Plateforme

30.04.2008 um 00:25 Uhr

Weinen in der Dunkelheit

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Ich hab mal wieder etwas gelesen. Mir war, als ich damit anfing, gar nicht bewußt, wie sehr es mich berühren, erschrecken und auch bestätigen würde.

Vor vielen Jahren las ich schon "Weinen in der Dunkelheit" und "Draußen" von Ursula Burkowski – untertitelt mit "dramatische Kapitel Berliner Geschichte". Peti gab mir nun den letzten Teil der Trilogie "Draußen".

Also fing ich an, diese Trilogie noch einmal zu lesen. Das ging auch alles ratzfatz. Schließlich sind die Bücher nicht schlecht geschrieben, und wie mir erst später bewußt wurde, weil es in einem Teil geschrieben stand, ohne Fremdwörter. Das macht das Lesen leichter, erspart es einem doch das Fremdwörterlexikon.

Was mich erschreckt hat? Das war weniger der Teil der Geschichte, warum das Mädchen ins Heim kam. Dies geschah damals häufig. Auch später kam es zu ähnlichen Vorfällen, als Eltern ihre Kinder verließen, um in den "Westen" abzuhauen. Was mich wirklich erschreckt hat, waren die Geschichten aus dem Heim. Natürlich hatte ich das Buch schon einmal gelesen, ich war damals mit Sicherheit ähnlich erschrocken. Erschrocken hat mich vielmehr die Tatsache, wie ähnlich Heimerziehung noch heute ist. Gibt es keine besseren Konzepte? Sogar die eigene Sprache ist erhalten geblieben. So spricht man noch heute von der Ämtererledigung, wenn die Kids bestimmt Pflichten im Heim, also im Haushalt, übernehmen müssen.

Eine Formulierung ist mir noch immer in Erinnerung: "milieugeschädigte Kinder". Wann und warum sind Kinder milieugeschädigt? Hätte mir jemand vor 1990 gesagt, in den Heimen der DDR sind miliegeschädigte Kinder, so hätte ich das wohl bezweifelt.

Auch heute spricht man von milieugeschädigt, die gesellschaftlichen Zusammenhänge sind aber anders. Hoffe ich, denke ich. Ich weiß gar nicht, ob es dieselbe Klientel ist.

Es ähnelt sich so vieles. Selbst heute betonen wir oft, dass es die Kids wahrscheinlich im Heim besser haben als zu Hause: Sie haben ein Dach über den Kopf, sind gut eingerichtet, haben zu essen, zu trinken, werden versorgt, werden in gewisser Weise auch umsorgt, können zur Schule gehen, unternehmen vieles, fahren weg etc. Das können sich manche Eltern nicht leisten, manche wollen es auch nicht. Das war wohl auch früher schon so.

Wenn die Kids aus dem Heim kommen und die Meisten wollen natürlich schnell dort raus, auf eigenen Beinen stehen, dann sind sie oft überfordert – mit dem Leben, mit der Verantwortung. Selbst in der gut strukturierten DDR war das so. Wie schwer muß das erst heute sein?!

Das Mädchen hat im dritten Teil ihre Mutter gefunden, eine Erklärung für deren Verhalten hat sie nicht erhalten. Auch das geht wohl den meisten so. Die Freiheit, die sie empfunden hat, die sie sich gewünscht, die sie nur im "Westen" zu finden glaubte, daran habe ich persönlich meine Zweifel. Freiheit ist für mich Einsicht in die Notwendigkeit. Ich glaube über Freiheit haben sich die wenigsten DDR-Bürger wirklich Gedanken gemacht. Und ob, angesichts viele Entwicklungen heute, die Bürger der BRD (dieses Wort gibt es wohl gar nicht mehr) freier sind, nun darüber möchte ich nicht spekulieren. Die Stichworte sind Überwachung, Durchsuchung. Als dieses Werk entstand waren alle noch in dieser Einheits-Euphorie, alles wird besser, schöner, freier. Was davon geblieben ist, möge jeder für sich beurteilen. Es hat auch mal jemand  so formuliert: Du hast die Freiheit unter der Brücke zu verhungern. Auch das ist halt ein Teil der Freiheit.

Eine Aufarbeitung dieser Geschichte war in keinem Interesse. Weder die Heime, die noch in ähnlichen Konzepten arbeiten, noch die Politik hatte Interesse daran. Wen wundert es. Der geneigte Leser hat Erinnerungen eines Mädchen erfahren, die nicht untypisch für die DDR waren. Wahrscheinlich könnte auch ein Kind aus der BRD über ähnliches berichten. Der Sozialismus, von dem man gehofft hätte, man tut alles, für die Kinder, für die Alten, hat auch da versagt.

Mein persönliches Erlebnis und meine persönlichen Zweifel an dem "ach so guten Sozialismus" kamen spätestens, als ich meinen Opa im Krankenhaus besuchte. Alte Männer eingepfercht in ihrem Zimmer, ärztliche Kontrolle war nicht unbedingt Bestandteil. Der kam zweimal die Woche – kurz natürlich.

Und selbst da kann man heute sagen, es wird, angesichts der Gesundheitsreform, der Zwei-Klassen-Medizin, nicht mehr anders sein.

Diese Gedanken erschrecken, sie machen bewußt, was dem Mädchen widerfahren ist, was vielen früher und heute widerfährt und die Frage bleibt offen, was sich ändern muß, damit es keine milieugeschädigten Kinder mehr gibt oder die Kinder zumindestens selbstbewußter, verantwortungsvoller ins Leben gehen?!

25.04.2008 um 02:39 Uhr

Vierzig

von: Paulinchen   Kategorie: Zitate

Mit 40 kann man alle Dinge, die man mit 20 auch konnte - nur nicht in der gleichen Woche.

(Dr. E. Hirschhausen)

17.04.2008 um 02:35 Uhr

Es kotzt mich alles an

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

So richtig weiß ich momentan nicht, wo ich anfangen soll. Früher, also so vor hundert Jahren, als man notgedrungen seine Tagebuchaufzeichnungen noch per Hand, also offline, vornahm, habe ich dann immer so eine Art Aufzählung vorgenommen. So nach dem Motto: das und das und dieses und jenes ist passiert. Nicht selten war es belanglos, aber irgendwie fühlte man sich gegenüber dem Tagebuch, obwohl es ja gar keiner las, verpflichtet. Vielleicht dachte man auch, irgendwie liest man das Ganze mal und irgendwelche Lücken könnten auffallen, alles müsse lückenlos sein. Man könnte jetzt sagen: Typisch deutsche Pedanterie.

Wie dem auch sei, eigentlich ist viel passiert und dann auch wieder nicht. Als wichtigstes Ereignis oder auch als sehenswertestes ist wohl zu werten, dass ich jetzt stolzer Besitzer einer neuen Couch bin. Das war so eine Hau-Ruck-Aktion von jetzt auf gleich. Wie immer also.

Zufall war es oder auch Glück. Nessi hat durch ihre Tätigkeit von diesem Stück erfahren, es über ihr Unternehmen mir gegen Gebühr liefern lassen können, die alte abfahren lassen.

Lange Rede kurzer Sinn: Eine neue Couch ziert das Wohnzimmer, wie früher auch in der Kombination Dreisitzer, Zweisitzer und Sessel. Alles andere wäre eh nicht möglich gewesen.

Wie finde ich nun die Überleitung? Keine Ahnung. Ich lasse es einfach. Einen Faible für Zitate hatte ich schon mein Leben lang. Habe schon in jungen Jahren Zitate gesammelt, Lebensweisheiten. Daran hat sich natürlich nichts geändert. Aber es ist eine Zeit angebrochen, in der sich die Zitate ändern. Ich habe mir schon mal überlegt, vielleicht sollte ich so eine Art Schimpfwortlexikon entwerfen. Es wäre nicht groß, denn die sprachliche Gewandtheit der Kids in unserem Heim ist sehr begrenzt. Für den einen oder anderen Bürger der dekadenten Gesellschaft wäre dies sicherlich eine ganz neue Erfahrung.

"Es kotzt mich alles an" ist ein solches Zitat. Es ist vorläufig tatsächlich in meinen Sprachgebrauch übergegangen. Momentan "kotzt mich sinnbildlich gesehen alles an". Paradoxer Weise hat der 8jährige diesen Ausspruch nun entweder vergessen oder nie so wahrgenommen. Fakt ist, er benutzt ihn kaum noch.

Sehr schön finde ich dann noch "Sonne Rrrrotze", "Ich zeige Euch an", "Ich steche Euch alle ab".

Das sind nur so ganz kleine Auszüge. In gewisser Weise, das gebe ich gerne zu, klingt es irgendwie niedlich, wenn ein 8jähriger sich so artikuliert. Man nimmt es nicht wirklich für voll. Es ist auch wirklich so, dass er diese "Zitate" gar nicht als seine erkennt, wenn wir sie ständig nutzen. Wie schnell man sich selbst daran gewöhnt, merke ich gerade, denn "mich kotzt momentan wirklich alles an". Ich merke das manchmal erst, wenn ich es schon ausgesprochen habe.

Die weiteren Zitate kann man nur unter FSK 18 schreiben oder gebrauchen. Wenn ich das Zitat mal wieder gebrauchen kann, es kotzt mich wirklich an, ständige F-Wörter, Begriffe wie Schlampe, Hure oder Gang-Bang von 10Jährigen zu hören. Zum Teil wissen sie was sie sagen, zum Teil nicht.

Wie hat man mal über den Papst gesagt, er solle sich nicht zu Dingen über Spiele äußeren, bei denen er gesperrt ist. Das trifft hier voll und ganz zu. Noch nicht können, noch nicht wissen wie, aber ständig davon reden.

Das ist die eine Seite die andere spiegelt sich so wieder: Eines schönes Tages, ich hatte mal zeitig Feierabend, einen Massagetermin. Das Wetter war ausnahmsweise frühlingshaft. So entschloss ich mich, mal nicht um die Saale zu laufen, sondern über zu kahnen, wie es so schön ugs. heißt. Ich stehe so an diesem Kahn, um endlich einzusteigen, wundere mich, was das sehr gut gekleidete, ältere Pärchen mit dem Kahnbetreiber zu reden hat, bekomme nur zu hören: "Hier müssen Sie aufpassen, hier schmeißen Sie mit Messern!" Ich steige auf den Kahn, sehe das Messer und wundere mich, wie kommt das da hin. Nirgends jemand zu sehen. An dem einen Ufer stehen Angler, die werfen mit Sicherheit nicht mit Küchenmessern. Am anderen Ufer angekommen, höre ich den Kahnbetreiber schimpfen: "Wenn Ihr nicht sofort verschwindet, rufe ich die Polizei. Ihr könnt doch nicht meine Fahrgäste mit Messern bewerfen!" Ich drehe mich, zu wem er so spricht und wen sehe ich: zwei Jugendliche, davon einer ein alter Bekannter. Andy. Ich sage es nur ganz leise. Weder wollte ich dem Kahnbetreiber zeigen, dass ich einen der Jugendlichen kenne, das Procedere mit der Polizei, er ist eh noch nicht strafmündig, mir ersparen. Die Beiden sind dann sofort nach mir aufgebrochen, haben natürlich lauthals geschimpft, weil sie nichts gemacht haben. Sind mir eine Weile gefolgt, was natürlich Zufall sein kann. Bedenken hatte ich keine, nur die Hoffnung, dass sie mir nicht bis zur Haustür folgen, schließlich muß niemand wissen, wo ich wohne.

Für mich ist es immer noch eine Gratwanderung, diese Gewaltbereitschaft, diese Sprache. Sicher, so langsam gewöhnt man sich daran, man muß es ja. Spaß ist was anderes. Freude an der Arbeit, Begeisterung, ein Ziel ist auch was ganz anderes. Zufrieden bin ich nicht. Vieles kann ich seitens der Kids nicht nachvollziehen, anderes ist mir in der Administration suspekt.

Paulchen selbst hat seine Therapie unterbrechen müssen. Dazu will und kann ich mich nicht mehr äußeren. Fakt ist, er ist für einige Monate wieder bei Halle. An einem Ort, der nun im Gegensatz zu früher, für mich nur schwer erreichbar ist. Gemeldet hat er sich noch nicht, nicht persönlich jedenfalls. Einer seiner Kumpels hat mich kurz angerufen und zwar der, dem ich – so wörtlich – immer die T...hefte mitgebracht habe, und mir Grüße ausgerichtet. Die Sozialarbeiterin der Einrichtung hat mich auch telefonisch kontaktiert. Eine endlose Geschichte....