Also da ist I., die ein Viertel des Schuljahres krank ist und von einem Arzt zum anderen gebracht wird. Ihre Eltern sind geschieden und der Vater wieder verheiratet; Nachwuchs ist wohl auch unterwegs.
Und da ist S.
Bei ihr daheim ist alles in Ordnung. Sie ist gut in der Schule, spielt eine wichtige Rolle bei der Theateraufführung, hat Musik- und Reitunterricht.
Beide möchten gerne von ihren Mitschülerinnen gemocht werden. Wenn I. nicht da ist, klappt das bei S. auch ganz gut. Na jedenfalls bis vor kurzem. Dann kam I. aus ihrer letzten Krankheit zurück und sagte im Klassenstuhlkreis, das S. ihr ihre Freundinnen "wegnimmt". Es ist nicht überliefert, was die Lehrerin dazu sagte. Aber anscheinend versäumte sie es klar zu stellen, dass Freunde, also Menschen, nichts sind, was man geben oder nehmen kann. Normalerweise entscheiden sie sich selbst.
Es sei denn, man setzt sie unter Druck, indem man sie z.B. auffordert, in kleinen Briefchen zu schreiben, dass S. bescheuert ist und man sie hasst. Nicht dass solche Aussagen in kleinen Briefchen mehr Gewicht hätten, sobald man sich hernach wieder versteht. Aber hat man einmal so etwas geschrieben, kann man erpresst werden und hernach ist das sich-wieder-Verstehen nicht mehr so einfach wie sonst.
Im Laufe der letzten Wochen hat I. allerhand Mitschülerinnen von S. genötigt, solche Bekenntnisse abzugeben. Die haben sich eine Zeit lang geschämt und weil sie das nicht mehr wollten, irgendwann selbst geglaubt, was zu sagen und zu schreiben sie I. genötigt hatte. Sie ließen kein gutes Haar mehr an S. und stellten nun fest, dass die ja wirklich viel angibt, "schleimt" und überhaupt.
S., die sich ständig beobachtet fühlte und alles falsch zu machen schien, fing an, sich an den Händen und im Gesicht blutig zu kratzen, wollte gar nicht mehr raus oder gar in die Schule gehen und ging viel früher ins Bett als in allen Jahren vorher.
Aufgeflogen ist die Geschichte, als N. - einstmals S.` beste Freundin, fast so etwas wie eine Schwester - mitten im Unterricht weinend zusammenbrach.
N. hat heute wieder mit S. gespielt. Sie war froh, dass S.` Mutter ihr nichts übel nahm, und hat ihr ein paar von diesen Briefchen überlassen. N. fürchtet sich, ihre Mutter könnte all das erfahren, denn natürlich weiss sie, dass all das nicht in Ordnung war.
S.´ Mutter hat sich nun einen Termin bei einem Psychologen geholt, damit sie endlich etwas unternehmen kann. Als sie vor ein paar Wochen in der Schule mit der Lehrerin sprach, meinte diese, man würde es im Klassenstuhlkreis besprechen. In dem, s.o., I. sich beklagte, dass S. ihr ihre Freundinnen weg nähme. Mehr ist nicht passiert.
Wir dürfen gespannt sein, was man in der Schule sagt, wenn der Psychologe S.´ Mutter bescheinigt, dass es sich um Mobbing handelt. Mobbing unter den Augen einer Lehrerin, die gemeint hatte, so etwas "reguliere" sich von allein.
Übrigens: S.,I.,N. und alle anderen sind 10 Jahre alt.