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25.04.2016 um 17:02 Uhr

Manche Dinge ändern sich nie

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Manches ändert sich nie

Manche Dinge ändern sich nicht. Menschen ändern sich. Änderungen sind manchmal nicht erwünscht. Manche Dinge sollten sich aber unbedingt ändern, die tun es dann für gewöhnlich nicht.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Lied schon gesungen habe. Ewig habe ich kein Tagebuch geführt. Das lag nicht unbedingt daran, dass es nichts Berichtenswertes gab, sondern einfach, dass man nicht wollte.

Es ist dem Tagebuch schon bekannt, dass ich zwischenzeitlich Oma geworden bin. Sogar zweifach. Der Kleine wurde im letzten Oktober geboren. Gesehen habe ich ihn erst einmal. Und damit beginnt das ganze Dilemma. Man würde es wohl nicht glauben, wenn es einen nicht selbst beträfe.

Der Kleine ist im Oktober geboren. So richtig verstanden habe ich es nicht, aber natürlich, kann und soll jeder so viele Kinder bekommen, wie er möchte. Man sollte voraus setzen, dass man mit diesen Kindern auch klar kommt. Nun gut. Dem ist nicht unbedingt so. Denn kurz bevor dieser Junge zur Welt kam, stand mein Sohn auf der Matte, drogenabhängig. Das glaubt man nicht wirklich. Die Mutter seiner Tochter und sie selbst waren seit einigen Tagen im Mutter-Kind-Heim. Da fällt man echt aus allen Wolken und so gleich kam auch niemand mit der Sprache raus.

Die Mutter (Nine) seiner Kinder hatte es wohl nicht einfach mit ihren Eltern. Da gab es, und gibt es einige Probleme. Daraus resultiert wohl eine gewisse soziale Unfähigkeit, eine Agoraphobie war einige Zeit ausgebrochen, das Haus wurde nicht verlassen, jetzt oder seit einiger Zeit war es „nur“ eine Unfähigkeit oder die Angst, Termine wahr zu nehmen. Daraus folgten dann vergessene Termine bei Behörden und Ärzten etc. Auf Grund dessen wurde durch die Mutter veranlasst, dass Nine betreut wird. Da mein Sohn zwischenzeitlich drogenabhängig war, nach meiner Erkenntnis ging das los, als das mit dem 2. Kind bekannt wurde, war für Nine und ihrer Tochter ein Mutter-Kind-Heim angeraten.

Wie die Dinge wirklich zusammenhängen, ob es wirklich so besser war, das will ich gar nicht beurteilen. Fakt ist, sie bezog mit ihrer Tochter das Heim, mein Sohn verblieb in der Wohnung, die aber sehr schnell seitens des Jugendamtes gekündigt wurde, die Folge dessen, er wurde zum Anfang des Jahres obdachlos.

Im vergangenen Jahr verbrachte er einige Woche bei mir. Er telefonierte regelmäßig mit seiner Familie, sie sahen sich oft. Er machte einen Entzug mit Medikamenten bei mir, es lief alles mehr oder weniger. Zu Weihnachten war die Familie auch versammelt.

Zum neuen Jahr wurde er dann obdachlos. Es sollte so laufen, dass er einige Zeit bei Kumpels unterkommt, bis der Rest seiner Familie dann aus dem Heim entlassen wird und Wohnraum bekommt. Das sollte im Februar soweit sein, dann, wenn der Kleine ein halbes Jahr wird. Heute habe ich mit ihr telefoniert und ein Ende ist nicht in Sicht. Das Jugendamt möchte wohl am liebsten, dass sie dort noch länger verweilt, sie möchte sich deswegen evtl. um andere Möglichkeiten kümmern (Anwalt z. B.).

Und Paulchen? Der kam einige Zeit bei Kumpels unter, sie haben sich regelmäßig gesehen. Aber seit einiger Zeit klappt das alles nicht mehr. Er ist nicht erreichbar! Er wollte eigentlich wieder zu mir kommen, das hat er mehrfach in den letzten Wochen angekündigt. Am letzten Freitag war noch davon die Rede, er käme am Samstag, und er denkt darüber nach, wieder hierher zu ziehen, was natürlich aus mehreren Gründen auch nicht einfach ist. Jobcenter etc. Aber er kam am Samstag nicht, er war Samstag, Sonntag nicht erreichbar. Auch heute nicht. Telefon ist aus. Auch seine Freundin weiß nicht, wo er ist. Sie sagte mir dann auch, dass sie seit Dienstag keinen Kontakt zu ihm hatte. Und so selten ist das wohl nicht. Vor nicht allzu langer Zeit bekam ich auch einen Anruf der Polizei L, die ihn suchten. Auch in dieser Beziehung scheint wieder etwas los zu sein. Es gibt wohl nach ihrer Auskunft einige, die nicht gut auf ihn zu sprechen sind.

Ich habe die Polizei in L angerufen, leider ist Montag Nachmittag da wohl nicht viel los. Mir ist auch nicht bekannt, ob man eine Vermisstenanzeige machen kann, wenn jemand ohne Wohnraum ist. Natürlich werde ich es wieder versuchen, Ich kann nicht anders, ich muss doch wissen, wo er ist. Und Nine sagte noch, das wäre sicher das Beste, bevor er tot ist.

Ich habe erst mal eine halbe Stunde geheult.

Ich mag mir gar nicht ausdenken, was da los ist. Sämtliche Bilder der kleinen Püppi, habe ich schon weggeräumt. Die restlichen Sachen werde ich auch noch wegräumen. Ich mag einfach nicht daran erinnert werden, dass es dort eine kleine Püppi gibt. Wir hatten so schöne Zeiten. Jetzt sehe ich sie kaum noch und wer weiß, wie das weitergeht, ich werde sie wohl auch nicht wieder sehen. Nine wird sich trennen, das wird so kommen. Und dann darf man doch nicht annehmen, dass sie mich mit den Kindern besucht oder umgedreht. Nein, das wird wohl nicht so sein.

Ich verstehe überhaupt nicht, wie das passieren konnte. Warum passiert es? Man denkt doch, das Kind ist in einem Alter, über 30, das wird langsam. Und dann? Natürlich kann ich mit niemanden darüber reden, wer würde das verstehen. Es hat sowieso nie jemand verstanden, dass ich das mitmache. Mein Vater sagte neulich noch, als Paulchen hier für einige Zeit war, warum machst das, weil du früher dich nicht gekümmert hast? Sicher nicht, weder so noch so. Ich weiß auch nicht, wann ich mich nicht gekümmert haben soll. Es ist mein Sohn. Das geht doch gar nicht anders. Ich liebe meinen Sohn, ich liebe die kleine Püppi. Und es erschüttert mich bis ins Mark, was da alles passiert. Natürlich kann ich das nicht ändern, ich bin auch nicht in der Nähe. Und selbst wenn…

Ich kann einfach auch nicht mehr.

Und was was das Reden betrifft, dann ist da auch niemand mehr. Das Miststück ist in ähnlicher Situation, er wohnt abwechselnd bei verschiedenen Frauen, würde die Situation weder erfassen, noch verstehen. Mit Nessi habe ich, wenn überhaupt, nur oberflächlichen Kontakt. Meine Eltern sind weit über 70, verstehen es auch nicht, belasten will ich sie damit auch nicht wirklich. Meine Kollegen, ich „arbeite“ derzeit in einer Förderschule und betreue Kinder, insbesondere ein Kind mit Down Syndrom, sind auch wenig geeignet. Das Verhältnis ist auch nicht so privat. Dany ist im Januar 2016 verstorben. Sie hatte wieder Krebs.

In diesen Punkten möchte ich wirklich eine Veränderung. Ich möchte so gern, dass sich die Situation klärt, dass es meinem Sohn mit seiner Familie gut geht, und wir ein gutes Verhältnis haben, uns besuchen etc. Ist das nur ein frommer Wunsch? Wird sich dieser jemals erfüllen? Ich bezweifle es momentan stark. Was die anderen Veränderungen betrifft, weiß ich, dass es meist keine positiven sind. Wenn ich an meinen Schützling aus der Schule denke, mag sie gar keine Veränderungen. Auch das kann man verstehen.

Ich weiß nur, ich schaffe das alles nicht mehr. Seit mehr als einem Jahr rauche ich nicht mehr, ich habe auch keine zu Hause, aber mir ist heute stark danach….

Ich kenne jemanden, einen Skatkumpel meines Vaters, dessen Sohn war einige Jahre verschollen. Er tauchte dann irgendwann wieder auf. Ich selbst kenne den Mann aus meiner Schulzeit. Ich mag mir nicht vorstellen,wie das ist. Ich mag mir nicht vorstellen, wie ich das aushalten sollte. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn er wieder in Knast geht und was dann mit der Familie wird. Was soll man der Püppi sagen? Oder ..... Natürlich hat man immer die Hoffnung... Oder?


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 25.04.2016 um 17:33 Uhr:Ich verstehe dich ganz gut, Paulinchen, sitze da…
    im selben Boot, oder in etwa dem selben.
    Die Hoffnung habe ich längst begraben, tue nichts mehr
    dafür und auch nichts dagegen, halte mich komplett heraus,
    greife nicht mehr ein, nehme es, wie es ist;
    und …. es geht mir (inzwischen) ganz „gut“ damit.

    Je mehr ich es „richten“, geradebiegen“ wollte, desto
    tiefer ist diese Person wieder abgerutscht, mit mir im
    Schlepptau. Da habe ich (in Liebe) losgelassen …
  2. zitierenPaulinchen schreibt am 26.04.2016 um 18:58 Uhr:Das wäre sicher der richtige Weg. Aber ob man das beim Kind kann. Ich weiß es nicht. Und das von gestern ist nur die Spitze des Eisberges, ich habe heute den Rest erfahren.

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