Plateforme

27.04.2013 um 00:44 Uhr

Koloskopie usw.

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Es regnet mal wieder. Macht aber nichts weiter, ist ein guter Grund, um morgen im Bett zu bleiben, oder so.

Viel passiert ist in den letzten Tagen. Und wenn ich meinen Vater zitieren darf, es gibt immer was Neues, nur nichts Gescheites.

Klingt sehr deprimierend, allerdings fällt mir wenig ein, was ich dagegen halten könnte. Ich jammere zwar selten (außer hier), das liegt mir nicht. Es bringt auch nichts. Meine Ärztin sagte zwar, sie müssen schon mal raus mit der Sprache, es nützt nichts, wenn sie immer alles in sich hineinfressen und behaupten, alles okay. Ein bissel mehr Information braucht sie schon. Anderseits kann man sich die Frage stellen, was nützt es, wenn sie die Informationen hat? 

Ich bin also immer noch krank. Es war auch nicht unbedingt meine Absicht, dies so schnell zu ändern. Ob es sich in der nächsten Woche ändert, werden wir sehen.

Das Thema ist aber nicht unbedingt Gesundheit, was mich antreibt. Auch wenn es, und das finde ich ganz schlimm, ein allgegenwärtiges Thema ist. Das Schlimme daran ist, dass ich mit damit natürlich nicht auseinandersetzen will. Aus mehreren Gründen. 

Ich bin recht intuitiv. Wenn man sich in irgendwelchen Talkshows die Frage stellt, ob ein Zwilling merkt, dass es dem anderen nicht gut geht, ob das wissenschaftlich begründet ist, ja möglich ist, dann  kann ich eindeutig sagen, es ist möglich. Ich bin zwar kein Zwilling, habe aber schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass man es merkt, wenn irgendwas nicht stimmt.

Die Bayern, die das Miststück besuchten, sind seit einiger Zeit wieder in Bayern. Sie waren ca. eine Woche hier. Das heißt eine Woche Besäufnis. Ich war in dieser Zeit nicht beim Miststück, was sollte ich auch drei Leuten beim Saufen zugucken? Ich habe nichts gegen Alkohol, ab und zu gerne mal. Meine speziellen Getränke. Nachdem die Bayern weg waren, war das Geld vom Miststück alle. Der Monat hatte noch 14 Tage. Er hatte eine gute Erklärung dafür, er hätte Geld irgendwo versteckt, findet es aber nicht wieder. Vielleicht haben es ja die Bayern gefunden und mitgenommen. Ich glaube allerdings, es ist einfach alle. Jedenfalls fehlt nun Geld, Geld für Schnaps, Tabak, Telefonkarten, Lebensmittel. Vorräte sind auch keine mehr vorhanden. Seine Lösung war, ich rufe meinen Bruder an. Der war natürlich wenig begeistert, hat ihm klipp und klar erklärt, von mir keinen Cent. Kann man verstehen, anderseits kann man sich fragen, was macht man denn nun. Lässt man seinen Bruder verhungern? So hatte ich Anfang der vorletzten Woche schon ein paar Sachen eingekauft und das Miststück hat sie sich dann geholt. Aber wie nun weiter? Das reicht nicht ewig. Schnaps war ohnehin nicht dabei. Ich bin auch nicht in der Lage, ihn durchzufüttern. Will es auch nicht mehr, ich kenne die Situation schon. Seine Nachbarin hat auch etwas ausgeholfen.

Also was macht das Miststück nun? Er hat erst mal aufgehört zu trinken, mehr oder weniger. Zwangsweise. Das ist natürlich keine gute Idee, so ein kalter Entzug. Da kann allerhand passieren. Am Montag sah es dann noch ganz gut aus, er sah zwar schlecht aus, hatte eindeutige Entzugserscheinungen, aber alles in allem hatte es den Anschein, er steckt es ganz gut weg. 

Am Dienstag meldete er sich dann bei mir. Er bräuchte wieder Tabak. Ich könnte ihm doch mal eine große Dose Tabak mitbringen, schließlich könnte ich allerhand von ihm mitnehmen. Ich war wirklich sauer. Was bildet er sich ein? Erstens um das Mitnehmen ging es nie wirklich. Zweitens gibt es nicht mehr viel zum Mitnehmen, alles was einigermaßen Wert hatte, haben alle Anderen schon gratis abgeholt. Die sich überhaupt nicht drum kümmern, dass er jetzt kein Geld hat.

Soweit so gut. Ich habe es nicht getan, den folgenden Tag habe ich nichts von ihm gehört. Die Nacht miserabel geschlafen, das Gefühl, irgendwas ist passiert. 

So habe ich mich am Donnerstag auf den Weg gemacht.  Ich habe ein paar Lebensmittel und Tabak eingepackt und mich auf den Weg gemacht. Gegen Abend. Es öffnete niemand. Habe mehrfach geklingelt, niemand öffnete. Ja, was nun? Ich hörte Nachbarn von ihm, also habe ich bei seiner Nachbarin, die ich auch etwas kenne, geklingelt. Als mir geöffnet wurde, wurde mir gleich eröffnet, ER ist nicht da. Man hat ihn abgeholt.

Fakt ist, dass er „durchgedreht“ ist. Er ist durch das ganze Haus halb nackt gelaufen, hat überall geklingelt, erzählt, hat CDs, Zigarettenhülsen, Werkzeug etc. aus dem Fenster geworfen. Irgendjemand, aber nicht direkt aus dem Haus, hat dann den Notruf gewählt, und er wurde eingesammelt. 

Seine Nachbarin machte sich auch ein paar Sorgen. Dazu muss man sagen, dass sie auch Erfahrung mit Drogensucht hat (ihr Sohn), mit dem Miststück zur Schule gegangen ist und, was wahrscheinlich das wichtigste Argument, die beste regionale Bild-Ausgabe ist. Die Frau kennt jeden, weiß alles. Es ist erstaunlich. Es spielt also auch Neugier eine große Rolle. Fakt ist aber auch, dass sie ihm geholfen hat, ihm Essen, Tabak gebracht hat. Wir haben uns dann geeinigt, dass ich erst mal raus finde, wo er sich befindet und dann weiter sehen. Es müssten ja Klamotten in die Klinik gebracht werden, im Grunde kenne ich mich ja in der Wohnung aus. Habe dieses ja mehr als einmal gemacht.

Es stellte sich heraus, er ist in der psychiatrischen Klinik am Ort, auf der Aufnahmestation. Ich habe mit der Schwester telefoniert, Auskünfte durfte sie mir ja keine erteilen. Ich hätte mit ihm reden können, aber er schlief. Am nächsten Tag also, wenn er dann nicht nach Hause will. Mir war klar, er will. 

Am anderen Tag erreichte ich ihn dann. Er erzählte mir eine wüste Story: Es wäre irgendeine Sekte bei ihm in der Wohnung gewesen, die ihn umbringen wollte, eine seiner Exen war auch da. Die liegt auch irgendwo verletzt im Krankenhaus. Ich konnte ihm dann schon verdeutlichen, dass dies wohl alles nicht so war. Er wollte aber ungedingt nach Hause, schließlich wartet auch die Mutter. Dass die nicht mehr zu Hause ist, schon seit zwei Monaten, war ihm nicht klar. Er muss auch nach der Wohnung gucken usw. Er hat die Klinik also zu Fuß (3 bis 4 Kilometer werden es sein) verlassen, da ja nun klar war, Mutti kann das Taxi nicht bezahlen, ich wollte es nicht, war dann zwischenzeitlich auch selbst noch mal beim Arzt und vorübergehend nicht erreichbar.

Nachmittags habe ich ihn dann kurz aufgesucht, mit ihm und seiner Nachbarin Kaffee getrunken. Was wirklich genau passiert ist und wie, weiß er natürlich nicht. Die Nachbarin weiß es auch nur ungefähr, da sie selbst auf Arbeit war. Die Wohnung sah auch wüst aus, ist aber zwischenzeitlich wieder okay. 

Wie es weitergeht, wird er nicht sagen. Natürlich ist mal wieder die Rede davon, dass er aufhört zu trinken, es wenigstens steuern will, was ihm nicht gelingen wird. Ein kontrolliertes Trinken wird ihm nicht möglich sein.

Das Wochenende hat er bei mir verbracht. Er hat nicht getrunken, obwohl meine Wohnung nicht alkoholfrei ist. Was ich schon oft sagte, er ist sehr anstrengend. Es mag sein, dass ich das nur so empfinde, was aber an der Tatsache für mich wenig ändert. Ich bin dann wirklich froh, wenn er mal wieder weg ist, und ich sage das auch. Was für ihn ungewohnt und sicher nicht schön ist. 

Montag früh hat er dann die Wohnung verlassen. Ich musste zum Vorgespräch wegen der Darmspiegelung ins Krankenhaus. Ich hatte mir vorgenommen, dass ich, sollte ich etwas Zeit haben, seine Mutter besuche, die ja in der Nähe in einem Pflegeheim liegt.

Das war auch nicht weiter schwer. Im Heim angekommen, stellte ich fest, dass im Flur Tafeln mit den Zimmernummern der Bewohner hängen. Eine Schwester wies mir dann auch die Richtung, machte aber die Bemerkung, wenn das Zimmer dann offen ist. Ich stellte tatsächlich fest, dass Zimmer war verschlossen. Eine Mitarbeiterin öffnete mir dann das Zimmer, sagte mir, dass Zimmer müsse immer verschlossen sein, da ein Sohn der Frau sie nicht besuchen dürfe. Deswegen müssen sich alle im Schwesternzimmer den Schlüssel holen. Das schockte mich doch sehr. Ich machte zwar noch die flapsige Bemerkung, dass ich nicht der Sohn bin, sie öffnete mir auch. Lange hielt ich mich nicht auf. Die Mutter schlief. Sie liegt, näher nachgefragt habe ich bei den Schwestern nicht, wohl immer noch im Wachkoma, öffnet zwar zeitweise die Augen, erzählt sich auch mal ein paar Worte. Ich hatte sie Anfang des Jahres mal gesehen, sie ist sehr gealtert (83). Ich kam mir vor wie  ein Eindringling. Durfte ich überhaupt rein? Die Mitarbeiterin verschloss die Tür wieder. 

Mein erster Impuls war, jetzt rufst den Bruder vom Miststück an und fragst ihn, was das soll. Ich ließ es. Es geht mich nichts an. Ich erzählte es ihm, als wir abends telefonierten, allerdings nicht.

Zwischenzeitlich weiß er es aber. Ich hatte ihm, als er mich neulich besuchte, erzählt, dass ich dort war und ihm auch ein Foto seiner Mutter gezeigt. Er rief aus einem anderen Grund seinen Bruder an, deswegen war er ja hier, er benutzte dazu mein Telefon, dieser sagte ihm dann, dass er nicht ins Pflegeheim darf. 

Ich weiß, dass es dazu viele Meinungen geben wird. Als ich mit Peti telefonierte, weil ich für die Darmspiegelung ja eine Abholung brauchte, erklärte sie mir, es ist doch ganz einfach, er schütze seine Mutter. Schließlich würde das Miststück, wenn er die Möglichkeit hätte, noch das Taschengeld der Mutter nehmen und versaufen. Das mag so sein. Allerdings besteht dazu gar nicht die Möglichkeit, da die Mutter ja gar kein Geld hat, sie ist gar nicht ansprechbar, könne ihrem Lieblingssohn, was das Miststück ja ist, gar kein Geld zustecken. Es mag tatsächlich ein Problem sein, dass Angehörige die letzten Cent noch abgreifen. Das soll vorkommen. Das ist sicher nicht in Ordnung. Aber anderseits wird es oft der Wunsch der Eltern sein, ihren Kindern, wenn diese in Notlagen sind, zu helfen. Auch das muss man verstehen.

Überhaupt ist das Ganze ein Problem. Kaum jemand hat im Grund eine Ahnung davon, wie viel ein Pflegeheim kostet. Das Miststück hat mir schon mehrfach erklärt, meine Mutter hat doch eine Rente von 1.300 Euro. Das reicht doch aber nicht! Auch seine Nachbarin sagte neulich zu mir, dass der Bruder ja das ganze Geld hat und die Rente und überhaupt. Das stimmt alles. Allerdings werden Rente und Pflegegeld nicht für den Pflegeplatz reichen, zumal er ja noch die Miete für die Wohnung zahlt, Strom etc. Es ist zwar alles gekündigt, aber Kündigungsfristen müssen ja eingehalten werden. Er hat die Verwaltung über das Geld übernommen, weil er als Betreuer bestellt ist. Ob ihm klar ist, was das bedeutet, mag man auch bezweifeln. Die Macht gegenüber seinem Bruder hat er aber damit.

Für mich ist es erschreckend, wie sich Geschwister, Angehörige über das so genannte Vermögen streiten. Das habe ich noch nie verstanden. Ich werde auch nicht versehen, dass ihm sein Bruder, den Zutritt zu der Mutter verwehrt, dass er die Macht dazu hat, kann ich auch nicht nach vollziehen. Es scheint doch relativ einfach zu sein. Leute unter Generalverdacht zu stellen, ist ein gesellschaftliches Problem, das nicht nur hier zu beobachten ist. 

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Sicher hat das Miststück viel von seiner Mutter bekommen, sie hat es freiwillig gemacht. Sein Bruder hat genauso profitiert, der eine oder andere 50 Euro Schein ist auch dort gelandet. Mir geht es ähnlich. Mein Vater steckt mir auch das Eine oder Andere zu. Das sichert mir das Überleben. Ich weiß, es wird mir ähnlich gehen wie dem Miststück. Ich weiß aber auch, das Miststück wird mir kaum eine Hilfe in derartigen Situationen sein. Das hat sich schon mehrfach gezeigt. Ich habe aber die Hoffnung, den Glauben, dass es nicht so massiv sein wird, dass es irgendwen geben wird, der hilft. Wie auch immer.

Zu der Darmspiegelung war ich dann heute. Eine Abholung konnte ich für mich nicht organisieren. Ich habe es auch aufgegeben. Verheiratet zu sein, bedeutet ja, man hat jemanden, der einen in die Klinik fährt oder zurück. Es hat jemand sozusagen die moralische Verpflichtung dazu. Das scheint auch in noch so miesen Ehen zu funktionieren. Wenn man Single ist, ist das schwierig. Ich habe mir dann einen Betreuungsverein organisiert, der Krankenfahrten übernimmt. Ein Taxi hätte es auch getan, aber ging ich davon aus, ein Taxifahrer würde vllt. im Krankenhaus die nötige Unterschrift des „Angehörigen“ nicht leisten. Die Fahrt kostete 8 Euro. Die Abholung ist nötig, da die Koloskopie ja unter Narkose gemacht wird. Man ist danach nicht verkehrsfähig. (ob man generell nicht verkehrsfähig ist, müsste Mann/Frau probieren). 

Den histologischen Befund gibt es erst nächste Woche. Festgestellt wurde eine Entzündung. Medikamente wurden der Hausärztin genannt, die erst einmal einzunehmen sind. Nach dem histologischen Befund wird dann weiter gesehen.

Ich habe natürlich alles gegoogelt. Ist heute ja einfach. Möglich ist vieles. Für mich mal wieder die Erkenntnis, dass viel auf die psychische Verfassung zurückzuführen ist.

Paulchen war diese Woche auch kurz hier. Auch hier ist Fakt, es ist nicht alles so, wie es sein sollte. Das ständige Aufeinander-Hocken tut nicht gut. Das ist nicht neu. Die genauen Vorfälle sind mir nicht bekannt, die Liebe ist trotzdem noch groß. Es wird ein Mädchen! 

Das Miststück habe ich heute kurz gesehen. Gestern hatte ja mein ehemaliger Nachbar (der Schwule) Geburtstag. Dieser hat dem Miststück was abgekauft, so dass er jetzt ein paar Cent hatte. Und natürlich gab es heute einen Flachmann!

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJOblogt schreibt am 28.04.2013 um 13:50 Uhr:Menno, das alles belastet dich ja sehr. Und bei der Bewältigung deiner Probleme bist du auf dich alleine gestellt. Ist es nicht an Zeit das du auch einmal ganz egoistisch an dich selbst denkst? Wünsche dir viel Kraft!
  2. zitierenPaulinchen schreibt am 28.04.2013 um 23:13 Uhr:Danke. Ja, es ist nicht einfach. Aber ich will es doch so, vllt. brauch ich es auch genauso. Wer weiß das schon!

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