Erinnerungen
Seit ich mit S. telefoniere, habe ich irgendwie nicht mehr so oft das Bedürfnis, zu schreiben. Und dann fehlt auch noch die Zeit. Ich habe so ein schlechtes Gewissen... Und gelobe Besserung!
Vorgestern hatten wir Weihnachtsfeier, und wie das immer so ist, wenn man sich vornimmt, nicht so viel zu trinken... Naja, ich war ordentlich beschwipst, als ich nach Hause kam. Und was mache ich Idiotin als erstes? Computer an, Mail an S. schreiben! Sollte man nicht machen, so besoffen. Jedenfalls nicht in diesem Stadium, sozusagen vor einer eventuellen Beziehung. Denn was habe ich dumme Pute ihm geschrieben? Dass ich mich in ihn "verknallt" habe. Irgendwie stimmt das auch, schließlich sind meine Gedanken ständig bei ihm... und ganz unschuldig sind die auch nicht. Ich mache schon wieder so viele Pläne, das ist beängstigend. Ich sollte doch erstmal abwarten, was passiert, wenn wir uns endlich sehen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, es kann gar nichts mehr schiefgehen. Seltsam. Jedenfalls hätte ich ihm das natürlich trotzdem nicht schreiben dürfen. Zum Glück hat er die Mail nicht so Ernst genommen. Er hat geschrieben, er schließt aus meiner Mail, dass ich sehr viel Spass auf der Weihnachtsfeier hatte. Mehr will er da mal nicht herauslesen. Und heute am Telefon hat er's auch nicht angesprochen, schließlich wußte er, wie peinlich mir das ist. Ein echter Gentleman eben.
Eben ist mir was passiert, das gehört definitiv hierhin - obwohl ich kurz überlegt hatte, es S. zu erzählen. Aber ich glaube, DAS wäre noch dümmer, als die nächtliche Mail.
Ich habe es endlich geschafft, meine Wohnung zu putzen, was dringend nötig war. Ich erzähle S. seit drei Wochen, dass ich das dringend machen muss. Nun, vorhin, nachdem wir telefoniert hatten, habe ich es endlich angepackt. Bad geputzt, alles gesaugt und natürlich gewischt. Nun kann ich natürlich nicht mit meinen schmutzigen Socken durch meine saubere Wohnung laufen. Ich trage immer so "Haussocken" mit Noppen. Die mussten jetzt also doch mal in die Wäsche. Auf der Suche nach Ersatz fiel mir aber ein, dass ich das zweite Paar letztens entsorgt hatte, weil sie kaputt waren. Blieb nur noch eine Möglichkeit: J. Letztes Jahr hat er mir zu Weihnachten blaue, ganz kuschelig-weiche Socken mit Ledersohle geschenkt. Weil ich doch immer so kalte Füße habe, und zu Hause nicht in normalen Socken rumlaufen möchte. Ich hab' mich damals riesig gefreut, weil er sich wirklich Gedanken gemacht hatte. Und vor allem, weil wir vorher so eine ewige Diskussion um die Weihnachtsgeschenke hatten. Zuerst wußte keiner, was er sich vom anderen wünschen sollte, deshalb haben wir entschieden, uns nichts zu schenken. Dann fand' ich das aber doch blöd, also haben wir uns einen festen Betrag gesetzt - er übertreibt wohl sonst gern, wenn ihm nix einfällt. Es sollte also nur 'ne Kleinigkeit werden. Ich habe ihm einen Schal gekauft, weil er nur einen ganz häßlichen hatte. Ich frage mich, ob er ihn dieses Jahr wieder trägt... Und ob er wohl an mich denkt, wenn er ihn ansieht? Mir würde es so gehen, aber ich glaube, Männer sind da anders. Jedenfalls hatte ich mir von ihm eine Creme von Lush gewünscht. Das war ja schonmal eine Riesenüberwindung für ihn, in diesen Kosmetikladen zu gehen. Da hat er sich bestimmt sehr wohl gefühlt ;-) In dem Geschenk waren dann noch besagte Socken und ein Nilpferd-Schlüsselanhänger aus Holz, den ich auf dem Weihnachtsmarkt entdeckt hatte. Er hat sich das tatsächlich gemerkt und ist nochmal hingegangen, um den für mich zu kaufen. Ich war wirklich begeistert, weil ich einen so aufmerksamen Freund hatte. Von Männern ist man in Sachen Geschenke ja einiges gewohnt... Langer Rede kurzer Sinn: nach der Trennung sind das Nilpferd und die Socken in einen Karton gewandert, zusammen mit zwei Karten von J. Die eine aus London, als wir noch frisch verliebt waren, und die, die er mir zum Geburtstag geschickt hat - nach der Trennung. Die sich aber so anhört, als würde er mich immer noch SEHR mögen. Ach ja, und die CD, die er mir dazu geschenkt hatte. Das alles befand sich also in einem Karton auf meinem Schrank. Zugeklebt und außer Reichweite.
Schon vor einigen Monaten hatte ich die CD wieder rausgeholt und zu meiner CD-Sammlung gestellt. Yael Naim kann schließlich nichts dafür, und die Scheibe ist einfach zu gut. Dann nahm ich bei der Gelegenheit auch das Nilpferd wieder raus - es fühlt sich einfach zu gut an, an meinem Schlüssel. Außerdem gehört es da irgendwie hin, schließlich verdanke ich diese meine erste richtige eigene Wohnung im Grunde J. Es ist auch zu süß, um in einer Kiste vor sich hin zu vegetieren. Heute nun musste ich die Socken auch noch rausnehmen, weil ich sie ja anziehen wollte. Ich fühlte mich irgendwie bereit dafür. Vor ein paar Monaten wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen. Komisch, was für eine Bedeutung so etwas Banales wie ein Paar Socken in Zusammenhang mit einer Beziehung bekommen kann. Ich bin wirklich stolz drauf, J.s Socken jetzt wieder zu tragen. Die Dinger sind einfach wahnsinnig bequem und so schön warm. Aber was mir Sorgen gemacht hat war eigentlich, dass sich in der Kiste jetzt nur noch die zwei Karten befinden. Zwei Karten, mehr ist nicht übrig von sieben Monaten Beziehung. Ich habe erst überlegt, ob ich die Karten wegwerfe und den "J.-Karton" abschaffe, aber ich konnte es nicht. Immerhin habe ich sie nicht nochmal gelesen, das ist ja schonmal was. Ich habe die Kiste wieder zugeklebt und auf den Schrank gestellt. Zwei Karten als Erinnerung an sieben wunderschöne Monate... das ist wirklich nicht viel. Sicher, in meinem Portemonnaie findet sich sicher irgendwo noch die eine oder andere Kinokarte, aber sowas habe ich nicht bewußt aufgehoben. Und seine Rosen, die hatte ich schon im Juni weggeworfen, im Rahmen des Umzugs. Es erschien mir irgendwie blöd, mich an ein paar vertrocknete Blumen zu klammern. So trennt man sich Stück für Stück von den Erinnerungen, und am Ende bleiben nur zwei Karten. Schon komisch.
Wir waren jedenfalls wieder erst nach fünf im Bett, haben wenig geschlafen, und ich bin dementsprechend knülle. Werde heute wohl mal etwas früher ins Bett gehen.