Frau Maus und die Leute in rosa
Es war am 10. Dezember 2009. Ich erinnere mich genau an das Datum, weil wir am nächsten Tag zur Taufe meines Patenkindes gefahren sind. Abends klingelte mein Handy. Ich erschrecke mich immer zu Tode, wenn mein Handy klingelt, denn normalerweise tut es das nicht. Mich ruft nie jemand auf dem Handy an, denn alle wissen, dass ich es entweder nicht bei mir habe oder nicht höre, weil es sich in einem anderen Raum befindet. An diesem Abend nun klingelte es plötzlich, als wir zufällig in der Küche waren, wo es tagsüber meistens wohnt. Der einzige Mensch, der mich konsequent auf dem Handy anruft, ist meine ehemalige Chefin. Ein Blick auf die Nummer bestätigte, was ich bereits ahnte: Sie war es nicht. Nach dem ersten kleinen Schock wegen des Klingelns folgte der zweite, denn ich erkannte die Berliner Vorwahl. Mein erster Gedanke war mein Ex. Nicht dass ich mir einen Anruf von ihm wünschen würde, aber das war nunmal meine erste Assoziation. Dass meine Schwester auch in dieser Stadt wohnt, hatte ich glatt vergessen. Vorsichtig drückte ich das Knöpflein und hauchte:
"Hallo?"
Eine fröhliche Stimme trällerte mir ins Ohr:
"Guten Tag. Können Sie sich erinnern, dass Sie mal an einem be*be-Gewinnspiel teilgenommen haben?"
Ich erinnerte mich tatsächlich dunkel. Vor Monaten (!!!) war ich mal gelangweilt durch die Drogerie meines Vertrauens geschlichen. Ich hatte noch Zeit vor der Arbeit und nix zu tun. Mir fiel ein Aufsteller besagter Firma ins Auge, auf dem für ein Gewinnspiel geworben wurde. Ich habe keine Ahnung mehr, was man gewinnen konnte, aber ich hatte Langeweile und schickte die geforderte SMS ab. Normalerweise mache ich sowas nicht, aber in diesem Fall sollte man durch die SMS ein Handydesign bekommen. Dummerweise stehe ich tierisch auf solche Spielereien. Ich benutze mein Handy zwar fast nie zum Telefonieren, höre damit aber leidenschaftlich gern Audiobooks, spiele damit oder style es eben. Man findet wirklich tolle Sachen im Internet. Da ich idiotischerweise mein Handy als Teil - oder eher Spiegel - meiner Persönlichkeit ansehe, soll es immer nach mir aussehen. Damals interessierte mich eigentlich nur, wie dieses Design wohl aussehen mochte. Auf meine SMS kam keine Reaktion: keine Antwort und auch kein Design. Ich war sauer und vergaß das Gewinnspiel.
"Sie haben ein Sofa gewonnen!" tönte die Frau aus Berlin.
Ich bekam große Augen. Ein Sofa? Wir haben ein Sofa, ein tolles Sofa. Aus Leder und alt. Keine Schönheit, aber sehr gemütlich und extrem praktisch, weil abwischbar. Garfield und ich sind nämlich echte Trampel und richtige Kleckerheinis. Wenn einen Tag lang keiner von uns beiden etwas verschüttet, den Boden mit Schokolade vollkrümelt, die Küchenwand bespritzt oder ein Glas umwirft, dann stimmt was nicht. (Meine Eltern sind sehr froh, dass ich in dieser Hinsicht den perfekten Gegenpart gefunden habe. Jeden anderen würde es sicher sehr stören, wir aber bleiben völlig entspannt, wenn die halbe Kakaotasse vor dem Küchenschrank landet und nicht, wie geplant, in der Mikrowelle.)
Ich überlegte also fieberhaft, wo wir 1. dieses Sofa unterbringen sollten und 2. ob wir es überhaupt gebrauchen konnten. Ich fragte also erstmal nach:
"Gibt es einen Alternativpreis, wenn ich das Sofa nicht möchte?"
"Eine Mix-CD", meinte die Dame. Ich musste mir das Lachen verkneifen. Eine CD??? Anstelle eines Sofas wollten die einem eine läppische CD andrehen?
Garfield hörte natürlich alles mit und gab mir Zeichen, mehr Informationen einzuholen.
"Wie sieht das Sofa denn aus?"
"Das weiß ich nicht", meinte Frau be*be, "wahrscheinlich rosa, wie in der Werbung."
"Hm," machte ich, "wird mir das dann vor die Tür geliefert?"
"Ja, wir machen einen Termin aus und dann kommt das zu Ihnen. Das läuft alles."
Ich überlegte kurz, dass haben besser ist als nicht-haben und erbat mir Bedenkzeit. Die Dame gestand mir zu, über's Wochenende darüber nachzudenken.
"Soll ich Sie dann Montag nochmal anrufen, unter dieser Nummer?" fragte ich sicherheitshalber.
Die Dame gab mir dafür grünes Licht und ich legte auf.
Wir diskutierten erstmal, denn Platz haben wir keinen für ein zusätzliches Sofa. Andererseits, wenn man schonmal was gewinnt... Außerdem war Garfield überzeugt, dass man das Ding zur Not auch zu Geld machen könnte.
Wir nahmen an, dass es sich bei dem Sofa um ein Stück aus der be*be-WG in der Werbung handelte und verbrachten am nächsten Tag eine geschlagene Stunde damit, es im Netz zu suchen. Wir durchforsteten die Firmenhomepage, wir sahen uns gefühlte tausend Werbespots an, doch nirgends tauchte ein Sofa auf. Trotzdem entschieden wir uns, das Teil zu nehmen. Erstmal haben.
Am Montag rief ich in Berlin an. Ich brachte mein Anliegen vor und stieß auf Unkenntnis. Die Dame am Telefon wußte von nichts und erklärte mir schließlich, sie seien ja nur das Callcenter, ich solle mich doch an die Firma direkt wenden. Ich war etwas sauer, denn das hätte mir die andere Dame am Freitag schon sagen können. Am nächsten Tag suchte ich auf der Firmenhomepage nach einer Kontaktmöglichkeit und fand ein Mailformular. Verdammt, ich wollte mein Sofa! Ich beschrieb mein Problem und sagte klipp und klar, dass ich meinen Gewinn gern antreten möchte.
Ich hatte es eigentlich erwartet und wunderte mich so nicht, als keine Reaktion kam. Gar keine. Nicht mal eine Bestätigungsmail, dass meine Anfrage angekommen war und bearbeitet wurde. Was für eine Sch***-firma, dachte ich und vergaß die Sache. Obwohl ich zugebe, dass ich noch manchmal wehmütig an mein Sofa dachte...
Gestern abend nun klingelte mein Handy wiedereinmal. Dieselbe Überraschung, dieselbe Panik. Nur dieses Mal eine mir völlig unbekannte Vorwahl. Ich ging selbstbewußt ran und vernahm eine mir vertraute Ansage:
"Hallo. Erinnern Sie sich, dass sie vor einiger Zeit bei einem Gewinnspiel der Firma be*be teilgenommen haben? Sie haben eine CD gewonnen und ich hätte jetzt gern Ihre Adresse, damit wir Ihnen die zuschicken können."
Ich musste lachen und sagte frech:
"Eigentlich habe ich ein Sofa gewonnen."
Die Frau staunte, ich erklärte die ganze Geschichte und erwähnte auch meine Mail. Die Dame war sichtlich verwirrt und wollte mehr Informationen. Natürlich hatte ich keine Kopie der Mail - wie auch? Die Dame am anderen Ende der Leitung wirkte schuldbewußt.
Garfield hörte wieder mit und gab mir ein eindeutiges Zeichen: "Nimm' die CD!" fauchte er mich an. "Wir brauchen kein Sofa!"
Ich erbarmte mich also und flötete ins Telefon: "Wissen Sie was, ich nehme die CD. Eigentlich brauche ich ja gar kein Sofa."
Die Dame wirkte sichtlich erleichtert, denn nun konnte sie sich die aufwendige Forschungsarbeit sparen und mußte nicht mehr herausfinden, wer da was verschlampt hatte.
Ich gab also meine Adresse durch und freue mich nun auf eine CD. Was auch immer da drauf sein mag. Angeblich kommt sie nächste Woche. Ich bin gespannt. Garfield meinte nur: "Toll. Jetzt haben Sie deine Adresse." Ganz genau, toll. Jetzt schicken Sie mir vielleicht ganz viele Pröbchen! Garfield verdrehte die Augen und ich freute mich. Muss ich dazusagen, dass ich die Produkte dieser Firma sowieso seit Jahren benutze?
Das Ende vom Lied lautet jedenfalls: ICH HABE ETWAS GEWONNEN!!!
(Morgen kommt der Postmann nochmal und dann werde ich aber sowas von bereit sein, aufzumachen. Auch wenn ich gerade aus der Dusche komme oder auf dem Pott sitze!)