Wie wichtig ist Politik in einer Beziehung? Oder eher: Wie bedeutsam ist eine einheitliche politische Einstellung?
Ich bezeichne mich gern als apolitisch. Politik interessiert mich nicht besonders, sie langweilt mich sogar. Ich weiß, sowas darf ich nicht sagen. Gerade als Akademikerin und überhaupt als halbwegs klar denkender Mensch schubse ich mich damit in eine Ecke... Nun, jedenfalls eine, die mir nicht behagt. Natürlich kenne ich die deutschen Parteien und weiß auch ungefähr, wofür sie stehen. Alles, was darüber hinausgeht, ist mir schon zu kompliziert. Ich identifiziere mich mit niemandem, denn ich finde, alle haben ein bißchen recht aber keiner so ganz. Deswegen fällt es mir bei Wahlen extrem schwer, irgendwo mein Kreuzchen zu machen. Trotzdem war ich immer wählen. Nur im September nicht. Der 27. September 2009 war ein sehr stressiger Tag, ich hatte einfach keine Zeit, in eine Schule zu latschen und dort eine scheinbar wichtige Entscheidung zu treffen. Natürlich wußte ich das vorher, ich hätte also per Brief wählen können. Habe ich aber nicht. Und ich hatte deswegen auch keine schlaflosen Nächte. Alle haben auf mich draufgehauen, von wegen politischer Verantwortung, Demokratie, Bürgerpflicht. Aber was bringt denn mein Kreuz? Hätte ich DIESEN Außenminister verhindert? Nein!
Ich hätte einfach gar nicht gewußt, wen ich wählen soll. Traditionell wähle ich grün, aber von denen war ich schwer enttäuscht. Die Umwelt ist mir wichtig, aber ich will nicht, dass Benzin extrem teuer ist. (Mit solchen Argumenten kommt mir mein Freund...) Ich finde es richtig, auf erneuerbare Energien zu setzen, auch und gerade, was Autos angeht. Da muss einfach mehr gemacht werden. Allerdings würde ich mir kein hässliches Elektroauto kaufen, da bin ich wieder inkonsequent. Ich finde, dass es mehr und bessere Betreuungsangebote für Kinder geben muss und auch sonst könnte man im sozialen Bereich eine Menge verbessern. Ich bin für Chancengleichheit und gegen Lobbyismus. Ich gebe zu, meine Vorstellungen von der Welt sind utopisch und meine politische Einstellung naiv. Deshalb apolitisch, deshalb kein Interesse. Was ändert es denn, ob ein Herr Steinmeier oder eine Frau Merkel "an der Macht" ist? Politik wird doch ganz woanders gemacht und die Politiker sind nur Marionetten. Das ist einer dieser Sätze, die mein Freund von sich gibt. Er sagt auch: "Lieber eine Diktatur, als eine Schein-Demokratie, wie wir sie jetzt haben."
Mein Freund geht auch nicht wählen, niemals. Aus Überzeugung. Weil er die obigen Sätze verinnerlicht hat, weil er nicht daran glaubt, dass die Bürger irgendeinen Einfluss haben. Weil er sich von diesem Land verarscht fühlt - zu Recht. In einer Hinsicht hat dieses Land ihm übel mitgespielt. Kann man es deshalb komplett ablehnen, verurteilen? Ich sage dann gern: "Nicht aufregen, besser machen. Geh' in die Politik und mach' dir selbst ein Bild." Er lacht mich dann aus.
Garfields politische Einstellung ist in meinen Augen gefährlich weit rechts, manchmal. Einige seiner Äußerungen lassen mich schlucken. Er sagt, er wäre konservativ-national. Er findet einige Dinge, die es im Dritten Reich gab, gut, andere nicht. Er differenziert da schon. Trotzdem macht er mir manchmal Angst, mit seiner Intoleranz und seiner Arroganz. Geht es zum Beispiel um Jugendliche, die gewalttätig sind und respektlos, so sagt Garfield: "Gäbe es den Reichsarbeitsdienst noch, gäbe es sowas nicht." Ja, möglicherweise gab es damals noch mehr Disziplin und Respekt in der Jugend. Aber es sind ja nicht alle so. Außerdem hatten Menschen mit schlechten Ambitionen in der damaligen Zeit ganz andere Möglichkeiten. Da hätte ein U-Bahn-Schläger sich ganz offiziell beruflich ausleben können. Der hätte damit sogar Karriere gemacht, nicht wahr? Natürlich rege auch ich mich auf, wenn Jugendliche wahllos Menschen zusammenschlagen. Aber tun sowas nur Jugendliche? Was wird ihnen denn vorgelebt? Natürlich, die "schlechte Kindheit" und "der Ärmste, was er nur durchgemacht hat", wecken bei mir weder Mitgefühl noch eine Entschuldigung, denn jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Das ist moderne Gefühlsduselei, so eine Art Generalabsolution, da stimme ich Garfield sogar zu. Trotzdem glaube ich nicht, dass im Dritten Reich solche Verhaltensweisen obsolet waren. Sie wurden nur anders genutzt, in bestimmte Bahnen gelenkt.
Natürlich bin auch ich entrüstet, wenn solche Übergriffe von Jugendlichen mit "Migrationshintergrund" ausgehen. Aber verurteile ich damit alle Ausländer, so wie Garfield es gern tut? Klar, wer hier lebt und Leistungen kassiert, der hat sich anzupassen. Ich toleriere es nicht, wenn Menschen hierherkommen, aber nicht ankommen. Sich nicht einmal bemühen! Vielleicht sogar Deutschland und die Deutschen hassen! Hat man alles schon gehört, angeblich wird sogar genau das in bestimmten Moscheen gepredigt. Aber kann man deshalb alle Ausländer über einen Kamm scheren? Es gibt doch auch die anderen, die, die sich anpassen, die, die sich integrieren (lassen). Nicht jeder Türke in Berlin, lebt in einer türkischen Enklave und kann kein Deutsch. Garfields bester Freund stammt aus Rumänien. Die Familie ist perfekt integriert, sogar der Opa hat noch Deutsch gelernt, zu Hause wird Deutsch gesprochen. Garfield kennt das Paradebeispiel für Integration, vielleicht regt er sich deshalb so sehr über das andere Extrem auf. Aber kann man denn von anderen Menschen etwas erwarten, was man selbst nicht zu 100 Prozent erfüllt? Ich denke da an den viel zitierten deutschen Touristen, der durch Spanien stolziert und erwartet, dass alle Deutsch sprechen und ihm Eisbein servieren. Solange es diese Art Menschen in unserem Land gibt, können wir uns doch kaum über die türkische Oma beschweren, die in einem Berliner Viertel so lebt, als wäre sie noch in der Türkei.
Ich sage, ich bin weltoffen. Das ist meine politische Einstellung. Ich sage auch, dass man sich nicht von Vorurteilen leiten lassen darf und niemanden wegen seiner Herkunft, Hautfarbe etc. diskriminieren oder diffamieren. Natürlich habe auch ich Vorurteile, eine ganze Menge sogar. Schneidet uns auf der Autobahn ein polnisches Auto, habe ich eine entsprechende Bemerkung parat. Trotzdem bin ich die Erste, die sich über Vorurteile aufregt, wenn die Nachbarn nach dem Garageneinbruch sofort sagen: "Das waren die Polen." Inkonsequent, ja. Aber dazu stehe ich. Ich nehme mir heraus, da mitreden zu können, denn ich habe bereits im Ausland gelebt. In einer kleinen internationalen Enklave, einer künstlichen Blase, zwar, aber ich leite aus dieser Erfahrung mein Weltbild ab. Ich war selbst Ausländerin und ich hatte damals Kollegen und Freunde sämtlicher Hautfarben und sehr vieler Nationalitäten. Ich habe niemanden wegen seiner Herkunft vorverurteilt, sondern bin allen offen gegenüber getreten. So, wie sie mir.
Garfield sagt: "Leute aus südlicheren Gefilden sind faul. Wer den halben Tag Siesta hält, kann nicht vorankommen ergo sind die Leute selbst Schuld an ihrem Elend."
Ich sage: Stimmt, dort wird eine Mittagspause gehalten. Das ist klimatisch bedingt auch gut so. Faul sind diese Menschen aber nicht. Ich habe mit Spaniern, Italienern, Marokkanern etc. zusammengearbeitet und kann nicht behaupten, dass sie faul sind. Ich würde es eher entspannt nennen. Sie nehmen die Arbeit nicht ganz so wichtig. Das entspricht, nebenbei bemerkt, genau meiner eigenen Einstellung. Was mir aufgefallen ist: Der deutsche Ordnungssinn ist keine Legende. Ging es darum, seine Arbeit zu organisieren, zu planen, vorausschauend zu arbeiten, war ich immer die Frau der Stunde. "Die Anderen" (ausnahmslos alle) waren da eher chaotisch und dachten immer nur von einer Minute auf die andere. Das mag manchmal anstrengend sein und nervig, aber es ist bestimmt keine Faulheit. Denn gearbeitet haben all diese Kollegen genauso hart. Übrigens gehe ich hier nicht nur von mir aus. Diese Beobachtung haben so ziemlich alle meine deutschen Kollegen ebenfalls gemacht. Darf ich nun aus dieser Erfahrung heraus sagen, dass südlicher lebende Nationen sich weniger gut organisieren können? Ich denke schon. Ich glaube aber auch, dass es Ausnahmen gibt. Garfields Meinung dagegen fußt allein auf Vorurteilen, sowas kann ich gar nicht leiden.
Genauso, wenn er farbige Menschen mit dem N-Wort bezeichnet. Das klingt abwertend, und das ist oft auch so gemeint. Ein bekannter Rennfahrer ist für ihn "der Neger". Er kann ihn nicht leiden, weil er einfach furchtbar viel Glück hatte. Das missgönnt Garfield ihm, hätte er doch gern selbst diese Karriere hingelegt. In diesem Fall also eine klare Abwertung. Andererseits hatte Garfield in seinem Fußballverein auch einen dunkelhäutigen Spieler, mit dem kam er prima klar. Auch hier differenziert er also. Trotzdem schlucke ich, wenn er Sachen sagt, wie: "Die sehen alle gleich aus." oder "Da ist die Verwandtschaft zum Affen noch am deutlichsten zu sehen." Ich weiß, dass er mich mit solchen Äußerungen ärgern will, ich weiß, dass er da einiges von zu Hause mitbekommen hat und ich weiß, dass er es nicht so meint. Trotzdem will ich ihm dann eine reinhauen, denn ich hatte in Frankreich auch Freunde afrikanischen Ursprungs. Die beleidigt er in diesem Moment, auch wenn er einen Spaß macht. Ich verstehe da keinen Spaß, denn diese Sätze klingen mir einfach zu rechts. Konservativ? Dass ich nicht lache! Ja, auch ich finde, dass der amerikanische Präsident ein überbewerteter und überschätzter Messiasverschnitt ist. Das hat aber nichts mit seiner Hautfarbe zu tun. Ganz ehrlich, ich finde es eigentlich peinlich und blöd, dass man damals so abgefeiert hat, weil "ein Schwarzer" Präsident wurde. In einer wirklich toleranten Welt, wäre seine Hautfarbe völlig bedeutungslos gewesen. Darum so einen Hype zu machen, zeugt schon wieder von einer gehörigen Portion Rassismus.
Thema Israel bzw. Juden: Garfield ist der festen Überzeugung, das "Weltjudentum" hätte die eigentliche Macht. Denke da nur ich an einen gewissen Österreicher? Ich gehe ja mit Garfield mit und sage auch, dass das, was Israel im Nahen Osten abzieht, alles andere als ok ist. Und ich frage mich auch, warum keiner etwas dagegen tut. Garfield hat seine ganze eigene Erklärung - siehe oben. Ich denke: Wenn man jahrhundertelang verfolgt und angegriffen wurde, entwickelt man sicher eine gewisse Sturheit in Bezug auf das eigene Handeln. Man sieht sich im Recht, auch wenn das Unrecht so offensichtlich ist. Kampfhubschrauber gegen Kindergärten? Da schreie ich innerlich auf. Wie kann man nur so verbohrt sein? Wie kann mein Heimatland sowas auch noch unterstützen? Der Konflikt "da unten" ist nicht lösbar, denn keine Partei wird jemals klein beigeben. Beide haben Recht und auch Unrecht, ich habe Verständnis für beide Seiten. Wofür ich kein Verständnis habe: Dass die eine Seite in allem unterstützt wird, dass ein ganzes Land, eine ganze Welt , buckelt. Kann man als Deutscher offen sagen, dass man Israels Politik sehr fragwürdig findet, ohne in die rechte Schublade gesteckt zu werden? Nein. Immer noch nicht. Ich glaube, das ist es, was Garfield am meisten ärgert. Dieses kollektive Schuldbewußtsein, welches ein ganzes Land daran hindert, offen seine Meinung zu sagen. Garfield ist der Meinung, als Deutscher müsse er sich immer verteidigen, wäre immer der Dumme. Und müsse vor "den Juden" zu Kreuze kriechen. Ich sage: So ist es nicht. Während meiner Zeit in Frankreich wurde ich nie darauf angesprochen, musste mich auch nie dafür entschuldigen, Deutsche zu sein. Das Einzige, wofür sich die Menschen vielleicht mal interessiert haben, war die Wiedervereinigung. Kein Wort über Hitler, kein Wort über Nazis. Darüber hinaus hatte ich eine jüdische Kollegin. Esthers Familie stammte aus Lybien und war irgendwann nach Italien gegangen. Esther war/ist der netteste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der anderen Menschen so vorurteilsfrei, so offen, so völlig ohne Argwohn gegenübertritt. Nein, Garfield, es sind nicht alle Juden rechthaberische, sture Besserwisser! Nur weil dieser Staat nach außen so auftritt, kann man doch nicht davon ausgehen, dass alle hinter dieser Politik stehen! Du willst doch auch nicht als Deutscher in eine bestimmte Schublade gesteckt werden!
Garfield sagt, ich bin links. Sehr weit links. Nun ja, wenn er das so sieht. Ich weiß immerhin, dass ich einige linke Ideen gut finde. Allerdings ist mir durchaus bewußt, dass diese Ideen Utopien sind und nicht verwirklicht werden können. So sind die Menschen einfach nicht. Gleichheit? Ein tolles Ideal, aber niemals erreichbar, weil jeder Mensch erst einmal sein eigenes Vorankommen im Blick hat. Da gebe ich Garfield sogar recht: Jeder Mensch denkt in erste Linie an sich selbst, auch wenn er es nicht zugeben will.
Was mich so sehr stört: Garfield kann stundenlang über Deutschland wettern. Er regt sich über die Politiker auf, über die Wirtschaft, über alles. Ich kenne diese Litanei inzwischen. Ich frage dann: Wenn Dir so wenig an diesem Land liegt, warum regst Du dich dann auf? Mir würde es nie einfallen, mich über diese Dinge zu echauffieren. Ganz im Gegenteil. Gefällt es mir hier nicht, gehe ich halt woanders hin, sobald das möglich ist. Wenn Garfield national denkt, denke ich international. Oder überhaupt nicht in Nationen. Mir persönlich ist es völlig egal, in welchem Land ich lebe, solange mir mein Leben dort gefällt. Im Moment lebe ich in Deutschland - reiner Zufall. Wer weiß, wo ich in ein paar Jahren leben werde? Für mich gilt nur ein Grundsatz: Ich passe mich dem Land, in dem ich lebe, an. Ich bin kein Patriot, ganz und gar nicht. Ich finde, dieses Land hat gute Seiten, aber auch schlechte. Ich schäme mich nicht für seine Geschichte, bin aber auch nicht stolz auf irgendwelche Leistungen. Für mich ist es ein Land, wie jedes andere. Rein zufällig mein Heimatland. Und ja, ich nehme die Vorteile, die es mir bietet (Sozialleistungen) gern an. Und schäme mich dafür nur ein ganz kleines bißchen. Lieber wäre es mir, ich bräuchte diese Vorteile nicht, aber ich bin sehr glücklich darüber, dass es sie gibt. Vielleicht bin ich genauso ein Schmarotzer, wie Menschen aus anderen Ländern, die hierher kommen, nur um Leistungen zu beziehen, die sie zu Hause nicht bekommen. Vielleicht. Ich glaube aber, würde ich, sagen wir mal, in der Karibik auf einer schönen Insel leben und hätte das Meer vor der Tür, fände ich das genauso toll, wie das sichere deutsche Sozialsystem. Blöder Vergleich, naiv, aber ich wollte nur ausdrücken, dass jedes Land, jede Lebenssituation, ihre Vorteile hat, die man natürlich nutzt. Man wäre ja schön blöd, würde man es nicht tun.
Was ist nun also mit der Beziehung und den politischen Meinungsverschiedenheiten? Ich bin das weltoffene, umweltbewußte, sich leicht nach links lehnende Dummchen. Keine Ahnung von Politik, kann nicht wirklich mitreden, hat aber seine eigene Meinung. Auf der anderen Seite ein hochintelligenter junger Mann, enttäuscht vom Leben, ausgestattet mit Stammtischparolen. Ja, so ist es leider. Der große Vorteil: Garfield lässt mir meine Meinung, er versucht nicht, mich zu überzeugen. Wir diskutieren, das macht ihm Spass. Immerhin suggeriert ihm das, dass er mit einer gebildeten Frau zusammen ist, mit der er sich auf gleicher Ebene trifft. Und noch ein Vorteil: Im Gegensatz zu meinen Überzeugungen, fußen seine nicht auf persönlichen Erfahrungen. Er ist also durchaus lernfähig. Ein Jahr im Ausland, und er wird ganz anders denken. Soweit die Theorie...