Paris... s'éveille
Hach, bei dem schönen Wetter gestern wurden Erinnerungen wach. Damals, die ersten Frühlingstage in Frankreich...
... Das Winterwetter in der Gegend um Paris ist so richtig sch***, muss man wissen. Es regnet eigentlich ständig, und wenn nicht, ist es trotzdem irgendwie feucht. Außerdem ändert sich das Wetter im Minutentakt. Man kann aufwachen, rausgucken: Sonne scheint. Eine Stunde später geht man zum Bus: es schifft "comme la vache qui pisse". So richtig kalt ist es auch nicht, nur eben meistens bewölkt und nass. Um so mehr freut man sich über den Frühling, der dort recht früh Einzug hält. Anfang Februar hatten wir die ersten sonnigen Tage, an denen man schon keine Winterjacke mehr brauchte. Ein dicker Pulli reichte. War das schön! Die ersten Blüten an den Bäumen, Frühblüher guckten aus der Erde, die Vögel zwitscherten.
Ich erinnere mich an den Valentinstag damals: Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel herunter und meine Mitbewohnerin und mich hielt es (trotz Spätschicht) nicht mehr im Bett und vor allem nicht drinnen. Wir machten vor der Arbeit also einen Ausflug ins Outlet-Village - ganz schniekes Ding! Mitbewohnerin deckte sich mit Klamotten ein, ich erstand einen Pulli, auf den ich schon länger geschielt hatte. Wir assen ein Eis, saßen in der Sonne. Es war einfach herrlich! Ich erinnere mich an dieses Gefühl, als wäre es gestern gewesen. Danach ging's zur Arbeit, wo mir mein Kollege eine Rose schenkte und gestand, dass er sich in mich verliebt hatte... Ok, das war im Nachhinein betrachtet nicht so toll, aber trotzdem war es ein sehr schöner Tag.
Oder ein Jahr später, bei meinem zweiten Aufenthalt. Wieder kam der Frühling sehr früh und die Sonne weckte meine Unternehmungslust. Ich arbeitete beim "Dinner" und damit immer abends. Meine Schicht begann jeden Tag halb fünf und endete halb eins. Nach der Arbeit musste man erstmal runterkommen, also saß ich meist noch eine Weile im Wohnzimmer und las, bevor ich ins Bett ging. Oder aber ich verbrachte noch zwei Stunden bei meinem Kollegen Flo, wo wir DVDs guckten, oder eben die Winterolympiade. Wenn man erst zwischen drei und vier, oder noch später, ins Bett geht, steht man natürlich nicht vor zwölf auf. Man verschläft die erste Hälfte des Tages komplett, quält sich irgendwann gegen zwei doch raus, frühstückt in Ruhe, macht sich für die Arbeit fertig und nimmt halb vier den Bus. Wenn noch Zeit ist, macht man vielleicht noch die Wäsche oder räumt ein bißchen auf oder putzt das Bad, aber das war's schon. Weil meine Mitbewohnerinnen jeden Abend groß kochten, wusch ich meistens auch am nächsten Tag ab. Sie ließen immer alles stehen und ich konnte das nicht leiden. So plätscherte der Winter dahin, entweder ich schlief oder ich war arbeiten.
Dann aber kam die Sonne und mit ihr die Lust auf mehr. Dank Ostfenster weckten mich die Sonnenstrahlen schon vormittags und ich sprang aus dem Bett. Das Aufstehen war eine Freude, keine Qual, wie sonst immer. Ich zog mich an und machte mich auf den Weg zum Supermarkt. Zwanzig Minuten Fußmarsch bei schönstem Wetter. Dort angekommen, kaufte ich ein warmes, duftendes Baguette, "eingepackt" nur mit einer Serviette, damit man es tragen konnte. Wieder zuhause gab es dann frisches Baguette mit Nutella zum Frühstück. Das ist ohnehin unglaublich lecker, aber wenn man vorher schon ein Stündchen an der frischen Luft war, schmeckt es nochmal so gut. Hmmm... was gäbe ich für ein original französisches Bäcker-Baguette... Wenn ich so früh aufstand, hatte ich vor der Arbeit natürlich viel mehr Zeit für andere Dinge. Ich konnte ein bißchen durch die Geschäfte bummeln, Freunde bei der Arbeit besuchen, draußen sitzen, die Sonne genießen und die Gäste beobachten. Wenn ich frei hatte, konnte ich das den ganzen Tag machen und mir nachmittags eine heiße Schokolade (mit Sahne und Schokostreuseln und Schokostange!) und einen Cookie gönnen. Das machte ich im ersten Jahr oft mit meiner Mitbewohnerin. Wir fuhren Achterbahn, bis wir nicht mehr konnten, sahen uns die Shows zum hunderttausendsten Mal an, bestaunten wiedermal die Parade und lachten über die Gäste. Kamen wir früher aus dem Bett, fuhren wir nach Paris. Die Stadt hat unglaublich schöne Parks, die wir in der Frühlingssonne erforschten. Wir spazierten durch die Stadt, entdeckten süße kleine Läden, bestaunten die Sehenswürdigkeiten, saßen auf einer Bank und genehmigten uns einen "Fraîcheur"*. Im zweiten Jahr war ich meist allein unterwegs, denn meine Mitbewohnerinnen hatten ganz andere Arbeitszeiten und andere freie Tage. So machte ich Paris allein unsicher, was auch sehr schön ist. Man kann dort soviel entdecken und hat trotzdem längst nicht alles gesehen.
Ganz ehrlich, diese Zeit war noch viel schöner als der Sommer! Sollte hier jemand planen, mal nach Paris zu fahren: Fahrt im Frühling!!!
*Es gibt in Frankreich eine Bäckerkette namens "Chez Paul". Normalerweise esse ich keine belegten Brötchen beim Bäcker, aber die haben ein vegetarisches. Auf dem "Fraîcheur" ist Ei und eine leckere Remoulade und Salat und Tomate. Dazu ist das Brötchen selbst wahnsinnig lecker. Knusprig und locker und irgendwie herzhaft. Ich sterbe für so einen kleinen Erfrischer! Leider sind die oft ausverkauft und es gibt sie nicht in jeder Filiale.
