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27.04.2012 um 02:04 Uhr

9. Nov. geschrieben am 10. 11. 2008

Heute ist der 9. November. Dieses Datum ist in Deutschland in mehrerer Hinsicht ein historisches Datum

1938 – die Pogromnacht, sie jährt sich zum 80. Mal. Keine Geschichte, auf die man stolz sein kann. Aber auch kein Ereignis, mit dem einen persönlich etwas verbindet. Was ist jüdisch, was sind Juden? Auf die Fragen hab ich zu meinen Jugendzeiten nie Antworten erhalten. Dass die Stadt durchaus über eine Synagoge verfügte, die 1938 brannte, erfuhr man erst später. Juden kennengelernt, hat man nie, bis heute nicht. Die DDR gab sich als atheistisch. Sie war es sicherlich nicht, aber Gläubige hatten schon mit Reprassalien zu rechnen. Heute wurde dieser Tag begangen, an der ehemaligen Synagoge, die keine 100 Meter von mir entfernt war. Kerzen brannten.

Die 9. November, mit dem man etwas verbindet. Das ist der von 1989. Dieser Datum gilt als Wendepunkt der Geschichte. Warum heute im Fernsehprogramm über beide Ereignisse berichtet wurde, kann ich nicht sagen. Der 9. November 1989 jährt sich zum 19. Mal.

Der Fernsehbericht war interessant, auch wenn es mich persönlich störte, dass unsere Bundeskanzlerin zu Wort kam.

Es war eine bewegende Zeit, eine Zeit voller Hoffnung, Sehnsüchte, Glauben. Glauben daran, dass es nun alles doch viel besser werden wird. Man selbst hat es in der Hand oder?

1987 kam mein Mann, wir waren damals noch nicht verheiratet, zur Armee. Wurde eingezogen. Er war 26 Jahre alt und hatte wirklich gehofft, nicht mehr „dienen“ zu müssen. Wehren konnte man sich dagegen nicht, auf die Idee wäre wohl auch niemand gekommen. Er ging zur Armee. Das war nicht wie heute, dass man dann täglich telefonieren konnte. Wer hatte in der DDR schon ein Telefon, allen Fernsehfilmen aus dieser Zeit zum Trotz?! Kaum jemand. Für mich begang erst einmal eine schwere Zeit, obwohl dies gar keiner verstand. Mein Sohn, damals grad mal zwei Jahre alt, fing an, seinen Vater zu vermissen. Er war es durchaus gewohnt, dass er öfter nicht zu Hause war, denn er arbeitete in Schichten, aber diese Schichten hatten ein Ende und auf einmal hatte dies kein Ende. Er wurde quengelig. Die Aussage, sein Vater wäre bei der Armee, er würde, wenn man denn so will, unserem Staat dienen, konnte er nicht nachvollziehen. Wie auch. Als die Vereidigung anstand und klar war, wir würden ihn besuchen, bestand ich zum Trotz darauf, dass er uns begleitet. Niemand wollte das. Meine Schwiegereltern wollte mir einreden, es wäre doch besser für ihn und für uns, er würde an diesem Tag zu Hause bleiben. Meine Mutter würde ihn doch sicher betreuen. Für ihn wäre das doch nur eine Strapaze. Alle redeten mir mehr oder weniger zu. Die Kindergärtnerinnen erklärten mich für verrückt, dass ich seine Quengligkeit mit der Abwesenheit seines Vaters begründete. Ich setzte mich durch. Er fuhr mit.Er sah seinen Vater, der bei bei den „Panzern war“, er war stolz auf ihn.Das ewige Quengeln hatte ein Ende, jetzt war klar „Papa ist bei der Me“. Ich hatte Recht.

Briefe wurden viel geschrieben. Besuche waren selten. Die Zeit war im Nachhinhein betrachtet für mich eine schöne Zeit. Wir heirateten 1988. Kurz entschlossen. Noch vorher erhielt ich die Nachricht, es ist gar nicht klar, ob ich zur Hochzeit kommen kann, es war gerade Jahrhunderthochwasser, die Armee war dort eingesetzt.

Zur Hochzeit seines Bruders Ende 1988 durfte er dann allerdings nicht auf Urlaub kommen. So war das damals.

Im Mai 1989 war der Dienst vorbei. Ich entschloss mich, es war schone eine ziemlich waghalsige Sache, meinen Mann mit meinem Sohn abzuholen. Wir fuhren mit dem Bus nach Magdeburg, der Busfahrer erklärte mich für verrückt, dass ich mit dem letzten Bus nach MD fahre, es hätte doch sein können, er fällt aus. Sowas gab es ja durchaus damals.

Es wurde gefeiert. Er war wieder da. Wir hatten unseren 1. Hochzeitstag. Die Maidemonstration fiel für uns aus. Ich hatte schon jahrelang an keiner mehr teilgenommen.

Die DDR wählte. Das war kein Ereigniss. Man ging in ein nahe gelegenes Wahllokal, steckte den Schein in die Urne. Die Sache war gelaufen. Die Pflicht war getan. Mein Sohn begleitete mich, mein Mann nicht. Er weigerte sich. Er würde nie wieder in der DDR wählen gehen. Ich nahm es hin. Was hätte ich tun sollen, ich verstand ihn.

Meine Kolleginnen sahen das anders. Irgendwie sagte ich, ich war mit Paulchen wählen, wurde nach meinem Mann gefragt und erhielt die Aussage: „Wieso hast Du denn nicht auf ihn eingewirkt, dass er auch wählen geht. Pass bloß auf, dass dies keiner erfährt. Du wirst Ärger bekommen.“ Ärger bekam weder ich noch er, es scherte sich wohl schon damals keiner drum, was wir dachten.

Das Leben ging weiter wie gehabt. Welche Rolle spielt Politik in unserem Leben? Dazu hatte keiner Zeit, man ging arbeiten, brachte das Kind in den Kindergarten, holte es ab, versuchte sich den Lebensunterhalt zu ergattern. Die Geschäfte waren mehr leer als voll. Man sah es überall, in den Geschäften, in den Betrieben. Eine Äußerung von mir damals, wenn jemals der Eigentümer des Betriebes zurückkommt, der wird sich wohl freuen, seinen Betrieb in dem Zusand vorzufinden, in dem er ihn verlassen hat. Das entsprach zwar nicht so ganz den Tatschen, denn der Eigentümer wurde schon 1939 von den Nazis unter Aufsicht gestellt, ausländisches Kapital (Belgien).

Wann es anfing, im Land zu brodeln? So genau ich das nicht sagen. Eine Unzufriedenheit mit dem Staat, mit dem Leben begleitete uns schon unser Leben lang. Man frage sich, war das alles?!. Wie soll es weiter gehe?

Im Juli 1989 starb meine Oma im Westen. Meine Mutter wollte natürlich zur Beerdigung fahren. Ihr 150 % überzeugter Mann war natürlich voll dafür, dass sie fuhr. Seine Überzeugung reichte leider nicht zu bis zu den Westpaketen, bis zu den Westbesuchen. Diese waren ihm „erstaunlicherweise“ sehr angenehm.

Sie durfte nicht fahren, da sie keine leibliche Tochter war. Meine Mutter hat ihre leiblichen Eltern in den Kriegswirren verloren, ist Vollwaise und wurde von „meiner Oma und meinem Opa“ ab 1947 aufgenommen. Damit war klar, auch ich durfte nicht fahren. Sie hatte im Übrigen, ob das nun jemand wußte oder nicht, die Absicht, die DDR danach nicht wieder zu betreten. Mehr aus persönlichen Gründen denn als politischen.

Es folgten die Ausreisen über Ungarn, die Botschaftsbesetzungen. Ich wollte nicht weg. Was sollte ich im Westen?! Schon 1985 hat ein Onkel mir geschrieben, es kommen jetzt so viele von Euch hier rüber, er könnte das gar nicht verstehen. Das war schon der Wink mit dem Zaunpfahl, was wollt Ihr denn alle hier?!

Einige sind gegangen. Mancher Mann kam nach Hause, die Frau war weg mit dem Silberbesteck. Manche Mann verschwand, ließ die Frau allein. Der Bruder meines Mann erklärte mit, sie würden über Ungarn ausreisen.

Die Leute demonstrierten in den großen Städten. Die Hoffnung keimte, in anderen sozialistischen Staaten gab es Bewegungen. Die Bürgerrechtler forderten 1989, wer sich mit ihnen solidarisch zeigt, möge am 7. Okt. 1989 eine Kerze in das Fenster stellen.

Das tat ich. Mein Mann war strikt dagegen, er die Wahlverweigerer fragte mich, ob ich keine Angst hätte. Ich hatte keine.

Man stand irgendwie unter Hochdruck. Noch gab es die DDR, aber man spürte die Veränderungen. Honecker wurde entmachtet. Krenz galt mit Sicherheit nicht als Reformierer, aber nun gut.

Plötzlich hörte man, die Mauern sind auf. Es wurden Gesetze gezimmert, nach dem jeder DDR-Bürger in den Westen könne. Es gab Diskussionen, unendliche über das wann und wie. Unterschiedliche Meinungen.

Wir gingen zur Montagsdemo.

Große Genossen gingen in die Betriebe. Unser Kreisvorsitzender kam in die Kantine, hielt eine Rede, wurde ausgepfiffen. Es entsprach nicht viel der Wahrheit, was er sagte. Er hätte keine Privilegien. Er wurde in einem Haus wohnen, Miete zahlen, da wäre nichts Besonderes an dem Haus. Viele wußte es anders, ich auch. Ich kannte dieses Haus, eine Schulfreudnin hat jahrelang dort gewohnt. Noch zwei Geschwister, ihre Eltern. Es war ein schönes Haus. Und nachdem sie auszogen, gab es eine Bautätigkeit an diesem Haus, die beispiellos war. Wo in der DDR wurde so fleißig gebaut und hatte man immer Material?

Ende November entschlossen wir uns, die BRD zu besuchen. Wir wollten unsere 100 Mark abholen und fuhren nach Helmstedt. Es war eine Tagesreise, die Deutsche Reichsbahn war wohl überfordert. Ich betrat die Stadt, als erstes gab es einen Blumenladen. Sowas hatte ich noch nicht gesehen. Diese Vielfalt. Die Blumenläden der DDR waren eher trostlos, brauchte man mal dringend einen Blumenstrauß, so brauchte man viel Glück, Beziehungen und manchmal nütze das alles nichts. Nicht selten reichte es selbst dann doch nur zu Nelken.

Die 100 Mark bekam man in einem ziemlich schäbigen Gebäude der Stadtverwaltung Helmstedt. Es dauerte lange, man hatte den Eindruck, die halbe DDR war auf den Beinen. Manche so erfuhr man und so war auch der Bundesregierung bekannt, versuchten es mehrmals, ihre 100 Mark zu bekommen. Die D-Mark - welche Kraft. Das Kind war mit, natürlich. Wie gingen einkaufen, was konnte man dafür alles kaufen. Beliebt waren die DDRler nicht in den Geschäften, sie glotzen überall, standen den Wessis im Wege rum. Manche waren freundlich, allerdings die Wenigsten. Vollgepackt kamen wir spät abends wieder zu Hause an.

Die DDR kämpfte ums Überleben. Wir kämpften mit oder dagegen. Trunken der Freiheit, der Sehnuscht, der Hoffnung, getragen vom Glauben nach besseren Zeiten.

Die Geschäfte der DDR änderten sich. Plötzlich gab es Dinge, die gab es gar nicht. Fernseher mit einem Preisschild - 1000 DM! 1000 Ostmark wäre für kaum jemanden ein Problem gewesen. Händler standen auf den Plätzen und verkauften Lebensmittel. Ein einschlägiges Erlebnis. Eine Händlerin, die für 3 DM Fruchtzwerge verkaufte. Mein Sohn wollte dieser Dinger unbedingt haben. Und ich hatte kein Westgeld in der Tasche. Keinen Pfennig. Wir hatten Geld umgetauscht, mein Mann fuhr regelmäßig mit dem Motorrad nach Schöningen zum Einkaufen. Irgendjemand der Verwandtschaft hat mal ein paar Mark geschickt, was übrigens aufhörte, als es die DM offiziell gab. Mein Sohn quengelte nach diesem Sch... Fruchtzwergen, er ließ sich nicht überzeugen, dass ich diese nicht bezahlen könne. Ich versuchte die Händlerin zu überzeugen, ich würde ihr dafür auch 10 Mark Ost geben. Aber was hätte sie damit machen sollen?! Irgendwann rief sie mich zurück, steckte mit die Fruchtzwerge in eine Tüte und sagte, ich solle schnell verschwinden.

Täglich sah man jetzt die aktuelle Kamera. Die Eregnisse überschlugen sich ständig. Die Regierung verfasste tolle Gesetze, es gab plötzlich mehr Geld. Die Ungleichbehandlung in den Steuergesetzen der DDR zwischen Angstellten und Arbeitern wurde aufgehoben.Feiertage wurden eingeführt.

Im März 1990 wurde wieder gewählt. Zum ersten Mal gab es Wahlwerbung. Die Busse der Stadt prankten mit dem SPD-Logo. Politprominenz sagte sich überall an. Jedem wurde erklärt, man müsse CDU wählen, denn nur die CDU würde uns die DM ermöglichen. Und die wollten wir nun alle, die Geschäfte hatten sie schon.

Und ich wollte immer noch immer eine bessere DDR. Bei einer Diskussion auf Arbeit erklärte mir unser Abteilungsleiter, ich könne nicht so naiv sein. Die DDR hat abgewirtschaftet, das wisse ich. Und nur mit der Wiedervereinigung könnten wir der Armut entgehen, man sähe es ja an Polen. Er hatte Recht, auch wenn es mich sträubte. Der Glauben an eine bessere DDR, eine DDR mit Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit.... Was würde uns denn die BRD bringen? Eine Kollegin sagte, wir hätte immer gearbeitet, wir können arbeiten, wir sind anpassungsfähig, was könne uns passieren.

Und wieder sagte mein Chef: „In der WISMUT haben mehr als 20.000 Leute gearbeitet, wo sollen die alle hin?!“ - In unserem Betrieb arbeiten 1.600 Leute, heute noch ca. 300.-

Es wurde gewählt, die CDU war Wahlsieger. Eine neue Regierung gab es. Eine Regierung, von der uns nun bekannt war, sie würde nicht lange überleben.

Im Juli gab es dann endlich die DM. Es wurde ausgehandelt, wieviel jeder Bürger tauschen kann. Nie waren arme DDR-Bürger so begehrt wie damals. Jeder fragte jeden, ob er nicht tauschen kann. Viele verloren auf die Art auch ihr Geld. Am letzten Freitag der DDR-Währung, ich hatte keinen Pfennig dieses Geldes mehr in der Tasche, versuchte ich krampfhaft Geld aufzutreiben, weil ich noch so zwei bis drei Dinge einkaufen wollte. Es war nicht möglich. Also habe ich widerwillig an diesem Tag die Sparkasse besucht und noch DDR-Geld abgehoben, was ich dann auch auf die Schnelle ausgeben mußte. Es war eine eigenartige Zeit.Geldautomaten hatten die Sparkassen der DDR nicht.

Die Formalitäten hat jeder erledigt. Jeder verfügte über ein Konto. Am 1. Juli gab es dann einen Run auf die Sparkassen. Wir waren dabei. Früh, es ging auch schnell, stellten wir uns an und hoben unsere ersten DM vom Konto ab. Es war an einem Sonntag, man konnte nicht wirklich was damit anfangen, wir fuhren angeln.

Am anderen Tag fuhr die Familie in Urlaub – an die Ostsee. Mein Mann fuhr mit dem Motorrad, mein Sohn und ich mit dem Zug. Schon die Fahrkarte kostete ein Vermögen. Der Urlaub war wunderschön, das Wetter auch. Die Kaufhalle auf der Insel Usedom war vollgestopft mit Westartikeln, die teurer waren als dort. Es gab 100. kleine Stände mit irgendwelchem Kram, vor allem natürlich Imbißstände. Deutschland wurde Fußballweltmeister. Wir sahen unseren ersten Soft-Porno im Kino, man hätte darauf verzichten können.

Wieder zu Hause war ich geschockt. Die Kaufhallen hier konnten mit dem Sortiment dort nicht mithalten. Wo waren die Westartikel?

Ich rief auf Arbeit an, von einer Telefonzelle natürlich, ob ich noch beschäftigt wäre. Schon vorher wurde gemunkelt, die ersten Entlassungen stehen an. Ich war es noch nicht.

Arbeiten? Das war ganz anders als vorher. Die Betriebe sollten nun nicht mehr volkseigen sein, man sprach mit westlichen Partnern. Das Interesse bei denen war eher verhalten. Niemand kam mit wehenden Fahnen in die DDR. Was es alles voher nicht gab, gab es jetzt. Die Betriebe wurden überschwämmt mit Produkten, die sie jahrelang nur unter großem Druck erhielten. Die Ost-Betrieben wollten aber nicht mehr kaufen, sie hatten jetzt die DM. Die sozialistischen Bruderländer wollten die Produkte auch nicht mehr, sie hatten keine DM. Das sogenannte nichtsozialistische Wirtschaftgebiet wollte aber seinerseits auch nichts mehr von den Produkten.

Es wurde storniert, storniert, Warenlager abgebaut. Verhandlungen geführt. Warenlager vernichtet, damit die Bilanzen stimmten. Leute entlassen, weil die Westpartner natürlich damit nichts zu tun haben wollten.

Ab August arbeitete ich auch in Kurzarbeit. Nur noch ein paar Stunden, der Rest zu 90 %. Die chemische Industrie erhielt eine Lohnerhöhung. Es ging uns gut.

So langsam änderten sich auch die Geschäfte, so nach und nach das Sortiment. Westprodukte. Die Betriebe wurden privatisiert, einige mit Westpartnern, andere versuchten es allein. Viele schlossen ihre Tore für immer.

Blühende Landschaften sollten entstehen. Es sah danach aus. Die Welt veränderte sich. Die Republiken vereinigten sich, die Brüder und Schwestern.

Meine Mutter war die Erste, die arbeitslos wurde. Sie ging gen Westen, weil ihre „Familie“ das Angebot unterbreitete, eine Tante zu pflegen.

Wir besuchten sie nach kurzer Zeit im Westen, besuchten meine Tante, eine große Gewerkschaftsfunktionärin, eine große SPD-Anhängerin, kirchlich engangiert. Sie erschütterte mich mit der Aussage: „Arbeit hier? Hier gibt es keine. Für Frauen? Stundenweise, auf Abruf, ist zwar nicht legal, aber so ist es....

Die Jahre vergingen. Viel passierte, aber:

Was ist aus diesen Träumen geworden? Was haben wir falsch gemacht? Wenn ich die Berichte über die untergegange DDR höre, dann denke ich, was ist eigentlich so viel anders als jetzt?! Leben wir in einer Demokratie, wie es Herr Merz in einem Interview sagte oder hat Herr Lafontaine Recht, der sagt, eine Demokratie kann dieses nicht sein, denn die Entscheidungen (Steuerhöhungen, Gesundheitsreformen, Rentenreformen, HartzIV) sind ja von keiner Mehrheit getragen? Wir haben die Volksvertreter gewählt, die, die zur Verfügung standen.

Wann kommt die Revolution? Und was wird sie bringen? Wir können nicht das Land verlassen, wohin? Wir sind das Volk. Aber vielleicht fühlt sich die Mehrheit des Volkes trotz Überwachung, Nacktscanner, Rentenreformen, Gesundheitsreformen, HartzIV noch wohl? Vielleicht ist es ja nur eine Minderheit, die sagt, so könne es nicht weiter gehen, wir brauchen eine andere Gesellschaft.

Die Berichte über die Mißstände sind lang. Wer geht noch gerne einkaufen? Niemand, man hat das Gefühl, die Preise steigen stündlich.Wenn ich an die Gesundheitsreform danke, an Rente mit 67, an die eigenartigen Erbschaftssteuergesetze, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es das ist, was wir wollten. Egal ob nun West oder Ost.

Die Westler schieben die ganze Situation auf die Ossis. Brüder und Schwestern – nein. Mancher hätte gern die Mauer wieder. Sogar die Ostler, obwohl sie wissen müßten, es wäre ein Trugschluss. Die Politik der Bundesrepublik stand schon 1989 nicht zum Besten, sie hat sich mit der Wiedervereinigung gut retten können. Das vergessen einige.

Wann war ich das letzte Mal im Westen? Es ist eine ganze Weile her. Das ist das Dilemma, jetzt könnte ich jederzeit. Und? Die Welt hat sich verändert, die Stadt hat sich verändert. Sie ist bunter geworden, meiner persönlichen Meinung nach fehlt das westliche Flair, begründen kann ich das nicht. Es gibt viel Neues, es gibt aber auch eine Menge leerstehender Wohnungen, leere Geschäfte. Das Wohungsproblem hat Erich Honcker gelöst, das war sein Plan – ab 1990.......

 

27.04.2012 um 01:48 Uhr

Mauer geschrieben am 13. 8. 2009

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

In ein paar Tagen jährt sich ein Datum, das ich selbst nie erlebt habe. Die Mauer wurde gebaut. Als ich geboren wurde, war sie schon da. Ich habe sie nie hinterfragt. Ich kannte es doch gar nicht anders.

Natürlich wusste man, es gibt noch ein zweites Deutschland. Es kam sogar immer mal Besuch aus diesem Land vorbei. Die brachten tolle Dinge mit, sagten komische Sachen und dachten immer, wir sind die armen Brüder und Schwestern, die so unfrei sind. Andere Menschen. Wir armen.

Hat man sich so gefühlt? Nie. Wie waren nicht arm. Keiner ist verhungert. Die Tische waren reichhaltig gedeckt. Jeder hatte seine Wohnungseinrichtung, die sich nicht wirklich von westdeutschen unterschied. - „Ihr habt auch eine Schrankwand?“

Arm? Was ist denn Armut? Und warum sind wir unfreier als die da „drüben“. Die müssen sich doch mit Gewerkschaften rumschlagen, mit Lohnforderungen, mit Preiserhöhungen. So was gab es doch bei uns nicht. Hier ging keiner auf die Straße, weil man Energiepreise erhöhen wollte.

Niemand hat mich verhaften wollen, weil wir gerade Besuch aus dem Westen hatten. Im Gegenteil: Ich wurde beneidet. Um meine Jeans. Um meinen tollen Pullover.

Wir durften kein Westfernsehen gucken? Wer sagte denn das? Worüber sprachen wir auf dem Schulhof, über die neueste „Klimbim-Sendung“. Wir nahmen die Hitparade von NRD2 auf. Wir sahen „Dracula“.

Wir wollten FDJler werden. Natürlich. Wer wollte den ewig mit dem Halstuch rumlaufen. Und das tiefe, sonore „Freundschaft“ klang so cool.

Wir lebten in der DDR. Wir glaubten auch an das Gute, den Sozialismus. An dieses bessere Leben. In den 70iger Jahren war bei fast allen dieser Glaube noch verbreitet. Die DDR war gut. Der Westen war schlecht. Und irgendwann wird es überall so gut sein, der Sozialismus wird siegen. Wer hat daran gezweifelt? Wer wollte daran zweifeln? Wer „haute“ ab? Das waren, und das ist nicht mal unrealistisch, Leute, die eigentlich in der DDR genug Privilegien hatten, die in Künstlerkreisen verkehrten, in Kreisen der Intelligenz und sich materiell mit Sicherheit nicht beschweren konnten.

Wir gingen zur Disco und tanzten nicht nach „Karat“ Wir tanzten nach BeeGees und Smokie und was gerade so aktuell war. Wir hörten Beatles. 60/40 ja klar, das war gewollt. Die Tanzflächen leerten sich aber sofort, wenn Ostrock oder was man dafür hielt, gespielt wurde. Nur ganz weniger Lieder dieses heutigen Ostrock erhielt damals schon unsere Zustimmung.

Waren wir blind? Haben wir nicht gesehen, dass es alles grau war? Von den Kohleheizungen. Dass es in den Geschäften immer weniger gab. Dass die Wirtschaft immer mehr den Bach runter ging. Natürlich haben wir das gesehen. Jeder hat es gesehen. Mancher hatte dafür gute Erklärungen: Die DDR ist ein armes Land, verfügt über wenig Bodenschätze, musste nach dem Krieg Reparationsszahlungen an die UdSSR leisten, die Wirtschaft erst aufbauen. Das ist auch nicht falsch.

Die Idee des Sozialismus war gar nicht schlecht. Sie besagte, dass es keine Schichten gab, kein arm und reich. Die Produktionsmittel gehörten allen. Kein Kapital. Alles fürdas Wohl des Volkes.

Es waren Schlagwörter. Diese Schlagwörter hielten sich bis zum Schluß. Man kann wohl niemandem wirklich vorwerfen, dass er daran geglaubt hat. Bis zu einem gewissen Punkt. Es waren Schlagwörter und Losungen, die sich gut zum 1. Mai oder 7. Oktober machten. Wer hat Zeitung gelesen? Wer hat wirklich „Aktuelle Kamera“ gesehen? Diese Selbstbeweihräucherung. 110 % Planerfüllung.

Losungen:

              Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit!

              Mehr produzieren besser leben!

              Unser Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden!

              Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen!

 

              Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen.

 Diese Losung nahmen einige sehr wörtlich und klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Jeder hat seine eigene Biographie. Jeder hat seine eigene DDR erlebt. Es gibt sicherlich viele, die gar nichts Negatives sagen können. Was auch? Darum kann man sie auch schlecht erklären. Sie wurde von jedem anders erlebt. Jeder wollte sie auch anders sehen.

 

 

 

 

27.04.2012 um 01:46 Uhr

Sport geschrieben am 26. Jan. 2009

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Es wurde sehr viel über Struktur im Leben geschrieben. Unterschiede zu „uns früher“ und heute. Es gibt viele Gründe, warum die Dinge so sind wie sie sind, warum man sich mit ihnen arrangieren muß, warum man nicht vermag sie zu ändern oder nicht will. All das ist sehr individuell.

 Ich hab hier nicht zuletzt die Pioniergesetze und die 10 Gebote reingestellt, weil sie sich vllt. in einigen Dingen gleichen oder uns Ansporn waren, unser Leben zu leben. Ob wir das immer getan haben, ob wir damit einverstanden waren, ist eine ganze andere Sache.

Einige Dinge haben sich geändert. Das ist eine uralte Weisheit. Wir kennen alle den Spruch: „Früher war alles ganz anders“. Wir haben ihn gehasst und doch entdecken wir heute, dass wir ihn selbst benutzen.

Was war denn nun anders? Es sind viele Dinge, aber kommen wir auf eines ganz besonders zu sprechen. Eines, was ich gehasst habe, eines was ich nicht vermissen würde.Das ist das Pioniergesetz: Wir Thälmannpioniere halten unseren Körper sauber..., treiben Sport...“

Sport war es, was mir das Leben zur Hölle machte. Sport war wichtig, es war Hauptfach. Alle waren sportlich, nur ich nicht. Maximal so kleine Dicke, aber die gab es damals ja noch nicht so viel. Ich war nicht sportlich. Sport gab es immer und überall, in den Kindergärten, Schulen, Ferienlagern, in Arbeitsgemeinschaften, in der Ausbildung, im Studium, bei der NVA, in Betrieben.

Ich war schlank, neigte eher zu Untergewicht, aber ich war gelenkig wie ein Brechstange. Im Kindergarten war das noch gar nicht so aufgefallen, vielleicht wurde damals noch nicht so sehr viel Wert darauf gelegt. Aber in der Schule stellte es sich heraus, sie kann es nicht.

Die Schule machte Spaß - sicherlich. Man war auch ganz gut darin. Es gab so Fächer, die lagen einem nicht so. Ich habe erst neulich erklärt, von Physik habe ich keine Ahnung, Frauen müssen sowas nicht wissen. Ich erhielt darauf viel anerkennendes Gelächter, die Meisten waren wohl meiner Meinung – Frauen. Ich konnte auch nicht malen, basteln. Es lag mir nicht.

Meine Eltern waren da andes. Sie waren beide sportlich. Meine Mutter konnte auch ganz gut malen. Sie war zuständig für Hausaufgaben, wenn es dann hieß, malen. Und die Lehrer nun ja, da hieß es, streng Dich an, bemüh Dich. Man kann alles lernen. So war es dann auch so, wenn meine Mutter meine Zeichenaufgaben erledigte, dass ein Lehrer sagte. „Siehste, wenn Du Dich anstrengst, dann geht es auch. Dafür gibt es eine Eins.“ Und ich dachte: „Du Trottel, das hab ich überhaupt nicht gemacht, das war meine Mutter.“ Die Eins nahm ich und sagte dann zu ihr: „Du hast heute eine Eins bekommen.“

Sport lief aber anders, nicht nur, weil es Hauptfach war, es konnte auch keiner für einen erledigen. Kinder sind unbarmherzig, Eltern können es zuweilen auch sein. Ich erntete dann bei meinen sportlichen Aktivitäten immer viel Gelächter. Es gab Lehrer, z. B. In der Ausbildung: „Sie laufen nicht schön, aber elegant.“ Diese Lehrerin wurde dann irgendwann gefeuert, nicht weil sie unsportlich war, sondern weil sie in die Lehrlinge während des Unterrichts beklaute. Die trieben Sport, die Lehrerin beklaute sie unterdessen.

Es war immer ein Grauen. Meine Mitschüler, auch wenn sie mich teilweise lange kannten, hatten doch ihren Spaß daran. Andere Klassen natürlich noch viel mehr. So hörte ich mal, wie zwei meiner lieben Freundinnen zu einem coolen Kerl sagten: „Komm doch mal ans Fenster gucken, wenn wir Bockspringen machen, Du lachst Dich kaputt.“ Ich hätte ihn natürlich auch bestellen können, wenn sie ihre Ergüsse in Deutsch zeigen, aber das war nicht cool. Sport war cool.

Die Sportnote sah nicht gut aus auf dem Zeugnis. Mein Vater, natürlich bestrebt für seine Tochter das Beste zu wollen, meinte dann: „Studieren kannst (Direktstudium) Du nie, mit der Sportnote ist das einfach nicht möglich.“ Er hatte nicht Unrecht. Ich wäre gern Lehrerin geworden, Deutsch, Russisch, Geschichte. Aber mit dieser Note in Sport, das war wohl undenkbar.

Er unternahm auch viel dagegen. Er, hätte es das zu seiner Zeit gegeben, wäre gern auf eine Sportschule gegangen. Nun so einfach war das zwar nicht. Die Auswahlkriterien dafür waren hoch, außergewöhnliche sportliche Leistungen, olympiafähig waren Bedingung. Wer das nicht brachte, wurde schnell geschasst. Wie nachgeholfen wurde, wurde spätestens nach dem Zusammenbruch der DDR bekannt. Doping.

Ich wurde in allen möglichen und unmöglichen Sportgemeinschaften angemeldet. Ich mußte das lernen. Gebracht hatte es nicht viel, nur die Aussage der damaligen Lehrerin, heute Leiterin des Jugendamtes: „Warum bist Du eigentlich hier, hier sollen doch Kinder sein, die sehr gut im Sport sind, auf die kann man sich so nicht konzentrieren.“ Mein Vater selbst Übungsleiter nahm mich zu seinen Stunden mit, er trainierte eine Jungenkegelmannschaft. Bestandteil war natürlich auch das Sportabzeichen. Ich mußte dann teilnehmen, was bei seinen Jungs viel Freude auslöste. Das Sportabzeichen bekam ich dann in Bronze, wurde nachgeholfen sozusagen. Was zumindestens den Vorteil hatte, die Zensur verbesserte sich allein durch die Tatsache und dass man schwimmen konnte.

Einzig meine Oma hatte Verständnis und sagte mir, ich solle nicht traurig sein, manche Dinge kann man nicht lernen. In anderen Dingen bin ich doch gut und überhaupt kann sie das nachvollziehen, denn sie konnte nie singen und weiß wie es mir geht.

Gebracht hat diese ganze Treiberei nicht viel, irgendwann wollte ich überhaupt nicht mehr. Mein Vater sah ein, dass es nichts brachte. Man nahm die Zensur hin. Selbst einige Lehrer erkannten, es hat keinen Sinn, lieferten mich nicht mehr der Lächerlichkeit aus. Während der Lehre war ich dann auch die, die nicht am obligatorischen Sportfest teilnehmen mußte. Ich war nur anwesend. Meine Mutter war aktiv und teilte sich in ihrer Altersgruppe die vorderen Ränge abwechselnd mit der damligen Direktorin für Kader und Bildung.

Das änderte natürlich nichts an der Tatsache, dass die Zensur miserabel war. Ich war nicht sehr strebsam, ich war immer der Meinung, eine Zwei reicht durchaus. Mein Vater sagte dann auch immer: „Für eine Eins muss man im Grunde besser sein als der Lehrer.“ Das Ende vom Lied ist allerdings, ich wurde nie Lehrerin. Ob ich eine gute geworden wäre? Wer weiß das schon.

Unterrichtet habe ich in Jugendjahren viel.Nachhilfe, meine Oma in Russisch, was immer sehr lustig war. Ja, es wäre der Traumberuf gewesen.

Und man erlernte einen Büroberuf, weil meine Klassen- und Deutschlehrerin sagte, bei Deinem guten Deutsch, kannst das machen. Ja, was solls. Vorstellungen hatte man keine. Es hätte sicher viele Alternativen gegeben, aber wer weiß das schon mit 15,16.

Glücklich war ich nicht. Es war nicht mein Wunschberuf und gut war ich in den ersten Jahren auch nicht. Auf dem Ausbildungszeugnis schlägt die Sportnote auch negativ zu Buche.

Hätte die DDR länger gedauert, hätte ich sicher die Chance ergriffen, irgendwas in der Ausbildung zu machen. Zweiter Bildungsweg. Ich nahm kurz vor der Wende Anlauf, Paulchen war aus dem Gröbsten raus. Mein Mann war von dieser Idee sicher nicht so ganz begeistert, er wußte es nicht mal so richtig.

Es gab halt so Aussagen einer Kollegin, die ein Sonderstudium/Fernstudium absolvierte, mehr schlecht als recht: „Prozentrechnung oder Deutsch – sowas hatten wir während des Studiums nicht, das muß ich also nicht können.“ Aber wir hatten das 10 Jahre lang oder. Diese Aussage bekräftigte mich dann, wenn die das geschafft hat, dann Du doch erst recht.

Die Wende machte die Pläne unmöglich. Die Politik der Arbeitsagentur sowieso. Man hat alles umgeschult, vom Maurer zum Elektriker, vom Elektriker zum Maurer, vom Koch zur Anwaltsgehilfen. Man hatte Tausende Bürokaufleute ausgebildet, Tausende Bankkaufleute. Wozu weiß niemand? Gebraucht wurden sie nie. Aber ich hatte ja einen Beruf, für mich kam das nicht in Frage. Erst viel später erhielt ich die Möglichkeit, einen zweiten kaufmännischen Abschluß zu machen.

Natürlich hätte man vieles tun können.Hätte man das Geld gehabt, hätte man es bezahlen können. Eine meiner Kolleginnen, die 1997 noch ein Studium begann, sagte dann auch, warum machst Du das denn nicht. In erster Linie konnte ich natürlich meine Familie nicht im luftleeren Raum hängen lassen.

Es hat mir auch mal ein Dozent gesagt. „Warum unterrichten Sie kein EDV. Das wird gesucht.“ Damals jedenfalls. Nun, ich traute es mir nicht zu. Ich war der Meinung, EDV kann man nur unterrichten, wenn man davon allumfassend Ahnung hat. Wie irrsinnig meine Meinung war, erlebte ich in jahrelangen Weiterbildungen und Qualifizierungen, die alles in allem auch Spaß machten. Erwachsene in Ausbildung sind wie Kinder, benehmen sich wie Kinder, ihre Kinder würden sie was erzählen, benehmen die sich so wie man gerade selbst. Es war immer lustig!

Da gab es so einige Dozenten, die sich von jetzt auf gleich widersprachen, die noch im Unterricht ausprobierten, wie man dann Buchstaben in Word bunt macht. Eine wichtige Sache. Die während des Unterrichts aus dem Fenster guckten.

Den Dozentenschein, der dafür nötig wäre, den hab ich natürlich auch nicht. Bezahlt hat ihn das Amt nicht. Wie hätte man die 1000 DM dafür aufbringen sollen, wie es der Familie plausibel machen? Wäre es anders gelaufen? Wer weiß das schon.

Die Arbeitsamtpolitik war immer falsch. Es wurde ausgebildet, was nicht wirklich gebraucht wurde. Hätte man nicht, wie in den Nachkriegsjahren, Lehrer ausbilden können. Schnellbesohlung. Die werden doch immer mal händeringend gesucht, obwohl es viele arbeitslose Pädagogen gibt. Hätte man nicht im Sozialen ausbilden können? Altenpflegerinnen wurden viele ausgebildet, aber ansonsten?

Ich wollte immer unterrichten. Mir wurde auch nachgesagt, dass ich ganz gut bin darin. Viele Jahre habe ich selbst mit Arbeitslosen gearbeitet, ich habe sie betreut sozusagen. Meine Kolleginnen bewunderten immer meine Gelassenheit. Der etwas zurückgebliebene Kollege, der drei mal die Woche kam, um nach seinen Urlaub zu fragen, bekam eine Antwort, auch wenn ich nicht mehr in die Urlaubsliste schauen mußte, ich wußte es. Andere machten sich darüber lustig, ich nicht. Ich konnte ihm auch 20 mal sagen, wie er genau das machen soll. Ich verlor nicht die Ruhe.

Die Ruhe verlor ich erst im Kinderheim. Da habe ich gebrüllt, weil es manchmal nicht anders ging, weil der Ton, die Handlungen so abartig waren, dass sie gewöhnungsbedürftig waren und man sich manchmal einfach Luft verschaffen mußte. Aber selbst da verstanden manche meine Gelassenheit nicht, in manchen Situationen. Man kann sich nicht immer über alles aufregen, das gibt graue Haare. Warum hat Carsten seine Hausaufgaben so unkonventionell gemacht? Warum hab ich ihm alles vorgeschrieben, ganz ordentlich, ich hab mich wirklich bemüht, und er es nur abgeschrieben? Schließlich soll er schreiben. Weil er die Konzentration nicht hatte, weil sein Schriftbild dann unleserlich war, weil er so gezwungen war, mal richtig ordentlich und richtig zu schreiben. Nein, Pädagogen sehen das anders. Aber okay.

Wäre es für mich erfreulicher, wäre es anders gelaufen? Ich weiß es nicht, sowas weiß man nie. Irgendwann hab ich mich mit meinem Bürojob angefreundet.

Beruf ist nicht alles, was es an Freude gibt. Aber ein wichtiger Bestandteil. Es ist wichtig, weil es Selbstvertrauen gibt. Von der ganzen finanziellen Seite mal ganz zu schweigen.

Und was macht noch Freude im Leben? Freunde, Bücher, Sex, Filme, Hobbies, Reisen... Alles davon. Gesundheit nicht zu vergessen.

Die Erkenntnis: Die Freude am Leben sollte man sich bewahren, wo immer man sie findet. Man sollte sie auch suchen. Vllt. auch manchmal ganz unkonventionell. Sie ist wichtig. Und Struktur hat jeder von uns, sie wird einem durch irgendwelche Gesetzmäßigkeiten, irgendwelche Regeln aufgezwungen. Ob man sich dessen wirklich immer bewußt, ob vieles nur unbewußt ist, nun ja.

Was den Sport betrifft, das hat sich heute geändert. Heute ist Sport in den Schulen weniger wichtig, Arbeitsgemeinschaften gibt es kaum noch. Vereine buhlen teilweise um Nachwuchs. Die Kinder haben keine Lust, sind auch unsportlich, oder es fehlt am nötigen Kleingeld. Für die Gesundheit ist es sicherlich förderlich, gäbe es mehr Sport. Auch in meinem Leben. Wobei ich dann eine gewisse Sportart vorziehe.

 

 

26.04.2012 um 19:15 Uhr

Nervend

von: Paulinchen   Kategorie: Gedanken

Es gibt einige Dinge, die nerven, wirklich.

Mich nervt zum Beispiel zur Zeit die Berichterstattung zum Arbeitsmarkt. Ich kann es nicht mehr hören, dass wir Fachkräfte brauchen. Unser Land geht vor die Hunde. Wir haben keine Fachkräfte. Wir müssen ganz dringend, was eigentlich? Leute ausbilden? Mehr Fachkräfte ins Land holen?

Die Berichterstattung über die Herdprämie, das Betreuungsgeld nervt ebenso.

Und was macht der gute Bundesbürger, wenn er sich genervt fühlt? Er schaltet ab oder um oder hört einfach weg.

Eines ist ganz klar, bei aller Berichterstattung bekommt der mündige Bürger die Meinung, die er zu denken hat, gleich mit geboten. Ist sehr praktisch, muss niemand mehr selbst nachdenken, was er zu denken hat.

Ich habe mal gesucht und habe tatsächlich keine einheitliche Definition von Journalismus gefunden und auch keine einheitlichen Anforderungsprofile für Journalisten.

Eingebildet hatte ich mir natürlich, dass Journalismus sachlich sein sollte. Das Darstellen der Fakten. Aber es gibt eine Unmenge Beispiele, da bekommt  man die Meinung des Berichterstatters gleich präsentiert oder jedenfalls die Meinung dessen, der den Berichterstatter beauftragt hat (TV-Sender, Zeitung etc.).

Vor einigen Jahren gab es in unserem kleinen Land, dem Land der Frühaufsteher ein Problem. - Wobei mich niemand jemals gefragt hat, ob ich Frühaufsteher bin. Ich bin es nicht! - Ein paar unverantwortliche Eltern hatten eine Volksabstimmung gefordert und Unterschriften gesammelt. Die trauten sich was! Macht man denn so was?! Die wollten doch tatsächlich die Betreuung in den Kindergarten und Kinderkrippen für alle Kinder gleich regeln. Hintergrund war, dass man für Kinder von ALGII-Empfängern die Betreuungszeit der Kinder in den Einrichtungen auf 5 Stunden reduziert hatte. Waren die zu faul, ihre Kinder zu holen? Die sollen sich doch um ihre Kinder kümmern, schließlich Zeit haben sie ja. Alles auf Kosten des Staates. Dabei hat doch Sachsen-Anhalt ein vorbildliches Betreuungssystem im Durchschnitt zu den anderen Bundesländern. Nun soll es noch besser werden und noch mehr kosten? Das geht doch nicht.

Es gab eine Volksabstimmung, die scheiterte. Die Mehrheit der Beteiligten sprach sich zwar für die Abstimmung aus, aber die Anzahl der Beteiligten reichte nicht aus.

Alles war in Ordnung. Man hatte gesiegt. Ist das nicht schön? Dank der vorbildlichen Berichterstattung hatte man es wohl erreicht.

Ich war bei dieser Volksabstimmung, obwohl ich gar keine kleinen Kinder hatte, die das betraf. Nicht, weil ich der Meinung war, dass die Eltern zu faul oder unfähig waren. Für mich war es einfach nur unrecht, unsozial. Warum sollten die Kinder nur eine bestimmte Zeit in die Einrichtungen gehen, von bestimmten Dingen immer ausgeschlossen werden? Und warum sollten Kinder der so genannten bildungsfernen Schichten nun weniger Bildung erhalten? Kindergärten und Kinderhorts haben nämlich auch die Aufgabe, Kinder zu bilden, sie in sozialer Kompetenz zu schulen, in Sprache, in Wissen.

Es gab dann eine Studie, die herausfand, dass das Ziel verfehlt wurde. Ich glaube im nächsten Jahr soll sich dann alles wieder ändern. Das Geld für die Studie hatte man sich sparen können. Ohne arrogant zu klingen, man hätte mich einfach fragen sollen. Ich hätte es ihnen so gesagt. Oder einige Erzieherinnen…

Zur Zeit gibt es in unserer kleinen Stadt wieder andere Diskussion. Der Betreiber einer Webseite, die sich das Stadtmagazin nennt, hat historische Zeitungen auf sein Portal gestellt. Zeitungen aus den Jahren des Nationalsozialismus.

Welche Aufregung. Die Bürger sind empört (Anmerkung: habe allerdings keine gefunden), die Stadt ist empört, der Bürgermeister ändert die Richtlinien für die Nutzung des Stadtarchivs. Es darf nicht mehr passieren, dass jemand ungefragt solche Zeitungen erhält und den Bürgern zur Nutzung bereit hält. Die Lokalausgabe der Mitteldeutschen Zeitung berichtet darüber. In Foren wird darüber gestritten.

Der Betreiber der Website versteht die Aufregung nicht, von nationalsozialistischen Inhalten distanziert er sich. Hätte aber, so einige schlaue Mitarbeiter der Stadtverwaltung, diese Zeitungen kommentieren müssen.

Ich lese regelmäßig in diesem Portal und war nicht empört, u. a. Zeitungen, Adressbücher aus den Zeiten des Nationalsozialismus zu finden, auch habe ich keinen Kommentar vermisst. Ich fand es interessant.

Die Mehrheit der Bürger geht es wohl auch so. Man fand es einfach interessant.

Zwischenzeitlich sind von dem Portal die Seiten entfernt worden.

Aber mir stellt sich wieder die Frage, brauchen wir Journalisten, die uns die Meinung gleich präsentieren oder sind wir in der Lage, dies selbst zu tun?

Für mich kann ich die Frage klar beantworten: Mich nervt der meinungsbezogene Journalismus, ich vermisse oft Sachlichkeit. Ich möchte nicht gleich meine Meinung präsentiert bekommen.

Die Ausgangspunkte betreffend. Das Betreuungsgeld für Eltern ist sicherlich eine wunderbare Sache. Aber ich bin trotz allem der Meinung, man hätte dieses Geld in die Einrichtungen stecken sollen. Viele Kindergärten, Schulen sind stark sanierungsbedürftig. Wenn ich an meine eigene Schule denke, die ich immer mal zu Terminen der Blutspende besuche, stelle ich fest, viel hat sich dort nicht verändert. Die Möbel sind wohl teilweise schon 30 Jahre alt.

Und Fachkräfte? Ich weiß es nicht, ob Deutschland Fachkräfte braucht und woher sie kommen sollen. Ich weiß aber, dass wir einige Millionen Arbeitslose haben, die entsprechend umgeschult werden könnten. Das hätte man alles schon vor Jahren, Jahrzehnten tun können. Weiterbildungen, die dem Anforderungsprofil der Stellenbeschreibungen, den Anforderungen der Wirtschaft, der Verwaltung entsprechen. Nicht Weiterbildungen, die mal so ein bisschen an allem kratzen oder nur auf dem Papier gut da stehen. Es wurden Milliarden ausgegeben, um Elektriker zum Bauarbeiter, um Bauarbeiter zum Elektriker umzuschulen. Es wurden Milliarden ausgegeben, um Bürokaufleute, Rechtsanwaltgehilfen etc. auszubilden, die niemand wirklich braucht.

Lehrer werden auch gebraucht. Es war mal mein Berufswunsch. Ich wollte Lehrerin (übrigens für Russisch, Geschichte, Deutsch) werden. Experten sind der Meinung, die Sache wird mal so akut, dass man sich die Lehrer in 10 Jahren wahrscheinlich von der Straße holt (Neulehrer wie nach 1945). Vielleicht habe ich dann ja die Chance wieder oder auch nicht, dann bin ich zu alt.

Warum meine Berufswahl (noch in der DDR) anders ausfiel, ist eine andere Geschichte. Warum ich nie auf die Idee kam, Journalist in der DDR zu werden, ist ganz einfach: Parolen wieder zu geben, wäre nie mein Ding gewesen.

08.04.2012 um 01:19 Uhr

Paranoia

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Es gibt so Lebensweisheiten, die gelten immer. Man soll nie, nie sagen. Kaum hat man es ausgesprochen, schon ändert es sich.

Heute war mein Vater kurz hier. Er brachte mir u. a. ein paar Zigarren, die schon 30 Jahre alt sind. Von der Goldenen Hochzeit meiner Großeltern. Er kam nicht mehr dazu, sie zu rauchen. Es galt ja immer, was gut ist, wird für besondere Anlässe aufgehoben. In den letzten Jahren hat er nicht mehr geraucht. Gehe jetzt nicht näher darauf ein.

Jedenfalls meinte der Papa, vllt. hast ja jemanden, der Zigarren raucht. Zigarren sollen ja alt sein, je älter, je besser. Paulchen raucht mal ab und an eine Zigarre. Sein Vater, ja mit dem hab ich ja keinen Kontakt mehr.

Warum hab ich das nur ausgesprochen?

Mittags hab ich mich noch mal hingelegt. Irgendwann werde ich durch ein Klingeln geweckt. Man schreckt sofort hoch, wer könnte das sein. Die Zeiten, dass jemand ohne sich anzumelden, vor der Tür steht, sind ja im Grunde vorbei. Das gab es früher mal. Ich praktiziere das von Zeit zu Zeit bei Leuten, bei denen ich weiß, sie freuen sich dann auch.

So wer ist das nun? Ich hatte, das ist im Bett wohl so üblich, nicht viel an. Also erst an die Gegensprechanlage, meldete sich aber niemand. Keiner sagte was. Ich weiß, das Gerät ist ziemlich leise, wissen aber die Meisten. Das klingeln war auch untypisch. Es klingelte noch zwei Mal, aber es meldete sich auf das „Hallo“ immer noch niemand.

Was soll es, wer was will, meldet sich irgendwann wieder. Ich bin davon ausgegangen, war bestimmt das Miststück. Wir haben zwar eine Weile nichts voneinander gehört, aber man kann bei ihm nie wissen. In meiner Nostalgielaune hab ich sogar bedauert, nicht einfach geöffnet zu haben.

Also ging ich an den PC, schrieb auch 2 – 3 Osternachrichten. Da klingelte das Telefon, der Gedanke war, vllt. jemand, dem Du grade geschrieben hast.

Aber die Nr., eine Handy-Nr. mit einer Vorwahl, die kannte ich, da war es schon mal der Ex. Da wird man sofort paranoid. Nein, mit ihm wollte ich nicht sprechen. Ich habe das  Ganze natürlich kontrolliert, werden doch sämtliche Anruflisten auf dem PC automatisch vom Router gespeichert. Irgendwann hatte er doch mal angerufen, die Nummer muss noch irgendwo sein. Nein, diese war es nicht. Was nichts heißen mag, man ändert seine Telefonnummern öfter. Es gibt Sachen, die lassen einen nicht in Ruhe. Im Grund ist es doch egal, wer es war. In diesem speziellen Fall ist es das aber nicht, zu Paulchen habe ich neulich noch gesagt, nö, er hat sich auch bei mir nicht gemeldet. Dabei muss er doch vom Gericht Post bekommen haben, denn die Rentenklärung wird nun nach Jahren vorgenommen. Das wurde bei der Scheidung wegen Gesetzesänderung nicht getan. Also habe ich die Nummer unterdrückt angerufen, und ich glaube, er war es wirklich. Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch geklingelt hatte. Vllt. will er mal wieder was wissen wegen Paulchen oder ist nur erschüttert, weil er nun Rentenpunkte abgeben soll. Das kann doch alles nicht in Ordnung sein. Und wieso habe ich eigentlich wieder meinen Mädchennamen angenommen?

Zwischenzeitlich habe ich mich wieder beruhigt. Es fallen einem  Horrorszenarien ein, die man irgendwo schon mal gehört oder gelesen hat. Und bin immer noch der Meinung, egal, was ihn bewogen hat, wenn er es denn war, er soll mich nach 10 Jahren Trennung einfach in Ruhe lassen!

Ja, die Nostalgiestimmung, ergreift mich in letzter Zeit öfter. Ich weiß, es geht einigen so. Heute habe ich im MDR sogar die „Frank Schöbel-Show“ gesehen. Nostalgie pur, die Lieder habe ich als Kind immer vor dem Eltern-Großeltern-Verwandten-Publikum gesungen. Mit dem Hopsestrick als Mikrofon. Ja, ich konnte singen, gut sogar. Wie der kleine Heintje. Nur mit der richtigen Amtung hat es damals schon nicht geklappt. Hätte man üben sollen, sagte auch die Musiklehrerin. Allerdings habe ich das nie getan. Warum weiß ich heute nicht mehr. Später war das auch nicht mehr so wichtig. Über das hätte-man- vllt.-Tun sollen, kann man heute nur noch spekulieren. Die Stimme ist auch nicht mehr so hoch, Stimmwechsel, Rauchen. Egal.

Nostalgie? Woran liegt es, dass so viele nostalgisch werden? Am Alter? Ich bin nur beruhigt, dass wohl einige die Phase durchmachen.

Neulich war ich bei meinen holländischen Freunden/Bekannten. Wir haben uns lange nicht gesehen. Es war Winter, ich hatte wenig Lust, irgendwohin zu gehen. Mancher kann das nicht verstehen, aber es gibt Situationen, da muss man alleine sein, da kann man sich nicht unter Menschen begeben. Viele verstehen das nicht, Kontakte muss man pflegen usw. Das ist alles richtig. Erklären kann man das nur schwer, es ist einfach so. Es gibt Zeiten, da möchte man das nicht.

Jedenfalls hat sich bei den Holländern nicht viel verändert. Ich bewundere sie immer noch. Ein Grundstück, ich weiß nicht, wie viele Fußballfelder, aber es sind bestimmt 2 oder 3. Es lässt sich schlecht schätzen. Gebäude, die seit Jahrzehnten nicht bewohnt sind. Seit der Wende. Mit 1 Mio. Euro und vielen, vielen Bauarbeitern könnte man da  irgendwann was erreichen. Aber zu zweit mit ein paar Euro? Immer so nach und nach. Ich weiß es nicht. Sie sind von früh bis spät auf den Beinen und arbeiten und arbeiten. Leben immer noch sehr, sehr spartanisch.

Ich war nicht angemeldet, als ich bei ihnen aufkreuzte. Hatte meinen Vater besucht und auf dem Rückweg diesen kleinen Umweg gemacht. Sie haben mich schon von weitem gesehen. Freuten sich auch, aber bei ihr hatte ich sofort den Eindruck, ob da nicht vllt. doch was mit ihm sein könnte. Er hat mich sofort umarmt und geküsst  (ohne), hat sich dann auch gleich verzogen, so dass ich mit ihr alleine war. Wir haben uns gut unterhalten, sie braucht ab und zu mal jemanden, dem sie ihr Herzeleid ausschütten kann. Um die Liebe geht es nicht, sie liebt ihn. Aber die ganze Arbeit, das fehlende Geld und dann etwas, was ich nur zu gut kenne:

Wir werden älter. Es hupen keine LKW-Fahrer mehr, wenn wir über die Straße gehen, es pfeifen keine Bauarbeiter, wenn Frau an einer Baustelle vorüber geht. Die Zeiten sind vorbei. Sie sieht immer noch klasse aus, keine Frage, ist schlank. Letzteres kann ich von mir ja schon lange nicht mehr behaupten. Es fehlt. Man fragt sich, ich kann das nur bestätigen, war es das? Wenn man im Leben, beruflich, finanziell etabliert ist, hat man das Gefühl vllt. nicht so sehr. Aber das ist bei uns nicht so.

Wir werden nur älter. Und was kommt dann noch? Was soll noch kommen? Die große Liebe? Das wird bei mir wohl nur schwer möglich sein. Der gute Job mit dem großen Verdienst? Die Wahrscheinlichkeit ist genauso gering. Also was bleibt?

Die große Liebe. Ich weiß es, ich wusste es immer. Egal, ob es funktioniert oder nicht. Ich liebe das Miststück. Es wurde mir vor ein paar Tagen nur zu deutlich. Als ich Bilder betrachtete, fielen mir Fotos von Eddy und mir in die Hand. In Eddy war ich 1996/97 sehr verliebt. Er war mein Kollege, ich war seine Vorgesetzte. Es war schwierig, vllt. deshalb, vllt. aus anderen Gründen. Ich war verheiratet, gut, das hat meinen Mann nicht wirklich gestört – bei ihm. Es war nie etwas zwischen uns, obwohl er in mich auch sehr verliebt war.

Mir sind die Bilder in die Hände gefallen. Ich dachte nur, ach Eddy, da warst verliebt, ihr saht auch gut zusammen aus. So Arm in Arm in einer Feierrunde, ich sah etwas spröde aus, öffentliche Bekundungen liegen mir gar nicht!

Als ich Bilder vom Miststück sah, wusste gar nicht, dass ich diese besaß, ging sofort ein Stich durchs Herz.

Das ist der kleine Unterschied.

Ich gehe dem Miststück aus dem Weg, reagiere nicht auf seine Anrufe, wenn ich weiß, er ist es. Ich öffne die Tür nicht. Fast jedenfalls. Ein bis zwei Mal hab ich das schon getan, Nostalgie oder was auch immer. Keine Ahnung. Manchmal geht es dann auch ganz gut, eine Zeit jedenfalls, Oft merke ich aber gleich, es geht gar nicht. Ich kann es nicht ertragen, ich kann ihn nicht lange ertragen. Es ist einfach zu schwierig, zu kompliziert. Das versteht er natürlich erst recht nicht. Was soll ich ihm sagen? Er würde es auch nicht verstehen, würde ich versuchen, es ihm zu erklären.

Das ist auch der Grund, warum ich viel mit mir allein bin. Natürlich ist das nicht gut. Wem kann ich aber erklären, warum es so schwierig ist, warum ich mit ihm einfach nicht kann. Liebe reicht manchmal nicht aus?

Nessi hat sich ganz von ihm zurückgezogen. Von mir mehr oder weniger auch. Sie versteht es schon, sie kennt ihn ja, sie weiß, wie schwer er es einem machen kann.

Es ist nichts etabliert, rein gar nichts. Und das in meinem Alter?

Die Frage, die man sich immer stellt: Was kann man wann und wo ändern?

Darauf habe ich eben keine Antwort.

Es gibt vllt. auch keine.

Der letzte Flirt, immerhin, war am Mittwoch, als ich Paulchen besuchte. Schon auf dem Bahnsteig wurde ich angesprochen. – Habe gelesen, dass heute gesellschaftlich wieder der männliche Typ und der frauliche Typ gefragt sind, ganz schlank ist out. Sogar die Dicken werden „nachgefragt“ - von den Afrikanern. Immerhin – Von einem Afrikaner wurde ich dann auch angesprochen. Er sprach gut deutsch. Wir haben ein bissel gequatscht, warum auch nicht. Im Zug habe ich allerdings gelesen, er telefonierte. Dann kam doch die Nachfrage, ob wir uns nicht mal treffen, er möchte mich wenigstens noch einmal sehen, Telefon-Nummern austauschen. Und ich? Habe abgelehnt. War es latenter Rassismus? Was willst in unserer Stadt erklären, wenn Du mit einem Afrikaner durch die Gegend rennst? Willst, obwohl es ja wirklich toll und erfahrungswert sein soll, mit ihm in die Kiste? Worüber wollt ihr euch unterhalten? Egal, was der Grund war, ich wollte es nicht. Natürlich wurden wir beobachtet, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Als er ausstieg, eine Station vor mir, wurde ich angesprochen: „Endlich sind Sie ihn los.“

So beißt sich die Katze immer noch in den Schwanz. Nichts Neues im Osten. Eigentlich. Uneigentlich auch.

07.04.2012 um 16:27 Uhr

Frohe Ostern!

 
 

Allen ein frohes Osterfest!

Und da es eher nach Weihanchten aussieht: