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12.03.2008 um 01:05 Uhr

Du sollst dich schonen

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Du mußt Dich noch schonen. Den Satz kann ich momentan singen, höre ihn laufend. Nichtsdestotrotz beherzige ich ihn, dient ja fast als passende Ausrede für das Nichtstun.

Wie man daraus hört, ich habe die Op gut überstanden. Am schwersten fiel mir wohl früh das Nichtrauchen, aber es ging. Fällt früh viel Zeit weg, wenn man nur duschen und anziehen muss. Kein Kaffee, keine Zigarette, nicht schminken. Sollte man wohl zur Gewohnheit machen.

Ging auch alles ratzfatz. Es war noch eine Patientin zugegen, die, wie es sich herausstellte, Angestellte der Sparkasse ist. Kurz nach der Op waren wir beide hellwach und unterhielten uns über Gott und die Welt. Nessi holte mich ab, das war für die Mitarbeiter und Angestellten wohl die Sensation: Eine Frau holt eine Frau ab. Ich weiß gar nicht, was daran so sensationell ist. Selbst wenn wir dieses lesbische Pärchen wären, wo leben wir eigentlich? Gaben dann auch Nessi genaue Instruktionen – wie einem Ehemann, wie sie auf mich aufpassen soll. Hat sie dann mehr oder weniger getan, schließlich tut sie das immer oder ;-) Gegen Abend ist sie dann abgehauen und hat mich auf meiner Couch belassen.

Montag war dann die Nachsorgeuntersuchung. Auch da fiel dieser, o. g. Satz. Bei meinem Arbeitgeber im Übrigen auch.

Das Wetter war heute phantastisch. So benutzte ich obiges dann nicht als Ausrede, an der Demo für Demokratie, gegen Rechts nicht teilzunehmen. Man soll für seine Gesinnung einstehen. Selbst mein Herr Sohn meinte, ich würde da hin gehören.

Von Natur aus faul und langsam, bin ich dann allerdings erst los, als diese Demo schon in vollem Gange war. Traf dann kurz vor der Haustür noch einen Bekannten, der beim Katastrophenschutz tätig ist, der mir erklärte, es sähe übel aus. Aber so langsam wären sie alle auf dem Markt, ich solle aufpassen.

Als ich auf dem Markt eintraf, war ich echt erstaunt. Es haben sich doch ein paar Bürger aufgemacht und an dieser Demo teilgenommen. Zwar muß man gerechter Weise sagen, es waren darunter viel kommunale Polit – Prominenz und natürlich die Medien. Hintergrund des Ganzen ist die Tatsache, dass sich seit Oktober letzten Jahres hier eine Bundesgeschäftsstelle der jungen NPD befindet. Am Montag wurde diese Geschäftsstelle von der Polizei auf Grund Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole und Verbreitung verfassungsfeindlicher Schriften schon durchsucht. Vorsitzender ist ein Sachsen-Anhalter, 50 – 60 Mitglieder soll diese „Vereinigung“ haben.

Einige Reden wurden gehalten, u. a. natürlich vom Landrat. Anschließend sollte eine Menschenkette gebildet werden, die ein Fass mit Saalewasser füllt. Symbolisch: Das Fass ist voll.

Das Fass wurde gefüllt. Ich stand auch in der Kette, bewegte aber nur die leeren Eimer. Credo: Ich soll mich ja ausruhen!

Ca. 600 Leute waren zugegen, wobei die meisten „normale“ Bürger waren, weder den Ultralinken noch den Rechten zuzuordnen sind. Beide anderen Gruppierungen waren auch vertreten, so richtig kam aber bis zum Ende der Demonstration die rechte Propagandamaschinerie nicht zum Tragen, die einzelnen Reden verhallten mehr oder weniger ungehört. Lag auch an der Polizeipräsenz.

600 Leute sind natürlich nicht wirklich viel, wenn man bedenkt, dass die Stadt mehr als 30.000 Einwohner hat. Vom Landkreis gar nicht zu reden. Erstaunt war ich persönlich trotzdem, ich hatte angenommen, ich wäre dort fast allein mit den Organisatoren. Ein paar Leute scheinen sich dann doch Gedanken zu machen. Oder es lag nur an dem Gedanken, hier ist mal was los und vielleicht passiert ja was. Mancher blieb sicher auch aus Angst zu Hause. Es hätte eskalieren können. Vermißt habe ich aber einige der Bekannten. Andere hätten wohl eher zum anderen Lager gepaßt. Ein Zeichen wurde gesetzt, aber es war nur ein Zeichen. Ändern an den Gesinnungen der Menschen wird sich erst was, wenn sich die Politik ändert. Und daran glaube ich und sicherlich viele mit mir momentan gar nicht – Soziale Gerechtigkeit ist das Schlagwort!

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