Der Besuch
Meine Schwester hat uns letzte Woche besucht. Sie hatte ein paar Tage vorher gefragt, ob sie uns besuchen darf und ich habe in einem Anfall von sozialem Verhalten oder auch Stilldemenz "ja" gesagt. Ja, ich habe mich wirklich gefreut, dass uns mal jemand besucht. Aber ich habe auch vergessen, wie meine Schwester so drauf ist. Zu lange habe ich nicht mehr mit ihr unter einem Dach gewohnt.
Sie ist, O-Ton Garfield, "der mit Abstand schmutzigste Mensch, den er je getroffen hat." Und ich muss leider gestehen, dass er da nicht ganz Unrecht hat. Wenn nun also eine solche Person jemanden besucht, der bei den Themen Sauberkeit und Hygiene eher pingelig ist (Garfield), dann ist Ärger natürlich vorprogrammiert. Leider ist mir das erst später aufgefallen - da hatte ich schon laut "ja" gesagt.
Meine Schwester war noch nie der sauberste Mensch. Tägliches Duschen fand sie nie besonders nötig, jedenfalls nicht mehr seit der Pubertät. Damals musste man sie schon öfter darauf hinweisen, dass eine Dusche angebracht wäre, da sie doch etwas roch. Peinlich war ihr das komischerweise nie. Ich dachte, das hätte sich inzwischen mal geändert. Immerhin hatte sie schon diverse Beziehungen. Aber nein, Körperhygiene ist in ihrer Welt nach wie vor eine eher untergeordnete Sache. (Sie war als Backpacker in Südamerika und Indien unterwegs. Entweder hat ihr diese Einstellung dabei geholfen oder es wurde noch verschlimmert. Ich stelle mir solche Reisen jedenfalls als eher "unsauber" vor, wenn ihr versteht.) Wie oft sie nun genau duscht, weiß ich nicht, aber selten genug, um einen unangenehmen Duft zu verströmen. Sollte man ihr das sagen? Eigentlich sollte sie es selbst wissen, in ihrem Alter. Muss man einer 26-jährigen wirklich erklären, dass das bloße Abspülen mit Wasser (Ja, auch die Haare!) nicht reicht, wenn man vom Joggen verschwitzt ist???!!! Oder, dass es Klobürsten gibt und wie man sie benutzt? NIEMALS würde ich eine Toilette SO verlassen, wenn ich irgendwo zu Besuch bin. Nicht einmal allein zu Hause würde ich das tun. Meine Schwester hat noch nie allein gelebt, trotzdem offensichtlich noch nie eine Klobürste benutzt. Ich versteh's nicht... Wie kann man nur so ignorant sein?
Dann ist sie ein sehr schlampiger, unordentlicher Mensch. War sie schon immer. Leider nicht nur im Umgang mit ihren eigenen Sachen, sondern auch bei denen anderer Leute. Wenn man ihr etwas leiht, stehen die Chancen sehr gut, dass sie es entweder verbummelt oder kaputt macht oder einem wenigstens dreckig zurück gibt. Ich hatte und habe deshalb immer Bauchschmerzen, ihr irgendwas zu leihen. Und sei's nur ein T-Shirt. Ist das spießig? Ich gehe doch auch sorgsam mit dem Besitz anderer Menschen um! Ist das nicht ein Zeichen von Respekt? Nun ja, meiner Schwester scheinen solche Kleinigkeiten egal zu sein.
Wem sowas ganz und gar nicht egal ist, das ist Garfield. Der ist sehr darauf bedacht, dass seine Sachen ordentlich und sauber sind. Sein Schreibtisch, sein Bücherregal etc. Ich weiß das inzwischen und respektiere es, auch wenn ich oft finde, dass er übertreibt. Ich will ja auch, dass man sorgsam mit meinem Zeug umgeht. Nur hat eben jeder eine andere Toleranzgrenze bzw. definiert das Wort "sorgsam" unterschiedlich. Für meine Schwester bedeutet es "Ich zünde die geliehenen Klamotten nicht an und werfe den Laptop nicht aus dem Fenster.", für Garfield heißt es "Ich fasse die Dinge nicht mit schmutzigen Händen an."
Nun hat sich meine Schwester hier drei Tage lang benommen wie die Axt im Walde. Sie hat alles angetatscht, wobei ihre Hände nicht gerade die saubersten sind. Ich kann mir vorstellen, wie es in Garfield rumort hat. Er hat einmal mitbekommen, wie sie sich nach dem Klobesuch nicht die Hände gewaschen hat, seitdem geht er davon aus, dass sie das nie tut und ekelt sich quasi permanent. Und Dinge, die sie angefasst hat, müssen geputzt werden. Ich sehe das nun nicht ganz so eng, denn ich weiß ja: Als sie hier war, hat sie sich die Hände gewaschen. Was ich aber nicht leiden kann, ist ein dreckiges Bett oder eine schmutzige Couch. Wir laufen ja mit Schuhen durch den halben Flur, bevor wir sie ausziehen, deshalb tragen wir in der Wohnung Hausschuhe. (Und, weil der Boden kalt ist.) Ich gab auch meiner Schwester ein Paar und bat sie diese zu tragen. Mit der Begründung, dreckiger Boden etc. Was macht Schwesterlein? Ignoriert den Wunsch weitestgehend und läuft in Socken überall rum. Wischt damit den Badboden, sammelt den Dreck im Flur auf... Zweimal habe ich sie daran erinnert, doch bitte die Latschen anzuziehen, aber das ist offensichtlich viel zu viel verlangt. Ich erinnere mich schwach, dass meine Mutter da auch gegen Windmühlen kämpft. Naja, egal, sind ja ihre Socken, nicht aufregen. Wenn sie nicht dann mit genau diesen schmutzigen Socken auf unserem Bett rumlaufen würde! Und die Füße auf's Sofa nehmen! Ist es spießig, sowas eklig zu finden? Ich gehe doch auch nicht mit Schuhen auf anderer Leute Betten! Ich glaube, als er das gesehen hat, musste Garfield sich sehr zusammenreißen. Leider habe ich das nicht mitbekommen, sonst hätte ich bestimmt was gesagt...
Vielleicht auch nicht. Ich bin nämlich - das hat Garfield schon sehr gut erkannt - eine Lusche. Ich KANN Menschen sowas nicht sagen! Auf Kritik reagiere ich selbst sehr emotional, vielleicht habe ich deshalb solche Angst davor, Menschen mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren. Ich habe es also nicht geschafft, meine Schwester darauf hinzuweisen, dass es ein Gebot der Höflichkeit ist, sich an die "Hausregeln" zu halten und nicht alles (absichtlich) schmutzig zu machen. Man kann das Bett ja neu beziehen, das Sofa abwischen... Alles einfacher, als mal was zu sagen. Auch die Bremsspuren im Klo oder die Sache mit dem Hände waschen oder die Duschproblematik. Sollte man vielleicht mal ansprechen, würde meiner Schwester vielleicht einiges erleichtern, aber ich habe nicht den Mumm. Ist mir selbst viel zu peinlich, außerdem habe ich Angst, als Spießer abgestempelt zu werden, also halte ich lieber die Klappe. Und falle damit meinem Freund irgendwie in den Rücken, weil ich seine Wünsche und Vorlieben mit Füßen trete (Oder, besser: Treten lasse.). So sieht er das zumindest und ein bisschen hat er ja recht.
Ich habe es ja noch nicht mal geschafft, das Hände waschen bei meiner Familie anzusprechen. Ich weiß, dass die da eine recht laxe Einstellung haben. Nach dem Pinkeln? Muss nicht. Wenn man am Müll hantiert hat? Och, nö. Und Seife? Wird überbewertet. Ich selbst habe mich da ganz schön umgestellt, als ich anfing, in der Gastronomie zu arbeiten. Hygiene ist nunmal wichtig, auch zu Hause. Garfield bekommt diese Defizite natürlich mit, wenn wir da sind, und ekelt sich. Deshalb fühlt er sich dort auch nicht so wohl und mag gar nicht so gern hinfahren. Irgendwo verstehe ich ihn ja und hatte versprochen, das Problem anzusprechen. Ich hatte gehofft, das mit Hilfe des Babys auch zu schaffen. Einfach mal erwähnen, wie wichtig Hygiene im Umgang mit einem Säugling ist, dass man sich öfter die Hände waschen sollte etc. So hat Garfield das bei seinen Eltern gemacht. Hatte ich den Mumm? Nein. Lusche Rosa hat gekniffen und nix gesagt. Sehr zum Ärger ihres Freundes und sich selbst. Ich krieg's einfach nicht hin, obwohl es eigentlich selbstverständliche Dinge sind. Ich habe Angst, meine Familie vor den Kopf zu stoßen, als pingelig zu gelten, weil sie das doch schon immer so machen. Mich ärgert das ungemein, weil ich doch erstens möchte, dass sich mein Freund dort wohl fühlt und zweitens nicht so'n Weichei sein will. Ostern sind wir 'ne Woche dort, dann habe ich wieder die Gelegenheit. Hoffentlich nutze ich sie...

mein cousin ist auch so ein mensch, der das klo ohne einen blick zurück verlässt, wenn er das in meiner wohnung gemacht hat hab ich das auch angesprochen, das geht einfach nicht.. vielleicht mit einem etwas ironische unterton, aber trotzdem ernst genug!
Jeder Besuch sollte sich an Hausregeln halten. Basta!
My cup of tea:
Wir haben als Kinder Dreck gefressen, aus dem Bach getrunken und Sauerampfer aus dem Straßengraben gemampft. Wir hatten nie eine Erkältung oder sonstige Zipperlein.
Mein Bruder desinfiziert schon seit jeher ALLES, was mit dem goldenen Kind zu tun hat. Die nimmt jeden Virus mit, den sie bekommen kann.
Da ist irgendwo die goldene Mitte gefragt...
Wenn mir Besuch die Bude dreckig macht, fliegt er raus. Alles schon vorgekommen: Nach der dritten Aufforderung NICHT im stehen zu pinkeln, durfte der Herr gehen. Da schüttelt es mich heute noch. Ebenso der Gebrauch der Toilettenbürste. Börgs..
Bei uns kann man auch nicht vom Boden essen, das machen vier Katzen unmöglich, aber es ist sauber. Sorry, ich könnte Deine Schwester so nicht beherbergen. Da muss Dir mal die Klappe aufgehen, zumal sich dein Partner ja noch unwohler fühlt. Verpacks in Ironie -wie andrina dagt- aber ernst genug.
@ Pele: Huch, alles desinfiziert? Soweit kommt's noch... Ich sehe ja noch nicht mal ein, Fläschchen, Sauger, Milchpumpe etc. nach jedem Gebrauch zu sterilisieren. Das wird bei uns normal abgewaschen und höchstens alle zwei Wochen mal ausgekocht. Meine Brüste desinfiziere ich ja auch nicht, bevor Junior angedockt wird! Man kann's auch übertreiben, echt! Nur Klo-Hygiene etc. ist schon wichtig, denn so kleinen Mucks können viele Keime noch viel anhaben. Ist ja auch noch nicht geimpft, der Zwerg. Deshalb kommt das Dreck essen auch erst später ;-)
Ich glaube eh', dass das der letzte Besuch meiner Schwester bei uns war. Wir sind ihr viel zu langweilig... ;-) Aber ich muss dringend lernen, Dinge, die mich stören, anzusprechen. Habe Garfield jetzt versprochen, beim Osterbesuch zu Hause das Thema anzusprechen, aber er muss mich "treten".
Ich glaube wenn ich an dem Punkt ankommen sollte mich für meine eigene Familie und meinen Bruder und deren Hygiene zu schämen..
Kruzifix!
Das geht mal gar nicht!!!