Plateforme

27.08.2012 um 00:14 Uhr

Keine Langeweile

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Die letzten Wochen waren wirklich nicht langweilig. Ich werde mir große Mühe geben, dass es jetzt nicht wieder sieben Seiten werden. Versprechen werde ich es nicht.

Ich hatte mir ja vorgenommen, mal einen Arzt aufzusuchen. Dieses Vorhaben gab es ja schon länger, wurde aber immer wieder aufgeschoben. Was man nicht weiß, macht einen bekanntlich nicht heiß. Ich habe dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt, bekam eine Reihe von Überweisungen und hatte von Stund an, genug zu tun. Ich suchte einen Physiotherapeuten auf, bekam Massagen, leider nicht genug, um wirklich was zu bewirken. Meine Schilddrüse wurde untersucht. Andere Untersuchungen, so was dauert ja, stehen noch aus. Das Ergebnis ist bisher also dürftig. Eine Anämie wurde diagnostiziert, womit sich auch eine Reihe der Symptome erklären lassen, aber woher diese kommt, ist noch unklar.

Es hat irgendwie den Anschein, es ist so ein Ärzte-Beschäftigungs-Programm. Mein Vater beobachtet das auch, und als ich im Wartezimmer der Internistin saß, hörte ich, dass eine andere Patientin identische Überweisungen erhielt. Der Gedanke ist also nicht so abwegig.

Obwohl ich mich nun entschlossen hatte, zum Arzt zu gehen, nichtswissend, was auf mich zukommen würde, gehe ich ja arbeiten. Wenn man denn das so nennen kann. Ehrlich gesagt, bin ich eine doofe Kuh. Warum reiße ich mich immer wieder danach, etwas zu machen? Gibt es dafür einen vernünftigen Grund? Geld? Gut, das könnte einer sein, das Geld kann man wirklich gebrauchen, aber max. 120 Euro im Monat rechtfertigen das als Grund dann auch nicht. Man könnte doch seine Tage besser gestalten, als arbeiten zu gehen. Ich könnte gemütlich auf meiner Couch liegen, Dallas gucken, das auf einem Programm immer um die Mittagszeit läuft, schlafen, meine Termine für die Ärzte sortieren, sondieren und wahr nehmen, spazieren gehen, wenn mir danach ist, das reicht doch eigentlich, was um Himmels Willen bringt mich immer wieder auf diese Schnapsidee, arbeiten zu gehen?

Aber nein, ich kam auf die Idee, versuch es mal wieder mit ein paar Stunden Arbeit. Schließlich ist es die Trägheit, die die Ärzte ja mit der Anämie begründen, die mir missfällt. Vielleicht hilft einem ja die Tätigkeit auf andere Gedanken zu kommen. Auch wenn es einem ja so schwer fällt, weil man sich nun einmal immer kaputt fühlt, ausgelaugt, man nicht mehr lange laufen und stehen kann (und was bin ich immer gelaufen). Man hat Schweißausbrüche, auch wenn es gar nicht so heiß ist, dass es peinlich ist, irgendwohin zu gehen. All diese Dinge könnten ja daran liegen, dass man sich wirklich zu wenig bewegt. Dem ist doch so. Also versucht man es mit Arbeit. Der Gedanke war sicher gar nicht so schlecht, aber dann doch irgendwie falsch.

Besser geht es mir nämlich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass mir auch eine Aufgabe fehlt, dass eine Aufgabe einiges ändern würde. So bekommt man von seiner Fallmanagerin, die hat auf nichts anderes gewartet, natürlich sofort eine Zuweisung für einen Ein-Euro-Job. Wir dürfen nicht vergessen, viele wollen das aus nahe liegenden Gründen wirklich nicht. Ich habe es wirklich begrüßt und gedacht, vielleicht hilft es ja. Habe zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass auch jede Menge Termine beim Arzt auf mich zukommen werden, aber irgendwie würde ich das schon in den Griff bekommen.

Es hatte ja auch alles noch Zeit, die Zuweisung hatte ich in der Tasche, aber da es sich um eine Stelle in einer Jugendeinrichtung handelt, fehlte ja noch das Führungszeugnis. Das dauerte auch einige Tage. Eine ganze Reihe von Terminen war also schon abgearbeitet. Es hörte sich auch gar nicht schlecht an, ich würde mal wieder bei diesem Träger arbeiten, bei dem ich schon vor einigen Jahren arbeitete, in einem Kinderheim zur Betreuung der Kinder. Mir hat das damals durchaus Spaß gemacht, obwohl, wer hier schon länger liest, ich durchaus an meine Grenzen gekommen bin.

Ich lass das also ganz in Ruhe auf mich zukommen, habe ja genug zu tun. Und wie immer das mit den Plänen so ist, es kommt auch etwas dazwischen.

Das Miststück natürlich. Ich hatte ja wenig Kontakt zu ihm, immer mal telefonisch, mal ganz kurz persönlich, aber so richtig halt nicht. Man hat immer mal so Stunden, da vermisst man etwas und dann ruft man halt an, und er kommt auch, man unterhält sich und irgendwie ist alles ganz in Ordnung. Beim Erzählen kommt dann raus, dass seine Mutter beim Arzt war, sie war ja gestürzt und hatte Beschwerden, und nun wahrscheinlich in eine Klinik nach MD muss. Natürlich sucht Frau über Internet die Telefonnummer der Klinik raus, es wird Kontakt aufgenommen und schwups ist Mutter im Krankenhaus. Manchmal geht es auch schnell. Sie wird - mit 82 - an der Wirbelsäule operiert. Das Miststück nistet sich sozusagen solange ein. Natürlich sagt man zu Anfang, aber nicht, dass Du denkst, Du kannst solange hier bleiben. Aber irgendwie kommt es doch dazu. Es ist auch ambivalent, hat gute und schlechte Seiten. Frau wird bekocht, er geht einkaufen. Das hat auch was Gutes, wenn man nach Hause kommt, gibt es was zu essen. Frauen sind damit aber nicht zufrieden, sie wollen mehr. Mehr gibt es aber nicht. Es ist wie das Zusammenleben alternder Ehe-Paare oder Geschwister, man versteht sich, emotional, sexuell läuft aber rein gar nichts.

Zwischenzeitlich ist die Mutter wieder aus dem Krankenhaus, er ist also wieder zu Hause, denn er muss sie natürlich versorgen, bekochen, einkaufen, ins Bett bringen usw. Ab und an erscheint er hier - auf einen Kaffee. Mir reicht das nicht. So ist es halt. Da die Mutter demnächst in eine Reha-Einrichtung gehen soll/darf, könnte es sein, dass er das Spiel wiederholen möchte. Ich möchte es nicht?!

Während dieser Zeit kam dann die Post vom Jobcenter, dass ich die Beschäftigung antreten kann. Von heute auf morgen, ich hatte wohl den ersten Tag keine weiteren Termine, ich freute mich also. Die Gruppe, für die ich gedacht war, war eine Woche nicht da, die Kinder fuhren zu ihren Eltern. Also verbrachte ich die Zeit im Büro. Man kennt mich ja dort, schließlich hatte ich von Januar bis März ein kaufmännisches Praktikum absolviert.

Man kann es nur mit einem Wort beschreiben. Es war herrlich. Ich saß dort an dem Schreibtisch, an dem die Kollegin sitzt, die im Praktikum meine Mit-Praktikantin betreute. Ich mochte sie sehr, also die Kollegin, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Nun sie war aber in Urlaub, ich hatte für eine Dame aus dem Büro Listen zu vervollständigen. Listen, die meine Mit-Praktikantin erstellt hatte. Es ging um Schüler der 7. Klassen der Sekundarschulen, die sich zur Berufsorientierung informieren sollten. Das war eine stupide Arbeit, aber ich hatte zu tun.

Wie das so in einem Büro ist, andere Kollegen kommen ins Büro, man unterhält sich. Da kann es durchaus passieren, dass ein Kollege ins Zimmer kommt, seinen zwei Kollegen die Hand gibt, und dieser anderen Dame, die dort nicht hingehört, einfach ignoriert. Schließlich ist diese Dame nur im Rahmen eines Ein-Euro-Jobes dort. Sie merkt das gar nicht, oder? Wie dem auch sei, ich habe es zwar bemerkt, aber nicht kommentiert. Mir wirft sich die Frage auf, wie diese Leute, Kinder erziehen/ausbilden sollen?

Ein andere Kollege kommt ins Büro und stellt die Frage, wie es denn nun sein, er hat dort einen Betrieb, der sich an diesem Programm beteiligen will und ausbilden will. (Diese Betrieb, der sich in mehrere Gesellschaften aufgliedert, u. a. auch eine Stiftung ist, betreut nicht nur Kinder und Jugendliche in therapeutischen Wohngruppen, sondern ist auch aktiv in der Freizeitgestaltung (Jugendklub), betreut Migranten, unterhält Tagesgruppen für Kinder und Jugendliche, beteiligt sich gemeinsam mit Schulen an der Berufsorientierung, bildet in bestimmten Berufen gemeinsam mit dem Jobcenter und Betrieben Jugendliche aus etc.) Und nun die Frage des Kollegen, der Betrieb, ein Malerbetrieb, wo der Inhaber nicht über eine Meisterausbildung verfügt, kann er denn ausbilden? Die Frage ist natürlich berechtigt, die Frage, die sich mir stellt, wie kann man, wenn man das nicht weiß, jahrelang dort arbeiten, ausbilden etc. Die Kollegin hat die Frage beantwortet, ich hätte es auch können.

Man muss sich schon sehr zurückhalten, wenn man dort im Büro sitzt. Glücklicherweise kann ich das. Vielleicht sollte man es nicht, aber wem bringt es was, wenn man es nicht kann. Die Gedanken sind schließlich frei. Und ich frage mich dann, warum eigentlich sitzt du hier und hast keine feste Anstellung?

In der letzten Woche habe ich dann auch die Gruppe kennen gelernt. Die Kinder sind wie sie sind. Man merkt schon, dass sie Probleme haben, sie sind nicht umsonst in einer solchen Einrichtung. Es ist allerdings bisher wesentlich ruhiger als ich es aus der Kindergruppe damals gewöhnt bin. Derartiges Gefahrenpotential um Leib und Leben gab es bisher nicht. Im Grunde benötigt man mich dort nicht, die Jugendlichen sind relativ selbstständig. In den Ferien ist eh nicht viel los. Ob es im Schulalltag anders wird, wird sich zeigen. Die Erzieher sind im Großen und Ganzen in Ordnung. Es sind halt Erzieher, die haben, das behaupte ich ja gern und erhalte da oft Kritik, ihr eigenes Verständnis für Realitäten. Fakt ist, dass mich der Teamkoordinator mehr oder weniger darauf hingewiesen hat, dass man jemanden sucht, der den Haushalt schmeißt. Sein Kollege wies mich vor einiger Zeit im Gegensatz dazu hin, dass ich nicht die Putzfrau der Jugend bin. Auch die Verantwortliche der Einrichtung wies genau darauf hin.

Wie sich das entwickelt, wird sich zeigen. Ich habe meinen Standpunkt klar gemacht, dass ich keine Putzfrau bin. Natürlich gehört Putzen dazu, es ist eine ganz normale Wohngruppe, wie Familienleben, da wird halt öfter mal geputzt. Aber es sollte nicht meine alleinige Aufgabe sein. Dazu bin ich auch nicht bereit, ob das nun Gefallen findet oder nicht. Dem ist so!

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJOblogt schreibt am 28.08.2012 um 05:12 Uhr:oooh wieder so ein langer text...aber ich hab durchgehalten!
    Was das Miststück betrifft, da solltest du deine Wünsche ihm gegenüber klar definieren. So wie du schreibst bist du dir aber selbst nicht im Klaren.
    Im Klaren dagegen biste im Job. Gut das du Grenzen aufzeigst.
  2. zitierenPaulinchen schreibt am 30.08.2012 um 22:33 Uhr:Meinen Glückwunsch, Du bist wohl schmerzunempfindlich ,)
    Ich zeige fast immer auf, was ich meine oder nicht. Und sei es nur durch kleine Bemerkungen.
  3. zitierensternenschein schreibt am 13.10.2012 um 03:56 Uhr:Gut, dass dieses mal dort in der Einrichtung es etwas friedlicher zugeht, was die Jugendlichen betrifft.
    Die Anerkennung der Ein Euro Jobber hat sich aber dort scheinbar nicht geändert.
    So ungefähr, "die zählen nicht, jedenfalls nicht voll". Und dabei hattest du dir in der zeit damals und auch beim Praktikum doch schon erhebliche Kenntnisse und einblicke in die Arbeit dort erworben.
    Es ist immer nichts halbes und nichts ganzes, diese Jobs. Und die Frage, weshalb du keinen wirklichen bekommst ist berechtigt, die ndere Seite des ätisches würde dir mit Fug und Recht zustehen, aber wie man sehen kann, sitzen dort oftmals die Verkehrten die sich vielleicht Mühe geben, aber doch vieles nicht wirklich sehen können oder wissen.
    Diese Arbeitslosenindustrie ist schon eine Riesenkrake, in der die Menschen oftmals nur hin und her geschoben werden und meistens die Falschen das meiste Geld daran verdienen und die Gewinne mitnehmen.
    Ferien sind inzwischen wohl vorbei und der normale Alltag hat dort Einzug gehalten.
    Lasse es dir gut gehen.
    Liebe Grüsse
  4. zitierensternenschein schreibt am 13.10.2012 um 04:00 Uhr:Noch kurz nebenbei bemerkt.
    Oben über deinen eintrag steht in der Werbung:
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    Na, wenn das nichts ist?

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