Plateforme

22.09.2008 um 23:04 Uhr

Katastrophe

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Erstaunlich ist das schon. Da hört man so eine Bemerkung und verfällt augenblicklich in Erklärungsversuche. Vor sich, vor anderen. Das von dem Menschen, der sich nie rechtfertigen möchte und andere zuweilen deswegen kritisiert – manchmal ungehört.

So eine Bemerkung: Dein Leben ist die einzigste Katastrophe. Warum bitte schön soll das so sein? Weil ich das eine oder andere Mal etwas frustriert, depremiert, genervt bin?! Das ist doch jeder. Jeder versucht es auf die ihm bekannte Weise zu verarbeiten.

Mein Leben ist keine absolute Katastrophe. Nein, ich mag mein Leben. Sicher gibt es das eine oder andere, was ich ändern würde. Mehr Geld wäre nicht schlecht. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Man könnte auch gesünder sein, wobei man mangels Arztbesuche ja gar nicht weiß, ob man es ist oder nicht. Es gibt so die einen oder anderen Wehwehchen, die man ignoriert, die man auf das Alter schiebt oder auf's Wetter. Je nachdem, was gerade passt.

Aber ansonsten was hab ich auszustehen?

Kommt es wirklich so rüber, dass ich unzufrieden bin, genervt, immer negativ? Nein, ich bin doch der humorvollste Mensch, den es gibt, den ich kenne. Naja gut, ich dementiere gleich wieder, weil zu 99,9 % versteht mein Humor keiner.

Heute war wieder so ein Tag. Ich war zur Weiterbildung. Ja, das Thema war gut gewählt. Aus meiner Sicht. Es ging um die Vorbereitung, Leitung und Moderation von Dienstberatungen, das Reden an sich. Natürlich fragt sich der geneigte Leser und einiger meiner Mitkollegen schon, was ich auf einer solchen Weiterbildung zu suchen habe. Schließlich bereite ich derzeit keine Dienstberatungen vor, führe keine Protokolle (wobei mir mal jemand bescheinigt hat, ich führe hervorragende Protokolle). All das muß ich derzeit wahrlich nicht tun, aber die Weiterbildung fand ich für mich interessant, für meine Vita. Schließlich weiß man aus der Vergangenheit, dass da so das ein oder oder andere Mal nicht alles so glatt lief. Ich liebe es auf keinen Fall, vor 100 Leuten oder mehr zu reden. Das hat nichts mit Faktenwissen zu tun, sondern mit dem Reden an sich. Da wird Frau nervös, fängt leicht an sich zu verhaspeln und wird immer schneller. Also kann man auf diesem Gebiet durchaus was lernen.

Man hat auch was gelernt, dass es sicher vielen so geht. Auch wenn der Inhalt der Weiterbildung speziell auf die Teamsitzungen zugeschnitten war. Man hat auch gelernt, wie schwer es der Teamkoordinator hat, die Sitzungen zu leiten. Dabei ist man nicht selten auch Ursache dafür. Man hat gerade wieder mit der Nachbarin geflüstert, hat über eine „unpassende“ Bemerkung gelacht, hat vllt. selbst mal eine zum Besten gegeben.

Die Weiterbildung war mittags zu Ende und danach?!. Ich mußte nicht 5 Kinder aus dem Kindergarten abholen, ich brauchte kein Essen für Familie zu kochen. Ich konnte den Tag so richtig genießen, konnte ein paar Stunden Schlaf nachholen, mich auf die Couch brezeln und noch ein bissel TV bzw. ein paar Serien gucken, die ich aufgenommen hatte.

Was will man denn mehr?

Natürlich geht einem mal durch den Sinn: Ob vielleicht nicht doch mal jemand an die Seite gehört? An die Bettseite. Aber dann sagt man sich, dass die Bequemlichkeit aufhört, dass es DIESEN noch gar nicht gibt. Man ist ja auch wählerisch.

Klar habe ich am Samstag durch Zufall jemanden gesehen, ich hatte vor Jahren mal darüber nachgedacht, ob..... Und der Gedanke drängt sich dann wieder auf. Ein attraktiver Mann. Wohl war. Und es hat wohl Zeiten gegeben, da wäre er gar nicht abgeneigt, aber man ist ja so wählerisch. Und überhaupt hat er nicht ein kleines Alkoholproblem?!

Es stand nie zur Debatte. Es wird wahrscheinlich nie zur Debatte stehen. Wie sollte es. Schließlich hat man nie suggeriert, dass.... Nein, man sagt sich schnell, wer weiß wofür es gut ist. Und willst Du wirklich?

Natürlich hätte man manchmal gerne jemanden, der mal mit einem.... Ja, was eigentlich? Gibt es nicht Tausende Ehefrauen, die sich darüber beklagen, dass ihre Männer keine Zeit haben, kein Interesse, mal mit ihnen tanzen zu gehen, spazieren. Was auch immer. Von Sex ganz zu schweigen.

Es ist genau der Punkt, manchmal meine Achillesferse. Manchmal trifft es zu, manchmal weniger. Manchmal bin ich wirklich zufrieden. Manchmal bin ich es weniger. Mehr kann man kaum erwarten. Wer kann denn von sich sagen, er ist rundherum zufrieden, glücklich? Glück ist doch nurt die Abwesenheit von Unglück.


18.09.2008 um 00:48 Uhr

Praktikantin

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Gestern habe ich mich über meine Gefühle ausgelassen. Heute habe ich dann eine ganz andere Erfahrung gemacht. Neu ist diese nicht, es kommt ab und an vor, dass sich mir Leute anvertrauen, über ihre Gefühle reden. Manchmal mag der Grund sein, dass sie erkannt haben, dass man mit mir sogar reden kann. Trotz oder gerade wegen des ganzen Sarkasmus. Manchmal aber auch, weil sie sich mit mir verbunden fühlen.

Wenn es auch eigenartig klingt, so fühlt sich die Praktikantin mit mir verbunden. Wir haben oberflächlich gesehen nicht viel gemeinsam. Sie könnte ganz gut meine Tochter sein, ist jünger als mein Sohn.

Aber wir sind beide voll auf beschäftigt in dieser therapeutischen Gruppe. Wurden beide dort reingeschmissen, sind unterbezahlt. (Natürlich sind das die vollbeschäftigen Arbeitskräfte dort auch, nach ihrem eigenen Bekunden und sicher auch reell. Wie kann man diese Tätigkeit gerecht bezahlen?!).

Die Dame hat vor mehr als einem Jahr ein Studium aufgenommen, Soziale Arbeit nennt sich das und schließt mit dem Bachlor ab. Wer will, sich das leisten kann, geeignet ist, kann sicher den Master dran hängen. Es ist ein Studium, das über den Arbeitgeber finanziert wird, es wird kein Bafög gezahlt. Man erhält ein Salär von 120,00 Euro. Das reicht nicht von 12 bis Mittag, deckt nicht mal die Kosten für die Unterkunft im Studienort. Es enthält viel Praxis, mehr als in anderen Studiengängen.

Nun arbeitet sie aber 30 Stunden in der Gruppe. Manchmal hat man die 30 Wochenstunden schon in drei Tagen drin. Andere können sich das besser einteilen, arbeiten in Schulen, in Horten, genießen ihre Freizeit, können sich ihre Studienarbeit einteilen.

Das kann man alles nicht, wenn man in dieser Gruppe arbeitet. Man hat als Zusatzkraft viel weniger Privatleben als die Erzieher. Diese sind nicht täglich im Dienst. Wir sind es täglich.Wir erleben alles hautnah.

Und dann: Man ist mit allem allein gelassen. Für mich war es auch eine neue Erfahrung, sich dieser Gruppendynamik zu stellen, diese Kinder zu erleben, diese Aggression, dieses Vokabular. Aber hat sich mal jemand überlegt, wie das auf eine 21jährige Studentin wirkt?

Ihr wird viel zu getraut. Es heißt immer: Josi macht das schon (Name erfunden). Aber Josi ist sich gar nicht so sicher. Sie fühlt sich überfordert mit Hanni, mit Diensten allein, die bisher relativ gut liefen. Sie will sich auch nicht körperlich den Jugendlichen stellen. Sie fragt sich, wie ich mich auch manchmal fragte, was bringt das eigentlich?

Die Kinder leben dort. Sie leben ganz gut. Sie haben ein Dach übern Kopf, genug zu Essen, fahren in Urlaub, bekommen Geschenke. Die Kontakte zu Eltern sind durchwachsen. Aber sie leben halt in einem gut strukturierten Heim und was machen wir eigentlich? Wir geben die materiellen Dinge, den sehr strukturierten Tagesablauf; kein Kind zu Hause hat einen solchen Stundenplan, solche vielfachen Aufgaben im Haushalt. Es ist alles irgendwie notwendig, schließlich muß irgendwer putzen. Sie hocken aufeinander, im Heim, in der Schule. Was passiert eigentlich? Ein bissel Therapie, ein paar Gespräche. Aber im Grunde?

Was macht man mit Kindern wie Hanni? Keiner hat Rezepte. Andy, der frühere Bewohner der Gruppe, meine Grenzerfahrung, ist in einem geschlossenen Heim. Der Junge hat es vielen schwer gemacht, hatte es auch schwer. Das geschlossene Heim ist wahrscheinlich schlimmer als ein Gefängnis, er ist 13. Martin ist seit kurzem auf der geschlossenen Station in der Psychiatrie. Er sollte Freitag in die Gruppe beurlaubt werden, sein Vater war im Urlaub, seine Mutter hatte wohl keine Zeit, diese ist erst vor kurzem zu ihrem neuen, wohl sehr wohlhabenden Lebensgefährten gezogen (was immer das heißt), wovon er nichts weiß; er ist ausgerastet, wurde fixiert. Und sowas erfährt man am Rande. Sie kann damit gar nicht umgehen.

Mir ist auch schon der Gedanke gekommen, ob Martin jemals aus der geschlossenen wieder rauskommt?!

Man wird reingeschmissen. Da hat sie Recht. Und keiner weiß im Grunde, was man leistet. Ich habe gestern meine Fallmanagerin angerufen, hab ihr berichtet, dass ich die 4 Wochen noch durchalte. Die Reaktion? Sie hat sich gefreut, hat mir versichert, dass ihr klar gemacht wurde, wie schwer die Arbeit ist, wie gute Arbeit ich leiste (woher will sie das wissen, diejenige, die ihr das sagte, kann das gar nicht wissen). Hat mir noch mal versichert, wenn ich nicht mehr kann, soll ich aufhören. Man will niemanden kaputt machen. Klang ja vorige Woche noch etwas anders.

Von den Praktikanten wird natürlich noch mehr erwartet als von mir. Von ihr wird neben der Arbeit, die schon ein Vollzeitjob ist, noch das Studium, die Vorbereitungen dafür, Konzepte für das Studium und für zusätzliche Aufgaben (z. B. ein Sportfest) erwartet. Nebenbei ist sie 21 und sollte ....

Dazu kommen noch die Querelen der Kollegen untereinander. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, zu der Arbeit, zu den Kindern. Manchmal ist das auch wie im Sozialismus. Man lebt dort in seiner eigenen Welt. Jeder kennt sich, jeder duzt sich. Man feiert zusammen, man verabschiedet die Leute. Ich kenne kaum Privatbetriebe, in denen Leute mit großen Parties verabschiedet werden. Man kann von Glück sagen, dass man nicht vor dem großen Ereignis noch mit Billigung des Betriebsrates entlassen wird. Eine eigene Welt. Das zeigt sich in dutzenden Dingen.

Ja, darüber hatte ich vorher auch nur am Rande nachgedacht. Mir war klar, dass wir manchmal in einem Boot sitzen, aber ich bin keine 21, mir muß manches niemand erklären, mir muß niemand die Hand halten, wenn ich derartiges erfahre. Ich verarbeite das schon. Lebenserfahrung hat halt doch etwas für sich. Meine Zeit ist begrenzt. Sie hat noch mehr als zwei Jahre Studium vor sich, ein neues Praktikum, das sie natürlich gern in der Gruppe leisten könnte, aber warum? Warum soll sie sich das noch einmal antun, zumal es keinerlei Perspektive bietet. Die Gruppe hat genug Erzieher, es wird niemand eingestellt werden.

Der FSJler wird nicht kommen. Er hat ablehnt, obwohl es an diesem Tag, in diesen Stunden wirklich ruhig war. Wer wird mein Nachfolger, gebraucht wird einer? Denn wer soll die Zusatzarbeit leisten? Ein zweiter Student ist im Gespräch, aber was ist dann zu den Studienzeiten der beiden Praktikanten?

Ich sage es offen, ich hätte mir gewünscht, es käme einer nach mir. Jemand aus dem Heer der Arbeitslosen, der mehr oder weniger dazu gezwungen wird, der genau darauf achtet, was er machen darf und was nicht und genau seine Arbeitszeit kennt.

Denn alle feuchten Handdrücke sind nichts, sie vergehen. Für mich fällt am 14. Oktober der Hammer, ich werde im Übrigen verabschiedet, der Hauch von Sozialismus. Ich werde die Damen und Herren, die Kinder maximal in der Stadt noch einmal sehen, wenn überhaupt....

16.09.2008 um 00:51 Uhr

Sprachlos

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Schon lange bin ich nicht mehr so sprachlos gewesen. Sprachlos in vielerlei Hinsicht. Einmal dies in Worte zu fassen, einmal die Vielfalt des Ganzen, was bewegt.

Lange habe ich darüber nachgedacht, was nun wird im Oktober. Will ich oder will ich nicht? Das hat sich, wie so vieles im Leben, von allein erledigt. Warum kann ich gar nicht genau sagen. Der Bereichsleiter informierte in einer Teamsitzung, dass für diesen Bereich niemand mehr vorgesehen ist. Am gleichen Tag stellte sich dann schon ein FSJler vor. Es war ein ruhiger Tag. Von diesem wurde aber seit dem nichts mehr gehört. Ob er also noch anfängt oder nicht, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. Heute hörte ich nun durch Zufall, dass man im Allgemeinen Abstand von FSJlern nimmt, da der Arbeitgeber die Kosten für diesen selbst zahlen muss. Der Staat zahlt keine Zuschüsse mehr. Geld bekommen diese natürlich eh nicht.

Nun weiß ich also genau, was mich im Oktober erwartet. Ich verlasse die Gruppe. Definitiv und für immer. Gespalten? Teils teils. Die Behörde, die ich natürlich auch angerufen hatte, sagte mir gleich: Vorläufig nichts! Es ist nichts da, weder in diesem noch in anderen Bereichen. Und wenn bin ich natürlich erst mal nicht dran.

Das ist aber nur ein Teil der Seite. Am Mittwoch vergangener Woche hatte ich dann so etwas wie den Totalausfall. Ich hatte die Nase voll. Wozu eigentlich? Hast Du das nötig?

Ich habe von Anfang an, Kinder in Einzelbetreuung betreut. Es war natürlich nicht unbedingt meine Aufgabe, aber natürlich ist man selbst bestrebt, dort zu helfen und warum um Himmels Willen soll man dieses als gestandenes Weibsbild auch nicht können? Mir wurde schnell klar, dass ich nicht wirklich mit den Aggressionen umgehen kann, ich nicht gewillt bin, mich körperlich mit den Kindern und Jugendlichen zu messen, ich mit dem Jargon der Kinder nicht umgehen kann.

Wenn man ungefähr 100 Mal am Tag das Wort Motherfucker hört, Fuck you, Muschi, anal oder SM hat man irgendwann mal die Nase voll. Das Ganze dann noch von Kindern zwischen 8 und 14. Letztere traut man dieses schon eher zu.

Ich wollte durchhalten. Ich wollte es mir im Grunde selbst beweisen. Natürlich haben viele von Anfang an behauptet, Du kannst das. Mein Sohn hat gemeint, wer wenn nicht Du könne das. Schließlich hast Du es mit mir aufgenommen. Aber das ist bei weitem nicht annährend dasselbe.

Es war oft an der Grenze. Ich habe mich nie wirklich körperlich auseinandersetzen müssen. Hatte meine Grenzerfahrungen.

Aber schnell sich mal jemand vor: Da geht eine Frau mit einem Kind durch die Stadt. Man sieht dieses, hält sie natürlich für Mutter und Sohn. Der Sohn ist vorlaut, schlägt die Mutter auch „leicht“. Und dann holt sie aus! Was würde jeder denken? Wie leicht gerät man in den Verdacht, das Kind zu prügeln, macht sich einer Körperverletzung schuldig? Wird ggf. belangt.

Nein, ich habe mich nicht gehen lassen.

Wir waren einmal auf dem Weg, da habe ich die Begleitung abgelehnt. Ich habe klar gesagt: „Ich gehe mit Dir nicht zum Arzt, wenn Du Dich nicht anständig verhalten kannst“. Noch auf dem Heimgelände mußte Hanni seine Hose runterziehen!

An diesem Tage ging es dann noch irgendwie. Ich will nicht sagen, dass er sich gut verhielt. Aber dieser erste Abbruch war wohl Grund genug, sich wieder einzukriegen. Wir kamen zwar zu spät zum Arzt. Er schaffte es aber, sich zu entschuldigen und wenigstens im Ansatz besser zu verhalten.

Hanni trägt seinen Namen nicht zu Unrecht. Hanni erinnert mich wirklich an Hannibal Lecter. Wer im Ansatz die Filme gesehen hat, weiß wie kaputt dieser war, welches Trauma er erlebt hat, wie intelligent er war.

Hanni kann oder will sich nicht unter Kontrolle halten. Was in der Familie vorgefallen ist, weiß niemand. Wir sind uns darüber im Klaren, dass es massiv sein muss. Das ganze Verhalten, die Aggression, das sexualisierte Gebaren.

Hanni nahm eine Weile überhaupt keine Medikamente zwecks genauer Diagnostik. Nun wurde festgestellt, dass es Auffälligkeiten im EEG gibt. Es könnte auf eine Form der Epilepsie hinweisen. Hanni bekommt seit Tagen eine halbe Faustan.

Hat jemand mal Faustan eingenommen? Man ist schlapp, man will seine Ruhe. Bei Hanni ist das anders. Er ist flippig, vollkommen unkontrolliert. Immer in Action.

Hanni ist vorlaut, altklug, weiß alles besser. Hausaufgeben machen kann ein Problem werden, denn was man sagt ist immer falsch. Hanni weiß es besser. Wenn man dann aufsteht und sagt: „Mach Deinen Scheiß allein...“, hat er darauf nur gewartet. Dann fährt er zur Hochform auf. Schließlich vergaß man das Schlüsselbund, was er sich nun schnappt, in sein Zimmer läuft und erst einmal von innen abschließt.

Da kann man reden, was man will, die Tür bleibt zu. Und ich war mir nicht sicher, ob er sich nicht mal wieder aufs Fensterbrett stellt und dieses Mal vielleicht durch ein Mißgeschick abstürzt. Damit muß man rechnen, das kam mehr als einmal vor. Bisher ging es immer gut. Aber dieses Mal ist die Tür zu, man selbst steht vor der Tür und kann nicht rein.

Irgendwann schließt Hanni dann die Tür auf, man kämpft mit ihm um den Schlüssel. Man will auf keinen Fall, dass er ihn behält, denn was könnte er damit nicht alles anstellen! Es ist nicht so einfach, er ist quierlig, sicherlich körperlich unterlegen, aber er bindet das Schlüsselband um die Hand. Es dauert eine Weile. Keine Drohungen, keine „Gewalt“ nützen etwas. Er macht sich noch lustig, schließlich ist er hyperaktiv und ich nicht. Irgendwann kriegt man den Schlüssel, er wird einfach vom Haken gelöst. Natürlich ist er sauer. Das Band hat er immer noch um die Hand gewickelt.

Nun gehe ich also erst mal runter. Ich muss mich runterfahren. Rauche eine. Hanni bleibt natürlich nicht im Zimmer. Er kommt hinterher, sucht sich Steine, bewirft mich, trifft mich auch. Sucht sich einen Stock, schlägt aus der Ferne auf meine Hand. Er wartet darauf, dass ich hinterher renne, ihn mehr greife. -. Ich bin wie sein Vater, ich schreie auch oft, er hat ihn geschlagen, das mache ich auch.- Bin ich im falschen Film? Ich habe ihn nie geschlagen, mal auf die Finger gehauen. Natürlich schreit das Ganze danach.

Ich schreie nicht oft. Es gibt Leute, die wissen gar nicht, dass ich dazu überhaupt fähig bin. Wenn ich dann aber loslege,dann zittert sicher die Wand. Aber ich schreie in letzter Zeit oft, ich bin genervt. Das merken auch andere.

Die ganze Situation hat mich so fertig gemacht, dass ich mich mit einem 9jährigen auseinandersetzen mußte, nicht fähig war, es zu regeln. Es ist beängstigend. Man fühlt sich unfähig. Ich wollte den ganzen Kram hinschmeißen.

Ich rief sofort bei meiner Fallmanagerin an, schilderte es kurz und bekam zur Antwort: „So schnell geht das nicht. Ich muß erst einmal Rücksprache mit den Verantwortlichen halten. Ruhen Sie sich ein paar Tage aus. Vielleicht können Sie woanders eingesetzt werden. Ich melde mich!“

Nicht schlecht? Muß erst was massives passieren?

Die Bereichsleiter hab ich informiert. Meine Kollegin konnte ich es gar nicht sagen, als sie erschien, erschienen die anderen Kinder. Das etwas nicht stimmte, hat sie gemerkt. Beim Mittagessen sprach dann uns dann die Kollegin an, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, mich anderweitig zu beschäftigen, es wären doch nur noch knapp 4 Wochen etc.

Nun gut. Es war an diesem Tag nicht das einzigste Vorkommnis. Zum Mittag verschwanden dann die beiden Großen. Sie kamen erst kurz vor dem Abendessen zurück. Die Hintergründe will ich gar nicht so genau schildern, es mögen private sein, es ist die Gruppensituation, es mag einfach auch nur Lust zum Abhauen gewesen sein. Letzten Endes wissen sie auch, auf welche Knöpfe sie drücken müssen. Sie schilderten sehr anschaulich ihre Lage, wie sie die Situation ankotzt mit Hanni, mit Carsten.

Ob bei ihm was eingekommen ist, keine Ahnung. Am anderen Tag war Team, da wurde noch einmal alles genau unter die Lupe genommen. Am Ende des Teams wurde Hanni noch einmal gesagt, wie man darüber denkt, was man erwartet usw.

Ich hatte erst einmal Auszeit, damit ich zur Ruhe komme. Von der Einzelbetreuung bin ich vorerst entbunden. Sie übernimmt die Praktikantin.

Wie ich mich fühle? Ich bin nicht von Hanni enttäuscht, was mir immer unterstellt wird. Ich habe keine Beziehung zu diesem Kind. Es ist nicht mein Kind. Nach eigenem Bekunden mag er mich, vielleicht kann er seine Zuneigung wirklich nicht anders zeigen. Aber deswegen muß ich nicht in sein mütterliches Schema verfallen und mir das gefallen lassen.

Ich fühl mich vielmehr unzulänglich. Warum muß man sich als gestandenes Weibsbild, ich wiederhole mich, von so einem Knirps ins Boxhorn jagen lassen? Dass das schon anderen passiert ist, tröstet mich wenig. Es gibt auch andere, die es ohne weiteres packen.

Hanni war die letzten Tage ruhiger. So habe ich es im Dienstbuch gelesen, so wurde es mir erzählt. Er verhielt sich auch mir gegenüber ruhiger. Dafür drehen die anderen mehr am Rad. Ausgleichende Gerechtigkeit oder so. Hanni geht morgen für ein paar Tage ins Krankenhaus zur Diagnostik. Er freut sich darauf. Er freut sich, das einzigste Kind auf der Welt, auf einen Krankenhausaufenthalt. Sagt das nicht alles?

Und was ist sonst noch passiert? Nicht viel. Frau war bei einem Konzert, was sehr schön war. Frau hat ihr Kind besucht, der zeitweise auch nicht gerade gut drauf war. Mein Vater war kurz da. Nessi, nun ja, auch das ein Kapitel für sich als never ending story.