenan. Omma ist 93 und fährt noch Auto. Einen uralten Golf Diesel. Tief gebeugt vom Morbus Bechterew tapert sie tagein, tagaus zum Auto, fährt weg, kommt wieder; sie hat Termine. 

Sie "behandelt privat", die Rente reicht nicht. Sie ist Physiotherapeutin. Ich stell mir vor, dass die Privatpatienten eigentlich kaum was von der "Massage" spüren können, denn sie wirkt so kraftlos mit ihren zarten 27 Kilo Lebendgewicht; vielleicht sind die Patienten aber auch schon 87 Jahre alt, haben Glasknochen und so sucht sich die Wunde die passende Wunde. 

Anyway: wir haben schon manch lustige Stunden auf Balkon und im Garten verbracht, wenn sie einparkt. Das sind zu Herzen gehende, halbstündige Versuche, sämtlich zum Scheitern verurteilt. Dabei haben wir keine Parkplatzprobleme. Wenn wir mal 30 Meter zur Haustür laufen müssen, sind wir schon beleidigt.

Sie kommt an, wir stöhnen auf. Sie findet einen Platz, fährt hin und zurück, zurück und hin, der Motor jault auf, noch mal hin, noch mal zurück. Sie steigt aus, geht in Zeitlupe ums Auto und stellt fest, dass sie einen Meter vom Bordstein entfernt steht. Mühsam fummelt sie den Schlüssel wieder ins Schloss, steigt ein, schnallt sich an, vor und zurück, der Motor qualmt. Erste Vergiftungserscheinungen machen uns benommen, die Bäume kommen nicht hinterher mit der Photosynthese, ich drück sicherheitshalber die Zigarette aus. 

Nebel umwabert uns, der Motor kreischt, die Vögel suchen das Weite, der Himmel wird dunkel, sie fährt vor und zurück, steigt aus, tapert ums Auto, 20 cm näher an der Kante, immer noch nicht optimal, also wieder rin inne Kiste. Anschnallen nicht vergessen, man weiß nie, die meisten Unfälle entwickeln sich aus Bagatellen.

Sie kurvt und kurvt, fährt noch mal los, dreht eine Runde um den Block, nimmt einen neuen Anlauf, mit Schwung, in der Hoffnung, dass sie das rechte Augenmaß beweist, steigt aus, es bleibt bei einem Meter Abstand. 

Es liegt sicher daran, dass sie nur nach unten gucken kann, sie sieht das große Ganze nicht mehr, nicht den Kontext, kann keine Kausalkette herleiten, es ist ein Jammer, sie steigt wieder ein - wir hören mit dem kichern auf, kommen nicht in den Himmel, wenn wir uns weiter amüsieren, soviel ist klar.

Irgendwann gibt sie auf, der Wagen steht immer einen Meter entfernt, egal wie oft sie es versucht. Macht aber nix, fährt man halt drumrum. Die Feinstaubwerte sind unter die Decke geknallt, es stinkt wie auf dem Nürburgring. Aber dass sie keine Lust hat Bus zu fahren, kann ich gut verstehen.
 
 

15.01.2015 um 11:09 Uhr

Wie ich beinah mal geheiratet hätte

Als ich 16 Jahre alt war und meine Freundschaften noch dramatische Tiefe hatten und daher unauflösbar für alle Ewigkeit schienen, beschlossen Michael S. und ich, in 10 Jahren zu heiraten, auf den Tag genau in 10 Jahren wollten wir uns treffen und EGAL mit wem wir zusammen sein werden, wieviel Kinder wir haben, wir würden alles stehen und liegen lassen, um uns zu heiraten.

Wir hielten das für ein gewagtes, interessantes Unterfangen, bei dem wir beide nur gewinnen konnten. Wir waren Harry und Sally aus Klein-Posemuckel. Meinen damaligen Freund Uwe unterrichtete ich sicherheitshalber nicht über unsere unausweichliche Trennung. Michael war mein Extra-Mensch. Ein Mann mit Tiefe. 

Meine ewige Konkurrentin Petra, die eifersüchtig auf jeden Jungen war, mit dem ich zu tun hatte, verstieg sich in nebulöse Andeutungen, dass sie etwas über Michael wisse, was mir den Atem rauben würde und meine Pläne zerplatzen ließe, wenn ich erst mal die ganze Wahrheit wüsste.

Wochenlang schwadronierte sie herum, um mir eines Tages bedeutungsschwer mitzuteilen "Michael... Michael ist das Subjekt seiner Umgebung." - "Das ist ja furchtbar" antwortete ich, den Anschein erweckend, die ganze Tragweite dieser Neuigkeit zu erfassen, aber natürlich verstand ich nur Bahnhof (noch heute bekomme ich Lachkrämpfe, wenn ich an unser Geschwurbel denke).

Anyway, wie ging es weiter mit Michael, dem Mann mit Tiefe? Als ich ihn ca. fünf Jahre später zufällig in einer Tanzbude traf, meinte er wenig tiefschürfend "Also, dass ich mit dir nie gepennt habe, bedaure ich noch heute." Ich wies das Subjekt seiner Umgebung beleidigt darauf hin, dass ich da auch noch ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Und mit so einem hatte ich mal Pläne! Dieser Trottel, ein wenig mehr Charme und...

Weitere 10 Jahre später traf ich ihn auf einem Klassentreffen wieder. Inzwischen trug er einen albernen Oberlippenbart, hatte aber wieder zu alter Tiefe zurückgefunden: er zog in ehelicher Gemeinschaft die zwei Kinder seiner 12 Jahre älteren Gattin auf. Das hätte niemand von ihm erwartet, mit einer über 40jährigen, whow, denn er war immer der sexiest man alive (von Posemuckel). Aus unseren Plänen wurde nichts.

13.01.2015 um 21:34 Uhr

Einmal reicht

Nachdem ich heute Nacht zweimal aus meinem ganz persönlichen Splattermovie aufgewacht und mich beim dritten Mal gezwungen habe, aufzustehen, Licht und Glotze anzumachen, um aus den Klauen einer unerquicklichen REM-Phase zu gelangen, hätte ich mich beim Verlassen der Wohnung immer noch nicht gewundert, wenn ein abgeschnittener Pferdekopf vor der Tür gelegen hätte. Und das mir, die nicht mal Shining gesehen hat, weil schon die Erfahrungsberichte anderer mein Blut gefrieren ließen. Alpträume, zu was sind die eigentlich gut? 

Um meine Nerven zu schonen, lebe ich in einem beschaulichen Teil Berlins. Freundliche Kinder und Jugendliche aller Nationen, selten nervige Erwachsene, von den Busfahrern mal abgesehen, ein hübscher Wald, eine Freundin nennt das Ganze in Ermangelung einer Kindheit im Westen "Bollerbü".

Im Bus bekam die Matrix einen Riss. Ein psychopathisch angehauchter Jugendlicher der dritten Generation auf Tilidin rastete aus, weil er sich angeglotzt fühlte. Binnen Sekunden eskalierte die Situation und er schlug um sich. Der Bus hielt auf freier Strecke an, eine Frau fragte gleichermaßen scharf und ruhig, ob er jetzt aussteigen möchte. Sie wiederholte das mehrmals mit fester Stimme. "Warum soll isch aussteigen, Fotze?" - "Weil hier Kinder sind." Offenbar erreichte sie eine funktionierende Gehirnzelle; rempelnd stieg er aus und trat von außen gegen den Bus. Der Bus fuhr weiter, keiner verlor mehr ein Wort, zivilisierte Leute. Es gibt auch nicht motzende Berliner, die sich würdevoll ihren Teil denken.

"Wie gut", dachte ich, "dass ich heute abend zum Feldenkrais gehe, das wird mich beruhigen." Hab mich spontan mit einer Freundin angemeldet, die mich am Sonntag fragte, ob ich das kenne. 

Und ob ich das kenne. Vor zig Jahren machte ich mal eine Schnupperstunde und werde mir nie erklären können, weshalb mich eine Stunde auf dem Rücken liegen, das linke Bein aufgestellt, den rechten Knöchel auf dem anderen Knie abgelegt und ganz leichtes hin und her Geschaukel in hypnotische Tiefenentspannung versetzte, die noch Stunden anhielt. Ich war nicht mal in der Lage, Piep zu sagen. Was mich nicht gehindert hat, nie wieder dorthin zu gehen. 

Aber heute ab in die VHS. Der Trainer hatte nur einen Arm, bzw. anderthalb und fuchtelte selbstbewusst mit ihm herum, was ich ja gut finde. Kann man sowieso nicht verstecken, warum also den Versuch machen? Ansonsten scheint er viel zu rauchen und zu trinken, oder hat es früher mal getan und zu spät damit aufgehört, als die allgemeine Ramponierung nicht mehr rückgängig zu machen war. Er berlinerte und lispelte stark. Eine ungewöhnliche Besetzung. Sonst machen das ja immer so blutleere Geschöpfe.

Legt euch mal anderthalb Stunden auf den Rücken und rollt das Becken leicht nach oben und wieder nach unten und zwar so leicht, dass man es von außen gar nicht sieht. Meine Bedürfnisse wechselten zwischen "Ich kack dem jetzt auf die Yogamatte" zu "Gleich entbinde ich." und "Würde mir bitte jemand ein Kind machen?" Irgendwann war ich des bescheuerten Rollens müde und schlief ein. Das hatte er zu Beginn der Stunde ausdrücklich erlaubt.

Ich wachte auf, verweigerte meiner Freundin jedes Gespräch und lief energisch nach Hause. Ich glaub, das reicht erst mal wieder für fünf Jahre.

10.01.2015 um 15:43 Uhr

Muss ja

Das Universum oder sonstwer will, dass ich entschleunige und schlägt mir Schnippchen.

Mein 12 Jahre alter Laptop braucht 25 Minuten, bis er hochgefahren ist; geschenkt, schalte ich ihn halt Dienstag ein, damit ich Freitag schreiben kann und hab zwischendrin zu tun. Aber das Universum ist ja nicht doof. Egal, wie lange das Ding hochgefahren ist und still der Dinge harrt, die da kommen: sobald ich meine Tastatur anrühre, werden Sicherheitsupdates hochgeladen. Das braucht wieder Stunden. Egal, tapeziere ich mein Wohnzimmer in der Zwischenzeit. Starte ich einen neuen Versuch, hat das Sicherheitsupdate einen Virus gefunden. Gut, klicke ich auf "entfernen". Tage vergehen. Ich bringe meanwhile meinen Sohn zur Welt. Nach überstandener Wochenbettdpression denke ich, schreib doch drüber. Ich linse in mein Büro, vorsichtig, setze mich an den Rechner, berühre die Tastatur, erwischt, ein neues Sicherheitsupdate ist fällig. Ein klein wenig Ungeduld macht sich breit.

Ich überlege zu investieren. Mir ist einiges geschrottet in den letzten Wochen. Der Geschirrspüler, die elektrische Zahnbürste, mein Auto-Gott-hab-es-selig ist in der Hand von Albanern, ich beschäftige mich in meiner Freizeit mit Dingen wie warten, umsteigen, abwaschen. Ich hab jetzt nicht nur den Wochenendeinkauf, sondern auch den Wochenendabwasch. Ich sollte das Essen einstellen, dann spare ich Geschirr.

Es ist aber auch abenteuerlich, so ein Leben. Aufmerksam verfolge ich die katwarn-Meldungen. Heute ist es verboten, in den Wald zu gehen, wegen der losen Bäume. Aber ich muss raus, aufs Rad, den Gezeiten und Stürmen trotzen, sogar meine Frisur ist mir egal, als Lord Helmchen stemme ich mich den Orkanböen entgegen und wenn ich mich dann von Leben verarscht fühle, lese ich ein bisschen in "Ich bleib so Scheiße, wie ich bin", dann weiß ich wieder, dass das Leben nun mal so ist und ich keine Schuld daran trage.

Und dass es vollkommen sinnlos ist, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen, ich zitiere:

"Oder haben Sie sich jemals vorgenommen, sich mehr an Kleinigkeiten zu freuen? Es ist ganz einfach. Bleiben Sie zu diesem Zweck bei einem Ihrer nächsten Spaziergänge oder auf dem Weg zum Supermarkt vor einem Blumenbeet stehen. Betrachten Sie eine der Blumen so aufmerksam wie möglich. Nehmen Sie alles ganz bewusst wahr: Die zarten Blütenblätter, die intensive Farbe, den betörenden Duft. Freuen Sie sich an jedem Detail - bis Sie nach ein paar Minuten die ersten Anzeichen einer schweren, depressiven Verstimmung spüren."

Selbstliebe steigern, zwecklos:

"Probieren Sie, Ihre Selbstliebe zu steigern. Stellen Sie sich vor den Spiegel und sagen Sie laut zu sich selbst: 'Ich bin schön, ich liebe mich, so wie ich bin, ich habe alles Gute auf dieser Welt verdient.' Wundern Sie sich nicht, wenn es Ihnen die Tränen in die Augen treibt und Sie schluchzend in Ihrem Badezimmer zusammenbrechen."

Endlich mal die Wahrheit.

05.01.2015 um 22:13 Uhr

My office is my castle

Der erste Tag im eigenen Büro. Was für eine Wonne. Mich hat es am Wochenende gejuckt, meinen Urlaub zu verkürzen und schon mal hinzufahren, um alles einzuräumen, aber ich riss mich zusammen. Man sollte nur gegen Bezahlung räumen.

Das Büro ist klein, hat aber sogar einen Besprechungstisch und zwei Besucherstühle. Nie wieder geparkte Praktikanten oder Auszubildende. Man kann sagen, ich hab's geschafft. Mehr ist nicht drin. Meine eigene kleine Zelle. Eine Tür und die bleibt zu. Stille. Herrlich.

Ich war so beschäftigt mit einräumen und dem Chaos nach 14 Tagen Urlaub, dass ich nicht mal mein Handy aus der Tasche holte, geschweige denn hier oder anderswo linste, ob sich was tut. Eine Arbeitnehmerin, wie sie im Buche steht. Ein beglücktes, hochkonzentriertes Rädchen im Getriebe. 10 Stunden durchgearbeitet, ganz unangestrengt. Gebt Mitarbeitern, was sie sich wünschen und sie arbeiten sich freiwillig tot.

Kenne Leute, die wären kreuzunglücklich, wenn sie alleine sitzen müssten. Versteh ich nicht.

Eine Freundin von mir leidet entsetzlich, weil sie mit einem Kollegen in einem Zimmer sitzt, der außer "Guten Morgen" und "Tschüss" kein Wort mit ihr spricht. Schweigen halte ich für Königsklasse, aber ich sehe ein, dass es ein angenehmes Schweigen sein sollte, von beiden gewollt, damit man sich wohl fühlt. Ich nehme an, dass sein Schweigen sehr beredt ist. "Schwall mich nicht zu, mich interessiert nix von dem, was du erzählen willst." Das will niemand hören, nonverbal schon gar nicht.

Es ist fabelhaft, dass ich keine Tür mehr im Rücken habe, keine links von mir und keine vor mir. Das ist besser als ein Stressless-Sessel. Wird man gemütskrank von, wenn sich jederzeit eine Horde Kollegen von allen Seiten ins Zimmer ergießt. Jetzt sitze ich in einer beschaulichen kleinen Sackgasse, in der niemand in meinem Rücken herumkreucht.

Aber ich fange an, mich zu wiederholen. Es dürfte wohl auch dem Letzten klar geworden sein, dass ich neben geselligen und geschwätzigen Persönlichkeitsanteilen auch autis... Quatsch, fang ich mal nicht an zu pathologisieren.

Zum Schluss ein Buchtipp gegen den grassierenden Selbstoptimierungswahn:
Rebecca Niazi-Shahabi "Ich bleib so scheiße wie ich bin"
Wunderbar klug geschrieben. Kein dämlicher Ratgeber. Einfach nur gut.

02.01.2015 um 19:26 Uhr

Bad Doberan, mon amour

Diese festliche Stadtdekoration möchte ich nicht vorenthalten.
Vielleicht ein Hinweis auf das Waldsterben.


  

  

Auch die Schaufensterdeko besticht.




28.12.2014 um 17:24 Uhr

Alles weg ab 10.12.

Nee, nee, nee, kann nicht wahr sein. Alle Beiträge seit dem 10.12. sind weg. Das nervt. Ich zieh um. 

09.12.2014 um 00:02 Uhr

Obligatorisch

Obwohl ich Weihnachten wenig abgewinnen kann, tu ich doch alles dafür, mich nicht als Misfit verdächtig zu machen. Kommt man in meine Wohnung, vermutet man eine Liebhaberin. Als am 1. Advent meine Mutter in Berlin war, lief sie stracks in den Garten, rupfte Gestrüpp zusammen, um mir einen Kranz zu binden.

      

Dann hübschte sie zwei Blumen auf mit weiterem Gestrüpp. Ich dekorierte derweilen auch.

  

Dann betätigte ich mich vorweihnachtlich bei Frau Thüringen.

     

MvFT illuminierte die im letzen Jahr erworbenen Erzgebirgischen Schnitzereien.



Er sah uns beim Essen zu und räumte den Tisch ab, wofür er von zwei Frauen belobigt und gepriesen wurde, während die Dritte anfing zu meckern, wir sollten mal die Kirche im Dorf lassen, so bemerkenswert sei das nun auch wieder nicht; die Vierte, seine Kameradin nickte eifrig dazu. "Aber denk doch, wir müssen ihn auf dem Hof halten", verteidigte ich ihn.

Bis zu dem Moment, als er mich bezichtigte, so ein "Billigteil" erworben zu haben, womit er meinen Mantel meinte, aus dem die Daunen leider in Massen entweichen. "Kannste vergessen, das Teil. Da fehlt 'ne Schicht Stoff, die das verhindert." Ich dachte laut, ob wir ihn wirklich auf dem Hof brauchen und Frau Thüringen nickte wieder eifrig.

Am nächsten Tag rief ich bei Lands End an. "Tja, das Problem haben wir leider öfter mit diesem Mantel. Unter uns, da fehlt so eine Schicht Stoff, die das verhindert. Man könnte ihn auch mit heißen Nadeln nähen, das verschweißt die Nähte, aber auf mich hört ja keiner. Wissen Sie, ich bin vom Fach. Am besten ist, Sie schicken ihn zurück, mit einem anderen werden Sie auch nicht glücklicher." 

Botschaft angekommen. Mantel geht, MvFT bleibt. Mit einem anderen werden wir auch nicht glücklicher.

07.12.2014 um 00:52 Uhr

Früher war mehr Lametta

Weihnachtsgeschenke kaufen = Geißel der Menschheit. Ich weiß nicht, ob ich langsam alt werde, oder aus anderen Gründen eine gewisse Dünnhäutigkeit bzw. Durchlässigkeit besteht: heute dachte ich, dass ich mich in eine krebsverursachende, ätzend pinkfarben glitzernde Christbaumkugel verwandeln werde, wenn ich nicht sofort aus dem Laden rauskomme. Ein Overkill an Gedudel, Geblinke und Geschubse, nicht zum aushalten. Leider habe ich immer noch nicht alles. Kein Wunder, kaum bin ich drin, will ich schon wieder schreiend raus. Wenn nächste Woche von einem Amoklauf in der Schloßstraße berichtet wird, das war dann ich.

War früher alles besser? Doch, schon.

Ich kann mich an Uhu-Duft erinnern, wenn wir aus Goldpapier Kreise schnitten, halbierten und zu Tütchen zusammenklebten, um am Ende daraus eine große Kugel zusammenzukleistern. Oder wie wir auf dem eiskalten See Schlittschuh gelaufen sind, mit selbstgestrickten Bommelmützchen. Wie ich am Küchenfenster klebte, in den dunklen Himmel sah und mir schwindelig wurde von dem Schneegestöber draußen.

Wie ich meiner Oma begeistert meinen ersten Cassettenrekorder vorführen wollte, aber leider die Leercassette eingepackt hatte und nicht die mit 'Roy Black und Anita', womit ich sie ehrlich gesagt schockieren wollte, ob meines fabelhaft innovativen Musikgeschmacks, den ich zugegeben erst Stunden zuvor kritiklos von meinen Eltern übernommen hatte, denn sie hatten mir das Machwerk ja geschenkt. Damals gab es noch keinen Rolf Zukowski und wer weiß, wozu es gut war.

Wie es bei meinen Großeltern noch den Kindertisch gab, an denen meine Schwestern und Cousins saßen, im Nebenzimmer natürlich, damit wir nicht störten. Kinder wurden von Erwachsenen
getrennt gehalten. Hatte man als Kind ja auch irgendwie seine Ruhe. Was die sich heutzutage schon alles anhören müssen, weil sie überall dabei sein dürfen müssen.

Wie Heiligabend der einzige Tag im Jahr war, an dem traditionell die Glotze ausblieb (mein Vater war begeistert besessen vom Fernseher, zum Leidwesen meiner Mutter. Und zu meinem, denn ich durfte nie Raumschiff Enterprise gucken, wegen der Sportschau. Oberste Direktive). Wie meine Schwester sich eine Ohrfeige einfing, weil sie zur anderen Oma, die an der Kaninchenkeule nagte, schnippisch sagte "Kannst ja gleich auf den Friedhof gehen und die Knochen ablutschen". Wie ich meine erste und letzte Sofortbildkamera bekam, auf deren Film aber nur 10 Fotos waren und es dabei blieb, weil die Filme ein Vermögen kosteten. Die zehn Fotos gibt es aber heute noch.

Wie ich einmal einen ganz tollen Sessel für mein Zimmer geschenkt bekam, ich mich aber am allermeisten über einen Notizblock gefreut habe. Er war aus braunem, geriffelten Papier und auf jeder Seite stand in dicken Lettern "Notes". Hypermodern. Ich hatte ihn jahrelang, denn ich benutzte ihn sehr sparsam. Nachhaltigkeit - wer hat's erfunden?

Später dann, als ich stundenlang an der Grenze stand, um Weihnachten nach Hause zu fahren. 'Driving home for Christmas', höre ich heute noch gerne. Als mein Freund und ich am 23.12. im tiefsten Schnee bei Magdeburg liegen blieben und ein freundlicher Berliner uns bis nach Helmstedt abschleppte; es war eine ganz helle Nacht, das ist ja das Gute an meterhohem Schnee. Seitdem hatte ich immer eine Decke im Auto, jedenfalls bis zur Maueröffnung.

Noch viel später luden die Graue Eminenz und ich das erste Mal unsere Sippen zu uns ein, er schleppte einen Weihnachtsbaum an, den er mit meiner Nichte schmückte und ich war plötzlich im Rama-Familienland, wobei es hinter den Kulissen nicht ganz so harmonierte, wie wir uns den Anschein gaben. Sein Vater textete uns zu, jeder vermied angestrengt Blickkontakt mit ihm, weil man sonst auf Stunden verloren war und als die Eminenz irgendwann die Contenance verlor "Vadda, da könnteste auch erzählen, dass in Goslar n'Aldi aufgemacht hat" und zur Antwort bekam "Ach, in Goslar gibt's'n Aldi? Wo denn?"

Als wir das erste Mal bei seinen Eltern gefeiert haben und mir ein Fotoalbum in die Hand gedrückt wurde und ich irgendwann beim umblättern aufschrie, weil die tote Ur-Oma im Bett lag. Sie starb beim Mittagsschlaf und das wurde halt dokumentiert, von links, von rechts und vom Fußende. Und ich Zimperliese hatte gleich mal wieder eine Posttraumatische Belastungsstörung. Wie wir noch Jahre später Lachkrämpfe bekamen, wenn wir das erzählten.

Doch... Weihnachten hatte seine Momente.

04.12.2014 um 21:23 Uhr

Alle Jahre wieder

Vorausschauend schickte ich meinen Kollegen im September einen Doodle-Link zwecks Terminfindung für die Weihnachtsfeier. Dazu schrob ich: „Erst Kino, dann essen gehen – was meint ihr?“ Die eine Hälfte antwortete erleichtert, das wäre eine gute Idee.

Kein Wunder, uns steckt noch der unsägliche Karaoke-Abend vom letzten Jahr in den Knochen, der längst nicht so lustig war, wie erwartet und an dem Cheffe zwar alles gab, sich als kongenialer Kumpel seines 'Teams', wahlweise seiner 'Mannschaft' zu gerieren, bei den meisten jedoch akutes Fremdschämen verursachte, als er fünfeinhalb nicht enden wollende Stunden Minuten 'Bohemian Rhapsody' intonierte (wobei selbst das nicht so peinlich war, wie bei der ersten gemeinsamen Weihnachtsfeier, als er dem Kellner in einem epochalen Anfall von Großzügigkeit beschied "Ich übernehme eine Flasche Wasser.").

Die andere Hälfte ignorierte meine Mail. Sie hielten mich für übergeschnappt, im Spätsommer nach Terminen zu fahnden. Dabei weiß doch jeder, dass die Fahndung ab November selbst den einsamsten Witwer und Vollwaisen mit Asperger Syndrom auf wundersame Art über Terminnot klagen lässt.

Als ich auf einem Seminar war, besprachen sie die Weihnachtsfeier. Nun haben wir einen Kollegen, der kann nie irgendwas stehen lassen. Er hat immer Optimierungsbedarf. Er hielt endlose Reden, Kino fände er nicht gut und auch Cheffe meinte, es müsse was Kommunikatives her. Er sieht sich halt als Kamerad und hält seinen Führungsstil erst dann für gelungen, wenn wir uns mit roten Bäckchen lachend umhalsen wie in Bullerbü.

Cheffe übertrug die weitere Planung dem Kollegen. Dieser gründete sogleich einen Arbeitskreis mit einer anderen Kollegin und über Wochen mieteten sie stundenweise unseren Konferenzraum, um hinter verschlossenen Türen ein Konzept zu schreiben. Ich schlug im Geiste die Hände über den Kopf zusammen.

Als ich Anfang November mit Grippe zuhause litt, erreichte mich die Nachricht, es sei vollbracht. Aus 'all den Vorschlägen' hätte dieser das Rennen gemacht:

  • zunächst Schrottwichteln im Büro
  • dann Besuch des Technikmuseums
  • zum Schluss Futtern beim Italiener

Herrgottszeiten, wie lange soll sich das denn hinziehen? Allein, um von A nach B zu kommen, werden Stunden meiner Lebenszeit verplempert. Und dann: Technikmuseum. TECH-NIK-MUSEUM. A dream comes true. Wo ich so Technik affin bin. In zugigen Hallen vor Bahnwaggons zu stehen, fachsimpelnd vor demolierten Flugzeugteilen hockend, kann es was Schöneres geben? Aber ich musste wohl froh sein, dass kein Saunabesuch auf der Agenda stand.

Zurück im Büro, wollte ich wissen, was denn die anderen Vorschläge gewesen sind. Kein einziger konnte oder wollte sich daran erinnern. Mein eigenes Optimierungsbedürfnis ausgehebelt durch kollektive Amnesie. Es wurde resigniert abgewunken: "Glaub mir, das war noch das Beste von allem."

Diese Woche meldete sich das Planungsteam krank. Na toll, und wir sollen morgen den ausgeheckten Käse über uns ergehen lassen. Ich überlegte mir seit Tagen eine Laxt Exit Strategie. Mein Immunsystem kam mir zu Hilfe, ich bin schon wieder malade, und bereitete Cheffe heute früh vorsichtig darauf vor, dass ich mich wegen fiebriger Grundstimmung womöglich empfehlen muss, leider.

Dann hatten wir Abteilungsbesprechung. Der Erste, der den Mund aufmachte, meinte, dass wir den Besuch im Technikmuseum vielleicht doch fallen lassen sollten. Whow, ein Aufrührer. Ich konnte mein Glück kaum fassen und war spontan geheilt. Es bleibt beim Schrottwichteln und essen gehen. Schlimm genug, Käsehäppchen mit Feigensenf in der Astor Filmlounge entspräche eher meiner komplexen Persönlichkeitsstruktur, aber irgendwas ist eben immer.

Kurzerhand verkündete ich, dass ich uns ein Großraumtaxi zum Italiener bestelle und mit Blick zu Cheffe „Das kontiere ich dann auf dein Spesenkonto.“ Klappe zu, Affe tot. Warum nicht gleich so?

03.12.2014 um 22:42 Uhr

Berufsberatung

  • "Übrigens, das Kind kann ja Bettina Böttinger werden, die hat auch Geschichte und Germanistik studiert."
  • "Ich hasse Bettina Böttinger."
  • "Ja, aber guck, aus der ist was geworden."
  • "Oh näääh, da macht man keine Scherze mit."
Das Kind wirft ein, dass es Männer liebt.
  • "Das wär uns egal. Ham wa immer gesagt. Hauptsache glücklich."
  • "Nur mit Tieren nicht."
  • "Nee, das wolln wa nich."

26.11.2014 um 22:52 Uhr

The Sopranos

Eine meiner Lieblingsserien. Deshalb und weil jemand zum anbeten gefunden werden soll, bin ich da heute Abend hin, ins Kennedy Museum. Anbetungswürdig war niemand, allerdings weiß ich jetzt, dass ich die falsche Berufswahl getroffen habe. Wissenschaftlerin hätte ich werden sollen, Schwerpunkt nordamerikanische Fernsehserien. Dann könnte ich mich feiern lassen, weil ich aufmerksam fernsehe und hinterher in überhitzten Räumen meinen Senf dazu gebe. 

Natürlich müsste ich mir noch einen wissenschaftlich aufgeblähten Sprachschatz aneignen, um das Hipster Jungvolk mit ausreichend Klugscheißer-Gesprächsstoff zu versorgen. Aber am Ende kommt es aufs Gleiche raus: why the fuck haben die das so enden lassen? Lustig war, dass in Amiland die Hauptnachrichten darüber berichteten und erboste schockierte Leute interviewten, die erzählten, wie sie aufgejault hatten, als die vermeintliche Bildstörung sie um das Ende betrog und dass das halbe Mietshaus mit aufjaulte. 

So saß ich damals auch im Bett, vergrippt und die letzte Staffel in einem Rutsch guckend, was, wie ich meine, eine äußerst sinnvolle Beschäftigung bei Grippe ist. Ich drückte am DVD Player herum, bis ich begriff, keine Störung und laut "Hää?" maulte.

Es gibt jede Menge hausgetrickte Variationen und Parodien der letzten Szene, sogar Hillary und Bill Clinton haben das sehr humorvoll verwurstet.

Fazit: die Veranstaltung war wie ein Bonus Track, wäre ich 2007 schon ein bißchen fitter auf der Bereifung gewesen, hätte ich das alles längst auf youtube sehen können.  

In der s-Bahn auf dem Nachhauseweg kam es zu einem Beinah-Unglück, dass ich beinah verpasst hätte, obwohl es direkt hinter mir passierte. Eine Frau sagte auf einmal sehr laut "Ach du Scheiße!", gefolgt von Stille, also las ich via Smartphone weiter Blogs (wo ich gehe und stehe mache ich das, eine neue Sucht, hurra!). Bis der junge Mann in der Reihe nebenan seine Freundin vom Schoß schubste, hektisch zur Tür sprang und mit ein paar anderen Männern einen Mann befreite, dessen Fuß eingeklemmt war. Der muss die Zeit zwischen "Ach du Scheiße" und dem beherzten Einsatz einfach nur stumm auf seinen eingeklemmten Fuß gestarrt haben, erst als er befreit war, fuchtelte er entschuldigend mit seinem Handy rum, er sei unkonzentriert gewesen. Wahrscheinlich hat er auch in Blogs gelesen. 

19.11.2014 um 22:50 Uhr

In einer anderen Welt

Am Samstag war ich auf einem privaten Charity Dinner. Ein Mann, Doktor einer Naturwissenschaft, in der ich völlig unterbelichtet bin, fiel vor zig Jahren ins Koma, Locked in Syndrom, durch stringenten Einsatz seiner kämpferischen Gattin zurück ins Leben geholt, heute schwerst behindert - stellt euch einen mühsam laufenden Stephen Hawking vor - lud ein zu einem 4-Gänge-Dinner, dessen Erlös eine Stiftung zur Erforschung jenes Syndroms erhalten sollte.

Er ist ein alter Freund meiner Kollegin bling-bling. Ich bin da ihr zuliebe hin, wenn auch sehr unlustig; ich schrecke zurück vor schwerst kranken Menschen, wofür ich mich schäme. Sowas überhaupt zu denken, ist ja schon schlimm. Dass es einem zuviel ist, zu anstrengend, zu mühselig, zu abschreckend.

Naja, ich komm da also an, betrete eine riesige Altbauwohnung, voller Kunst und Bücher, lauter fremden Menschen, die in der Küche hantieren; er selbst steht grotesk gebeugt in einem Zimmer, eine jämmerliche, stumme Gestalt, ich begrüße ihn kurz, weiß nicht, was ich sagen soll und denke, das kann ja heiter werden. Vier Gänge, das dauert, wie übersteh ich nur den Abend? Muss er gefüttert werden, wird er sabbern, all so'n schrecklichen Scheiß denke ich.

Dann kommen auch noch Musiker, Minnesänger, ausgerechnet (!), zwei Männer, eine Frau, die jedes nur denkbare Klischee erfüllen. Die Klamotten, der Habitus, alles, was ich gemeinhin abschätzig betrachte. Um allem den Hut aufzusetzen, erscheint ein Paar mit einem zweijährigem Kind. Was hat ein zweijähriges Kind auf einer Abendveranstaltung zu suchen? Muss das nicht im Bett liegen? Das Lütte wird doch in spätestens einer Stunde nur noch rumquarken und wir werden so tun müssen, als ob wir es nicht hören.

Alles wurde ganz anders.

Es waren 18 Leute da, die größtenteils und heiter das absolut köstliche Essen vorbereiteten und kredenzten. Es war ein Gerenne und Gehole und Gebringe. Jeder der vier Gänge war so lecker, dass ich mich drin wälzen wollte, die Gespräche waren anregend, wenn auch er, die Hauptperson, kein Wort sagte, sondern nur versonnen lächelte.

Zwischen den Gängen spielten die Musiker. Nun ja, nicht meine Musik, aber ich konnte sehr wohl anerkennen, dass sie ihr Handwerk verstanden, außerdem die Texte aus dem vierzehnten Jahrhundert übersetzten - ich kann nur sagen, die Liebe war schon damals nicht nur spaßig. Poetisch waren sie schon, seinerzeit im Mittelalter. Zeitgemäß geradezu. Die Combo bestand aus einem ehemaligen Paar und einem aktuellen Paar: will sagen, sie erst mit dem einen, dann mit dem anderen. Sie schienen sich wohlgesonnen, sie hat auf jeden Fall die Hosen an, auch wenn sie eins dieser unsäglichen Flatterkleider trug.

Irgendwann wollte die Hauptperson etwas sagen. Es wurde ganz still am Tisch. Mit kaum hörbarer Stimme bedankte er sich für unser Kommen, für die Musik, das Essen und ich fühlte mich vom Blitz getroffen. Er strahlte so eine Güte, Milde und Bescheidenheit aus, dass ich dachte, wie kann ein Mensch, der so zu leiden hat, so eine Ausstrahlung haben und weshalb beklage ich mich so oft über dieses und jenes und über meinen Chef, wo ich doch immerhin einen Chef habe, über den ich mich ärgern kann? Und ich brauche auch keine drei Tage, um vom einen Zimmer ins nächste zu kommen, nein, flugs bin ich an der Bushaltestelle und ich muss auch nicht überlegen, wie ich da reinkomme und an das Verlassen der S-Bahn muss ich auch keinen Gedanken verschwenden. What the fuck rege ich mich eigentlich auf? Was habe ich auszuhalten? Nichts. In Relation zu ihm rein überhaupt gar nichts.

Das Kind übrigens blieb den ganzen Abend still auf dem Schoß seines Vaters und schaute interessiert in die Gegend. Später fing es an zu lächeln. Und das war es auch schon. Das sanfteste Kind ever. Entspannte Eltern, entspanntes Kind.

Eine Frau musste früher gehen, sie hatte die skurrilste Erklärung, die ich je gehört hatte: sie ist Krankenschwester und schaut täglich nach ihrer alten Nachbarin. Kurz bevor sie aufbrechen wollte, klingelte sie bei ihr, aber es wurde nicht aufgemacht, also nahm sie den Schlüssel und ging in die Wohnung. Sie fand die alte Dame tot im Fernsehsessel. Was tun? Die Polizei (oder wen auch immer man in so einem Fall benachrichtigt) zu holen und das folgende Prozedere würde Stunden dauern; sie wollte aber die Hauptperson nicht enttäuschen, so ließ sie alles, wie sie es vorgefunden hatte und beschloss, später alles in die Wege zu leiten. Tja, und mir grauste vor der Fahrt mit der S-Bahn nach Hause. In Relation wohl ebenfalls ein zu vernachlässigender Umstand.

Ein surrealer Abend.


  

16.11.2014 um 21:13 Uhr

Draußen vor der Tür

Feuerbachstraße, Samstag, früher Abend.
Ein Paar und eine Frau in den Sechzigern setzen sich schräg gegenüber. Die Frau schmal, drahtig, jungenhaft,
 hält einen enervierenden Vortrag über ihre Badminton-Sporthalle, das blendende Licht, die Schwierigkeit den Federball zu erkennen, demzufoge von ihm getroffen zu werden, anstatt ihn zu retournieren, die Lösung, ihn mit Textmarker anzumalen, geht über zu ihren Kollegen, die sich in der Mittagspause in ihre Smartphones vertiefen, "Das werde ich nie verstehen", empört "Was machen die da nur? Dass man einmal guckt, versteh ich ja, aber die ganze Zeit und ich sitz dann da wie blöde." Hochgradiger Sprechdurchfall. Wenn ich mit der Frau Pause machen müsste, würde ich mir zur Veranschaulichung meines mittäglichen Schweigegelübdes Mixed Pickles in die Ohren dekorieren und eine Schlafbrille aufsetzen.

Schöneberg, Samstag Nacht
Ein Mann stürzt in letzter Sekunde in die S-Bahn. Schwankt, Bierpulle in der Hand. Gut gekleidet, Gesicht nicht gezeichnet. Gepflegt. Setzt sich, randaliert nicht, nur hackedicht, auf stille Art. Steigt Rathaus Steglitz wieder aus und entschwindet mit Korsakow-Syndrom in die Nacht.

Rathaus Steglitz, Sonntag Nachmittag

Derselbe Mann steigt ein, wieder Bierpulle in der Hand. Nüchterner als gestern Nacht. Steigt Schöneberg wieder aus. Keine nennenswerte Gangstörung. Sein Radius scheint begrenzt, deckt sich aber mit meinen Terminen. Die Welt ist klein.

Südkreuz, Sonntag Nachmittag
Mann steht am Gebüsch, kaum 50 Meter entfernt von wartenden Passanten vor dem Bahnhofseingang. Fummelt sich umständlich an der Hose und pinkelt gemächlich in die Botanik. Nicht versteckt, nicht nach Privatspähre suchend, leicht gebeugt. Fummelt alles wieder rein, bleibt vornüber gebeugt stehen, sinnierend, fummelt alles wieder raus, weiter geht's im Takt. Die Prostata? Frage mich, was passieren würde, wenn Frauen mit Blasenentzündung keine Lust hätten, die 50 Meter zum Bahnhofsklo zu laufen. TaTüTaTa...

Tempelhof, Sonntag früher Abend
Ein Paar steigt ein, Mitte Zwanzig. Sie bleiben stehen. Sie spricht, sucht seinen Blick, er schaut über ihren Kopf hinweg, antwortet nicht. Sie lehnt sich an ihn, schließt ihre Arme um seinen Rücken, legt ihren Kopf an seine Brust. Er nimmt seine Arme hoch, als wolle er ausgiebig gähnen, streckt sich, es sieht aus, als wolle er sie abschütteln. Es klappt, sie gibt auf und rückt traurig ab.


Taxistand
Ich steig ein, nenne das Ziel, Fahrer erkennbar sauer, stöhnt auf. "Ist Ihnen die Strecke zu kurz?" - "Nee, isch hab Ärger mit Kolläge. Darf ich nicht Du sagen. Kommen alle von Horwad. Oder wie heißt amerikannische Uni?" - "Harvard?" - "Korrekt. Horwad. Hab isch ihm gesaggt, komm her und kannst mich berührren, wirst du sähn, was passiert, berühr mich nicht, wir können Freunde sein. Sagt der, Fresse halten. Sag ich, pass auf, was du sagen, Kolläge." Tonfall wird bedrohlicher, Stimmung unbehaglich. Ein Taxifahrer ist letzten Endes auch nur ein fremder Mann, zu dem ich Nachts ins Auto steige. Dann fängt er sich, meint leutselig "Aber isch würde niemals Ärger zeigen zu meine Kundänn, oder böses Gesicht, isch schwöre." Beim Abschied: "Ha ha, wir kommän alle von Horwad, hä?"

09.11.2014 um 00:58 Uhr

Unterform des gefährlichen Männerschnupfens

Am Mittwoch gratulierte ich einem Freund telefonisch zum Geburtstag. Ich kenne ihn schon sehr lange, aber wir telefonieren höchstens, um Kinobesuche zu koordinieren. Wider Erwarten sprachen wir ungewöhnlich lange miteinander. Das hatte Gründe: Sein Knie ist demoliert. Hat sich mit dem Rad gelegt, erst puckerte es ein bißchen, dann tat nix mehr weh und ein paar Tage später wurde es ganz dick, ohne weh zu tun, aber er fühlte sich unangemessen schwach. Als Hypochonder diagnostizierte ich eine sich ankündigende Sepsis. Natürlich behielt ich das für mich, sensibel wie ich bin.

Ich kenne ihn nicht kränklich. Er läuft Marathon, fährt Rennrad in den Dolomiten und an heißen Tagen mal eben nach Usedom, ist also ein drahtiger, extrem fitter Mann. Aber ich spürte, er hält eine Amputation nicht für abwegig. Um abzulenken, frug ich, was er sich denn zum Geburtstag wünsche. "Dass du mir bei den Vorbereitungen hilfst. Die Liebste schwächelt auch und ich soll ja nur liegen. Ich überlege, ob ich in dem Zustand überhaupt feiere." Das traf sich gut, ich schwächel selbst.

So wurde ich heute von seinem ältesten Freund abgeholt, auf das dem Mann geholfen wird. Er begrüßte uns in Thrombosestrumpf an der Haustür. Sein Freund und ich grinsten uns an.  Soviel Selbstentäußerung haben wir nicht erwartet.

In der Küche legte er sein Bein hoch. Auf den Küchentisch. Neben den Salat, den ich schnippelte. Gewöhnungsbedürftig, muss ich zugeben. "Ist das Blut, das da durchgesuppt ist?" - "Neiiiin, dann hätte ich doch eine bakterielle Entzündung. Das ist nur Zugsalbe." Er verpackte freundlicherweise alles in eine Bandage mit Coolpack. Sah gleich gefälliger aus.



Es gab ein lückenloses ärztliches Bulletin, er humpelte zwischendurch zur Liebsten, hob das Bein "Fühl mal, ist es heiß?" - "Nein, mein Schatz, es ist nicht heiß." Sie lächelte mir hinter seinem Rücken zu und hob die Schultern.

Später, im Wohnzimmer, inzwischen in eine Jeans gewandet, legte er wieder das Bein hoch. Das muss so. Habe ich allergrößtes Verständnis für. Ich leg' mein Leben lang die Beine hoch, anders mag ich gar nicht sitzen.



Die Gäste kamen. Sie mussten auch informiert werden. Er hatte sich schließlich bei mehreren Ärzten und Physiotherapeuten kundig gemacht, hier sollte keiner dumm sterben. Seine Freundin lächelte und lächelte, aber nur wenn er nicht guckte. Da sind Männer ja empfindsam. Flüsterte "Ist er nicht süß?" Ich würde mal sagen, die optimale Lebensgefährtin.

  

Ich weiß jetzt alles über Knie, Schleimbeutel, Lymphflüssikeit und schmerzlose Heparinspritzen. Da man kein Cortisonspritze rein, in case of Sepsis verteilen sich Keime rasend schnell und dann Exitus. OP nur mit Vollnarkose, örtliche Betäubung bedeutet Spritze ins Knie, geht nicht, siehe Satz zuvor. Ich bin im Bilde.

Worüber ich nicht im Bilde war, dass er genauso panisch ist wie ich, wenn was zwackt. Nun ja, jeder Mann hat sein Geheimnis. Und ist doch schön, wenn alte Freunde aka 'harter Hund' noch überraschende Wesenszüge offenbaren.

08.11.2014 um 11:31 Uhr

Rekapituliere

Vor einigen Wochen wurde ich von Frau P. auf einen Blog aufmerksam gemacht und damit tat sich eine neue Welt auf. Ich erweitere meinen Dunstkreis. Jaaha, nach nur anderthalb Jahren schon! Nicht hier bei blogigo, da wäre ich ja in 10 Minuten durch, so wenig, wie hier in letzter Zeit geschrieben wird. In jeder freien Minute sitze ich mit dem Tablet in der Ecke und lese mich durch atemberaubend gute Blogs (Danke, Frau P., da hast du ja was angerichtet. Völlig neuartige Freizeitgestaltung).

Ich trau mich kaum, dort "draußen" zu kommentieren, denn jede Community scheint so verschworen, dass ich mich wie ein Eindringling fühle, wenn ich meinen Senf dazugebe. Hier ist es ja nicht anders. Man "kennt" und schätzt sich. Bis ich mich hier wohlgefühlt habe, hat es eine ganze Zeit gedauert.

Lag vor allem daran, dass ich vom bloggen keine Ahnung hatte und der Grund für diesen Blog anfänglich in der Entlastung meiner Freunde lag: ich war mal ein paar Jahre viel auf Dienstreisen. Um in Verbindung zu bleiben, schrieb ich Rundmails, in denen ich erzählte, was mir so für Bekloppte begegnet sind. Als ich wieder vor Ort beschäftigt war, schrieb ich weiter Rundmails und dachte eines Tages "Womöglich fühlen die sich belästigt? Mach ich doch lieber einen Blog auf, dann können die selbst entscheiden, ob sie das lesen."

Und so begann ich schon mal mit dem Anfängerfehler, dass an die 70 Leute diese Adresse bekamen, mein Chor, meine Makramee-Gruppe, etc. blabla. - nur Kollegen wissen nix (von *hüstel* einigen Ausnahmen abgesehen, die Freundestatus haben und mit einem Schweigegelübde gebannt wurden.... wollnwa mal hoffen, dass mich meine Menschenkenntnis nicht trübt).

Großer Fehler, denn nun habe ich lauter Themen, über die ich nicht schreiben kann (wobei nur ein ganz geringer Bruchteil meiner Lieben überhaupt hier liest; allen voran die ignoranten Damen Niedersachsen und Thüringen - Null Interesse). Ich gelte in meiner Peergroup als die "Netzaffine". Brüller, hm? (frog ich doch die erste Kommentatorin, die nicht zu meinem Freundeskreis gehörte - widerum Frau P. - ob wir uns "irgendwoher kennen?").

Es gibt sone und solche Blogger. Die einen posten munter Fotos von sich selbst, einige selbst die ihrer Brut (gehört verboten), andere sind bei allem Verkündigungsdrang verschlossen wie eine Auster. Manch einer schreibt rüde und schroff lauter intelligentes Zeug, erweist sich aber als überraschend freundlicher Kommentator oder anderweitig wohlwollend in der Kontaktaufnahme.

Monate dauerte es, bis ich anfing darauf zu achten, wieviele Klicks ich habe. Da hat mich auch nur jemand anderes drauf gebracht. Keinen Schimmer gehabt, ob ich viele habe oder eher wenig, mir fehlte die Relation. 50-70, wenn ich was schreibe, 20-40, wenn nicht. Ich weiß seit heute, dass es verschwindend wenige sind, praktisch im kaum messbaren Bereich. Mich hat jemand verlinkt, sozusagen aufgenommen in die Hall of Fame; nicht in seine Blogroll (das wird nie geschehen), nur einen tagesaktuellen Hinweis gegeben. Zack, 350 Klicks. So kann's also auch gehen. Whow.

Wird eine einmalige Sache bleiben. Wer mich liest, liest ihn - das schon. Aber wer ihn liest, liest mich nicht. Welten, sag ich nur, Welten.