Plateforme

01.05.2012 um 21:15 Uhr

Wann ist genug?

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Wann ist es eigentlich genug? Wann hat man selbst genug? Wann haben andere genug? Kann man denn alles mit Liebe begründen? Oder worin liegt der Grund? Einsamkeit?

Vor ein paar Tagen habe ich alte Tagebucheinträge von mir gelesen. Davon, wie gut es einem als Single geht. Man kann genüsslich vor dem TV sitzen, gucken was man will und überhaupt entscheidet man alles allein. Das hat seine Vorteile. Und ich habe das mehr oder weniger genossen. Ich gebe zu, ich habe es nicht immer so genossen, wie ich es hätte können. Warum? Aus vielen Gründen. Da spielten Finanzen eine Rolle, Bequemlichkeit.

Das Thema Miststück war noch lange nicht abgeschlossen. Die Frage ist, wann wird es das jemals sein?

Er war in der letzten Zeit ab und an mal hier. Ostern zum Beispiel. Und von Genuss kann wahrlich keine Rede sein. Genuss ist etwas anderes. Warum macht man es dann? Oder woran liegt es, dass man es nicht genießt?

Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn nicht wieder rein zu lassen. Und hatte das an und für sich auch nicht. Auf die SMS habe ich selten geantwortet, angerufen hat er nicht, also war die letzte Woche grade große Ruhe.

Aber eine SMS hat mich berührt, wer weiß, ob wir uns noch mal wieder sehen. Das ganz Idiotische ist, dieser Gedanke treibt mir noch heute die Tränen in die Augen. Warum wird so was geschrieben? Wegen der Wirkung? Weil man selbst daran glaubt, weil es möglich ist?

Der Alkohol- und Tabakgenuss ist extrem gestiegen. Ich weiß nicht, wie viel er trinkt und wie viel er raucht.

Das Wetter war schön, also geht man spazieren genau in die Richtung. Man rechnet sich aus, dass man vielleicht mal bei ihm durchklingelt und wenn er abnimmt, sich mal kurz sieht. Nur kurz, damit man sich noch mal sieht, falls es dann doch das letzte Mal war. Man kann es ja schließlich nicht wissen. Obwohl man sich selbst natürlich schon sagt, es stirbt sich nicht so leicht und wer es so oft bekundet, bei dem dauert es noch länger.

Natürlich hat er sich gefreut, es war auch ganz angenehm. Er sieht furchtbar, er trinkt wohl auch mehr als genug. Der Lebensinhalt besteht aus schlafen, trinken, rauchen, quatschen. Das ist auch schon lange so. Schließlich ist das u. a. der Grund, warum man sich sagt, es geht nicht. Es gibt durchaus noch etwas anderes. Du kannst ihm nicht beim Schlafen zusehen oder weil er es gut findet mit schlafen, ihm beim Trinken zusehen, dir seine Geschichten zum 137. Mal anhören und diese Schlussfolgerungen, alle sind schuld.

Das hältst Du selber ja nicht durch.

Aber die Erkenntnis allein führt immer noch zu gar nichts. Ich weiß das, trotzdem wollte ich nach ihm sehen und wieder gehen, obwohl ich ihn kenne und weiß, so einfach wird dir das wieder gehen nicht gemacht. So war es dann auch. Natürlich wollte ich wieder gehen, aber eben so natürlich wollte er mit. Da nützt kein Gerede was, weder von mir, noch von seiner Mutter. Seine Mutter war nicht begeistert, sie ist es sowieso nicht, aus vielerlei Gründen. Sie hat es sich natürlich anders vorgestellt. Er setzt seinen Kopf durch und geht mit, auch wenn ich schon 100 m weg bin, holt er mich ein. Er bleibt dann auch und das Spiel beginnt wie immer von vorn. Von Gehen ist dann keine Rede. Seine Mutter ist so böse darüber dann auch wieder nicht, hat sie doch mal ihre Ruhe.

Wenn du dann irgendwann die Nase so richtig voll hast, wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, weil er schläft, trinkt, raucht, quatscht und quatscht, so dass du selbst auch wenig zur Ruhe kommst, dann setzt ihn halt vor die Tür. Mal wieder!

Dann ruft er seine Mutter an, beschwert sich, dass du doch trollig bist und ihn mal wieder vor die Tür gesetzt hast, und er geht, auch wenn er sich kaum auf den Beinen halten kann, das gibt sozusagen Auftrieb, er geht nach Hause und schafft es auch.

Du sitzt hier und denkst, warum nur? Und eigentlich möchtest du heulen. Warum? Weil er weg ist? Weil Du jetzt dann doch deine Ruhe hast und diese dir wieder nicht gefällt? Weil es das Ende ist?

Dann ruft seine Mutter an, fragt dich, was er getrunken hat. Er ist ja so was von besoffen, kann sich kaum auf den Beinen halten, er macht bald das Letzte und warum lässt ihn immer wieder rein, er hat doch bei dir nichts zu suchen (!). Du darfst ihn nicht mehr rein lassen. Du sagst ihr, dass du das alles weißt und versuchen wirst. Aber das versteht sie nicht.

Warum hat er bei mir nichts zu suchen? Die Frage könnte auch noch geklärt werden.

Doch genau das ist sekundär, es geht doch nur darum, wie du dich fühlst, wie du weißt, dass es nicht gut ist. Für niemanden. Du hast ihm schon vor Wochen gesagt, er soll (mal wieder) was unternehmen. Er soll endlich zum Arzt gehen, nicht immer jammern, was alles weh tut etc. Du weißt auch, er will es nicht anders. Er will nichts unternehmen und mal ehrlich, was bringt der xte. Alkoholentzug, wenn man davon nicht lassen kann und will und wenn, auch das liegt ja auf der Hand, ohne Alkohol ja genau so wenig zu ertragen ist……

 

 

 

 

 

 

27.04.2012 um 02:04 Uhr

9. Nov. geschrieben am 10. 11. 2008

Heute ist der 9. November. Dieses Datum ist in Deutschland in mehrerer Hinsicht ein historisches Datum

1938 – die Pogromnacht, sie jährt sich zum 80. Mal. Keine Geschichte, auf die man stolz sein kann. Aber auch kein Ereignis, mit dem einen persönlich etwas verbindet. Was ist jüdisch, was sind Juden? Auf die Fragen hab ich zu meinen Jugendzeiten nie Antworten erhalten. Dass die Stadt durchaus über eine Synagoge verfügte, die 1938 brannte, erfuhr man erst später. Juden kennengelernt, hat man nie, bis heute nicht. Die DDR gab sich als atheistisch. Sie war es sicherlich nicht, aber Gläubige hatten schon mit Reprassalien zu rechnen. Heute wurde dieser Tag begangen, an der ehemaligen Synagoge, die keine 100 Meter von mir entfernt war. Kerzen brannten.

Die 9. November, mit dem man etwas verbindet. Das ist der von 1989. Dieser Datum gilt als Wendepunkt der Geschichte. Warum heute im Fernsehprogramm über beide Ereignisse berichtet wurde, kann ich nicht sagen. Der 9. November 1989 jährt sich zum 19. Mal.

Der Fernsehbericht war interessant, auch wenn es mich persönlich störte, dass unsere Bundeskanzlerin zu Wort kam.

Es war eine bewegende Zeit, eine Zeit voller Hoffnung, Sehnsüchte, Glauben. Glauben daran, dass es nun alles doch viel besser werden wird. Man selbst hat es in der Hand oder?

1987 kam mein Mann, wir waren damals noch nicht verheiratet, zur Armee. Wurde eingezogen. Er war 26 Jahre alt und hatte wirklich gehofft, nicht mehr „dienen“ zu müssen. Wehren konnte man sich dagegen nicht, auf die Idee wäre wohl auch niemand gekommen. Er ging zur Armee. Das war nicht wie heute, dass man dann täglich telefonieren konnte. Wer hatte in der DDR schon ein Telefon, allen Fernsehfilmen aus dieser Zeit zum Trotz?! Kaum jemand. Für mich begang erst einmal eine schwere Zeit, obwohl dies gar keiner verstand. Mein Sohn, damals grad mal zwei Jahre alt, fing an, seinen Vater zu vermissen. Er war es durchaus gewohnt, dass er öfter nicht zu Hause war, denn er arbeitete in Schichten, aber diese Schichten hatten ein Ende und auf einmal hatte dies kein Ende. Er wurde quengelig. Die Aussage, sein Vater wäre bei der Armee, er würde, wenn man denn so will, unserem Staat dienen, konnte er nicht nachvollziehen. Wie auch. Als die Vereidigung anstand und klar war, wir würden ihn besuchen, bestand ich zum Trotz darauf, dass er uns begleitet. Niemand wollte das. Meine Schwiegereltern wollte mir einreden, es wäre doch besser für ihn und für uns, er würde an diesem Tag zu Hause bleiben. Meine Mutter würde ihn doch sicher betreuen. Für ihn wäre das doch nur eine Strapaze. Alle redeten mir mehr oder weniger zu. Die Kindergärtnerinnen erklärten mich für verrückt, dass ich seine Quengligkeit mit der Abwesenheit seines Vaters begründete. Ich setzte mich durch. Er fuhr mit.Er sah seinen Vater, der bei bei den „Panzern war“, er war stolz auf ihn.Das ewige Quengeln hatte ein Ende, jetzt war klar „Papa ist bei der Me“. Ich hatte Recht.

Briefe wurden viel geschrieben. Besuche waren selten. Die Zeit war im Nachhinhein betrachtet für mich eine schöne Zeit. Wir heirateten 1988. Kurz entschlossen. Noch vorher erhielt ich die Nachricht, es ist gar nicht klar, ob ich zur Hochzeit kommen kann, es war gerade Jahrhunderthochwasser, die Armee war dort eingesetzt.

Zur Hochzeit seines Bruders Ende 1988 durfte er dann allerdings nicht auf Urlaub kommen. So war das damals.

Im Mai 1989 war der Dienst vorbei. Ich entschloss mich, es war schone eine ziemlich waghalsige Sache, meinen Mann mit meinem Sohn abzuholen. Wir fuhren mit dem Bus nach Magdeburg, der Busfahrer erklärte mich für verrückt, dass ich mit dem letzten Bus nach MD fahre, es hätte doch sein können, er fällt aus. Sowas gab es ja durchaus damals.

Es wurde gefeiert. Er war wieder da. Wir hatten unseren 1. Hochzeitstag. Die Maidemonstration fiel für uns aus. Ich hatte schon jahrelang an keiner mehr teilgenommen.

Die DDR wählte. Das war kein Ereigniss. Man ging in ein nahe gelegenes Wahllokal, steckte den Schein in die Urne. Die Sache war gelaufen. Die Pflicht war getan. Mein Sohn begleitete mich, mein Mann nicht. Er weigerte sich. Er würde nie wieder in der DDR wählen gehen. Ich nahm es hin. Was hätte ich tun sollen, ich verstand ihn.

Meine Kolleginnen sahen das anders. Irgendwie sagte ich, ich war mit Paulchen wählen, wurde nach meinem Mann gefragt und erhielt die Aussage: „Wieso hast Du denn nicht auf ihn eingewirkt, dass er auch wählen geht. Pass bloß auf, dass dies keiner erfährt. Du wirst Ärger bekommen.“ Ärger bekam weder ich noch er, es scherte sich wohl schon damals keiner drum, was wir dachten.

Das Leben ging weiter wie gehabt. Welche Rolle spielt Politik in unserem Leben? Dazu hatte keiner Zeit, man ging arbeiten, brachte das Kind in den Kindergarten, holte es ab, versuchte sich den Lebensunterhalt zu ergattern. Die Geschäfte waren mehr leer als voll. Man sah es überall, in den Geschäften, in den Betrieben. Eine Äußerung von mir damals, wenn jemals der Eigentümer des Betriebes zurückkommt, der wird sich wohl freuen, seinen Betrieb in dem Zusand vorzufinden, in dem er ihn verlassen hat. Das entsprach zwar nicht so ganz den Tatschen, denn der Eigentümer wurde schon 1939 von den Nazis unter Aufsicht gestellt, ausländisches Kapital (Belgien).

Wann es anfing, im Land zu brodeln? So genau ich das nicht sagen. Eine Unzufriedenheit mit dem Staat, mit dem Leben begleitete uns schon unser Leben lang. Man frage sich, war das alles?!. Wie soll es weiter gehe?

Im Juli 1989 starb meine Oma im Westen. Meine Mutter wollte natürlich zur Beerdigung fahren. Ihr 150 % überzeugter Mann war natürlich voll dafür, dass sie fuhr. Seine Überzeugung reichte leider nicht zu bis zu den Westpaketen, bis zu den Westbesuchen. Diese waren ihm „erstaunlicherweise“ sehr angenehm.

Sie durfte nicht fahren, da sie keine leibliche Tochter war. Meine Mutter hat ihre leiblichen Eltern in den Kriegswirren verloren, ist Vollwaise und wurde von „meiner Oma und meinem Opa“ ab 1947 aufgenommen. Damit war klar, auch ich durfte nicht fahren. Sie hatte im Übrigen, ob das nun jemand wußte oder nicht, die Absicht, die DDR danach nicht wieder zu betreten. Mehr aus persönlichen Gründen denn als politischen.

Es folgten die Ausreisen über Ungarn, die Botschaftsbesetzungen. Ich wollte nicht weg. Was sollte ich im Westen?! Schon 1985 hat ein Onkel mir geschrieben, es kommen jetzt so viele von Euch hier rüber, er könnte das gar nicht verstehen. Das war schon der Wink mit dem Zaunpfahl, was wollt Ihr denn alle hier?!

Einige sind gegangen. Mancher Mann kam nach Hause, die Frau war weg mit dem Silberbesteck. Manche Mann verschwand, ließ die Frau allein. Der Bruder meines Mann erklärte mit, sie würden über Ungarn ausreisen.

Die Leute demonstrierten in den großen Städten. Die Hoffnung keimte, in anderen sozialistischen Staaten gab es Bewegungen. Die Bürgerrechtler forderten 1989, wer sich mit ihnen solidarisch zeigt, möge am 7. Okt. 1989 eine Kerze in das Fenster stellen.

Das tat ich. Mein Mann war strikt dagegen, er die Wahlverweigerer fragte mich, ob ich keine Angst hätte. Ich hatte keine.

Man stand irgendwie unter Hochdruck. Noch gab es die DDR, aber man spürte die Veränderungen. Honecker wurde entmachtet. Krenz galt mit Sicherheit nicht als Reformierer, aber nun gut.

Plötzlich hörte man, die Mauern sind auf. Es wurden Gesetze gezimmert, nach dem jeder DDR-Bürger in den Westen könne. Es gab Diskussionen, unendliche über das wann und wie. Unterschiedliche Meinungen.

Wir gingen zur Montagsdemo.

Große Genossen gingen in die Betriebe. Unser Kreisvorsitzender kam in die Kantine, hielt eine Rede, wurde ausgepfiffen. Es entsprach nicht viel der Wahrheit, was er sagte. Er hätte keine Privilegien. Er wurde in einem Haus wohnen, Miete zahlen, da wäre nichts Besonderes an dem Haus. Viele wußte es anders, ich auch. Ich kannte dieses Haus, eine Schulfreudnin hat jahrelang dort gewohnt. Noch zwei Geschwister, ihre Eltern. Es war ein schönes Haus. Und nachdem sie auszogen, gab es eine Bautätigkeit an diesem Haus, die beispiellos war. Wo in der DDR wurde so fleißig gebaut und hatte man immer Material?

Ende November entschlossen wir uns, die BRD zu besuchen. Wir wollten unsere 100 Mark abholen und fuhren nach Helmstedt. Es war eine Tagesreise, die Deutsche Reichsbahn war wohl überfordert. Ich betrat die Stadt, als erstes gab es einen Blumenladen. Sowas hatte ich noch nicht gesehen. Diese Vielfalt. Die Blumenläden der DDR waren eher trostlos, brauchte man mal dringend einen Blumenstrauß, so brauchte man viel Glück, Beziehungen und manchmal nütze das alles nichts. Nicht selten reichte es selbst dann doch nur zu Nelken.

Die 100 Mark bekam man in einem ziemlich schäbigen Gebäude der Stadtverwaltung Helmstedt. Es dauerte lange, man hatte den Eindruck, die halbe DDR war auf den Beinen. Manche so erfuhr man und so war auch der Bundesregierung bekannt, versuchten es mehrmals, ihre 100 Mark zu bekommen. Die D-Mark - welche Kraft. Das Kind war mit, natürlich. Wie gingen einkaufen, was konnte man dafür alles kaufen. Beliebt waren die DDRler nicht in den Geschäften, sie glotzen überall, standen den Wessis im Wege rum. Manche waren freundlich, allerdings die Wenigsten. Vollgepackt kamen wir spät abends wieder zu Hause an.

Die DDR kämpfte ums Überleben. Wir kämpften mit oder dagegen. Trunken der Freiheit, der Sehnuscht, der Hoffnung, getragen vom Glauben nach besseren Zeiten.

Die Geschäfte der DDR änderten sich. Plötzlich gab es Dinge, die gab es gar nicht. Fernseher mit einem Preisschild - 1000 DM! 1000 Ostmark wäre für kaum jemanden ein Problem gewesen. Händler standen auf den Plätzen und verkauften Lebensmittel. Ein einschlägiges Erlebnis. Eine Händlerin, die für 3 DM Fruchtzwerge verkaufte. Mein Sohn wollte dieser Dinger unbedingt haben. Und ich hatte kein Westgeld in der Tasche. Keinen Pfennig. Wir hatten Geld umgetauscht, mein Mann fuhr regelmäßig mit dem Motorrad nach Schöningen zum Einkaufen. Irgendjemand der Verwandtschaft hat mal ein paar Mark geschickt, was übrigens aufhörte, als es die DM offiziell gab. Mein Sohn quengelte nach diesem Sch... Fruchtzwergen, er ließ sich nicht überzeugen, dass ich diese nicht bezahlen könne. Ich versuchte die Händlerin zu überzeugen, ich würde ihr dafür auch 10 Mark Ost geben. Aber was hätte sie damit machen sollen?! Irgendwann rief sie mich zurück, steckte mit die Fruchtzwerge in eine Tüte und sagte, ich solle schnell verschwinden.

Täglich sah man jetzt die aktuelle Kamera. Die Eregnisse überschlugen sich ständig. Die Regierung verfasste tolle Gesetze, es gab plötzlich mehr Geld. Die Ungleichbehandlung in den Steuergesetzen der DDR zwischen Angstellten und Arbeitern wurde aufgehoben.Feiertage wurden eingeführt.

Im März 1990 wurde wieder gewählt. Zum ersten Mal gab es Wahlwerbung. Die Busse der Stadt prankten mit dem SPD-Logo. Politprominenz sagte sich überall an. Jedem wurde erklärt, man müsse CDU wählen, denn nur die CDU würde uns die DM ermöglichen. Und die wollten wir nun alle, die Geschäfte hatten sie schon.

Und ich wollte immer noch immer eine bessere DDR. Bei einer Diskussion auf Arbeit erklärte mir unser Abteilungsleiter, ich könne nicht so naiv sein. Die DDR hat abgewirtschaftet, das wisse ich. Und nur mit der Wiedervereinigung könnten wir der Armut entgehen, man sähe es ja an Polen. Er hatte Recht, auch wenn es mich sträubte. Der Glauben an eine bessere DDR, eine DDR mit Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit.... Was würde uns denn die BRD bringen? Eine Kollegin sagte, wir hätte immer gearbeitet, wir können arbeiten, wir sind anpassungsfähig, was könne uns passieren.

Und wieder sagte mein Chef: „In der WISMUT haben mehr als 20.000 Leute gearbeitet, wo sollen die alle hin?!“ - In unserem Betrieb arbeiten 1.600 Leute, heute noch ca. 300.-

Es wurde gewählt, die CDU war Wahlsieger. Eine neue Regierung gab es. Eine Regierung, von der uns nun bekannt war, sie würde nicht lange überleben.

Im Juli gab es dann endlich die DM. Es wurde ausgehandelt, wieviel jeder Bürger tauschen kann. Nie waren arme DDR-Bürger so begehrt wie damals. Jeder fragte jeden, ob er nicht tauschen kann. Viele verloren auf die Art auch ihr Geld. Am letzten Freitag der DDR-Währung, ich hatte keinen Pfennig dieses Geldes mehr in der Tasche, versuchte ich krampfhaft Geld aufzutreiben, weil ich noch so zwei bis drei Dinge einkaufen wollte. Es war nicht möglich. Also habe ich widerwillig an diesem Tag die Sparkasse besucht und noch DDR-Geld abgehoben, was ich dann auch auf die Schnelle ausgeben mußte. Es war eine eigenartige Zeit.Geldautomaten hatten die Sparkassen der DDR nicht.

Die Formalitäten hat jeder erledigt. Jeder verfügte über ein Konto. Am 1. Juli gab es dann einen Run auf die Sparkassen. Wir waren dabei. Früh, es ging auch schnell, stellten wir uns an und hoben unsere ersten DM vom Konto ab. Es war an einem Sonntag, man konnte nicht wirklich was damit anfangen, wir fuhren angeln.

Am anderen Tag fuhr die Familie in Urlaub – an die Ostsee. Mein Mann fuhr mit dem Motorrad, mein Sohn und ich mit dem Zug. Schon die Fahrkarte kostete ein Vermögen. Der Urlaub war wunderschön, das Wetter auch. Die Kaufhalle auf der Insel Usedom war vollgestopft mit Westartikeln, die teurer waren als dort. Es gab 100. kleine Stände mit irgendwelchem Kram, vor allem natürlich Imbißstände. Deutschland wurde Fußballweltmeister. Wir sahen unseren ersten Soft-Porno im Kino, man hätte darauf verzichten können.

Wieder zu Hause war ich geschockt. Die Kaufhallen hier konnten mit dem Sortiment dort nicht mithalten. Wo waren die Westartikel?

Ich rief auf Arbeit an, von einer Telefonzelle natürlich, ob ich noch beschäftigt wäre. Schon vorher wurde gemunkelt, die ersten Entlassungen stehen an. Ich war es noch nicht.

Arbeiten? Das war ganz anders als vorher. Die Betriebe sollten nun nicht mehr volkseigen sein, man sprach mit westlichen Partnern. Das Interesse bei denen war eher verhalten. Niemand kam mit wehenden Fahnen in die DDR. Was es alles voher nicht gab, gab es jetzt. Die Betriebe wurden überschwämmt mit Produkten, die sie jahrelang nur unter großem Druck erhielten. Die Ost-Betrieben wollten aber nicht mehr kaufen, sie hatten jetzt die DM. Die sozialistischen Bruderländer wollten die Produkte auch nicht mehr, sie hatten keine DM. Das sogenannte nichtsozialistische Wirtschaftgebiet wollte aber seinerseits auch nichts mehr von den Produkten.

Es wurde storniert, storniert, Warenlager abgebaut. Verhandlungen geführt. Warenlager vernichtet, damit die Bilanzen stimmten. Leute entlassen, weil die Westpartner natürlich damit nichts zu tun haben wollten.

Ab August arbeitete ich auch in Kurzarbeit. Nur noch ein paar Stunden, der Rest zu 90 %. Die chemische Industrie erhielt eine Lohnerhöhung. Es ging uns gut.

So langsam änderten sich auch die Geschäfte, so nach und nach das Sortiment. Westprodukte. Die Betriebe wurden privatisiert, einige mit Westpartnern, andere versuchten es allein. Viele schlossen ihre Tore für immer.

Blühende Landschaften sollten entstehen. Es sah danach aus. Die Welt veränderte sich. Die Republiken vereinigten sich, die Brüder und Schwestern.

Meine Mutter war die Erste, die arbeitslos wurde. Sie ging gen Westen, weil ihre „Familie“ das Angebot unterbreitete, eine Tante zu pflegen.

Wir besuchten sie nach kurzer Zeit im Westen, besuchten meine Tante, eine große Gewerkschaftsfunktionärin, eine große SPD-Anhängerin, kirchlich engangiert. Sie erschütterte mich mit der Aussage: „Arbeit hier? Hier gibt es keine. Für Frauen? Stundenweise, auf Abruf, ist zwar nicht legal, aber so ist es....

Die Jahre vergingen. Viel passierte, aber:

Was ist aus diesen Träumen geworden? Was haben wir falsch gemacht? Wenn ich die Berichte über die untergegange DDR höre, dann denke ich, was ist eigentlich so viel anders als jetzt?! Leben wir in einer Demokratie, wie es Herr Merz in einem Interview sagte oder hat Herr Lafontaine Recht, der sagt, eine Demokratie kann dieses nicht sein, denn die Entscheidungen (Steuerhöhungen, Gesundheitsreformen, Rentenreformen, HartzIV) sind ja von keiner Mehrheit getragen? Wir haben die Volksvertreter gewählt, die, die zur Verfügung standen.

Wann kommt die Revolution? Und was wird sie bringen? Wir können nicht das Land verlassen, wohin? Wir sind das Volk. Aber vielleicht fühlt sich die Mehrheit des Volkes trotz Überwachung, Nacktscanner, Rentenreformen, Gesundheitsreformen, HartzIV noch wohl? Vielleicht ist es ja nur eine Minderheit, die sagt, so könne es nicht weiter gehen, wir brauchen eine andere Gesellschaft.

Die Berichte über die Mißstände sind lang. Wer geht noch gerne einkaufen? Niemand, man hat das Gefühl, die Preise steigen stündlich.Wenn ich an die Gesundheitsreform danke, an Rente mit 67, an die eigenartigen Erbschaftssteuergesetze, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es das ist, was wir wollten. Egal ob nun West oder Ost.

Die Westler schieben die ganze Situation auf die Ossis. Brüder und Schwestern – nein. Mancher hätte gern die Mauer wieder. Sogar die Ostler, obwohl sie wissen müßten, es wäre ein Trugschluss. Die Politik der Bundesrepublik stand schon 1989 nicht zum Besten, sie hat sich mit der Wiedervereinigung gut retten können. Das vergessen einige.

Wann war ich das letzte Mal im Westen? Es ist eine ganze Weile her. Das ist das Dilemma, jetzt könnte ich jederzeit. Und? Die Welt hat sich verändert, die Stadt hat sich verändert. Sie ist bunter geworden, meiner persönlichen Meinung nach fehlt das westliche Flair, begründen kann ich das nicht. Es gibt viel Neues, es gibt aber auch eine Menge leerstehender Wohnungen, leere Geschäfte. Das Wohungsproblem hat Erich Honcker gelöst, das war sein Plan – ab 1990.......

 

27.04.2012 um 01:48 Uhr

Mauer geschrieben am 13. 8. 2009

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

In ein paar Tagen jährt sich ein Datum, das ich selbst nie erlebt habe. Die Mauer wurde gebaut. Als ich geboren wurde, war sie schon da. Ich habe sie nie hinterfragt. Ich kannte es doch gar nicht anders.

Natürlich wusste man, es gibt noch ein zweites Deutschland. Es kam sogar immer mal Besuch aus diesem Land vorbei. Die brachten tolle Dinge mit, sagten komische Sachen und dachten immer, wir sind die armen Brüder und Schwestern, die so unfrei sind. Andere Menschen. Wir armen.

Hat man sich so gefühlt? Nie. Wie waren nicht arm. Keiner ist verhungert. Die Tische waren reichhaltig gedeckt. Jeder hatte seine Wohnungseinrichtung, die sich nicht wirklich von westdeutschen unterschied. - „Ihr habt auch eine Schrankwand?“

Arm? Was ist denn Armut? Und warum sind wir unfreier als die da „drüben“. Die müssen sich doch mit Gewerkschaften rumschlagen, mit Lohnforderungen, mit Preiserhöhungen. So was gab es doch bei uns nicht. Hier ging keiner auf die Straße, weil man Energiepreise erhöhen wollte.

Niemand hat mich verhaften wollen, weil wir gerade Besuch aus dem Westen hatten. Im Gegenteil: Ich wurde beneidet. Um meine Jeans. Um meinen tollen Pullover.

Wir durften kein Westfernsehen gucken? Wer sagte denn das? Worüber sprachen wir auf dem Schulhof, über die neueste „Klimbim-Sendung“. Wir nahmen die Hitparade von NRD2 auf. Wir sahen „Dracula“.

Wir wollten FDJler werden. Natürlich. Wer wollte den ewig mit dem Halstuch rumlaufen. Und das tiefe, sonore „Freundschaft“ klang so cool.

Wir lebten in der DDR. Wir glaubten auch an das Gute, den Sozialismus. An dieses bessere Leben. In den 70iger Jahren war bei fast allen dieser Glaube noch verbreitet. Die DDR war gut. Der Westen war schlecht. Und irgendwann wird es überall so gut sein, der Sozialismus wird siegen. Wer hat daran gezweifelt? Wer wollte daran zweifeln? Wer „haute“ ab? Das waren, und das ist nicht mal unrealistisch, Leute, die eigentlich in der DDR genug Privilegien hatten, die in Künstlerkreisen verkehrten, in Kreisen der Intelligenz und sich materiell mit Sicherheit nicht beschweren konnten.

Wir gingen zur Disco und tanzten nicht nach „Karat“ Wir tanzten nach BeeGees und Smokie und was gerade so aktuell war. Wir hörten Beatles. 60/40 ja klar, das war gewollt. Die Tanzflächen leerten sich aber sofort, wenn Ostrock oder was man dafür hielt, gespielt wurde. Nur ganz weniger Lieder dieses heutigen Ostrock erhielt damals schon unsere Zustimmung.

Waren wir blind? Haben wir nicht gesehen, dass es alles grau war? Von den Kohleheizungen. Dass es in den Geschäften immer weniger gab. Dass die Wirtschaft immer mehr den Bach runter ging. Natürlich haben wir das gesehen. Jeder hat es gesehen. Mancher hatte dafür gute Erklärungen: Die DDR ist ein armes Land, verfügt über wenig Bodenschätze, musste nach dem Krieg Reparationsszahlungen an die UdSSR leisten, die Wirtschaft erst aufbauen. Das ist auch nicht falsch.

Die Idee des Sozialismus war gar nicht schlecht. Sie besagte, dass es keine Schichten gab, kein arm und reich. Die Produktionsmittel gehörten allen. Kein Kapital. Alles fürdas Wohl des Volkes.

Es waren Schlagwörter. Diese Schlagwörter hielten sich bis zum Schluß. Man kann wohl niemandem wirklich vorwerfen, dass er daran geglaubt hat. Bis zu einem gewissen Punkt. Es waren Schlagwörter und Losungen, die sich gut zum 1. Mai oder 7. Oktober machten. Wer hat Zeitung gelesen? Wer hat wirklich „Aktuelle Kamera“ gesehen? Diese Selbstbeweihräucherung. 110 % Planerfüllung.

Losungen:

              Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit!

              Mehr produzieren besser leben!

              Unser Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden!

              Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen!

 

              Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen.

 Diese Losung nahmen einige sehr wörtlich und klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Jeder hat seine eigene Biographie. Jeder hat seine eigene DDR erlebt. Es gibt sicherlich viele, die gar nichts Negatives sagen können. Was auch? Darum kann man sie auch schlecht erklären. Sie wurde von jedem anders erlebt. Jeder wollte sie auch anders sehen.

 

 

 

 

27.04.2012 um 01:46 Uhr

Sport geschrieben am 26. Jan. 2009

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Es wurde sehr viel über Struktur im Leben geschrieben. Unterschiede zu „uns früher“ und heute. Es gibt viele Gründe, warum die Dinge so sind wie sie sind, warum man sich mit ihnen arrangieren muß, warum man nicht vermag sie zu ändern oder nicht will. All das ist sehr individuell.

 Ich hab hier nicht zuletzt die Pioniergesetze und die 10 Gebote reingestellt, weil sie sich vllt. in einigen Dingen gleichen oder uns Ansporn waren, unser Leben zu leben. Ob wir das immer getan haben, ob wir damit einverstanden waren, ist eine ganze andere Sache.

Einige Dinge haben sich geändert. Das ist eine uralte Weisheit. Wir kennen alle den Spruch: „Früher war alles ganz anders“. Wir haben ihn gehasst und doch entdecken wir heute, dass wir ihn selbst benutzen.

Was war denn nun anders? Es sind viele Dinge, aber kommen wir auf eines ganz besonders zu sprechen. Eines, was ich gehasst habe, eines was ich nicht vermissen würde.Das ist das Pioniergesetz: Wir Thälmannpioniere halten unseren Körper sauber..., treiben Sport...“

Sport war es, was mir das Leben zur Hölle machte. Sport war wichtig, es war Hauptfach. Alle waren sportlich, nur ich nicht. Maximal so kleine Dicke, aber die gab es damals ja noch nicht so viel. Ich war nicht sportlich. Sport gab es immer und überall, in den Kindergärten, Schulen, Ferienlagern, in Arbeitsgemeinschaften, in der Ausbildung, im Studium, bei der NVA, in Betrieben.

Ich war schlank, neigte eher zu Untergewicht, aber ich war gelenkig wie ein Brechstange. Im Kindergarten war das noch gar nicht so aufgefallen, vielleicht wurde damals noch nicht so sehr viel Wert darauf gelegt. Aber in der Schule stellte es sich heraus, sie kann es nicht.

Die Schule machte Spaß - sicherlich. Man war auch ganz gut darin. Es gab so Fächer, die lagen einem nicht so. Ich habe erst neulich erklärt, von Physik habe ich keine Ahnung, Frauen müssen sowas nicht wissen. Ich erhielt darauf viel anerkennendes Gelächter, die Meisten waren wohl meiner Meinung – Frauen. Ich konnte auch nicht malen, basteln. Es lag mir nicht.

Meine Eltern waren da andes. Sie waren beide sportlich. Meine Mutter konnte auch ganz gut malen. Sie war zuständig für Hausaufgaben, wenn es dann hieß, malen. Und die Lehrer nun ja, da hieß es, streng Dich an, bemüh Dich. Man kann alles lernen. So war es dann auch so, wenn meine Mutter meine Zeichenaufgaben erledigte, dass ein Lehrer sagte. „Siehste, wenn Du Dich anstrengst, dann geht es auch. Dafür gibt es eine Eins.“ Und ich dachte: „Du Trottel, das hab ich überhaupt nicht gemacht, das war meine Mutter.“ Die Eins nahm ich und sagte dann zu ihr: „Du hast heute eine Eins bekommen.“

Sport lief aber anders, nicht nur, weil es Hauptfach war, es konnte auch keiner für einen erledigen. Kinder sind unbarmherzig, Eltern können es zuweilen auch sein. Ich erntete dann bei meinen sportlichen Aktivitäten immer viel Gelächter. Es gab Lehrer, z. B. In der Ausbildung: „Sie laufen nicht schön, aber elegant.“ Diese Lehrerin wurde dann irgendwann gefeuert, nicht weil sie unsportlich war, sondern weil sie in die Lehrlinge während des Unterrichts beklaute. Die trieben Sport, die Lehrerin beklaute sie unterdessen.

Es war immer ein Grauen. Meine Mitschüler, auch wenn sie mich teilweise lange kannten, hatten doch ihren Spaß daran. Andere Klassen natürlich noch viel mehr. So hörte ich mal, wie zwei meiner lieben Freundinnen zu einem coolen Kerl sagten: „Komm doch mal ans Fenster gucken, wenn wir Bockspringen machen, Du lachst Dich kaputt.“ Ich hätte ihn natürlich auch bestellen können, wenn sie ihre Ergüsse in Deutsch zeigen, aber das war nicht cool. Sport war cool.

Die Sportnote sah nicht gut aus auf dem Zeugnis. Mein Vater, natürlich bestrebt für seine Tochter das Beste zu wollen, meinte dann: „Studieren kannst (Direktstudium) Du nie, mit der Sportnote ist das einfach nicht möglich.“ Er hatte nicht Unrecht. Ich wäre gern Lehrerin geworden, Deutsch, Russisch, Geschichte. Aber mit dieser Note in Sport, das war wohl undenkbar.

Er unternahm auch viel dagegen. Er, hätte es das zu seiner Zeit gegeben, wäre gern auf eine Sportschule gegangen. Nun so einfach war das zwar nicht. Die Auswahlkriterien dafür waren hoch, außergewöhnliche sportliche Leistungen, olympiafähig waren Bedingung. Wer das nicht brachte, wurde schnell geschasst. Wie nachgeholfen wurde, wurde spätestens nach dem Zusammenbruch der DDR bekannt. Doping.

Ich wurde in allen möglichen und unmöglichen Sportgemeinschaften angemeldet. Ich mußte das lernen. Gebracht hatte es nicht viel, nur die Aussage der damaligen Lehrerin, heute Leiterin des Jugendamtes: „Warum bist Du eigentlich hier, hier sollen doch Kinder sein, die sehr gut im Sport sind, auf die kann man sich so nicht konzentrieren.“ Mein Vater selbst Übungsleiter nahm mich zu seinen Stunden mit, er trainierte eine Jungenkegelmannschaft. Bestandteil war natürlich auch das Sportabzeichen. Ich mußte dann teilnehmen, was bei seinen Jungs viel Freude auslöste. Das Sportabzeichen bekam ich dann in Bronze, wurde nachgeholfen sozusagen. Was zumindestens den Vorteil hatte, die Zensur verbesserte sich allein durch die Tatsache und dass man schwimmen konnte.

Einzig meine Oma hatte Verständnis und sagte mir, ich solle nicht traurig sein, manche Dinge kann man nicht lernen. In anderen Dingen bin ich doch gut und überhaupt kann sie das nachvollziehen, denn sie konnte nie singen und weiß wie es mir geht.

Gebracht hat diese ganze Treiberei nicht viel, irgendwann wollte ich überhaupt nicht mehr. Mein Vater sah ein, dass es nichts brachte. Man nahm die Zensur hin. Selbst einige Lehrer erkannten, es hat keinen Sinn, lieferten mich nicht mehr der Lächerlichkeit aus. Während der Lehre war ich dann auch die, die nicht am obligatorischen Sportfest teilnehmen mußte. Ich war nur anwesend. Meine Mutter war aktiv und teilte sich in ihrer Altersgruppe die vorderen Ränge abwechselnd mit der damligen Direktorin für Kader und Bildung.

Das änderte natürlich nichts an der Tatsache, dass die Zensur miserabel war. Ich war nicht sehr strebsam, ich war immer der Meinung, eine Zwei reicht durchaus. Mein Vater sagte dann auch immer: „Für eine Eins muss man im Grunde besser sein als der Lehrer.“ Das Ende vom Lied ist allerdings, ich wurde nie Lehrerin. Ob ich eine gute geworden wäre? Wer weiß das schon.

Unterrichtet habe ich in Jugendjahren viel.Nachhilfe, meine Oma in Russisch, was immer sehr lustig war. Ja, es wäre der Traumberuf gewesen.

Und man erlernte einen Büroberuf, weil meine Klassen- und Deutschlehrerin sagte, bei Deinem guten Deutsch, kannst das machen. Ja, was solls. Vorstellungen hatte man keine. Es hätte sicher viele Alternativen gegeben, aber wer weiß das schon mit 15,16.

Glücklich war ich nicht. Es war nicht mein Wunschberuf und gut war ich in den ersten Jahren auch nicht. Auf dem Ausbildungszeugnis schlägt die Sportnote auch negativ zu Buche.

Hätte die DDR länger gedauert, hätte ich sicher die Chance ergriffen, irgendwas in der Ausbildung zu machen. Zweiter Bildungsweg. Ich nahm kurz vor der Wende Anlauf, Paulchen war aus dem Gröbsten raus. Mein Mann war von dieser Idee sicher nicht so ganz begeistert, er wußte es nicht mal so richtig.

Es gab halt so Aussagen einer Kollegin, die ein Sonderstudium/Fernstudium absolvierte, mehr schlecht als recht: „Prozentrechnung oder Deutsch – sowas hatten wir während des Studiums nicht, das muß ich also nicht können.“ Aber wir hatten das 10 Jahre lang oder. Diese Aussage bekräftigte mich dann, wenn die das geschafft hat, dann Du doch erst recht.

Die Wende machte die Pläne unmöglich. Die Politik der Arbeitsagentur sowieso. Man hat alles umgeschult, vom Maurer zum Elektriker, vom Elektriker zum Maurer, vom Koch zur Anwaltsgehilfen. Man hatte Tausende Bürokaufleute ausgebildet, Tausende Bankkaufleute. Wozu weiß niemand? Gebraucht wurden sie nie. Aber ich hatte ja einen Beruf, für mich kam das nicht in Frage. Erst viel später erhielt ich die Möglichkeit, einen zweiten kaufmännischen Abschluß zu machen.

Natürlich hätte man vieles tun können.Hätte man das Geld gehabt, hätte man es bezahlen können. Eine meiner Kolleginnen, die 1997 noch ein Studium begann, sagte dann auch, warum machst Du das denn nicht. In erster Linie konnte ich natürlich meine Familie nicht im luftleeren Raum hängen lassen.

Es hat mir auch mal ein Dozent gesagt. „Warum unterrichten Sie kein EDV. Das wird gesucht.“ Damals jedenfalls. Nun, ich traute es mir nicht zu. Ich war der Meinung, EDV kann man nur unterrichten, wenn man davon allumfassend Ahnung hat. Wie irrsinnig meine Meinung war, erlebte ich in jahrelangen Weiterbildungen und Qualifizierungen, die alles in allem auch Spaß machten. Erwachsene in Ausbildung sind wie Kinder, benehmen sich wie Kinder, ihre Kinder würden sie was erzählen, benehmen die sich so wie man gerade selbst. Es war immer lustig!

Da gab es so einige Dozenten, die sich von jetzt auf gleich widersprachen, die noch im Unterricht ausprobierten, wie man dann Buchstaben in Word bunt macht. Eine wichtige Sache. Die während des Unterrichts aus dem Fenster guckten.

Den Dozentenschein, der dafür nötig wäre, den hab ich natürlich auch nicht. Bezahlt hat ihn das Amt nicht. Wie hätte man die 1000 DM dafür aufbringen sollen, wie es der Familie plausibel machen? Wäre es anders gelaufen? Wer weiß das schon.

Die Arbeitsamtpolitik war immer falsch. Es wurde ausgebildet, was nicht wirklich gebraucht wurde. Hätte man nicht, wie in den Nachkriegsjahren, Lehrer ausbilden können. Schnellbesohlung. Die werden doch immer mal händeringend gesucht, obwohl es viele arbeitslose Pädagogen gibt. Hätte man nicht im Sozialen ausbilden können? Altenpflegerinnen wurden viele ausgebildet, aber ansonsten?

Ich wollte immer unterrichten. Mir wurde auch nachgesagt, dass ich ganz gut bin darin. Viele Jahre habe ich selbst mit Arbeitslosen gearbeitet, ich habe sie betreut sozusagen. Meine Kolleginnen bewunderten immer meine Gelassenheit. Der etwas zurückgebliebene Kollege, der drei mal die Woche kam, um nach seinen Urlaub zu fragen, bekam eine Antwort, auch wenn ich nicht mehr in die Urlaubsliste schauen mußte, ich wußte es. Andere machten sich darüber lustig, ich nicht. Ich konnte ihm auch 20 mal sagen, wie er genau das machen soll. Ich verlor nicht die Ruhe.

Die Ruhe verlor ich erst im Kinderheim. Da habe ich gebrüllt, weil es manchmal nicht anders ging, weil der Ton, die Handlungen so abartig waren, dass sie gewöhnungsbedürftig waren und man sich manchmal einfach Luft verschaffen mußte. Aber selbst da verstanden manche meine Gelassenheit nicht, in manchen Situationen. Man kann sich nicht immer über alles aufregen, das gibt graue Haare. Warum hat Carsten seine Hausaufgaben so unkonventionell gemacht? Warum hab ich ihm alles vorgeschrieben, ganz ordentlich, ich hab mich wirklich bemüht, und er es nur abgeschrieben? Schließlich soll er schreiben. Weil er die Konzentration nicht hatte, weil sein Schriftbild dann unleserlich war, weil er so gezwungen war, mal richtig ordentlich und richtig zu schreiben. Nein, Pädagogen sehen das anders. Aber okay.

Wäre es für mich erfreulicher, wäre es anders gelaufen? Ich weiß es nicht, sowas weiß man nie. Irgendwann hab ich mich mit meinem Bürojob angefreundet.

Beruf ist nicht alles, was es an Freude gibt. Aber ein wichtiger Bestandteil. Es ist wichtig, weil es Selbstvertrauen gibt. Von der ganzen finanziellen Seite mal ganz zu schweigen.

Und was macht noch Freude im Leben? Freunde, Bücher, Sex, Filme, Hobbies, Reisen... Alles davon. Gesundheit nicht zu vergessen.

Die Erkenntnis: Die Freude am Leben sollte man sich bewahren, wo immer man sie findet. Man sollte sie auch suchen. Vllt. auch manchmal ganz unkonventionell. Sie ist wichtig. Und Struktur hat jeder von uns, sie wird einem durch irgendwelche Gesetzmäßigkeiten, irgendwelche Regeln aufgezwungen. Ob man sich dessen wirklich immer bewußt, ob vieles nur unbewußt ist, nun ja.

Was den Sport betrifft, das hat sich heute geändert. Heute ist Sport in den Schulen weniger wichtig, Arbeitsgemeinschaften gibt es kaum noch. Vereine buhlen teilweise um Nachwuchs. Die Kinder haben keine Lust, sind auch unsportlich, oder es fehlt am nötigen Kleingeld. Für die Gesundheit ist es sicherlich förderlich, gäbe es mehr Sport. Auch in meinem Leben. Wobei ich dann eine gewisse Sportart vorziehe.

 

 

26.04.2012 um 19:15 Uhr

Nervend

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Es gibt einige Dinge, die nerven, wirklich.

Mich nervt zum Beispiel zur Zeit die Berichterstattung zum Arbeitsmarkt. Ich kann es nicht mehr hören, dass wir Fachkräfte brauchen. Unser Land geht vor die Hunde. Wir haben keine Fachkräfte. Wir müssen ganz dringend, was eigentlich? Leute ausbilden? Mehr Fachkräfte ins Land holen?

Die Berichterstattung über die Herdprämie, das Betreuungsgeld nervt ebenso.

Und was macht der gute Bundesbürger, wenn er sich genervt fühlt? Er schaltet ab oder um oder hört einfach weg.

Eines ist ganz klar, bei aller Berichterstattung bekommt der mündige Bürger die Meinung, die er zu denken hat, gleich mit geboten. Ist sehr praktisch, muss niemand mehr selbst nachdenken, was er zu denken hat.

Ich habe mal gesucht und habe tatsächlich keine einheitliche Definition von Journalismus gefunden und auch keine einheitlichen Anforderungsprofile für Journalisten.

Eingebildet hatte ich mir natürlich, dass Journalismus sachlich sein sollte. Das Darstellen der Fakten. Aber es gibt eine Unmenge Beispiele, da bekommt  man die Meinung des Berichterstatters gleich präsentiert oder jedenfalls die Meinung dessen, der den Berichterstatter beauftragt hat (TV-Sender, Zeitung etc.).

Vor einigen Jahren gab es in unserem kleinen Land, dem Land der Frühaufsteher ein Problem. - Wobei mich niemand jemals gefragt hat, ob ich Frühaufsteher bin. Ich bin es nicht! - Ein paar unverantwortliche Eltern hatten eine Volksabstimmung gefordert und Unterschriften gesammelt. Die trauten sich was! Macht man denn so was?! Die wollten doch tatsächlich die Betreuung in den Kindergarten und Kinderkrippen für alle Kinder gleich regeln. Hintergrund war, dass man für Kinder von ALGII-Empfängern die Betreuungszeit der Kinder in den Einrichtungen auf 5 Stunden reduziert hatte. Waren die zu faul, ihre Kinder zu holen? Die sollen sich doch um ihre Kinder kümmern, schließlich Zeit haben sie ja. Alles auf Kosten des Staates. Dabei hat doch Sachsen-Anhalt ein vorbildliches Betreuungssystem im Durchschnitt zu den anderen Bundesländern. Nun soll es noch besser werden und noch mehr kosten? Das geht doch nicht.

Es gab eine Volksabstimmung, die scheiterte. Die Mehrheit der Beteiligten sprach sich zwar für die Abstimmung aus, aber die Anzahl der Beteiligten reichte nicht aus.

Alles war in Ordnung. Man hatte gesiegt. Ist das nicht schön? Dank der vorbildlichen Berichterstattung hatte man es wohl erreicht.

Ich war bei dieser Volksabstimmung, obwohl ich gar keine kleinen Kinder hatte, die das betraf. Nicht, weil ich der Meinung war, dass die Eltern zu faul oder unfähig waren. Für mich war es einfach nur unrecht, unsozial. Warum sollten die Kinder nur eine bestimmte Zeit in die Einrichtungen gehen, von bestimmten Dingen immer ausgeschlossen werden? Und warum sollten Kinder der so genannten bildungsfernen Schichten nun weniger Bildung erhalten? Kindergärten und Kinderhorts haben nämlich auch die Aufgabe, Kinder zu bilden, sie in sozialer Kompetenz zu schulen, in Sprache, in Wissen.

Es gab dann eine Studie, die herausfand, dass das Ziel verfehlt wurde. Ich glaube im nächsten Jahr soll sich dann alles wieder ändern. Das Geld für die Studie hatte man sich sparen können. Ohne arrogant zu klingen, man hätte mich einfach fragen sollen. Ich hätte es ihnen so gesagt. Oder einige Erzieherinnen…

Zur Zeit gibt es in unserer kleinen Stadt wieder andere Diskussion. Der Betreiber einer Webseite, die sich das Stadtmagazin nennt, hat historische Zeitungen auf sein Portal gestellt. Zeitungen aus den Jahren des Nationalsozialismus.

Welche Aufregung. Die Bürger sind empört (Anmerkung: habe allerdings keine gefunden), die Stadt ist empört, der Bürgermeister ändert die Richtlinien für die Nutzung des Stadtarchivs. Es darf nicht mehr passieren, dass jemand ungefragt solche Zeitungen erhält und den Bürgern zur Nutzung bereit hält. Die Lokalausgabe der Mitteldeutschen Zeitung berichtet darüber. In Foren wird darüber gestritten.

Der Betreiber der Website versteht die Aufregung nicht, von nationalsozialistischen Inhalten distanziert er sich. Hätte aber, so einige schlaue Mitarbeiter der Stadtverwaltung, diese Zeitungen kommentieren müssen.

Ich lese regelmäßig in diesem Portal und war nicht empört, u. a. Zeitungen, Adressbücher aus den Zeiten des Nationalsozialismus zu finden, auch habe ich keinen Kommentar vermisst. Ich fand es interessant.

Die Mehrheit der Bürger geht es wohl auch so. Man fand es einfach interessant.

Zwischenzeitlich sind von dem Portal die Seiten entfernt worden.

Aber mir stellt sich wieder die Frage, brauchen wir Journalisten, die uns die Meinung gleich präsentieren oder sind wir in der Lage, dies selbst zu tun?

Für mich kann ich die Frage klar beantworten: Mich nervt der meinungsbezogene Journalismus, ich vermisse oft Sachlichkeit. Ich möchte nicht gleich meine Meinung präsentiert bekommen.

Die Ausgangspunkte betreffend. Das Betreuungsgeld für Eltern ist sicherlich eine wunderbare Sache. Aber ich bin trotz allem der Meinung, man hätte dieses Geld in die Einrichtungen stecken sollen. Viele Kindergärten, Schulen sind stark sanierungsbedürftig. Wenn ich an meine eigene Schule denke, die ich immer mal zu Terminen der Blutspende besuche, stelle ich fest, viel hat sich dort nicht verändert. Die Möbel sind wohl teilweise schon 30 Jahre alt.

Und Fachkräfte? Ich weiß es nicht, ob Deutschland Fachkräfte braucht und woher sie kommen sollen. Ich weiß aber, dass wir einige Millionen Arbeitslose haben, die entsprechend umgeschult werden könnten. Das hätte man alles schon vor Jahren, Jahrzehnten tun können. Weiterbildungen, die dem Anforderungsprofil der Stellenbeschreibungen, den Anforderungen der Wirtschaft, der Verwaltung entsprechen. Nicht Weiterbildungen, die mal so ein bisschen an allem kratzen oder nur auf dem Papier gut da stehen. Es wurden Milliarden ausgegeben, um Elektriker zum Bauarbeiter, um Bauarbeiter zum Elektriker umzuschulen. Es wurden Milliarden ausgegeben, um Bürokaufleute, Rechtsanwaltgehilfen etc. auszubilden, die niemand wirklich braucht.

Lehrer werden auch gebraucht. Es war mal mein Berufswunsch. Ich wollte Lehrerin (übrigens für Russisch, Geschichte, Deutsch) werden. Experten sind der Meinung, die Sache wird mal so akut, dass man sich die Lehrer in 10 Jahren wahrscheinlich von der Straße holt (Neulehrer wie nach 1945). Vielleicht habe ich dann ja die Chance wieder oder auch nicht, dann bin ich zu alt.

Warum meine Berufswahl (noch in der DDR) anders ausfiel, ist eine andere Geschichte. Warum ich nie auf die Idee kam, Journalist in der DDR zu werden, ist ganz einfach: Parolen wieder zu geben, wäre nie mein Ding gewesen.

08.04.2012 um 01:19 Uhr

Paranoia

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Es gibt so Lebensweisheiten, die gelten immer. Man soll nie, nie sagen. Kaum hat man es ausgesprochen, schon ändert es sich.

Heute war mein Vater kurz hier. Er brachte mir u. a. ein paar Zigarren, die schon 30 Jahre alt sind. Von der Goldenen Hochzeit meiner Großeltern. Er kam nicht mehr dazu, sie zu rauchen. Es galt ja immer, was gut ist, wird für besondere Anlässe aufgehoben. In den letzten Jahren hat er nicht mehr geraucht. Gehe jetzt nicht näher darauf ein.

Jedenfalls meinte der Papa, vllt. hast ja jemanden, der Zigarren raucht. Zigarren sollen ja alt sein, je älter, je besser. Paulchen raucht mal ab und an eine Zigarre. Sein Vater, ja mit dem hab ich ja keinen Kontakt mehr.

Warum hab ich das nur ausgesprochen?

Mittags hab ich mich noch mal hingelegt. Irgendwann werde ich durch ein Klingeln geweckt. Man schreckt sofort hoch, wer könnte das sein. Die Zeiten, dass jemand ohne sich anzumelden, vor der Tür steht, sind ja im Grunde vorbei. Das gab es früher mal. Ich praktiziere das von Zeit zu Zeit bei Leuten, bei denen ich weiß, sie freuen sich dann auch.

So wer ist das nun? Ich hatte, das ist im Bett wohl so üblich, nicht viel an. Also erst an die Gegensprechanlage, meldete sich aber niemand. Keiner sagte was. Ich weiß, das Gerät ist ziemlich leise, wissen aber die Meisten. Das klingeln war auch untypisch. Es klingelte noch zwei Mal, aber es meldete sich auf das „Hallo“ immer noch niemand.

Was soll es, wer was will, meldet sich irgendwann wieder. Ich bin davon ausgegangen, war bestimmt das Miststück. Wir haben zwar eine Weile nichts voneinander gehört, aber man kann bei ihm nie wissen. In meiner Nostalgielaune hab ich sogar bedauert, nicht einfach geöffnet zu haben.

Also ging ich an den PC, schrieb auch 2 – 3 Osternachrichten. Da klingelte das Telefon, der Gedanke war, vllt. jemand, dem Du grade geschrieben hast.

Aber die Nr., eine Handy-Nr. mit einer Vorwahl, die kannte ich, da war es schon mal der Ex. Da wird man sofort paranoid. Nein, mit ihm wollte ich nicht sprechen. Ich habe das  Ganze natürlich kontrolliert, werden doch sämtliche Anruflisten auf dem PC automatisch vom Router gespeichert. Irgendwann hatte er doch mal angerufen, die Nummer muss noch irgendwo sein. Nein, diese war es nicht. Was nichts heißen mag, man ändert seine Telefonnummern öfter. Es gibt Sachen, die lassen einen nicht in Ruhe. Im Grund ist es doch egal, wer es war. In diesem speziellen Fall ist es das aber nicht, zu Paulchen habe ich neulich noch gesagt, nö, er hat sich auch bei mir nicht gemeldet. Dabei muss er doch vom Gericht Post bekommen haben, denn die Rentenklärung wird nun nach Jahren vorgenommen. Das wurde bei der Scheidung wegen Gesetzesänderung nicht getan. Also habe ich die Nummer unterdrückt angerufen, und ich glaube, er war es wirklich. Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch geklingelt hatte. Vllt. will er mal wieder was wissen wegen Paulchen oder ist nur erschüttert, weil er nun Rentenpunkte abgeben soll. Das kann doch alles nicht in Ordnung sein. Und wieso habe ich eigentlich wieder meinen Mädchennamen angenommen?

Zwischenzeitlich habe ich mich wieder beruhigt. Es fallen einem  Horrorszenarien ein, die man irgendwo schon mal gehört oder gelesen hat. Und bin immer noch der Meinung, egal, was ihn bewogen hat, wenn er es denn war, er soll mich nach 10 Jahren Trennung einfach in Ruhe lassen!

Ja, die Nostalgiestimmung, ergreift mich in letzter Zeit öfter. Ich weiß, es geht einigen so. Heute habe ich im MDR sogar die „Frank Schöbel-Show“ gesehen. Nostalgie pur, die Lieder habe ich als Kind immer vor dem Eltern-Großeltern-Verwandten-Publikum gesungen. Mit dem Hopsestrick als Mikrofon. Ja, ich konnte singen, gut sogar. Wie der kleine Heintje. Nur mit der richtigen Amtung hat es damals schon nicht geklappt. Hätte man üben sollen, sagte auch die Musiklehrerin. Allerdings habe ich das nie getan. Warum weiß ich heute nicht mehr. Später war das auch nicht mehr so wichtig. Über das hätte-man- vllt.-Tun sollen, kann man heute nur noch spekulieren. Die Stimme ist auch nicht mehr so hoch, Stimmwechsel, Rauchen. Egal.

Nostalgie? Woran liegt es, dass so viele nostalgisch werden? Am Alter? Ich bin nur beruhigt, dass wohl einige die Phase durchmachen.

Neulich war ich bei meinen holländischen Freunden/Bekannten. Wir haben uns lange nicht gesehen. Es war Winter, ich hatte wenig Lust, irgendwohin zu gehen. Mancher kann das nicht verstehen, aber es gibt Situationen, da muss man alleine sein, da kann man sich nicht unter Menschen begeben. Viele verstehen das nicht, Kontakte muss man pflegen usw. Das ist alles richtig. Erklären kann man das nur schwer, es ist einfach so. Es gibt Zeiten, da möchte man das nicht.

Jedenfalls hat sich bei den Holländern nicht viel verändert. Ich bewundere sie immer noch. Ein Grundstück, ich weiß nicht, wie viele Fußballfelder, aber es sind bestimmt 2 oder 3. Es lässt sich schlecht schätzen. Gebäude, die seit Jahrzehnten nicht bewohnt sind. Seit der Wende. Mit 1 Mio. Euro und vielen, vielen Bauarbeitern könnte man da  irgendwann was erreichen. Aber zu zweit mit ein paar Euro? Immer so nach und nach. Ich weiß es nicht. Sie sind von früh bis spät auf den Beinen und arbeiten und arbeiten. Leben immer noch sehr, sehr spartanisch.

Ich war nicht angemeldet, als ich bei ihnen aufkreuzte. Hatte meinen Vater besucht und auf dem Rückweg diesen kleinen Umweg gemacht. Sie haben mich schon von weitem gesehen. Freuten sich auch, aber bei ihr hatte ich sofort den Eindruck, ob da nicht vllt. doch was mit ihm sein könnte. Er hat mich sofort umarmt und geküsst  (ohne), hat sich dann auch gleich verzogen, so dass ich mit ihr alleine war. Wir haben uns gut unterhalten, sie braucht ab und zu mal jemanden, dem sie ihr Herzeleid ausschütten kann. Um die Liebe geht es nicht, sie liebt ihn. Aber die ganze Arbeit, das fehlende Geld und dann etwas, was ich nur zu gut kenne:

Wir werden älter. Es hupen keine LKW-Fahrer mehr, wenn wir über die Straße gehen, es pfeifen keine Bauarbeiter, wenn Frau an einer Baustelle vorüber geht. Die Zeiten sind vorbei. Sie sieht immer noch klasse aus, keine Frage, ist schlank. Letzteres kann ich von mir ja schon lange nicht mehr behaupten. Es fehlt. Man fragt sich, ich kann das nur bestätigen, war es das? Wenn man im Leben, beruflich, finanziell etabliert ist, hat man das Gefühl vllt. nicht so sehr. Aber das ist bei uns nicht so.

Wir werden nur älter. Und was kommt dann noch? Was soll noch kommen? Die große Liebe? Das wird bei mir wohl nur schwer möglich sein. Der gute Job mit dem großen Verdienst? Die Wahrscheinlichkeit ist genauso gering. Also was bleibt?

Die große Liebe. Ich weiß es, ich wusste es immer. Egal, ob es funktioniert oder nicht. Ich liebe das Miststück. Es wurde mir vor ein paar Tagen nur zu deutlich. Als ich Bilder betrachtete, fielen mir Fotos von Eddy und mir in die Hand. In Eddy war ich 1996/97 sehr verliebt. Er war mein Kollege, ich war seine Vorgesetzte. Es war schwierig, vllt. deshalb, vllt. aus anderen Gründen. Ich war verheiratet, gut, das hat meinen Mann nicht wirklich gestört – bei ihm. Es war nie etwas zwischen uns, obwohl er in mich auch sehr verliebt war.

Mir sind die Bilder in die Hände gefallen. Ich dachte nur, ach Eddy, da warst verliebt, ihr saht auch gut zusammen aus. So Arm in Arm in einer Feierrunde, ich sah etwas spröde aus, öffentliche Bekundungen liegen mir gar nicht!

Als ich Bilder vom Miststück sah, wusste gar nicht, dass ich diese besaß, ging sofort ein Stich durchs Herz.

Das ist der kleine Unterschied.

Ich gehe dem Miststück aus dem Weg, reagiere nicht auf seine Anrufe, wenn ich weiß, er ist es. Ich öffne die Tür nicht. Fast jedenfalls. Ein bis zwei Mal hab ich das schon getan, Nostalgie oder was auch immer. Keine Ahnung. Manchmal geht es dann auch ganz gut, eine Zeit jedenfalls, Oft merke ich aber gleich, es geht gar nicht. Ich kann es nicht ertragen, ich kann ihn nicht lange ertragen. Es ist einfach zu schwierig, zu kompliziert. Das versteht er natürlich erst recht nicht. Was soll ich ihm sagen? Er würde es auch nicht verstehen, würde ich versuchen, es ihm zu erklären.

Das ist auch der Grund, warum ich viel mit mir allein bin. Natürlich ist das nicht gut. Wem kann ich aber erklären, warum es so schwierig ist, warum ich mit ihm einfach nicht kann. Liebe reicht manchmal nicht aus?

Nessi hat sich ganz von ihm zurückgezogen. Von mir mehr oder weniger auch. Sie versteht es schon, sie kennt ihn ja, sie weiß, wie schwer er es einem machen kann.

Es ist nichts etabliert, rein gar nichts. Und das in meinem Alter?

Die Frage, die man sich immer stellt: Was kann man wann und wo ändern?

Darauf habe ich eben keine Antwort.

Es gibt vllt. auch keine.

Der letzte Flirt, immerhin, war am Mittwoch, als ich Paulchen besuchte. Schon auf dem Bahnsteig wurde ich angesprochen. – Habe gelesen, dass heute gesellschaftlich wieder der männliche Typ und der frauliche Typ gefragt sind, ganz schlank ist out. Sogar die Dicken werden „nachgefragt“ - von den Afrikanern. Immerhin – Von einem Afrikaner wurde ich dann auch angesprochen. Er sprach gut deutsch. Wir haben ein bissel gequatscht, warum auch nicht. Im Zug habe ich allerdings gelesen, er telefonierte. Dann kam doch die Nachfrage, ob wir uns nicht mal treffen, er möchte mich wenigstens noch einmal sehen, Telefon-Nummern austauschen. Und ich? Habe abgelehnt. War es latenter Rassismus? Was willst in unserer Stadt erklären, wenn Du mit einem Afrikaner durch die Gegend rennst? Willst, obwohl es ja wirklich toll und erfahrungswert sein soll, mit ihm in die Kiste? Worüber wollt ihr euch unterhalten? Egal, was der Grund war, ich wollte es nicht. Natürlich wurden wir beobachtet, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Als er ausstieg, eine Station vor mir, wurde ich angesprochen: „Endlich sind Sie ihn los.“

So beißt sich die Katze immer noch in den Schwanz. Nichts Neues im Osten. Eigentlich. Uneigentlich auch.

07.04.2012 um 16:27 Uhr

Frohe Ostern!

 
 

Allen ein frohes Osterfest!

Und da es eher nach Weihanchten aussieht:

 

05.02.2012 um 20:03 Uhr

Spruch zum Sonntag 6. Febr.

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Einige Träume müssen verwirklicht und gelebt werden -
einige müssen ungelebt verglühen.
Das ist okay. 
(Vanessa Redgrave)

28.01.2012 um 23:17 Uhr

Ich wünsche

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Ich wünsche dir
nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur,
was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche dir Zeit, nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.

Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

(Elli Michler von http://www.online-netzwerk-lernen.de/lyrik/ich-wuensche-dir-zeit.html )

28.01.2012 um 22:48 Uhr

Spruch zum Sonntag vom 29. Jan.

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Die Männer unserer Generation scheinen verunsichert,
welche Rolle sie einnehmen sollen,
und ich finde das sehr nachvollziehbar.
(Marie Bäumer, Schauspielerin)

22.01.2012 um 02:38 Uhr

Spruch zum Sonntag vom 22. Jan.

Ich könnte heute niemals komisch sein,
hätte ich nicht schon dutzende Male, 
emotional in der Gosse gelegen.
Humor entsteht in dem Moment,
in dem man sich wieder aufrafft. 
(Jim Carrey)

22.01.2012 um 02:26 Uhr

So dies und das

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Eine Woche ist vergangen. Es war sehr ruhig. Bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Und hat es mich gestört?

Ja, das hat es schon. Die Menschen sind eigenartig, erst sich beschweren, und dann ist es auch wieder falsch. Klar möchte ich wissen, wie es ihm geht, was er macht. Das Telefon zu nehmen oder zu schreiben, wäre einfach. Würde aber wohin führen?

Wenn man sich über 30 Jahre kennt, kann man nicht so einfach abhaken. Das war es. Wir haben immer miteinander geredet. Nun gut, ich bin eher selten zu Wort gekommen.

Von Nessi habe ich erfahren, dass die Mutter wohl wieder im Krankenhaus ist. Er hat es ihr geschrieben. Ich bekam auch ein paar SMS die letzten Tage wegen des DVD-Players, wegen einiger CDs. Heute, ob ich zu Hause bin, wenn es klingelt, ist er es. Ich habe nicht reagiert, es hat nicht geklingelt.

Wozu hätte es geführt?

Ich bin momentan eh nicht zufrieden. Das hat viele Gründe, ganz viele. Da ist nicht nur ER oder Paulchen oder die stille Ignoranz meines Vaters, der mit allem überhaupt nicht zufrieden ist, was er so sieht.

Mir gefällt es auch nicht. Vieles nicht. Mein Praktikum zum Beispiel. Macht es Spaß? Wenn man in dem Alter noch ein Praktikum macht, macht es wahrscheinlich per se keinen Spaß.

Ich bin in einem Betrieb, in dem ich schon vor Jahren war. In einem Kinderheim. Dort hat sich einiges verändert und auch wieder nicht. Einige Kollegen sind neu, einige Kinder sind neu. Einige habe ich wieder getroffen, Carsten beispielsweise, der mich auch erkannt hat. Die Arbeit dort ist für die Mitarbeiter mit Sicherheit nicht leichter geworden. Ich bewundere die Erzieher immer noch, die Meisten jedenfalls, wie sie das so weg stecken, wie sie mit den Kindern umgehen.

Aber Erzieher sind auch eine besondere Gattung Mensch. Das sage ich schon seit Jahren. Ich kenne einige und bis auf ein paar Ausnahmen sind die meisten fern der Realität.

Und nicht nur die sind fern der Realität. Es sind einige neue Mitarbeiter eingestellt worden. Nach welchen Kriterien? Ich weiß es nicht mehr genau, ob ich damals von dieser speziellen Erzieherin geschrieben habe. Sie war/ist schon eine Nummer für sich. Eine taffe Frau hat der Bereichsleiter gesagt. Ich möchte das nicht in Abrede stellen. Sie wusste jedenfalls, wie sie sich geben musste. Wichtig ist heute vor allem, dass man sich richtig verkauft. Schon damals kamen Gerüchte von Alkohol auf, natürlich, wer glaubt schon einem Kind, wenn es das sagt. Irgendwie hatte ich und vor allem Nessi, die mich besuchte, schon damals das Gefühl, die hatte doch getrunken. Heute ist sie nicht mehr dort, weil sie während ihrer Nachtschicht zur Tankstelle gefahren ist, um sich Zigaretten zu holen und in eine Polizeikontrolle kam mit 1,7 Promille. Lappen weg, der Kollege, der dann einspringen musste, war sicher begeistert. Irgendwann folgt die Kündigung.

Davon gibt es so einige Beispiele. Ich weiß nicht, ob andere es besser gemacht hätten. Aber Zweifel an der Auswahl dürfen doch aufkommen, zumal wenn man die nicht ausgewählten Bewerbungen sieht.

Und die Damen im Büro? Meine Kollegin und Vorgesetzte ist 32. Ich habe rausgehört, dass sie ihre Schwierigkeiten hatte/hat mit den Aufgaben. Bürokauffrau ist sie. Ist schon eine Weile im Unternehmen, gewechselt wird dort ja oft. Sie ist nett, keine Frage. Sieht gut aus. Ist immer in Bewegung. Was wichtig ist, sieht ja nach Arbeit aus. Kommt  mir bekannt vor.

Sie hat nun eine Praktikant, die ihr hilft, die ihr die unliebsamen Arbeiten abnimmt, die sie nicht schafft. Ablage, Mal dieses oder jenes kopieren, schreiben. Das Übliche halt.

Das ist nicht schlimm. Gut, vielleicht gäbe es Leute, die das besser organisierten, die Arbeit allein schaffen würden, das will ich aber hier nicht beurteilen. Kann ich auch gar nicht, bin ja erst eine Woche dort.

Wir sprechen über meine Mit-Praktikantin (Andrea). Sie ist 31, Wirtschaftsassistentin. Momentan schwanger, so dass ein Arbeitsplatz für sie nicht zur Debatte steht. Manchmal hat sie, um es höflich auszudrücken, eine große Klappe. Respekt fehlt. Haben wir schon während der Weiterbildung bemerkt. Sie vergreift sich manchmal im Ton. Meine  „Chefin wunderte sich, warum Andrea heute so komisch ist. Ich erwiderte, sie ist halt manchmal zickig, vielleicht liegt es ja an den Hormonen, schließlich ist sie schwanger. Und was sagt diese Dame da? Sie hat das auch schon bemerkt, sie waren ja schnell per Du (ist dort eh üblich, es gibt ganz wenige Leute, die sich in dieser Institution siezen), als sie das letzte Mal dort Praktikum machte (während ihrer Ausbildung), da kam schnell eher eine freundschaftliche Situation auf. Sie musste da schon zeigen, wer hier wer ist.

Bitte?

Es war das zwischen den Zeilen, was mich störte. Worauf ich auch nichts mehr zu sagen hatte. Wer ist der Praktikant? Wer ist der Chef? So einfach ist das.

Mit meiner Mit-Praktikantin duze ich mich schon seit unserer Weiterbildung. Habe damit auch kein Problem. Glücklicherweise bin ich viel älter als meine „Chefin“ und muss ihr das Du anbieten. Das lass ich wohl lieber. Das könnte nämlich dahin führen, dass ich sie eher als meine Praktikantin betrachte….


15.01.2012 um 04:23 Uhr

Flittchen

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Lange hab ich überlegt, ob ich überhaupt jetzt noch etwas schreibe. Da mir aber viel durch den Kopf geht und nachdem ich den letzten Eintrag gelesen habe, weiß ich, es ist allerhand (nicht) passiert.

Gestern wäre ich nicht in der Lage gewesen, es nur annährend in Worte zu fassen.

Es hat sich nicht viel verändert. Ich habe in dieser Woche meinen Sohn mit seiner Verlobten besucht. Er freut sich, wenn er uns sieht. Ich weiß von ihm, dass sie meint, ich möge sie nicht. Aber ich gestehe es, ich bin mir nicht sicher. Sie ist ein nettes Mädchen, aber will und kann sie ernsthaft auf ihn warten? Ich weiß es nicht, und ich möchte weder mich, noch meinen Sohn enttäuscht sehen. Natürlich kann man das aus ihrer Sicht auch anders sehen, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich habe keine Ahnung, was sie macht, wenn sie allein ist und dazu habe ich auch kein Recht. Nach ihren Aussagen kümmert sie sich um alle Belange, die nicht erledigt wurden, und das sind einige. Sie hat viel zu tun, viel Kummer mit ihren eigenen Eltern. Abnehmen kann ich ihr da wenig, ob sie das erwartet? Paulchen möchte konkrete Aussagen darüber, wie ich zu ihr stehe, ob ich ihnen den Segen geben will. Und ich? Ich kann das irgendwie nicht, schiebe es vor mir her und denke, dazu ist ggf. immer noch Zeit. Liege ich damit so falsch?

Bei meinem Rechtsanwalt war ich auch. Wir haben uns eine ganze Weile über dies und jenes unterhalten. Für mein Vorhaben sieht es gar nicht schlecht aus. Das Sozialgericht hat schon vor einem Jahr entschieden, dass die Vorgaben des Landkreises nicht richtig sind, dieser hat bis heute daran nichts ändern wollen. Deshalb wird es noch eine Zeit dauern, bis entsprechende Gerichtsurteile vorliegen.

Einen Praktikumsplatz habe ich auch. Einfach war es nicht. Auf meine Mails haben genau zwei Institutionen geantwortet, davon eine Absage. Der Bildungsträger selbst hat sein eigenes Süppchen gekocht, was mir sehr suspekt war. Dieses Angebot habe ich dann glücklicherweise ablehnen können. Ich gehe darauf jetzt nicht ein, würde zu weit führen.

Und nun zu dem eigentlichen Thema, was eigentlich ein Randthema für mich sein sollte. Nicht ohne Grund habe ich den Link nach den „Katastrophenmännern“ gesetzt.

Die Mutter des Miststücks, -  ich werde mir keinen neuen Namen hier für ihn ausdenken, er ist und bleibt  passend, - ist seit einiger Zeit im Krankenhaus. Operiert wurde sie nicht wieder, dazu ist es wohl zu spät, sie ist zu alt, zu krank. Er war zu Hause, wie das lief, kann ich nicht so richtig beurteilen. Er telefonierte viel. Das Telefon klingelte bei mir auch dauernd. Er trank viel, er besorgte seinen Stoff, sah fern und telefonierte wieder.

Er hat mich mehrmals gebeten, hoch zu kommen, aber ich wollte nicht. Auch als es darum ging, dass sein Antrag ausgefüllt werden musste. Nun ich hatte ihm schon vor Wochen gesagt, dass er sich darum kümmern soll, aber er blickt nicht durch. Er weiß nicht, wie es funktioniert. Seine Nachbarin, eine frühere Mitschülerin von ihm, war zum Kaffee dort. Lange hat sie gar nicht mit ihm geredet, aber die Neugier (so schätz ich es ein, oft hat sie mich nach ihm befragt, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kennen) hat sie wohl getrieben. Diese hat dann auch den Antrag ausgefüllt und weggebracht. Er hat es mir am Telefon erzählt, es war okay. Mir ging gleich durch den Kopf: Und die Kontoauszüge. Gesagt habe ich nichts. Er weiß so was ja nicht, obwohl ich es ihm mehrfach gesagt habe, ihr war es wohl egal. Also rief er vergangenen Mittwoch an, der Herr Sowieso hat angerufen, die Kontoauszüge fehlen noch, er möchte diese schnell kopieren und hinschicken.

Und ich Schaf habe gesagt, er solle zu mir kommen, wir können das schnell erledigen. Nach einer halben Stunde tauchte er auf, ich habe denn die Auszüge sortiert. Er hatte Schnaps dabei und für mich eine Tüte Cappuccino. Wir, d. h. ich, haben die Kontoauszüge kopiert, in einen Umschlag gesteckt, den Umschlag frankiert, weggeschickt. Er selbst hat davon nicht viel mitbekommen, er war betrunken und hat wie immer irgendwas erzählt usw.

Natürlich wollte er danach gehen, aber dann doch nicht so schnell und überhaupt. Ich war genervt, denn nun war er wieder da. Es glaubt einem niemand, der es nicht erlebt hat, wie genervt Frau sein kann. Ich weiß nicht, ob ich es so formulieren kann, aber er hat sich schon irgendwie Mühe gegeben, hat nicht ganz so viel geschlafen, dafür hat er mich wirklich beschäftigt. Vor allem auch dann, wenn ich es nicht wollte, wenn ich einfach meine Ruhe haben wollte, ein „Nein“ gibt es nicht.

Wir hatten Sex, das ist richtig. Der war, man möge es glauben oder nicht, gar nicht mal schlecht.

Es ist auch raus gekommen, womit er sich die ganze Zeit beschäftigt hat, warum er, wie er es mir schon am Telefon sagte, so viele Telefonkarten brauchte, er hat viel geschrieben. Das können wirklich nur Männer, ich glaube Frauen würden wissen, wie blödsinnig das ist. Er hat auf irgendein Erotikangebot geantwortet, viele nette SMS und Videos bekommen, pro SMS für 1,49.

Also war er wieder hier, er ging am Mittwoch nicht und auch am Donnerstag, obwohl seine Mutter wohl nicht begeistert war, die Nachbarin bei ihr anrief, sie hätte ihn schon lange nicht gesehen und der TV liefe wohl noch.

Essen haben wir auch bestellt. Ja, ja, man kann es kaum glauben, nach dem er sonst immer sehr gut auf meine Kosten gelebt hat. Eigentlich muss er ja auch nichts essen, das bisschen kann man ja auch trinken.

Am Freitag sollte seine Mutter nun nach Hause kommen. Die Ärzte hatten sich ja entschlossen, nicht zu operieren, die Schmerzen medikamentös zu behandeln. Schon vormittags rief sie an, sie komme nun nicht nach Hause, erst am Montag. Ich möge dafür sorgen, dass er zu Hause ist, er müsse sich ja um sie kümmern.

Er schlief zu dieser Zeit, ich legte mich auch noch mal hin. Es war eine kurze Nacht. Er weckte mich dann mehrmals, so nach dem Motto: Schlaf weiter, aber eigentlich habe ich Frühstück gemacht usw. usw. An viel Schlaf war nicht zu denken, irgendwann legte er sich neben mich, obwohl ich sagte, dass das Bett auf keinen Fall uns beide aushält (auf meiner To-Do- oder To-Buy-Liste stehen schon lange Matratzen und Lattenroste). Als ich aufstehen wollte, er mir kniend (!) Platz machte, krachte das Bett mehrmals. Ich war stinksauer. Vor allem, weil er nicht mal in der Lage war, es zu reparieren. Das geht alleine nicht. Da fehlt eine dritte Hand. Bei mir ging das dann doch alleine!

Ich war wirklich sauer, erstens wegen des Bettes und zweitens weil er ja sicher nun bis Montag hier bleiben wollte. Ob ich das noch ertrage? Ich komme mir nicht gut dabei vor, wenn ich das so sage. Aber ich ertrage es nicht. Ich bin sichtlich genervt. Das tut mir sogar leid, aber ändern kann ich es nicht. Ich weiß, dass einige mich verstehen, wenn sie ihn kennen. Ich weiß, dass die meisten auf Anrufe etc. nur selten reagieren, weil sie sich belästigt fühlen. Die Freundin seines Bruders hat das sehr direkt gesagt.

Er telefonierte noch mal mit seiner Mutter und wollte nun nach Hause. Schließlich lief der Fernseher noch. Ich wollte nicht mit. Er rief seine Nachbarin an,  ob sie ihn fahren könne. Sie bejahte und wollte ihn abholen bzw. sich telefonisch noch mal bei mir melden. Zwischenzeitlich rief Nessi auch noch an und die ganze Zeit quatschte er dazwischen. Das nervte sie und mich.

Die Nachbarin kam nicht, telefonisch war sie nicht erreichbar. Entweder war der Anschluss besetzt, oder es reagierte niemand.

Nun wollte er seine Mutter anrufen. Da er aber nicht in der Lage war, die Nummer aus dem Wiederholspeicher abzurufen, tat ich das und machte den Lautsprecher dabei an, sagte ihm noch, als sie ranging, er könne ihn jetzt ausmachen. Das tat er nicht.

Auf Nachfrage seiner Mutter sagte er, dass er bei mir ist. Das „Hmh“ ihrerseits klang schon sehr viel sagend. Dann berichtete er, dass er die Nachbarin angerufen hat, sie ihn ja eigentlich fahren wollte, aber nicht erschienen ist. Nun er solle diese noch mal anrufen, damit sie ihn noch fahren könne. Aber spätestens am Samstag solle er nach Hause fahren und dann am Montag auf sie warten. Er müsse sich viel kümmern, sie kann nichts mehr machen. Er müsse waschen und die Nachbarin könne ihm ja dabei helfen. – Mit dieser Nachbarin ging er in eine Klasse. Sie waren wohl lange mehr oder weniger befreundet, aber in letzter Zeit hat diese Nachbarin nicht mehr mit ihm und seiner Mutter gesprochen. Sie hat mich oft befragt, wenn beispielsweise der Arzt mal wieder bei ihm war, wie es ihm ginge. In der letzten Zeit hat sie dann angefangen, wieder mit ihm zu reden, sogar seine Mutter im Krankenhaus angerufen usw. Nach seinen und der Mutter Aussagen ist das keine nette, sie tratscht viel, hat einen Freund, der nur alle vier Wochen mal erscheint, was ihr reicht und überhaupt wäscht sie den ganzen Tag, fühlt sich als Hausmeister. Kurz gesagt, sie taugt nicht viel. Das nur als Anmerkung, was man eigentlich von dieser Frau bisher gehalten hat, nun möchte man aber, dass sie hilft. Und das hat sie auch, sie hat ihm den Antrag ausgefüllt und auch schon einiges für ihn eingekauft. Im Telefonat mit mir, hat die Mutter noch gesagt, ich könne ihm ja helfen, wenn ich das möchte. – Sie hat ihm noch einiges erzählt, wie das in nächster Zeit gehen soll. Natürlich kein Alkohol. Sie hat auch eine Sozialarbeiterin an der Seite, die ihr hilft, damit sie in nächster Zeit in die Reha gehen kann. Es muss ja geklärt werden, was aus ihm wird, da er ja nicht für sich sorgen kann. Er schläft ja den ganzen Tag usw. Es klang für ihn nicht gut. Und dann die beste Frage von allen: Hast Du denn alles für das Arbeitsamt erledigt? Er bejahte, dass er den Antrag mit der Nachbarin ausgefüllt hat und die Kontoauszüge mit mir kopiert und weggeschickt hat.

Und was sagt diese Frau dann darauf? „Dann hat sie ja auch mal was gemacht!“

Ich habe gedacht, ich höre nicht richtig. Bin sofort aufgesprungen, und habe gesagt und das auch ihr, dass könne ja wohl nicht wahr sein. Ich habe doch wohl jede Menge für ihn gemacht!

Das war natürlich so nicht gemeint usw. usw. Ich habe nicht mehr zugehört. Zu ihm habe ich nur noch gesagt, dass seine Mutter ein genauso intrigantes Miststück sei wie er. (Ja, es war mir nicht neu. Ich wusste das schon lange. Kenne sie ja auch alle schon eine Weile). Es dann so zu hören, war aber doch ein Schock.

Wie kann man nur so sein?

Ich wusste, dass er mich oft durch den Dreck zieht. Und sie auch. Da gibt es ganz viele Beispiele. Aber es bestätigt zu wissen, schwarz auf weiß sozusagen, ist schon mehr als nur ein Schock.

Hat er nicht ewige Zeit bei mir gewohnt, ohne dass es ihm was gekostet hat? Habe ich ihn nicht versorgt? Habe gewaschen, gekocht? Habe ihn aufgebaut, getröstet? Habe ich ihn nicht mehrfach, wenn auch erfolglos, in die Klinik gebracht? Habe dort angerufen? Habe ihn besucht? Habe mich sogar ausladen lassen, wenn es ihm nicht passte? Habe ich ihn nicht bei Nessi betreut? Habe ich ihn nicht bei seiner Mutter besucht, betreut, wenn es nötig war? Habe ich nicht für ihn eingekauft? Habe alle Behördengänge für ihn, mit ihn erledigt?

Wie oft habe ich das alles gemacht?

Aber natürlich habe ich in letzter Zeit nachgelassen. Ich bin nicht mit wehenden Fahnen dort hin gegangen. Das stimmt. Ich habe auch noch was zu tun, Probleme. Ich habe mich oft genug von ihm hintergehen und beleidigen lassen.

Ich habe ihn rausgeschmissen. Habe ihm kurz und knapp gesagt, er möge jetzt gehen. Er könne seine Nachbarin noch anrufen, aber die geht ja auch nicht ans Telefon, wenn er anruft, wie die Meisten. Er könne sich ein Taxi nehmen, sein Fahrrad. Aber jetzt geht er. Ich habe die Nase voll.

Es hat doch niemand so gemeint.

Das war schließlich nicht das erste Mal. Und habe ich das nötig?

Zuletzt kam dann noch eine herrliche Beleidigung: Flittchen. Ich könne mich ja auf meine Couch lang und breit machen, wobei lang geht ja nicht, aber breit.

Weiterhin habe ich ihm gesagt, dass ich von ihm und seiner Mutter nichts mehr hören will. Kein Anruf, keine SMS, rein gar nichts. Ich möchte mit beiden nichts mehr zu tun haben.

Danach habe ich Nessi angerufen. Habe ihr davon erzählt, ich war immer noch ziemlich aufgeregt, Ich habe gezittert. Sie hofft nun, dass ich endlich schlau werde. Es war mir ja alles nicht neu. Ob es das alles wert war? Ihr war schon klar, dass die Nachbarin nicht erscheint. Machen sich doch alle im Haus über sie lustig. Ja, ja auch ich habe mich nicht gewundert, dass sie nicht kommt. Wer möchte schon  mit ihm gesehen werden?

Er hat mehrfach angerufen, noch in der Nacht. Auch bei Nessi. Mit ihr habe ich heute auch telefoniert, sie wollte wissen, ob ich mich beruhigt habe. Auch heute hat er angerufen, mehrmals, habe aufgelegt. SMS gegen halb zwölf geschrieben: Du schläfst wohl schon? Kuss

Es gibt auch keine Ausreden wie: er ist ja immer betrunken, sie ist alt, vllt. von den Medikamenten benebelt. Denn selbst, wenn dem nicht so wäre, wäre es nicht anders. Manche Menschen sind halt so. Damit muss man sich abfinden und selbst wissen, dass man sich das nicht antun muss, denn ändern wird man das nicht, man bleibt nur selbst auf der Strecke.

Nessi ist nun gespannt darauf, ob ich ihn wieder rein lasse. Sie meint ja. Ich solle mich auch nicht mehr an mein Versprechen, ihm zu helfen, gebunden fühlen. Das ist nun nicht mehr nötig.


15.01.2012 um 02:38 Uhr

Spruch zum Sonntag vom 15. Jan.

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

 

 

Es ist immer gut, frisch Verliebte nicht zu ernst zu nehmen.

Das gilt auch für die Verliebheit selbst. Wenn man betrunken ist, fährt man auch kein Auto.

(Ildikó von Kürthy)

 

15.01.2012 um 02:32 Uhr

Spruch zum Sonntag vom 8. Jan.

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. 
(Umberto Eco)

15.01.2012 um 02:26 Uhr

Aus gegebenem Anlass

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

04.01.2012 um 02:12 Uhr

Jahresbeginn

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Eigentlich und uneigentlich ist es schon spät oder früh, je nach Betrachtung. Aber ich kann sowieso noch nicht schlafen. Ist noch nicht so ganz meine Zeit, was ich mal wieder schnellstens ändern sollte. In alte Gewohnheiten verfällt man schnell. Zum anderen geht mir noch so einiges durch den Kopf.

Es ist eine Menge passiert / nicht passiert in letzter Zeit. Auch wieder eine Sache der Betrachtung.

Nach all den guten Wünschen für das neue Jahr, und nachdem ich bei so einer sinnlosen Facebook-App erfahren habe, dass ich immerhin 24 % Glück haben werde dieses Jahr, sage ich mal ganz real, ich erwarte gar nicht viel Glück dieses Jahr. Dass eine bestimmte, negative Botschaft schon am 31. Dez. kam, mag insofern von Vorteil sein. Viel ändern an der jetzigen Situation wird sich nicht, das ist Fakt.

Heute habe ich einen Brief von Paulchen erhalten, und wie man sich denken kann, und wie es auch in den vergangenen Jahren schon immer war, ist dieser sehr sentimental. Das kann schon den stärksten Ochsen umhauen und die Tränen fließen lassen. Er fasst es halt noch mal in Worte, dass er gedacht hat, alles ist okay und dann ist es halt doch nicht so, er ist wieder da, wo er nicht wieder hin wollte und beteuert nun wieder, dort nie wieder hin zu wollen. Er bemerkt es selbst, dass es oft ich bin, die die Kohlen aus dem Feuer holen muss. Es ist nicht neu. Das Einzigste, was er meint, richtig gemacht zu haben, ist die Wahl seiner Freundin. Denn die steht zu ihm. Er bedankt sich bei mir, dass ich versuche, sie zu akzeptieren.

Das ist gar nicht der Punkt. Ich habe immer versucht, seine Beziehungen zu akzeptieren. Sie dauerten meist nicht so lange, jung halt. Ich akzeptiere, ob ich sie unbedingt respektiere ist ein himmelweiter Unterschied. Mütter sind eigenartige Wesen, die wünschen sich für ihre Kinder nicht nur immer das Beste, vor allem das Beste aus ihrer Sicht und haben da konkrete Vorstellungen. Ich war geschockt, als es um Hochzeit ging. Ist denn alles in trockenen Tüchern? Aber wann ist es das schon? Wann war es, und ist es bei einem selbst, in trockenen Tüchern? Niemals. Bei mir herrschte die letzten Jahre ja auch nur Chaos: Nessi, Miststück. Ich hätte mir halt eine starke Frau gewünscht, die in der Lage gewesen wäre, das abzuwenden, was geschehen ist. Aber wäre das möglich gewesen? Hätte es eine gegeben, die das gekonnt hätte, die ihn in den Allerwertesten getreten hätte? Hätte ich es vermocht? Sicher nicht. Wenn jemand die Zügel schleifen lässt, dann kann kein anderer sie straff halten. Das ist vermessen. War ich anders, als ich 22 war? Nein.

Es ist falsch zu behaupten, wie waren damals erwachsener. Wir waren Mütter. Das ist sie auch, auch wenn ich nicht mal weiß, warum ihr Kind bei seinem Vater ist. Ich habe nicht gefragt, weil es mich nichts anging. Und ändert es was? Natürlich hatte ich mit 22 ein Kind, aber warum? Wenn ich darüber nachdenke, dann war es einfach so, dass alle meinten, es wäre an der Zeit, mit 20 schwanger zu werden. Andere sind es schon. Mein Ex war schon eher der Meinung, jetzt bekommen wir ein Kind. Ich habe noch meine Ausbildung beendet und danach die Pille abgesetzt. Wusste ich worauf ich mich einlasse? Nein. Alle kriegen Kinder, alle meinen, es ist ein guter Zeitpunkt, mein Ex sowieso, also bekam ich auch eins. Ich hätte mir nicht getraut zu widersprechen. Ich hatte keine Ahnung von Kindern, ich habe nie Babys gesittet.

Sie versucht jetzt, das Beste daraus zu  machen. Er ist nicht da, sie vermisst ihn. Sie kümmert sich wohl um alles, was er vernachlässigt hat. Einfach hat sie es nicht. Er kann ihr nicht helfen, er ist nicht da, ob er es tun würde, wenn er da wäre, die Frage kann er nur selbst beantworten. Sie versucht ihrem Kind, soweit es geht, Mutter zu sein. Das höre ich raus. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Ja, ich vesuche, sie zu akzeptieren und zu respektieren. Ich mische mich nicht ein. Sie müssen sehen, wie sie das Beste daraus machen. Die Zeit wird zeigen, was daraus wird. Daran kann ich sowieso nichts ändern. Natürlich bin ich traurig, sauer, dass es so ist, wie es ist. Ich hätte es mir einfacher gewünscht.

Klar, er hat die Zügel schleifen lassen. Sein Vater ist nicht ganz schuldlos dran, der ganze Stress mit ihm, aber auch das zählt nur wenig. Ausbaden muss er es selbst, sie es, ich es. Soweit es jeder vermag.

Und der Rest? Nein, das ist nie alles bei mir. Das wäre zu einfach.

Meine Weiterbildung habe ich beendet. Jetzt soll ein Praktikum her. Ist nicht ganz so einfach, wie man sich das seitens des Jobcenters, seitens des Weiterbildungsträgers denkt. Praktika sind auch nicht so ohne weiteres zu haben. Nach Weihnachten, nach Neujahr. Praktikanten gibt es genug. Verspricht sich doch die Politik etwas davon.

Ich bin gespannt, was sich ergibt. Ein Angebot steht, ich kann jederzeit in der Kirche ein Praktikum machen, die sind froh, wenn sich jemand findet. Bei ein paar Institutionen habe ich nachgefragt. Man wird sehen.

Außerdem gehe ich morgen noch zum Anwalt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Zum 1. Jan. d. J. gab es ja mehr ALG2. Nur leider bekomme ich 20 Euro weniger. Meine Nebenkosten, von der Miete will ich gar nicht reden, die ist es schon lange, sind zu hoch. Die hat man mal einfach so um 20 Euro ohne Ankündigung gekürzt. Es spielt keine Rolle, dass es für diesen Preis gar keinen Wohnraum gibt, dass sich die Mietnebenkosten sowieso nur immer nach oben bewegen. Der Landkreis muss sparen. So gibt es halt eine neue Handlungsanweisung des Landrates, die Mietnebenkosten müssen angemessen sein.

Ich werde beschließen, mich weniger zu duschen, weniger mich und die Wäsche zu waschen und putzen werde ich auch weniger. Letzteres mag ich sowieso nicht. Außerdem entspricht es ja dem Klischee des Hartz4-Empfängers.

Eines fehlt noch. Richtig. Das Miststück.

Bis einen Tag vor Silvester war er 14 Tage bei mir. Das war nicht unbedingt geplant. Jedenfalls nicht von mir. Er kam eines Abends auf einen Kaffee, wollte für seine Muter noch einkaufen und ging nicht wieder. Sie rief zwar mehrfach an, bettelte und flehte, was aber nicht wirklich was nützte. Er ging nicht. Ich sagte es ihm auch mehrfach, mehrfach beschwerte er sich über mein Treiben, schließlich braucht er 150%ige Aufmerksamkeit. Wenn ich weg musste, mich nicht seinen Wünschen gemäß beschäftigte, also mit ihm, sondern was erledigen musste, einkaufen, Behördengänge, putzen oder auch was am Rechner machte, telefonierte, TV sah. All das gefiel ihm natürlich nicht. Mir missfiel das auch. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr. Nessi hat mir heute gesagt, rede dir das nicht ein, Du bist es nicht. Du kannst ihm nicht immer zuhören, zum 137. Mal seine Geschichten anhören, immer ihn „beduddeln“. Das kann niemand. Das mag alles so sein. Er nistet sich bei dir, macht nichts, benutzt alles. Ja, vielleicht ist es so. Vielleicht ist es auch anders. Wie auch immer. Ich fühle mich nicht gut bei dem Gedanken. Keine Ahnung, vielleicht möchte ich für ihn da sein, mich für ihn verantwortlich fühlen, ihn abhängig machen. Vielleicht ist es auch nicht so, vielleicht benutzt er mich nur.

Ich will es jetzt nicht werten.

Donnerstag war es, als er kam. Wie gesagt, seine Mutter rief mehrmals an, wollte dass er zu ihr kommt, ihr Brot bringt usw. Ihr ging es nicht gut. Sie hatte starke Schmerzen, nahm dagegen allerlei Medikamente, durcheinander, was nicht wirklich half. Am Sonntag war dann große Ruhe. Es war schon Mittag. Ich sagte ihm noch, sie meldet sich nicht, er solle doch wenigstens mal anrufen. Es ging niemand ran. Sie hatte schon am Samstag Abend gesagt, dass sie evtl. den Notarzt anrufen will, um in die Klinik zu gehen. Wo war sie nun? Das machte ihm dann doch Sorgen, er fragte mich, ob ich mitgehe, ich lehnte ab. Und er fuhr los. Ob es nun idiotisch ist oder nicht, ich kam mir nicht gut vor. Klar sagte ich mir, was geht es dich an, und überhaupt, sie ist 81, vielleicht liegt sie da irgendwo in der Wohnung. Das brauchst dann doch nicht, oder? Aber macht man so was?! Er fuhr jedenfalls, ich kam mir nicht gut vor. Was ist nun, wenn sie dort liegt, er weiß sowieso nicht, was er machen soll. Und wenn sie nicht da ist, in der Klinik, weiß er es auch nicht. Er meldete sich dann, sie war nicht da. Ich rief dann die Klinik an, dort war sie. Ich bin dann zu ihm  gegangen. Natürlich hatte ich die Absicht, nur kurz und so. Wer hat das eigentlich geglaubt? Ich? Wirklich?

Wir sind dann mit dem Taxi in die Klinik. Nicht mal das packt er wirklich allein. Wir steigen ins Auto, und er sagt zu dem Fahrer, eigentlich weiß ich gar nicht, wo es hin gehen soll. Ja, in die Klinik, war meine Antwort. Der Fahrer braucht keine Erklärung, wie man ins Krankenhaus kommt, das weiß ein Taxifahrer, dazu ist er es und die Station ist dem relativ egal!

Ihr ging es sichtlich besser. Sie hatte eine Spritze bekommen. Von der Klinik sind wir dann zu mir, er wollte nicht nach Hause. Was soll er dort allein? Er hat es zugegeben, er weiß nicht, was er dort tun soll. Also blieb er. Seine Mutter wechselte noch die Klinik, kam in die Landeshauptstadt, wurde an den Bandscheiben operiert. Am 30. Dez. entließ man sie, sie war zwischenzeitlich schon wieder am Ort im Krankenhaus, für 2 Tage. Aber auch dort wollte man sie nicht mehr. Das ist heute halt so. Es geht ihr nicht wesentlich besser, sie hat immer noch Schmerzen, die Wunde ist nicht verheilt, sie soll sich eigentlich nicht bewegen, was sie uneigentlich doch tut.

Éndlich ging er. Es war wirklich ein Aufatmen. Es ist nicht einfach, ob man das versteht  oder nicht, es ist so. Ich sage das auch deutlich. Ich kann ihn nur schwer ertragen. Die Nähe und Wärme, die ich bis vor einiger Zeit noch empfand, ist nicht mehr vorhanden. Natürlich war auch das nicht einfach. Ihr Freund war auch da, er half mit. Auch wenn in letzter Zeit da wenig persönlicher Kontakt bestand. Dieser Freund mag den Sohn seiner Freundin gar nicht, er sagt es oft, was er von ihm hält. Unrecht hat er nicht. Ich mag ihn übrigens auch nicht, was aber andere Gründe hat und auf Gegenseitigkeit beruht. Er müsste sich viel kümmern um seine Mutter, bei mir hat er 14 Tage nichts getan, außer seinen Stoff besorgt. Er hat viel gelegen, geschlafen, geraucht, mir Geschichten erzählt, vor allem, wenn ich Ruhe haben wollte. Jetzt war er mehr gefordert. Wie das lief, habe ich keine Ahnung. Natürlich hätten beide gern gehabt, dass ich mitgehe. Hätte ich dann beide pflegen sollen? Und den Freund der Mutter übers Wochenende auch noch? Bissel klein die Wohnung.

Während dieser paar Tage hat sie zwei Mal den Notarzt gerufen, der davon nicht begeistert war. Heute hat sie dann, wie schon mehrfach uns gegenüber, der Schwester ihrer Hausärztin erklärt, sie will nicht mehr, sie nimmt sich das Leben (Sie hatte schon vor Tagen erklärt, sie nimmt ihre ganzen Tabletten auf einmal. – Bei Schmerztabletten wird das sicher nicht die Wirkung erzielen – meine Anmerkung.). Auch sie ist nicht einfach, wie man sieht. Sie ähneln sich sehr. Ich will ihre Schmerzen nicht abwerten, mit 81 ist man sicher wehleidiger. Schmerzen kann man auch nicht messen. Jeder geht damit anders um. Dennoch sage ich es, mal hier und habe es auch schon ihm und Nessi gesagt, die mir nicht widersprechen konnte, beide möchten gern der Mittelpunkt sein, jeder muss springen, wenn was nicht so ist, wie sie möchten, andere interessieren wenig. Was hat die Ärztin gemacht? Sie hat sie natürlich wieder in die Klinik eingewiesen. Was sollte sie tun, wenn jemand über unerträgliche Schmerzen klagt und sich umbringen will? So liegt sie seit heute Abend wieder in der Uniklinik der Landeshauptstadt. Die Hausärztin hatte davon abgesehen, sie in die Psychiatrie einzuweisen, was sie erst vorhatte. Suizidgefahr steht aber  auf dem Einweisungsschein.

Woher weiß ich das? Natürlich hat er mich angerufen. Ich war heute nicht viel zu Hause, nicht erreichbar, weil ich Termine hatte wegen des Praktikums und wegen meines Sohnes usw. Es ist auch selbstverständlich, dass er zu mir kommen wollte. Er will nicht alleine sein, er hat es mehrfach erwähnt, er ist dort so allein. Ich habe abgelehnt, bei mir ist auch nichts los. Bei seinem letzten Anruf habe ich auch nicht abgenommen. Als Reaktion bekam ich nur ein „Danke“ per SMS.

Nessi meinte, um das zu erklären, ab und an telefonieren wir schon noch, nun kann er doch mal beweisen, dass er alles so viel besser macht. Schließlich behauptet er das doch immer. Was geht es Dich an?!

So ganz gut komme ich mir doch nicht vor. Sollte man nicht helfen, wenn man weiß, er kommt nicht klar? Gut, er könnte sich und uns überraschen, möglich ist bekanntlich alles, das wird man jetzt erfahren. Oder?! Das ABER für mich, dann wäre er hier, würde hier den ganzen Tag rum liegen, saufen, rauchen, telefonieren mit allen möglichen und unmöglichen Leuten, soweit sie denn überhaupt ans Telefon gehen, würde Geschichten erzählen. Von der Körperpflege die jeder Süchtige vernachlässigt, will ich erst gar nicht anfangen.

Mal ganz abgesehen von allem: Ich habe vor einer Stunde mal alte Sachen gelesen. Wer hat sich denn um mich gekümmert, als er zu Nessi ging, als er zu seiner Cindy ging, als ich hier allein zurück blieb? Wer hatte gefragt, wie es mir dabei ging? Es ist lange her, aber wahr ist es trotzdem.

Was mit der Mutter passiert, wird sich zeigen, ob man ihr helfen kann, ob sie wieder wie vorher wird. Was ist, wenn dem nicht so ist, das ist die große Frage. Was wird dann aus ihm?

04.01.2012 um 00:20 Uhr

Spruch zum Sonntag vom 4. Jan.

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Versuchungen kommen meist durch absichtlich offen gelassene Türen.
(Gilbert Keith Chesterton)

01.01.2012 um 00:20 Uhr

Neujahr

von: Paulinchen   Kategorie: Kurios

Allen ein gesundes, erfolgreiches, zufriedenes, glückliches Neues Jahr!

25.12.2011 um 16:09 Uhr

Frohe Weihnachten

von: Paulinchen   Kategorie: Erotik