Mission Prinz

03.03.2010 um 14:31 Uhr

Mein erstes Mal...

Jetzt muss noch ein zweiter Eintrag her, denn ich muss von gestern abend erzählen. Da hatte ich - Achtung! - eine Telefonkonferenz! Die erste meines Lebens!

Rückblick:

Vor einigen Wochen erreichte mich eine Mail von einer ehemaligen Mitschülerin, nennen wir sie Vicky. Vicky war aufgefallen, dass unsere Abiturzeugnisse in diesem Jahr zehn Jahre alt werden und schlug deshalb vor, ein Treffen zu organisieren. Gute Idee! In einem ersten Anflug von Aktionismus hatte Vicky sogar schon einen Fragebogen erstellt, den sie nun fleißig an alle ehemaligen Mitschüler verschickte. Ich glaube, Vicky macht sowas öfter: Dinge organisieren. Der Verdacht drängte sich mir im Laufe der Zeit immer wieder auf. In dem Fragebogen gab es eine Frage: Würdest Du dich an der Organisation eines Treffens beteiligen? Aus einer Laune heraus antwortete ich mit ja. Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Wahrscheinlich das schlechte Gewissen. Ich habe in der Schule nie bei irgendwas wirklich mitgemacht. Ich war nie Klassensprecher, habe nie irgendwas organisiert, höchstens mal 'nen Kuchen gebacken für einen Basar. Trotzdem war ich immer eine der ersten, die gemeckert hat. Ja, ich schäme mich. So war das auch beim Abiball. Der war jetzt nicht so toll. Die Organisation lief damals ohnehin sehr seltsam, man bekam kaum was mit und irgendwie hatte man auch den Eindruck, "die" wollten gar keine Hilfe. Dabei hätte ich mich damals mit Freuden in die Arbeit gestürzt. Jedenfalls verfolgt mich dieses schlechte Gewissen, nie etwas getan zu haben. Und dann bin ich ja momentan ohne Arbeit und hätte damit, im Gegensatz zu vielen anderen, Zeit. So landete ich also mit sechs anderen Leuten im ORGA-Team. Ich sagte ja schon, Vicky zieht das sehr professionell auf. Für die Kommunikation schlug sie Telefonkonferenzen vor, allerdings nicht über das Telefon, sondern über s*kype. Die Tele*kom lässt sich sowas ja teuer bezahlen, während es über's Internet gratis ist. Gestern nun fand das erste virtuelle Treffen des ORGA-Teams statt.

Ich hatte noch nie eine Telefonkonferenz und war tierisch aufgeregt. Ich sollte mit Leuten sprechen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Ich fühlte mich wahnsinnig wichtig. Wie oft wollte ich schon sagen: "Schatz, kannst du bitte die Küche verlassen, ich habe gleich eine TELEFONKONFERENZ." Garfield lachte mich aus und meinte was von "overpowered". Kurz vorher war ich völlig fertig und fragte nur: "Wieso habe ich mich nur dafür gemeldet? Warum hast du mich nicht davon abgehalten???" Garfield lachte weiter und starrte gespannt auf meinen Bildschirm, als ich mich bei s*kype einloggte. Nur zur Erinnerung: Ich hatte gerade erst von dem Vorstellungsgespräch am nächsten Tag erfahren und war deshalb ohnehin nervös. Meine Gedanken waren einfach ganz woanders, ich hatte null Bock auf dieses Meeting. Aber kneifen war nicht.

Punkt acht klingelte dann auch das virtuelle Telefon. Natürlich klappte zuerst nichts. Entweder es waren nicht alle drin, im Gespräch, oder die Sprachqualität war schlecht. Mich hörte man zuerst sehr verzögert. Ich überlegte kurz und ging dann ins Wohnzimmer. Ich wollte lieber über das Kabel ins Netz gehen, denn die Bandbreite ist dann doppelt so hoch wie über das Funknetz. Das hieß im Klartext: Netbook ausschalten, ins Wohnzimmer gehen, Kabel aus dem PC und in das Netbook friemeln, Netbook mit Strom versorgen und wieder einschalten, anmelden, bei s*kype einloggen. Als ich das tat, bemerkte ich, dass der Esel noch an war. Äh... ja. Kein Wunder, dass die Verbindung so langsam gewesen war. Ohne Esel ging es natürlich ohne Probleme, das Meeting konnte also beginnen.

Ich fühlte mich zurückversetzt. Um genau 10,11,12 Jahre. Politik-Unterricht. Vicky war in meinem Kurs und nicht so gut. Wir hatten diesen tollen Lehrer, der zwar selbstverliebt war ohne Ende, dafür aber auch richtig Ahnung hatte. Er unterrichtete gänzlich ohne Unterlagen, erzählte und erzählte, und wir schrieben fleißig mit. Der gute Mann nahm seinen Job sehr ernst, den "Erdkundlern" auch etwas Geschichte zu vermitteln. Vicky war eine von den "Erdkundlern" und hatte Geschichte nicht ohne Grund abgewählt. Nun also saß sie im Kurs eines begeisterten Geschichts- und Politiklehrers und mußte darin auch noch Klausuren schreiben. Ich persönlich hatte schon immer ein gutes Gespür für Zusammenhänge und schrieb nur das Nötigste auf. Ich wußte instinktiv, was der Mann wollte und liebte seine Art des Unterrichtens. Vicky aber war völlig überfordert. Ihr Stift glühte, sie schrieb Blatt um Blatt voll, sie fragte immer wieder nach. Ich glaube, aus Angst etwas zu verpassen, schrieb Vicky Wort für Wort mit. Vickys Nachfragen wurden zum Running Gag. Gestern abend im s*kype nun traf ich genau diese Vicky wieder. Sie war perfekt vorbereitet! Ich glaube sogar, sie hat sich alles, was sie sagen wollte, vorher genau aufgeschrieben. Den Eindruck hatte ich zumindest manchmal.

Das Gespräch lief super, dank s*kype. Das ist 'ne echte Alternative! Zuerst war ich verwirrt, denn aus meinem Computer schallten mir drei Mädchenstimmen entgegen, alle mit dem gleichen Heimatdialekt. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass man sehen kann, wer gerade spricht. Das jeweilige Anzeigebild flackert dann. Sehr clever, dieses s*kype! Wir alberten viel rum, konnten aber trotzdem einiges besprechen. Wir haben die Termine eingegrenzt, genauso wie die Veranstaltungsorte, und Aufgaben verteilt. Meine Aufgaben sind bescheiden: Ich frage in der Familie nach wegen des Caterings und ich haue meinen Bruder an, ob er für uns den Barkeeper machen würde. Ich denke, das bekomme ich hin, bis zur nächsten TELEFONKONFERENZ. Gott, ich liebe dieses Wort! Es klingt so unglaublich wichtig(tuerisch).

Fazit: Spaß hat es gemacht, gestern abend. Erste Berührungsängste verflogen überraschend schnell und trotz mangelnder Vorbereitung hatte auch ich einiges beizutragen. Ich glaube, ich bin ganz froh, mich für dieses Team gemeldet zu haben.

03.03.2010 um 13:41 Uhr

Nach Hause kommen...

Genau so hat es sich angefühlt, das Vorstellungsgespräch. Als würde ich nach Hause kommen. Doch von vorn:

Gestern abend habe ich natürlich noch recherchiert. Jeden Tag 140km mit dem Auto? Mit DEM Auto, diesem Säufer? Nie im Leben! Und jeden Morgen Stau auf der Strecke? Das höre ich ja seit Oktober täglich im Radio. Es gibt also einiges, was für die Öffentlichen spricht. Es ist nicht so stressig, geht fast genauso schnell und ist wirklich - Überraschung - billiger. Und machbar, wie ich hocherfreut feststellte. Ich brauche gute 10 Minuten mit dem Auto zum Bahnhof, steige dort in den Zug, nehme danach kurz die U-Bahn und noch den Bus (Oder auch ohne Bus, dann laufe ich ein Stückchen.), schon bin ich da. Wirklich keine große Sache.  Natürlich: Als ich mir das auf der Seite der Bahn mal vorrechnen ließ, bekam ich erstmal große Augen. Da würde jeden Monat ein Viertel meines Gehaltes allein für die Fahrt draufgehen. Garfield rechnete mir aber vor: Mit dem Auto würde es das Doppelte kosten. Und das ist nur der Sprit! Steuern und Versicherung bezahlt ja der nette Mann, mit dem ich zusammenwohne. Trotzdem bekam ich erstmal einen Schreck und sah meine Felle davon schwimmen. Fahrtkosten, Krankenkasse - was bleibt da noch vom Gehalt? Zum Glück habe ich einen Mann zuhause, der Sachen sagt wie: "Mach' dir über die Fahrtkosten mal keine Sorgen. Dann bezahlst du eben in der Zeit kein Haushaltsgeld." oder auch: "Ein Praktikum ist ja nicht zum Geldverdienen gedacht, sondern um etwas zu lernen!". Schön auch: "Du machst das schon!". Ja, Garfield schien irgendwie fest davon überzeugt, dass ich das schon wuppe. Irgendwo hatte er auch Recht, denn es war sowas wie ein Heimspiel.

Natürlich konnte ich nachts kaum schlafen, so aufgeregt war ich. Weil ich die doppelte Zeit für die Anfahrt einplante (Staugefahr!), stand ich zusammen mit Garfield auf und wir konnten mal wieder zusammen frühstücken. Die Strecke hatte ich mir natürlich gestern rausgesucht. Ich habe kein Navi, mein Navi heißt "Googlemaps und Zettel". Mit dem System habe ich bisher alles gefunden. Die Strecke war also schriftlich festgehalten und auch im Kopf gespeichert. Eigentlich ganz einfach, fast nur Autobahn, kein Durch-die-Stadt-irren. Ich machte mich also entspannt fertig und fuhr pünktlich los. Kurz vorher hatte mir Garfield eröffnet, dass ich noch tanken müsste. Ah ja... Ich hatte gedacht, es reicht noch. Also noch mehr Zeit einplanen. An der Tanke die ersten Hürden: Ich bekam den Tankdeckel zuerst nicht auf. Der geht ohnehin schwer und meine Hände waren so erfroren. Dann funktionierte meine ec-Karte zunächst nicht. Ich zweifelte schon, ob ich mich vielleicht in der Nummer geirrt hatte, dann ging es doch. Ab auf die Autobahn - absolut im Zeitplan. Dann: Ach du Sch***! Dicker Nebel, so dass man die Schilder quasi erst lesen konnte, wenn man drunter durchfuhr. Na Klasse! Die Fahrt verlief trotzdem problemlos, denn der Nebel lichtete sich just in dem Moment, als ich die bekannte Strecke verließ und wirklich auf die Schilder angewiesen war. Im CD-Player lag Power-Musik: der Fuchspeter. Auf der Autobahn absolut perfekt, diese Bässe! Singend und hibbelnd, mit diesem furchtbar nervösen Kribbeln im Bauch, erreichte ich mein Ziel. Planmäßig und 45 Minuten zu früh. Wider Erwarten fand ich sogar einen Parkplatz, wartete noch eine Weile im Auto, schrieb meine Fragen auf und ging dann rein.

Ich kam nach Hause. Überall Mäuse und Mitarbeiter mit IDs. Es war, als wäre ich nie weggewesen. Ich bekam von einer sehr netten Rezeptionistin einen Besucherausweis und gab dann endlich einem dringenden Bedürfnis nach. Dass mein Körper aber auch immer so nervös ist... Dann hieß es warten, denn ich war zu früh und meine potentielle Chefin in spe hatte noch zu tun. Ich bekam etwas zu trinken, einen Keks (Finde ich echt klasse, diesen Service!) und konnte mir viele Mitarbeiter angucken, die so ein- und ausgingen. Die wirkten alle sehr sympathisch, Atmosphäre und Dresscode schienen auch entspannt. Dann kam Susi Sonnenschein um die Ecke. Ich nenne sie jetzt mal so, denn sie war blond und nett und strahlte immerzu. Wir bekamen unseren eigenen kleinen Konferenzraum, es gab Getränke und Süßigkeiten. Natürlich griff ich NICHT zu, denn was gibt es Schlimmeres, als mit Schokolade auf den Zähnen zu erzählen, warum man für diesen Job so toll ist? Susi wollte von mir nochmal meinen Lebenslauf erzählt haben, und schien ganz interessiert und zufrieden. Dann erzählte sie von ihrem Job. Und meinem potentiellen. Da schaute sie manchmal ganz traurig. Ich merkte, dass sie diesen Job liebt und mit ganzem Herzen dahinter steht. Und ich? Ich war begeistert! Kurz gesagt: Die tun da Gutes. Sehr viel Gutes. Für Kinder. Kranke Kinder, benachteiligte Kinder, arme Kinder. Das ist bestimmt oft sehr traurig und geht an die Substanz. Aber ich glaube auch, dass es eine zutiefst befriedigende Tätigkeit ist. Es wäre perfekt, perfekt für mich. Garfield ärgert mich immer und macht sich über mich lustig, weil ich so eine kleine Weltverbesserin bin. Weil ich glaube, die Welt durch meine Handlungen ein Stückchen besser machen zu können. Wenn ich zum Beispiel sage, ich möchte eine Patenschaft für ein Kind in Afrika oder Südamerika übernehmen, dann sagt er, das wäre sinnlos. Er glaubt nicht, dass das Geld überhaupt ankommt, jedenfalls nicht dort, wo ich es gern hätte. Garfield meint, man würde nur das korrupte System dort unten unterstützen, aber nichts zum Positiven verändern. Nun ja, das ist seine Meinung. Ich denke da anders, auch wenn das naiv und weltfremd sein mag. Genau diese Naivität und Weltfremdheit könnte ich nun aber zu meinem Job machen. Und das würde ich so, so gern!

Susi verabschiedete sich nach einer dreiviertel Stunde und etwas Smalltalk. Ich denke, wir waren uns sympathisch. Ich hoffe, ich konnte sie davon überzeugen, wie gern ich ihr bei ihrer Arbeit helfen würde. Sie hat noch ein paar Gespräche und will nächste Woche anrufen. Jetzt heißt es also nochmal eine Woche, Zittern und Daumen drücken. Ich gab meinen Ausweis wieder ab und trat hinaus in die Sonne. Überall nebelte es, aber über diesem kleinen Stückchen Welt war der Himmel blau und die Sonne strahlte. Ein gutes Zeichen. Im Auto rief ich erstmal Garfield an und schwärmte von dem Gespräch. Natürlich, sein Ding wäre das nicht. Aber er freut sich für mich und drückt die Daumen. Auch wenn es finanziell nicht der große Wurf wäre. Nicht mal ein kleiner, denn ich würde kein bißchen besser dastehen als jetzt. Aber sehr viel zufriedener, und das ist es, was zählt. Zum Glück habe ich einen "Versorger" gefunden, der mich in allem unterstützt und Verantwortung übernimmt, auch wenn er das (noch) nicht müßte. Es ist gut, zu wissen, dass ich finanziell nicht völlig auf mich allein gestellt bin. Klar, ein richtiger Job mit ordentlichem Gehalt wäre besser, aber: Es besteht immer die Chance, übernommen zu werden. Und: Die Branche ist auch in Deutschland im Kommen. Sagt Susi Sonnenschein. Und wenn nicht? In Amerika ist das ein Riesending. Und wollten wir nicht ohnehin irgendwann auswandern?

Oh man, wenn das klappen würde... Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt!