Renate Hartwig

21.05.2010 um 14:17 Uhr

3 Jahre online- Patient-informiert-sich

21.05.2010 | Bürger-Schulterschluss e. V. | Renate Hartwig
3 Jahre online- Patient-informiert-sich
Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit

Wie sagte schon der Philosoph Plato: „Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit.“ Auf unsere heutige Bürgerbewegung bezogen war dieser Anfang der 26. April 2007, da ging um 14.15 Uhr Patient-informiert-sich online!

Es war ein wunderschöner Frühlingstag und ich befand mich mit bayerischen Hausärzten und deren medizinischem Fachpersonal in einem Omnibus auf einer Sternfahrt Richtung Nürnberg. Dort fand in der Meistersinger-Halle einer der Ärzteproteste des Bayerischen Hausärzteverbandes (BHÄV) gegen die Gesundheitspolitik und deren Folgen statt. Eine davon war und ist der Ärzteschwund. Heute, drei Jahre später, profilieren sich KV-Fürsten, Politiker und sogenannte Experten durch dieselben Warnungen über das Thema „Aussterben der Landärzte“, die sie 2007 abstritten! Ich selbst war dabei, als in der Meistersinger-Halle in Nürnberg der damalige gesundheitspolitische Sprecher Zöller (CSU) und die damalige Sozialministerin Christa Stevens (CSU) sämtliche Warnungen des BHÄV-Vorstandes in Richtung Hausarzt/Landarztsterben, als Stimmungsmache vom Tisch fegen wollten. In der brechend vollen Meistersinger-Halle standen die Hausärzte Schlange an den Mikrofonen, bestätigten die Warnungen und Auswirkungen dieser verqueren Gesundheitspolitik und die Folgen für die Bevölkerung.

Die anwesenden CSU Politiker auf dem Podium, Zöller, Stevens sowie der Landtagsabgeordnete Zimmermann, (selbst Mediziner) verteidigten ihre Politik und bliesen die Warnungen in den Wind. Dieser Tag und die damit verbundene Erfahrung wurden ein Schlüsselerlebnis für meine folgenden Aktivitäten. Es war von mir nicht geplant, mich bei dieser Veranstaltung zu äußern. Doch es war nicht auszuhalten, mit welcher Arroganz die Politik von oben herunter die einzelnen Redebeiträge der betroffenen Ärzte behandelte. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich ging zum Mikrofon, um den anwesenden Politikern klar zu machen, dass wir, die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherungen ab heute Position beziehen gegen diese Wahnsinnspolitik!

Dieser Ärzteprotest in Nürnberg endete mit einem Eklat, indem der Landtagsabgeordnete Zimmermann die anwesenden Ärzte als „Rotz am Ärmel“ bezeichnete. Der Ausrutscher tat ihm zwar hinterher leid, doch für mich ist und bleibt er ein Beweis der damaligen Stimmung gegenüber Ärzten und deren Warnungen. Spätestens an diesem Tag war mir klar, ohne eine starke Bürgerbewegung werden wir irgendwann ohne unsere freien niedergelassenen Ärzte sein. Ausgeliefert einer Politik, die von Lobbyisten geprägt und letztendlich größtenteils auch entschieden wird. 2007 glaubte niemand daran, das aus meiner Vision – eine informierte Bürgerbewegung in Gang zu setzen – etwas wird. Heute, nach drei Jahren, ist in diese Richtung viel erreicht worden.
Durch die Website „Patient-informiert-sich.de“ konnte die breite Öffentlichkeit auf die Folgen dieser diffusen Gesundheitspolitik aufmerksam gemacht werden.

Rückblick:
Mai 2007: Nach vier Monaten intensiver Auseinandersetzung mit unserem Gesundheitswesen wurde mir klar, die wohnortnahe und gute Versorgung durch unsere Ärzte ist in Gefahr. Mir war klar, genau wie ich durch ein paar Hintergrundinformationen von Hausärzten erst auf das Problemfeld gestoßen bin, würde jede Mitbürgerin und jeder Mitbürger mit mir auf die Straße gehen, wenn sie nur wüssten, welches Haifischbecken unser Gesundheitswesen ist. Bereits damals fing ich an, die vielen W´s zu hinterfragen:

● Wer steckt hinter all diesen Problemfeldern des Gesundheitswesens?
● Warum ist die Masse der Bürgerpatienten uninformiert?
● Wozu wird in diesem Gesundheitswesen immer mehr Intransparenz erzeugt?
● Weshalb erfahren wir Beitrag zahlenden Bürgerpatienten nichts über die teilweise mafiösen Strukturen, über die in gigantischen Höhen unsere Beitragszahlungen versickern?

Durch dieses Nachfragen kristallisierte sich mein Ziel, die breite Öffentlichkeit zu aktivieren, heraus.

Erfolgreiche, totgeschwiegene Unterschriftenaktion:

Bereits 2007 war die Zurückhaltung der Medien, über die rasant ansteigende Bürgerbewegung „Patient informiert sich“ Arzt und Patient im Schulterschluss“ auffallend! Im Mai 2007 wurde dieser Schulterschluss bereits Wirklichkeit. Die bayerischen Hausärzte unterstützten die von mir ins Leben gerufene Unterschriftenaktion „Wir wollen unsere Hausärzte behalten“!
Juni 2007: Innerhalb von vier Wochen kamen in Bayern 575.000 Unterschriften zusammen. Auf einer Pressekonferenz in München übergab ich die Unterschriftenlisten dem Landesvorsitzenden des bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Wolfgang Hoppenthaller. Das Medieninteresse für diese, bis dahin einmalige klare Positionierung von Patienten für ihre Ärzte, wurde sehr verhalten aufgenommen. Außer in den ärztlichen Fachzeitschriften war darüber nichts zu lesen, oder zu hören. Bereits hier stellte sich mir die Frage, wer will eigentlich verhindern, dass die große Masse der Beitrag zahlenden Bürgerpatienten sich in dieses Thema, das uns alle angeht, einmischt?

Ein System wird entlarvt:
In Dutzenden von Ärztetreffen wurde mir klar, ohne das Einmischen von uns Bürgern, sowie dem Schulterschluss mit Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal, findet klammheimlich ein für uns als Gesellschaft negativer Umbau des Gesundheitswesens statt. Immer wieder fielen mir Goethes Worte dazu ein: Wer nicht ehren kann, der kann nicht achten. In der ganzen Auseinandersetzung ging und geht es auch um eine Wertediskussion.

Juni bis Dezember 2007: Sechs Monate erlebte ich den intensiven Kampf der bayerischen Hausärzte, um in ihrem Beruf überleben zu können. Politische Gegebenheiten, Besitzstandwahrung, mangelnde Solidarität unter den Ärzten und der Kampf um Macht und Geld von Kassenärztlicher Vereinigung und Kassen zwang die bayerischen Hausärzte zum Reagieren und sie entschieden sich für den Systemausstieg. Den unterstützte ich vehement aus voller Überzeugung, da die politischen Rahmenbedingungen dazu führen, dass Arzt und Patient im Kampf um Macht und Geld zerrieben werden. Aus dem Arzt wurde längst ein Sklave der Kassenärztlichen Vereinigung, die als Körperschaft öffentlichen Rechts, der verlängerte Arm politischer Entscheidungen ist. Diese sind geprägt von den massiven Einflüssen der Gesundheitsindustrie, die aus Patienten Produkte für den Gesundheitsmarkt machen. Dazu kommt die Macht der Kassen, die nach Gutsherrenart – bis hin zu strafrechtlichem Vorgehen - mit unseren Beitragsgeldern umgehen.

Januar 2008: Ausstiegsveranstaltung der bayerischen Hausärzte. In der mit ca. 8000 Menschen gefüllten Arena in Nürnberg. Hautnah wurde ich mit den – teilweise alles andere als demokratisch ablaufenden – Versuchen, diese Veranstaltung zu verhindern, konfrontiert. Die CSU, in Person der Sozialministerin Christa Stevens, zog mit der KV Bayern und deren Vorständen an einem Strang, um diesen Ausstieg zu verhindern. Nach meiner Rede in der Nürnberger Arena erlebte ich die Dynamik des Schulterschlusses. Aus dem Internet-Auftritt „Patient-infomiert-sich.de“ entwickelte sich eine Bürgerbewegung.
Ende April 2008: Aufgrund der Widerstände vonseiten der Politik, der KV und den Kassen gegenüber einer Klärung im Gesundheitswesen, fiel die Idee, eine Massenkundgebung im Olympia Stadion München zu organisieren, auf fruchtbaren Boden. Es war nach der erfolgreichen Unterschriftenaktion der zweite Versuch, durch den Schulterschluss Arzt und Patient, etwas zu bewegen. Es gelang!
07. Juni 2008: 28.000 Menschen kamen in das Münchner Olympiastadion, um gegen die Entwicklung im Gesundheitswesen Front zu machen. Spätestens jetzt hörte ich, wie die Zweifler meinen Spruch „Wer wagt, gewinnt!“ für Ernst nahmen. Aber nicht nur die, sondern auch die Politik kapierte, wir Bürger mischen uns ein. Einmischen ist Bürgerpflicht! In den Medien wurde diese Veranstaltung völlig ignoriert – die dabei waren sagen mit Recht – sie wurde einfach totgeschwiegen.
09. Juni 2008: Pressekonferenz in Berlin, Vorstellung meines Buches „Der verkaufte Patient“! Mein Ziel war und ist eine breite Information über die Hintergründe unseres Gesundheitswesens zu erreichen. Mir ging es von Anfang an um eine starke Bürgerbewegung, denn nur die kann diesen noch immer bestehenden Wahnsinn und diese menschenverachtende Entwicklung für Arzt und Patient verhindern.

Juli 2008: Schleyer Halle Stuttgart: Auch in Baden-Württemberg versuchten die Ärzte sich von der Kassenärztlichen Vereinigung freizuschwimmen. Auch hier startete ich eine Unterschriftenaktion, bei der innerhalb von zwei Monaten 345.000 Unterschriften für den freien niedergelassenen Arzt zusammen kamen. In meiner Rede in der überfüllten Schleyer Halle wurden die Unterschriftenberge auf der Bühne aufgebaut. Auch hier gab es darüber in den Medien wieder das große Schweigen. Das wurde von der Bevölkerung registriert.

September 2008: Die bayerischen Landtagswahlen zeigten, wie Demokratie funktioniert, auch wenn es oft mühsam ist! Der Einbruch der CSU bei den Landtagswahlen war nicht nur die Raucher und Transrapid-Diskussion, wie es gerne hingestellt wird, sondern wir, die informierten Patienten haben im Schulterschluss mit den bayerischen Hausärzten denen die Stirn geboten, die einen anderen Plan für unser Gesundheitswesen hatten. Damals lernte ich auch die Aussage von Oskar Blumenthal (1852-1917) zu verstehen: „Du willst bei Fachgenossen gelten? Das ist verlorene Liebesmüh. Was Dir misslingt, verzeihen sie selten, was Dir gelingt, verzeihen sie nie“. Es sieht so aus, als wäre dies immer schon so gewesen, dass Neid und Missgunst die Triebfeder vielen Handelns ist. Inzwischen kann ich den systembedingten Bruderkrieg unter den Ärzten auch einschätzen.

Und durch gezielte Intrigen, Angriffe und dem Aufbau von öffentlichen Feinbildern (der Arzt ist der Böse, der Abzocker, der den Kanal nicht voll kriegt, der Schuldige) konnte auch bei den Patienten die notwendige Solidarität mit den Ärzten nicht stattfinden. Mir war 2008 schon klar: Nur wenn sich die Masse der Bürgerpatienten informiert und organisiert und sich mit den Ärzten solidarisiert, können wir den bestehenden mafiösen Strukturen im Gesundheitswesen die Stirn bieten. Aufgrund der Angriffe und dem Druck einzelner Politiker auf Medien, der zur Folge hat, als Talkgast ein- und wieder ausgeladen zu werden, beweist: Vor nichts haben die Architekten der seelenlosen, menschenunwürdigen Gesundheitsindustrie und deren Profiteure mehr Angst, als vor Transparenz und informierten Bürgerpatienten!

März 2009: Aus der Internet-Plattform „Patient-informiert-sich.de“ entstand Bürgerschulterschluss e.V. Eine bundesweite, funktionierende Bürgerbewegung für ein humanes gerechtes Gesundheitswesen
September 2009: Wieder sind es ca. 25 000 Menschen die unserem Schulterschlussaufruf von Patient-informiert sich, dem Bayerischen Hausärzteverband und dem Bayerischen Facharztverband in das Münchner Olympiastadion folgen. 2008 kann unsere Gegenöffentlichkeit nicht mehr verschwiegen werden. Unser gemeinsamer Protest wird in der ARD-Tagesschau erwähnt.

Heute, drei Jahre nachdem ich im Alleingang die Internetseite „Patient-informiert-sich.de“ online gehen ließ, steht fest: Damals dachten viele, Eintagsfliege. Inzwischen gibt es bundesweit 580 – in Worten: Fünfhundertachtzig – regionale, funktionierende Bürgertreffs, die sich regelmäßig treffen, austauschen und in ihrer Region das von mir mögliche – Einmischen ist Bürgerpflicht – umsetzen! An dieser Stelle mein Dank an alle, die diese Idee aufgenommen, weiter getragen und in ihrem eigenen sozialen Umfeld umsetzen.

 © Renate Hartwig   http://www.patient-informiert-sich.de/
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