Zweifel...
Zu den Dingen, die man nach einem Vorstellungsgespräch nicht tun sollte, zählt: drüber nachdenken. Völlig sinnlos, verunsichert nur. Ändern kann man ja doch nix mehr, weil die Entscheidungsgewalt jetzt ganz woanders liegt. Man hat alles getan, jetzt kann man nur noch warten.
Was man auch nicht tun sollte: Im Nachhinein Ratschläge lesen. Nicht in bunten Prospekten des Jobcenters und auch nicht auf Stellensuchmaschinen. Dann fällt einem nämlich erst recht auf, was man alles falsch gemacht hat.
Da steht zum Beispiel: Reden Sie nicht nur von sich, halten Sie keine Monologe. Oh Gott. Ogottogottogott. Klar habe ich monologisiert! Susi Sonnenschein bat mich gleich am Anfang, meinen Lebenslauf zu erzählen. Das tat ich, ausführlichst. Susi meinte immerhin, das wäre "interessant". Aber das sagt man auch, wenn einem nix anderes einfällt und man den anderen stoppen will, oder? Oder? Besonders viel erzählte ich über meine frühere Tätigkeit für diese Firma. Ich schwärmte. Das ist gut, denn man soll im Nachhinein niemals schlecht über ehemalige Arbeitgeber reden. Schon gar nicht, wenn es sich um ein- und denselben Arbeitgeber handelt. Aber könnte Susi nicht den Eindruck gewonnen haben, ich will nur zurück, nur alte Gefühle wieder auffrischen? Könnte sie nicht denken, es ginge mir gar nicht um DIESEN Job, den sie da anbietet? Diesen Job, der ihr so sehr am Herzen liegt? Ohje...
Viel schlimmer: Ich habe fast keine Fragen gestellt. In der Broschüre, und auch sonst überall, steht: Wer keine Fragen stellt, wirkt uninteressiert. Wirkte ich uninteressiert? Ich hatte Fragen, ja. Habe sie mir vorher extra aufgeschrieben. Es waren genau drei: Wie ist das mit der Krankenkasse? Wie ist das mit dem Gehalt? Besteht die Chance auf spätere Übernahme? Alle drei Fragen haben absolut nix mit dem Job selbst zu tun und sind daher völlig unwichtig. Susi bat mich, Fragen zu stellen, oh ja! Mir fielen aber keine ein. Sie hatte ganz ausführlich erzählt, was sie in ihrem Job macht und was sie von ihrer Praktikantin erwartet. Da blieben einfach keine Fragen offen. Wirkte ich deshalb uninteressiert? Vielleicht hätte ich wenigstens mehr "Ah"s und "Oh"s einwerfen sollen? Ich habe mir relativ neutral angehört, was Susi so tut. Innerlich brodelte es zwar, ich war beeindruckt und berührt, aber nach außen hin blieb ich ruhig und hörte mir alles an. Einmal fragte ich nach. Ein einziges Mal! Hätte ich Susi sagen sollen, dass ich toll finde, was sie da macht? Hätte ich ihr sagen sollen, dass einen das bestimmt manchmal sehr mitnimmt? Hätte ich so gezeigt, dass ich emotional genauso nah an dem Thema bin wie sie? Habe ich ohne diese Bemerkung wie ein Eisklotz gewirkt? Hat man wenigstens in meinem Gesicht gesehen, wie sehr mich das alles beeindruckt? Immerhin habe ich Susi die ganze Zeit angeguckt und versucht, viel zu lächeln.
Dann steht da auch noch, man soll sein Interesse an der Tätigkeit zum Ausdruck bringen. So richtig. Habe ich das getan? Ich habe sehr oft gesagt "Das klingt toll." Oder auch: "Das würde ich wirklich gern machen." Gefühlte tausendmal sagte ich etwas in der Art. Sehr eloquent, Frau Maus, wirklich sehr geistreich! Susi muss mich doch für einen kompletten Trottel halten. Einen desinteressierten Trottel. Schlimmer noch: Einen desinteressierten, unfähigen Trottel. Habe ich überhaupt betont, warum ich auf den Job passe? Ja, ich habe erwähnt, dass ich ein Ordnungsfreak bin und man mir das Lager ohne Probleme anvertrauen könnte. Ich habe erzählt, dass ich solche Sachen schon immer gern gemacht habe. Natürlich habe ich nicht erwähnt, dass ich Kinder liebe und Hilfsprojekte unterstützen möchte, sobald ich das Geld dafür habe. Ich habe auch meine Walpatenschaft nicht erwähnt. Habe ich überhaupt irgendwie rübergebracht, dass ich ein sozial engagierter Mensch bin?
Verdammt! Da braucht jetzt nur jemand zu kommen, der noch studiert (Weniger Gehalt!), ehrenamtlich irgendwo arbeitet (Soziales Engagement!) und per Excel-Tabellen den Überblick über seine Bücher und CDs behält (Organisationstalent! Ordnung!), schon bin ich den Job los. Ich kann jetzt eigentlich nur noch darauf setzen, dass Susi mich vielleicht eventuell möglicherweise sympathisch fand. Das tun die meisten Menschen, soweit ich das beurteilen kann.
Man, wo ist denn nur der "Aus"-Knopf für dieses Gedankenkarussell? Ich kann doch jetzt eh' nix mehr ändern!
