Stimmung: gedankenverloren
Ein Gewitter zieht auf mit all seinen Facetten, schlimmer Sturm, nachtschwarzer Himmel und Hagel. Der Sturm deckt ein paar Ziegel des gegenüberliegenden Hauses ab, die mit gewaltigem Krachen auf der Straße aufschlagen. Ein kleines Mädchen von 12 Jahren kauert in einer Ecke, als zitterndes Bündel, es hat panische Angst. Die Eltern registrieren es nicht. Trost gibt es nicht. Der kleine Bruder ist vier Jahre alt und realisiert nicht, was da draußen passiert. Das kleine Mädchen bin ich und der Kleine ist mein Bruder.
Ganz unerwartet hält ein Auto vor dem Haus, der Schwager des Stiefvaters springt heraus und klingelt. Schnell ist der Grund seines völlig überraschenden Besuches klar. Er verbringt zur Zeit mit seiner Frau einen Kurzurlaub, in einem Wohnwagen, in den Vogesen. Sie langweilen sich und haben die Idee meine Eltern abzuholen um mit ihnen den Rest ihres Urlaubs zu verbringen. Allerdings ohne die Kinder, dafür sei der Wohnwagen zu klein. Das müsse man einsehen. Klar. Für uns beide ist kein Platz. Der zarte Einwand meiner Mutter, was sie denn mit uns machen solle, wird von meinem Stiefvater kurzerhand beiseite gewischt mit der Bemerkung, dann führe er eben alleine mit. Das gefällt meiner Mutter überhaupt nicht, sie möchte natürlich auch mit. Kurzentschlossen packt sie ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche, hängt den Käfig mit dem Kanarienvogel ab, und sagt, wir müßten dann eben zu den Großeltern. Das Problem ist, zu dem Zeitpunkt besitzen weder meine Großeltern noch wir ein Telefon um unsere Unterbringung absprechen zu können und Zeit uns hinzubringen sei auch keine mehr, sagt der Schwager, man müsse sofort los. Schließlich sei noch eine lange Strecke zu fahren. Sie beschließen, uns an der Straßenbahnhaltestelle im nächsten Ort, ca. 4 km von uns entfernt, abzusetzen. An der Haltestelle angekommen, drückt meine Mutter meinem kleinen Bruder den Vogelkäfig in die Hand, mir die Reisetasche und sie fahren los. Zwei kleine Kinder von 12 und 4 Jahren stehen bei Gewitter, Sturm und Hagel an der Haltestelle, halten sich an der Hand, umklammern Reisetasche und Vogelkäfig, und wissen nicht, wann oder ob überhaupt noch eine Straßenbahn fährt und ob die Größeltern zuhause sind. Meine Mutter wußte es auch nicht. Sie fuhr einfach los, ohne noch einmal einen Blick zurückzuwerfen und genoß ihren Urlaub. Auf den Fotos sieht man eine strahlende, unbeschwerte Frau. Sie schwärmt heute noch von diesem Urlaub.
Wir hatten Glück, die Großeltern waren zuhause, durchnäßt und vor Kälte und Angst zitternd kamen wir bei ihnen an.
Wo waren deine Muttergefühle? Hattest du irgendwann überhaupt einmal welche? Was sind Kinder für dich? Oder bist du einfach nur egoistisch?
Du hättest mir in all den Jahren alle Fragen beantworten können, aber du leugnest alles was geschehen ist.
Ich brauche heute keine Antwort mehr.
Du hast keine Muttergefühle investiert also erwarte auch keine Tochtergefühle von mir. Ich kann sie dir nicht geben. Ich versuche dir zu verzeihen.