Phantomschmerz

27.12.2009 um 12:27 Uhr

Ausgeliefert...

war ich dir...mein Bruder bekam von den Großeltern einen Kanarienvogel geschenkt..er war so stolz, strahlend zeigte er unserer Mutter seine Errungenschaft...ihr entgleisten die Gesichtszüge...sie war wütend...sie tobte, sie mochte keine Tiere im und außerhalb ihres Hauses...Tiere sind für sie nur Schmutzproduzenten...sie schrie meinen kleinen Bruder an, daß er sich gefälligst selbst um Reinigung und Futterbeschaffung zu kümmern habe...er war eigentlich noch zu jung dazu...sie übertrug ihm alle Pflichten und ich durfte ihm nicht helfen...er hatte schon ein Problem damit, das Futter rechtzeitig zu besorgen...sie lauerte nur darauf, daß es ausging...sie besorgte keines, obwohl sie fast täglich einkaufen ging...ich verstand es nicht...einmal kam es vor, daß der Vogel erst am späten Abend Futter bekam, weil keine frische Packung am Morgen da war...sie schrie meinen Bruder an, wenn das noch einmal passieren würde, wäre der Vogel weg...sie würde ihn fliegen lassen...ich begriff es nicht...es passierte...am Morgen war die Packung leer...sie schrie, jetzt lasse ich ihn fliegen...mein kleiner Bruder ging los um Futter zu kaufen...sie ging zum Käfig ..ich klammerte mich an sie und weinte und bettelte...das kannst du doch nicht machen, der stirbt doch draußen...der kann ja nicht mal mehr richtig fliegen...sie stieß mich brutal weg...ich klammerte mich wieder an sie...ich kämpfte um das kleine Tier...ich schrie...weinte...bettelte....wir rangelten...vergebens...ich hatte keine Chance...sie öffnete die Haustür...-wir wohnten ebenerdig, direkt an einer sehr stark befahrenen Straße-..öffnete die Käfigtür, und der Vogel flog wie ferngesteuert direkt auf die Straße gegen ein Auto...er lag in der Straßenrinne, als mein Bruder mit dem Paket Vogelfutter in der Hand um die Häuserecke bog...er sah den Vogel, sagte nur „das ist nicht mein Hansi“ ging schweigend mit teilnahmslosem Blick ins Haus und stellte das Futter ab... es zerriß mir das Herz, den kleinen Kerl so zu sehen....Er behauptete noch bis ins Erwachsenenalter das sei nicht sein Kanarienvogel gewesen...soviel zur Schutzfunktion der Seele...

Als Erwachsene hatte ich jahrelang Panikattacken, wenn ich mit dem Auto im Stau stand...wenn sich ein Stau auch nur andeutete, ging es los. Es war so schlimm, daß ich fast nicht mehr mit dem Auto fuhr. Ich hatte alles versucht, um die Ursache herauszufinden...niemand konnte mir wirklich helfen...bis ich zu einer Psychokinesiologin kam... ein echter Glücksfall...sie fand heraus, daß diese Panickattacken nichts mit dem Stau an sich zu tun hatten...es war die Sutuation, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein, nichts ausrichten können, geschehen lassen müssen. Es war eigentlich die oben geschilderte Situation mit meiner Mutter, die ich im Stau durchlebte. Das Unterbewußtsein speichert nicht nach Daten oder Geschehnissen ab, sondern nur das Gefühlte und in ähnlichen Situationen durchlebt man das gleiche wieder.

Sie hat es “aufgelöst“ und heute kann ich wieder unbeschwert autofahren.

19.12.2009 um 17:42 Uhr

Mein Großvater

Stimmung: bedrückt

züchtete Kanarienvögel. Es war nicht nur ein Hobby, es war eine Leidenschaft von ihm...er saß vor dem Nest und wartete geduldig um das Schlüpfen der niedlichen Vogeljungen zu beobachten, er zog sie anschließend liebevoll und mit einer Hingabe, die mich als Kind schon rührte, auf...sie wurden mit zerdrücktem Eigelb und Spezialfutter aus einer Pipette gefüttert...er kümmerte sich ausschließlich selbst um sie..nur wenn es gar keine andere Möglichkeit gab, wenn er arbeiten ging...legte er sie seiner Frau ans Herz...meine Großmutter mochte keine Tiere...das Vogelzüchten meines Großvaters schon gar nicht...sie machte sich lustig über ihn..nannte ihn einen großen Idioten...einen Verrückten...ich höre noch ihr spöttiches Lachen und sehe noch ihr von Hohn und Spott entstelltes Gesicht vor mir...es tat mir sehr weh...ich liebte meinen Großvater sehr...er war ein besonnener ruhiger gütiger Mann...wenn er zur Arbeit ging bat er meine Großmutter das Füttern zu übernehmen...es mußte in kurzen Intervallen, ich glaube alle halbe Stunde erfolgen...er verließ sich auf sie, ging beruhigt aus dem Haus...sie sagte, als er weg war, „der Alte spinnt doch, ich mach das nicht, was interessiert mich sein Vieh“...die Vögel verhungerten...als mein Großvater von der Arbeit nachhause kam, lagen sie tot in ihrem Nest...ich sah diesen großen starken Mann weinend vor dem Nest sitzen...sie sagte lapidar zu ihm, „Na, dann waren sie wohl krank“...er antwortete nur: „Ja, Emmi wird wohl so gewesen sein.“...ob er alles durchschaute?..ich weiß es nicht...

11.07.2009 um 15:08 Uhr

Ich war 21...

wir saßen am Frühstückstisch und redeten, du brachtest das Gespräch wieder einmal auf die Abendschule, die ich besuchte. Es kamen wieder nur Sticheleien von dir...du willst wohl etwas besseres sein, dich von der Familie abgrenzen, willst wohl hoch hinaus, die “Madam“ hat große Pläne, will vielleicht sogar noch studieren, von mir gibt`s keinen Pfennig, sieh zu wie du zurechtkommst und wie du dein Kostgeld bezahlst, ich schleppe dich nicht durch, usw. Ich würde meine Zeit vertrödeln mit Unsinnigem. Heiraten, ein Haus anschaffen und umbauen, so wie sie das gemacht hat, arbeiten, anstatt über Büchern gebeugt, unsinniges auszubrüten, das wäre sinnvoll. Du hattest wieder einmal, wie so oft, versucht mir deinen Willen, deine Meinung aufzuzwingen. Ich hatte es gewagt, dir zu widersprechen, meine Zukunftspläne zu verteidigen. Ich war ja nicht mehr das kleine Mädchen, war jetzt eine junge Frau, die dir ein ordentliches Kostgeld zahlte. Du hattest, ohne Vorwarnung, weit ausgeholt und mir mit der flachen Hand mitten ins Gesicht geschlagen. Mein Gesicht schwoll sofort an, mein linkes Auge war zugeschwollen, ich konnte an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit gehen.

Ich hatte noch am gleichen Tag mit der Wohnungssuche begonnen und bin ausgezogen...mit der Genugtuung, daß dir mein Kostgeld wohl ganz schön fehlen würde. :-)

08.06.2009 um 16:18 Uhr

Deine Kinder...

Stimmung: nachdenklich

hast du dressiert wie kleine Äffchen...wir waren die guten Kinder solange wir den Mund hielten und uns unterordneten, unsere eigenen Gedanken und Gefühle unterdrückten, uns beherrschen ließen...wir waren deine Marionetten...du zogst beliebig an den Fäden und wir durften hampeln...aber nur in dem von dir bestimmten Rahmen...du hattest nur Hohn und Spott für Gefühle...ich war für dich immer nur das „Pinzchen“, die Prinzessin auf der Erbse, später die Exotin mit der du nichts anfangen konntest...für mein Hobby, das Malen, hattest du nur ein spöttiches Lachen... meine Sprachkurse...den Besuch der Abendschule, um das Abitur nachzumachen, du warst nicht etwa stolz auf mich...nein...wieder nur Spott...eine Frau braucht kein Abitur, sie gehört in die Küche...meine Freude am Tanzen, am Sport, meine Kreativität, Sensibilität...alles hast du mit Hohn und Spott bedacht...mich lächerlich gemacht vor andern Leuten...mich eine Heulsuse genannt...irgendwann habe ich aufgehört, dir meine Tränen zu zeigen...ich habe still für mich geweint...ich habe meine Gefühle unterdrückt, die Trauer und die Lebensfreude, auch diese durften wir nicht ausleben...einmal durch das Haus tanzen, toben, einfach einmal ausgelassen sein...ja, eigentlich bin ich sehr temperamentvoll... VERBOTEN...es könnte ja etwas kaputtgehen in deinem kostbaren Haus, das dir immer wichtiger war, als die Menschen die es bewohnten...ich habe mich immer wie „auf Besuch gefühlt“ ein Heim war es mir nie..es war steril wie in einem OP...selbst wenn ich nur etwas WASSER verschüttete hast du getobt, mich niedergemacht, als Idiotin hingestellt...ich habe mich überall außerhalb zuhause gefühlt...nie bei dir...es gab einen wunderschönen riesigen Rasenplatz hinter dem Haus...er war nur zum ansehen da...spielen durften wir da nie...er war peinlichst gepflegt...kein Grashalm der aus der Reihe ragte...ich glaube, du hast heimlich die Nagelschere benutzt um die Kanten um die Bäume akkorat zu schneiden...BETRETEN VERBOTEN...LEBEN VERBOTEN...ich übe leben...es ist sehr schwer...

 

01.06.2009 um 20:20 Uhr

Erinnerung...

Stimmung: gedankenverloren

Ein Gewitter zieht auf mit all seinen Facetten, schlimmer Sturm, nachtschwarzer Himmel und Hagel. Der Sturm deckt ein paar Ziegel des gegenüberliegenden Hauses ab, die mit gewaltigem Krachen auf der Straße aufschlagen. Ein kleines Mädchen von 12 Jahren kauert in einer Ecke, als zitterndes Bündel, es hat panische Angst. Die Eltern registrieren es nicht. Trost gibt es nicht. Der kleine Bruder ist vier Jahre alt und realisiert nicht, was da draußen passiert. Das kleine Mädchen bin ich und der Kleine ist mein Bruder.

Ganz unerwartet hält ein Auto vor dem Haus, der Schwager des Stiefvaters springt heraus und klingelt. Schnell ist der Grund seines völlig überraschenden Besuches klar. Er verbringt zur Zeit mit seiner Frau einen Kurzurlaub, in einem Wohnwagen, in den Vogesen. Sie langweilen sich und haben die Idee meine Eltern abzuholen um mit ihnen den Rest ihres Urlaubs zu verbringen. Allerdings ohne die Kinder, dafür sei der Wohnwagen zu klein. Das müsse man einsehen. Klar. Für uns beide ist kein Platz. Der zarte Einwand meiner Mutter, was sie denn mit uns machen solle, wird von meinem Stiefvater kurzerhand beiseite gewischt mit der Bemerkung, dann führe er eben alleine mit. Das gefällt meiner Mutter überhaupt nicht, sie möchte natürlich auch mit. Kurzentschlossen packt sie ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche, hängt den Käfig mit dem Kanarienvogel ab, und sagt, wir müßten dann eben zu den Großeltern. Das Problem ist, zu dem Zeitpunkt besitzen weder meine Großeltern noch wir ein Telefon um unsere Unterbringung absprechen zu können und Zeit uns hinzubringen sei auch keine mehr, sagt der Schwager, man müsse sofort los. Schließlich sei noch eine lange Strecke zu fahren. Sie beschließen, uns an der Straßenbahnhaltestelle im nächsten Ort, ca. 4 km von uns entfernt, abzusetzen. An der Haltestelle angekommen, drückt meine Mutter meinem kleinen Bruder den Vogelkäfig in die Hand, mir die Reisetasche und sie fahren los. Zwei kleine Kinder von 12 und 4 Jahren stehen bei Gewitter, Sturm und Hagel an der Haltestelle, halten sich an der Hand, umklammern Reisetasche und Vogelkäfig, und wissen nicht, wann oder ob überhaupt noch eine Straßenbahn fährt und ob die Größeltern zuhause sind. Meine Mutter wußte es auch nicht. Sie fuhr einfach los, ohne noch einmal einen Blick zurückzuwerfen und genoß ihren Urlaub. Auf den Fotos sieht man eine strahlende, unbeschwerte Frau. Sie schwärmt heute noch von diesem Urlaub.

Wir hatten Glück, die Großeltern waren zuhause, durchnäßt und vor Kälte und Angst zitternd kamen wir bei ihnen an.

Wo waren deine Muttergefühle? Hattest du irgendwann überhaupt einmal welche? Was sind Kinder für dich? Oder bist du einfach nur egoistisch?

Du hättest mir in all den Jahren alle Fragen beantworten können, aber du leugnest alles was geschehen ist.

Ich brauche heute keine Antwort mehr.

Du hast keine Muttergefühle investiert also erwarte auch keine Tochtergefühle von mir. Ich kann sie dir nicht geben. Ich versuche dir zu verzeihen.