Mein erstes Mal...
Jetzt muss noch ein zweiter Eintrag her, denn ich muss von gestern abend erzählen. Da hatte ich - Achtung! - eine Telefonkonferenz! Die erste meines Lebens!
Rückblick:
Vor einigen Wochen erreichte mich eine Mail von einer ehemaligen Mitschülerin, nennen wir sie Vicky. Vicky war aufgefallen, dass unsere Abiturzeugnisse in diesem Jahr zehn Jahre alt werden und schlug deshalb vor, ein Treffen zu organisieren. Gute Idee! In einem ersten Anflug von Aktionismus hatte Vicky sogar schon einen Fragebogen erstellt, den sie nun fleißig an alle ehemaligen Mitschüler verschickte. Ich glaube, Vicky macht sowas öfter: Dinge organisieren. Der Verdacht drängte sich mir im Laufe der Zeit immer wieder auf. In dem Fragebogen gab es eine Frage: Würdest Du dich an der Organisation eines Treffens beteiligen? Aus einer Laune heraus antwortete ich mit ja. Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Wahrscheinlich das schlechte Gewissen. Ich habe in der Schule nie bei irgendwas wirklich mitgemacht. Ich war nie Klassensprecher, habe nie irgendwas organisiert, höchstens mal 'nen Kuchen gebacken für einen Basar. Trotzdem war ich immer eine der ersten, die gemeckert hat. Ja, ich schäme mich. So war das auch beim Abiball. Der war jetzt nicht so toll. Die Organisation lief damals ohnehin sehr seltsam, man bekam kaum was mit und irgendwie hatte man auch den Eindruck, "die" wollten gar keine Hilfe. Dabei hätte ich mich damals mit Freuden in die Arbeit gestürzt. Jedenfalls verfolgt mich dieses schlechte Gewissen, nie etwas getan zu haben. Und dann bin ich ja momentan ohne Arbeit und hätte damit, im Gegensatz zu vielen anderen, Zeit. So landete ich also mit sechs anderen Leuten im ORGA-Team. Ich sagte ja schon, Vicky zieht das sehr professionell auf. Für die Kommunikation schlug sie Telefonkonferenzen vor, allerdings nicht über das Telefon, sondern über s*kype. Die Tele*kom lässt sich sowas ja teuer bezahlen, während es über's Internet gratis ist. Gestern nun fand das erste virtuelle Treffen des ORGA-Teams statt.
Ich hatte noch nie eine Telefonkonferenz und war tierisch aufgeregt. Ich sollte mit Leuten sprechen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Ich fühlte mich wahnsinnig wichtig. Wie oft wollte ich schon sagen: "Schatz, kannst du bitte die Küche verlassen, ich habe gleich eine TELEFONKONFERENZ." Garfield lachte mich aus und meinte was von "overpowered". Kurz vorher war ich völlig fertig und fragte nur: "Wieso habe ich mich nur dafür gemeldet? Warum hast du mich nicht davon abgehalten???" Garfield lachte weiter und starrte gespannt auf meinen Bildschirm, als ich mich bei s*kype einloggte. Nur zur Erinnerung: Ich hatte gerade erst von dem Vorstellungsgespräch am nächsten Tag erfahren und war deshalb ohnehin nervös. Meine Gedanken waren einfach ganz woanders, ich hatte null Bock auf dieses Meeting. Aber kneifen war nicht.
Punkt acht klingelte dann auch das virtuelle Telefon. Natürlich klappte zuerst nichts. Entweder es waren nicht alle drin, im Gespräch, oder die Sprachqualität war schlecht. Mich hörte man zuerst sehr verzögert. Ich überlegte kurz und ging dann ins Wohnzimmer. Ich wollte lieber über das Kabel ins Netz gehen, denn die Bandbreite ist dann doppelt so hoch wie über das Funknetz. Das hieß im Klartext: Netbook ausschalten, ins Wohnzimmer gehen, Kabel aus dem PC und in das Netbook friemeln, Netbook mit Strom versorgen und wieder einschalten, anmelden, bei s*kype einloggen. Als ich das tat, bemerkte ich, dass der Esel noch an war. Äh... ja. Kein Wunder, dass die Verbindung so langsam gewesen war. Ohne Esel ging es natürlich ohne Probleme, das Meeting konnte also beginnen.
Ich fühlte mich zurückversetzt. Um genau 10,11,12 Jahre. Politik-Unterricht. Vicky war in meinem Kurs und nicht so gut. Wir hatten diesen tollen Lehrer, der zwar selbstverliebt war ohne Ende, dafür aber auch richtig Ahnung hatte. Er unterrichtete gänzlich ohne Unterlagen, erzählte und erzählte, und wir schrieben fleißig mit. Der gute Mann nahm seinen Job sehr ernst, den "Erdkundlern" auch etwas Geschichte zu vermitteln. Vicky war eine von den "Erdkundlern" und hatte Geschichte nicht ohne Grund abgewählt. Nun also saß sie im Kurs eines begeisterten Geschichts- und Politiklehrers und mußte darin auch noch Klausuren schreiben. Ich persönlich hatte schon immer ein gutes Gespür für Zusammenhänge und schrieb nur das Nötigste auf. Ich wußte instinktiv, was der Mann wollte und liebte seine Art des Unterrichtens. Vicky aber war völlig überfordert. Ihr Stift glühte, sie schrieb Blatt um Blatt voll, sie fragte immer wieder nach. Ich glaube, aus Angst etwas zu verpassen, schrieb Vicky Wort für Wort mit. Vickys Nachfragen wurden zum Running Gag. Gestern abend im s*kype nun traf ich genau diese Vicky wieder. Sie war perfekt vorbereitet! Ich glaube sogar, sie hat sich alles, was sie sagen wollte, vorher genau aufgeschrieben. Den Eindruck hatte ich zumindest manchmal.
Das Gespräch lief super, dank s*kype. Das ist 'ne echte Alternative! Zuerst war ich verwirrt, denn aus meinem Computer schallten mir drei Mädchenstimmen entgegen, alle mit dem gleichen Heimatdialekt. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass man sehen kann, wer gerade spricht. Das jeweilige Anzeigebild flackert dann. Sehr clever, dieses s*kype! Wir alberten viel rum, konnten aber trotzdem einiges besprechen. Wir haben die Termine eingegrenzt, genauso wie die Veranstaltungsorte, und Aufgaben verteilt. Meine Aufgaben sind bescheiden: Ich frage in der Familie nach wegen des Caterings und ich haue meinen Bruder an, ob er für uns den Barkeeper machen würde. Ich denke, das bekomme ich hin, bis zur nächsten TELEFONKONFERENZ. Gott, ich liebe dieses Wort! Es klingt so unglaublich wichtig(tuerisch).
Fazit: Spaß hat es gemacht, gestern abend. Erste Berührungsängste verflogen überraschend schnell und trotz mangelnder Vorbereitung hatte auch ich einiges beizutragen. Ich glaube, ich bin ganz froh, mich für dieses Team gemeldet zu haben.
