Plateforme

23.06.2009 um 22:07 Uhr

Idylle

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Es ist nicht so ganz einfach zu beschreiben, was einem in einer Kirche bewegt. Man muß nicht tief religiös sein, kann sich als Atheist bezeichnen, bestenfalls als Agnostiker, um doch eine gewisse tiefe Idylle in der Kirche zu empfinden.

Das liegt sicher auch am Gebäude, am Umfeld, an den Personen. Nun sind es schon mehr als zwei Monate, die ich mich tag täglich in „meine“ Kirche bewege. Und was man vllt. als ungewöhnlich empfinden möge, ich gehe gern in meine Kirche. Diese Kirche strahlt für mich eine so tief empfundene Ruhe aus, die ich gern geniesse.

Man kann sich in Zeiten versetzen, die schon lange vorbei sind. Wiesen, Ruhe, Vögel, manchmal grasende Pferde vor der Kirchentür. Die Idylle ist perfekt. Flugzeuge am Himmel, Züge, die vorbei rasen, Autos, die in der Ferne hupen. Eine fast surreale Welt.

Ein Buch in der Hand, Radio, lesen. Besucher, die kurz vorbeischauen. Aus allen Winkeln der Republik, manchmal aus anderen Ländern, die durch Zufall oder aus einem bestimmten Grund, diese Kirche besuchen, sich ansehen, in sich gehen.

Es ist fast perfekt. Nichts ist perfekt. Und so gab es sicherlich die eine oder andere Querele. Intrigante Kollegen, die diese Ruhe nicht genießen können, die sich unfähig sehen, Besucher zu führen oder ihren Glauben ad acta zu legen und tolerant sind. Toleranz ist immer noch ein Fremdwort.

Kollegen - ist genau das Stichwort. Natürlich ist die Kirche nicht perfekt. Es fehlt Wasser, was das Kaffee kochen unmöglich macht. Es kann sehr kalt sein, vor allem in der Kirche. Dunkel. Es kann sehr windig sein, dort oben auf dem Berg. Es ist ein anderes Wetter als im Rest der Stadt oder des frühreren Dorfes. Es fehlt eine gute Toilette. Es ist auch manchmal langweilig, wenn man die Langeweile denn zuläßt. Das sind Faktoren, die störend sein können, mich aber nicht wirklich stören.

Ich genieße die Ruhe, lese. Meine Kollegen (beide Ende 20) und meine Kollegin, die erst seit einer Woche dabei ist (ca. Mitte 30), sind sicherlich oft anderer Ansicht, möchten mehr Action, finden sich aber damit ab, dass es nun mal so ist, wie es ist. Man kann sein Geld viel schwerer verdienen. Wenn man dann von Geld verdienen sprechen kann. Wir verstehen uns ganz gut, haben einen ähnlichen Humor. So kann es bleiben. Die Querelen mit den anderen, kurzfristig beschäftigten, intriganten Kollegen sind ausgestanden. Die Querelen von oben werden ignoriert. Man könnte uns dann als renitent bezeichnen.

Gottesdienste finden in dieser Kirche nicht mehr statt. Die Gemeine nutzt eine andere Kirche, sie ist nicht mehr so groß. Veranstaltungen hingegen öfter. Heute waren mehr als 150 Kinder da, die im Zuge ihres Geschichtsunterrichts und des damit behandelten Thema Mittelalter, sich die alten Bauwerke der Stadt ansehen wollten. 150 Kinder, denen man einen Kurzvortrag hielt, der meiner Meinung nach gar nicht so schlecht war, obwohl man sich gar nicht vorbereitet hatte, weil man nicht wußte, wie es laufen wird. Die Kinder waren interessiert, stellten komische Fragen, über die man so manches Mal schmunzeln mußte.

  • Warum gibt es in einer Kirche Schießscharten, wenn doch die Kirche friedlich sein soll?

  • Was sollen die Heizkissen auf den Bänken?

  • Wurde die Kirche mal angegriffen oder ist sie abgebrannt?

  • Wie trägt sich eine Kirche? usw.

Meine Geschichtslehrerin war unter den ersten Besuchern heute. Alte Erinnerung. Dieser Ort hat viele solcher Erinnerungen, zwar war ich mir zu DDR-Zeiten (also als Kind) deren Existenz nicht wirklich bewußt, liegt sie doch aber am alten Schulweg (was um so verwunderlicher ist) und man kann in Zeiten schwelgen, die lange vorbei sind.Wie oft hat man dort auf der Wiese gesessen mit den Schulfreundinnen und über Jungs und andere Probleme diskutiert?!

Eine Bemerkung machte mich etwas nachdenklich, ich kann sie nicht wirklich deuten. Meine Kollegin meinte: Ich hätte etwas mütterliches an mir. Was sie darauf zurückführt, dass die Kids mir viel mehr Fragen stellten, mich viel öfter einbezogen als sie und meine Kollegen. Bin ich mütterlich? Ich bin Mutter, aber mütterlich hat so etwas altbackenes. Ich bin nicht altbacken. Ich will es gar nicht sein. Was mich wieder zu dem Gedanken bringt, dass mir die Arbeit mit den Kindern Spaß macht. Die eingefleischte Bürotante entdeckt nach 20 Jahren, dass ihr früherer Berufswunsch vllt. doch nicht so falsch gewesen wäre.

Gibt es keine Probleme zur Zeit? Das zu verneinen wäre sicherlich falsch.

Und das altbacken? Tja, da war es wieder. Das Gegenteil davon. An der Kirche wurde ja währrenddessen gebaut und Frau hat viel geflirtet, erfolglos geflirtet, mit einem sehr gut aussehenden Steinmetz (mindestens 10 Jahre jünger). Bedauert habe ich es schon einen Tag später, als ich merkte, sie sind abgezogen und er kommt nicht wieder. Man hätte vllt. doch mal Nägel mit Köpfen machen sollen?! So ein bis zwei Möglichkeiten hätte es gegeben, vllt. Der Kopf hat es irgendwie nicht zugelassen...

16.06.2009 um 22:37 Uhr

Einblick

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Nur mal ganz kurz: DIE Kirche

16.06.2009 um 22:21 Uhr

Redefluss

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Viel reden ist ja nicht schlimm, wenn man etwas zu sagen hat!

02.06.2009 um 23:36 Uhr

Das erste Mal

von: Paulinchen   Kategorie: Politik

Das erste Mal – das sollte doch in Erinnerung bleiben. Ist es auch. Wobei es nicht um dieses erste Mal geht, sondern das erste Mal im „goldenen Westen“. Schließlich jährt sich das dann irgendwann zum 20. Mal. Und genau deswegen hört, liest und sieht man zu diesem Thema mehr als genug.

Es war schon eine bewegende Zeit. Die Nachrichten zu lesen, zu hören und zu sehen war das Wichtigste überhaupt damals. Die Zeit war schnelllebig. Was heute neu war, war morgen uralt. Die Ereignisse überschlugen sich. Und man darf nicht vergessen: Es waren immer Positivnachrichten. So etwas hat es vorher nicht gegeben, später auch nicht und auch in Zukunft ist damit nicht zu rechnen.

Dass sich die DDR wandelte, war im November des Jahres 89 allen klar. Uns war wohl auch klar, dass wir nun alle mal ins „gelobte Land“ fahren können. Trotzdem schlug die Nachricht ein wie eine Bombe: Seit gestern ist in Berlin die Mauer auf. Keiner wußte davon was in der Provinz. Irgendwer ging zur Polizei (während der Arbeitszeit, wen juckte es), um sich zu erkundigen. Da wußte man auch nicht viel. Es war noch von Stempeln und Einreisegenehmigungen die Rede, die aber kurzfristig erteilt würden.

Die Familie beschloss, heute und morgen fahren wir nicht. Das Getümmel will sich niemand antun, abwarten. Es ist ja noch Zeit.

Aber die 100 DM Begrüßungsgeld lockten, irgendwann wollte man ja auch mal endlich fahren. Irgendwie hatte man den Eindruck, es waren alle schon. Vor allem die Hardliner waren ziemlich unter den Ersten.

Ende November ging es dann los. Frau hatte Haushaltstag, das war der Tag, den jede verheirate Frau einmal im Monat nehmen konnte, um „ihren Haushalt“ auf Vordermann zu bringen. Übrigens eine schöne Errungenschaft, wenn man das mal so nebenbei bemerken darf. Weniger wegen des Haushaltes, viel mehr, um irgendwelche Dinge zu erledigen, Arztbesuche, Einkäufe etc.

Wir hatten kein Auto, wozu auch in der DDR. Also gingen wir vormittags zum Bahnhof und fuhren nach Helmstedt. Das dauerte eine Weile, der Zug war überfüllt und überhaupt hatte wohl die Deutsche Reichsbahn mal wieder keinen Plan. Mittags kamen wir dann in Helmstedt an. Es war schon eigenartig durch die „Mauer“ zu gehen, die Personalausweise zu zeigen. Man hatte doch im Hinterkopf: Ob die uns durchlassen?

Wir folgten der Masse durch die Innenstadt Helmstedts. Irgendwo dort wohnt Verwandtschaft von mir, die wir aber nicht aufsuchten. Einmal wollte ich denen keinen Überfall der Ostverwandtschaft zumuten, zum Anderen war gar keine Zeit. Als erstes Geschäft gab es ein Blumengeschäft. Blumen im November? Sowas war der DDRler nicht wirklich gewohnt. Und da blühte es überall.

Das Ziel war ein altes Gemäuer der Stadtverwaltung (?). Dort gab es das Begrüßungsgeld. Die Schlangen waren groß Es dauerte, bis man an der Reihe war. Das Gebäude war wirklich nicht schön, eher baufälllig, schien aber keinen zu stören, wir waren im „goldenen Westen“. Irgendwann war man an der Reihe, zeigte die Personalausweise und bekam dann die erhofften 100,00 DM. Das waren dann insgesamt 300,00 DM. Für den Vati, die Mutti und das Kind, das wie in der DDR üblich im Ausweis stand und auch mit war. Schließlich fuhr man nirgends ohne Kind hin. Nicht jeder hatte soviel Erfolg in der Schlange, bei einigen fehlten die Kinder, andere bekamen das Geld aus anderen Gründen nicht, hatten es wohl schon anderenorts geholt.

Dann zogen wir los – einkaufen. Ein paar Clementinen, Fischstäbchen, Yoghurt, Kaffee, einen Walkman (damals noch ganz in) etc. Die Plastikbeutel waren schnell gefüllt. Und überhaupt Plastibeutel, die kannte man nur aus den Westpaketen. Jeder Ostdeutsche hatte zum Einkaufen Stoffbeutel. Die Geschäfte waren auch überfüllt, mit DDRlern vor allem. Die Westdeutschen waren weniger begeistert, wir störten sie in ihrer vorweihnachtlichen Einkaufswut. Das äußerten einige auch wortreich.

Uns störte es nicht, wir guckten, kauften und zogen durch die Gegend. Es war überall neu, was es nicht alles gab. Wenn man da an die HO oder den Konsum dachte....

In einem C&A passierte es dann. Vati guckte, Mutti guckte, Kind war weg. Mutti schon ganz hysterisch, wo ist Paulchen abgeblieben. Eben war er noch hinter mir. Wir müssen doch noch nach Hause. Der Vati rannte wieder in den Laden und fand dann klein Paulchen, der irgendwo geguckt hat, vergessen hat, uns zu folgen und ganz verloren war. Keine 4 Jahre alt.

Dann zogen wir mit unseren Plastikbeuteln, die schwer wurden, unhandlich zu tragen waren, die Plastikgriffe schnitten in die Hände, wieder zum Bahnhof. Das Kind im Schlepptau, das nun langsam genug hatte. Es waren viele, unbekannte Eindrücke und das Laufen fiel nicht gerade leicht. Spät abends landeten wir wieder in der Heimatstadt. Und durften zu Fuß mit unseren vielen Beuteln beladen nach Hause (ca. 3 km).  Öffentlicher Nahverkehr - doch nicht um diese Zeit (ist jetzt auch noch so) und Taxen waren in der DDR nur schwer zu bekommen.

Zu Hause packten wir dann alles aus, verstauten alles und wunderten uns, was es doch für knapp 300,00 DM so alles gab. Es war fast Mitternacht. Die Füße taten weh und anderentags durfte/mußte man auf Arbeit. Paulchen in den Kindergarten, der Tag begannn schon um 5.30.

Wir fuhren nie wieder mit dem Zug in den „goldenen Westen“. Später erledigte mein Mann das mit dem Motorrad oder man fuhr mit dem Auto. Das erste Auto war ein SkodaS100. Ein Erlebnis für sich!

P.S. Das letzte Mal im „goldenen Westen“ war ich im Frühjahr 2006 zur Beerdigung des Lebensgefährten meiner Mutter. Wer hätte sich das 1989 so gedacht?!