Hochzeitsgeschichten
So, jetzt, beste Hochzeit ever.
Vor drei Jahren heiratete mein Cousin seine französische Freundin in Paris. Nennen wir die beiden mal Thomas und Claire. Wir warteten schon ewig vorher auf eine Einladung und hatten Angst, gar nicht eingeladen zu werden, weil die so spät kam. Immerhin waren die beiden recht häufig bei uns zu Hause zu Gast und wir mochten Claire. Vor allem meine Mama, die kein Wort Englisch oder Französisch kann, dies aber ausgleicht, indem sie besonders laut mit Claire spricht. (Die versteht immerhin etwas Deutsch.)
Als die Einladung endlich kam, waren wir seelig. Und als wir erfuhren, dass die Feier auf einem Boot auf der Seine stattfinden sollte, waren wir völlig hin und weg. Und panisch. Im Kopf hatten wir alle so ein schniekes Restaurantschiff, also musste unsere Garderobe ja dementsprechend sein. Ich selbst fand eine Wochen vor dem Großereignis endlich ein Kleid, Schuhe genau zwei Tage vor der Abreise. Der Rest der Familie schusterte sich auch was zusammen - die Kleiderfrage war also geklärt. (Nur meine Schwester... *stöhn* Die wusste bis kurz vor der Feier nicht wirklich, was sie anziehen würde. Wie immer halt.)
Blieb noch die Frage des Verkehrsmittels. Ein Hotel am Pariser Stadtrand wurde für uns gebucht, wir mussten also nur noch hinkommen. Ich schlug das Flugzeug vor, denn da wir den Termin länger vorher kannten und zeitlich relativ flexibel waren, rechnete ich damit, dass wir was Günstiges erwischen könnten. Ich hatte kaum angefangen, zu recherchieren, da kam meine Mutter mit der genialen Idee um die Ecke: Wir fahren mit dem Auto! Geil, 1000 km für ein Wochenende! Unserer Familienkutsche traute Mama die weite Reise aber nicht zu, also versteifte sie sich auf einen Leihwagen. Gut, Preise gecheckt, was ausgesucht, fertig. (Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass fliegen insgesamt billiger gewesen wäre. Und stressfreier. Aber die Eltern wissen ja alles besser.) Mein Papa und ich schauten uns die Route am Computer genau an, druckten aus und machten Notizen. Besonders der Teil in bzw. durch Paris würde uns einige Nerven kosten, dachten wir.
Einen Tag vor der Abreise hatten wir dann auch endlich eine Unterkunft für unseren Hund gefunden. Jaja, darum hätte man sich auch schon früher kümmern können...
Zwei Tage vor der Trauung machten wir uns abends auf den Weg. Wir hatten einen V*W-Tou*ran oder Sh*aran (Was ist größer?) ergattert, damit können fünf Personen sehr bequem reisen. Zuerst fuhr mein Papa, ungefähr ab der Mitte Deutschlands übernahm mein Bruder das Steuer und ich rutschte auf den Beifahrersitz. Immerhin hatte ich den besten Überblick was die Strecke anging. Brüderchen und ich chauffierten also, während der Rest hinten pennte. Wir kamen auch gut zurecht, nur bei Frankfurt verfransten wir uns mal kurz. Dafür hatten wir einen wunderschönen nächtlichen Blick auf die Skyline. Mein Bruder fuhr bis in die frühen Morgenstunden, aber kurz nach der Grenze brauchte er dann doch eine Pause. Weil sonst keiner Lust hatte (Mama traute sich nicht so recht und Schwesterlein hatte sich von vornherein geweigert, zu fahren.), übernahm also ich das Steuer. Ich bin etwas unsicher bei fremden Autos und so ein großes hatte ich sowieso noch nie gefahren, aber alles klappte prima. Die französischen Autobahnen sind ein Traum, also kamen wir gut voran. Kurz vor Paris übergab ich aber wieder an Papa, denn der ist erstens der erfahrenere Fahrer und ich bin zweitens als Scout unschlagbar.
Überraschenderweise gaben wir beide ein super Team ab - trotz Berufsverkehr erreichten wir unser Hotel relativ schnell und auf Anhieb. Es gab überhaupt keine Verfahrer, keine kritischen Situationen, kein gar nix. Wir waren begeistert! DAMIT hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.
Nach dem Check-in machten wir uns auf in die Stadt. (Meine Mama gestand mir übrigens später, dass sie die Putzfrau auf dem Gang zuerst noch nach einer Bettdecke fragen wollte. Keine Ahnung wie sie das gemacht hätte, sie fand aber noch rechtzeitig heraus, wie das mit dem doppelten Laken funktioniert.) Drei Tage Paris, da gilt es jede Minute zu nutzen. Vor allem, wenn zwei der fünf Personen noch nie dort waren. Unser Hotel lag günstig am Bois de Boulogne, also beschlossen wir, uns dort erstmal etwas die Füße zu vertreten und zu picknicken. Als vorbildliche Deutsche hatten wir natürlich Brötchen, Wiener und hartgekochte Eier dabei. Und, natürlich, verliefen wir uns in dem Park. Das war mir vor Jahren schonmal passiert, also keine große Überraschung. Das Ding ist riesig und sehr unübersichtlich. Irgendwann fanden wir doch eine Bushaltestelle und so kamen wir noch vor Einbruch der Dunkelheit in die Stadt. Erstes Ziel war Montmartre, weil ich persönlich es dort am Schönsten finde. Und es war auch herrlich! Vor Sacré Coeur saßen ganz viele Leute auf den Treppen, machten zum Teil Musik - eine herrliche Atmosphäre. Danach ging's zum Eifelturm, damit meine Eltern auch das erledigen konnten. Ich selbst war schon mehrmals oben gewesen, meine Geschwister jeweils einmal, deshalb warteten wir. Und warteten. Ich hatte meinen Eltern die Treppe empfohlen, weil das billiger und interessanter ist, aber die war ausgerechnet an dem Tag aus irgendwelchen Gründen gesperrt. Also musste man sich in die Schlange für den Fahrstuhl einreihen und warten, warten, warten. Irgendwann hatten es meine Eltern geschafft und wir konnten endlich essen gehen.
Am nächsten Tag fand gegen Mittag die Trauung in einem recht weit entfernten Rathaus statt, deshalb hieß es: früh aufstehen und laaange Métro fahren. Ich glaube, meine Eltern waren ziemlich beeindruckt davon, mit welcher Sicherheit und Selbstverständlichkeit ich mich in der Métro und auf der Straße bewegte. Vielleicht waren sie auch stolz auf ihre Tochter, die zumindest Teile von Paris wie ihre Westentasche kennt. Und sich völlig problemlos und ohne jeglichen Berührungsängste mit den Einheimischen verständigt. Natürlich waren wir zu früh am Rathaus, aber nach und nach trudelte die Hochzeitsgesellschaft ein. Wir lernten Onkel und Tante der Braut aus dem Elsass kennen, die ganz passabel Deutsch sprachen. Mit denen verbrüderten sich meine Eltern sofort. Außerdem trafen wir zum ersten Mal Claires überaus sympathische Mutter und deren noch viel tolleren Lebensgefährten. Die Trauung war interessant, wenn auch etwas langatmig. Mein Cousin verpasste natürlich prompt seinen Einsatz, denn die Standesbeamtin sprach unseren Familiennamen dermaßen seltsam aus, dass nicht mal ich etwas mitbekam. Die Braut musste ihren Zukünftigen erst anstoßen, damit er sein eingeübtes "Oui" von sich gab.
Nach der Trauung ging's zum Champagnerempfang in einen Park. Wir hatten das Vergnügen, bei einem Cousin der Braut mitzufahren. Autocorso durch Paris - einfach herrlich, bei dem verrückten Verkehr. Im Park machten wir also Bekanntschaft mit Champagner und fanden ihn ziemlich lecker. War mit Sicherheit nicht der Schlechteste, den sie uns da kredenzten. Süß war meine Mama: Als Krankenschwester hat sie eine Art Hilfsradar. Menschen, denen sie helfen kann, wittert sie fünf Kilometer gegen den Wind. In dem Fall war es die Oma der Braut, derer sie sich annahm. Die ältere Dame war nicht mehr ganz so gut zu Fuß, also hakte meine Mama sie unter. Oma sprach kein Wort Deutsch, Mama kein Wort Französisch, trotzdem kamen die beiden prima klar. Im Parkrestaurant, das eher eine Art größerer Kiosk war, durfte sich dann jeder was zu essen aussuchen. Herrlich unschick und entspannt war das. Während des Essens kam zufällig eine Blaskapelle vorbei, die dann gleich ein Ständchen für das Brautpaar spielte.
Nach dem Essen bekamen wir den Ort für den nächsten Programmpunkt genannt und mussten uns von da an allein durchkämpfen. Thomas und Claire haben sich in einem Yoga-Zentrum in Indien kennengelernt, also musste es natürlich auch eine entsprechende Zeremonie in Claires Yoga-Schule geben. Die befindet sich in der Nähe der Champs-Elysées, also wieder ganz am anderen Ende der Stadt. Ich schnappte mir meine Familie sowie Bruder und Eltern des Bräutigams, und lotste die ganze Mannschaft per Métro bis zum Ziel. Wir waren mächtig gespannt, was uns wohl erwarten würde. Ich weiß nicht, ob diese Zeremonie nun buddhistisch oder hinduistisch oder was rein yoga-mäßiges war, es war auf jeden Fall interessant. Der Yogi hielt lange Reden, das Brautpaar saß vor einem kleinen Feuer, musste Joghurt essen und im Kreis laufen. Mein Cousin ließ seine Frau dabei ganz gentlemanlike vorangehen, woraufhin er vom Yogi geschimpft wurde: Die Frau muss dem Mann folgen! Schön fand ich, dass die Mütter des Brautpaares integriert wurden. Die mussten den neuen Schwiegersohn bzw. die neue Schwiegertochter mit einem Geschenk offiziell in der Familie willkommen heißen.
Nach dieser Zeremonie gab es noch indisches Essen, dann trennten sich unsere Wege. Ich selbst besuchte eine Studienfreundin, die sich gerade in Paris aufhielt, meine Geschwister sahen sich das indische Viertel an und meine Eltern waren mit meinem Onkel und meiner Tante unterwegs. Ich war sehr überrascht, als ich am nächsten Tag erfuhr, dass die vier sich ohne Probleme den Triumphbogen angeguckt und danach in einem kleinen Restaurant gegessen und Wein getrunken hatten. Keiner von denen kann Französisch, und das Englisch meines Papas ist mehr schlecht als recht, trotzdem kam man zurecht. Toll.
Am nächsten Tag sollte abends die Feier stattfinden, also hatten wir den ganzen Tag "Freizeit". Meine Geschwister machten noch einmal das indische Viertel unsicher, während ich meinen Eltern die alte Oper zeigte. Sie haben "Das Phantom der Oper" in Hamburg gesehen, deshalb dachte ich, das könnte sie interessieren. Bis meine Mama allerdings kapierte, dass es sich um DIESE Oper handelte, dauerte es etwas. Leider konnten wir aus unerfindlichen Gründen nicht rein und das herrliche Deckengemälde bewundern. Ich zeigte noch die großen Kaufhäuser, dann stand der nächste Punkt an. Als "gemeinsame Familienaktion" hatte ich mir einen Ausflug in die Katakomben überlegt. Da war ich schon einmal gewesen und hatte es ziemlich beeindruckend gefunden. Meine Geschwister kannten diese Attraktion nur aus dem Französischunterricht, meine Eltern wussten gar nichts darüber. Wir schwiegen auch beharrlich, sollten sie doch selbst sehen, was es da unten zu sehen gibt. Alle waren angemessen beeindruckt, mission accomplished.
Danach natürlich eilig zurück zum Hotel, wo wir uns für die Feier fertig machen mussten. Was für ein Spaß, zu dritt in einem winzigen Zimmer mit Nasszelle. Und dann noch meine Schwester, die sich nicht für ein Outfit entscheiden konnte (Sie probierte was an, lief dann auf den Flur um sich im Fahrstuhlspiegel zu betrachten, stellte fest, dass sie aussah wie Presswurst und verzweifelte.) und dann noch merkte, dass die einzige mitgebrachte Strumpfhose kaputt war. Man, das hat sie echt nicht von mir! Und von Mama auch nicht! Irgendwann waren wir doch alle fertig und erwischten sogar eine Mitfahrgelegenheit zum Schiff. Das ankerte zwar ganz in der Nähe, aber da wir schon den ganzen Tag durch Paris gelaufen waren, waren wir dankbar für jeden Meter, den wir nicht zu Fuß zurücklegen mussten.
Das "Schiff" war zunächst eine Enttäuschung, denn wir fanden uns vor einem urigen alten Hausboot wieder. Der Raum für die Feier war eine Art Wohnzimmer mit vielen Tischen. So hatten wir uns das überhaupt nicht vorgestellt, wir fühlten uns total overdressed. Aber da der Rest auch schick war, machte uns das bald nichts mehr aus. Zuerst gab es Sangría als Apéritif auf dem winzigen Deck. Den besten Sangría, den ich je getrunken habe! Der Brautvater hatten den selbst gemacht, wollte mir aber partout das Rezept nicht verraten. Wir saßen also da rum, schlürften Sangría und merkten gar nicht, wie das Zeug reinhaute. Das merkte man erst, als man wieder aufstand um zum Essen nach unten zu gehen. Das Tolle an so einem Boot: Schwanken durch Alkoholgenuss lässt sich sehr gut verschleiern, da man ja eh' schwankt. Das - natürlich indische - Essen war sensationell gut. Danach wurden die Tische beiseite gerückt, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen. Was dann losging, lässt sich kaum beschreiben.
Es wurde getanzt wie wild. Die Familie der Braut stammt ursprünglich aus der Bretagne, also wurde viel bretonische Musik gespielt und entsprechend dazu getanzt. Ich hoppste und drehte mit was das Zeug hielt, ich fühlte mich in der Runde pudelwohl. Es war genial. Ich will nicht wissen, wie sehr das Boot geschaukelt hat. Von außen sah es bestimmt aus, als würde darauf eine Orgie gefeiert.
Die Feier ging bis spät in der Nacht, wir waren - wie immer - die Letzten. Ich konnte in meinen neuen Schuhen kaum noch laufen, lief die fünfhundert Meter zum Hotel also in Socken über den Asphalt. Das Erstaunliche: Meine Feinstrumpfhose hatte danach nicht ein einziges Loch an der Sohle. Wir verabredeten uns noch mit den anderen Hochzeitsgästen zum Frühstück, dann fielen wir völlig erledigt in die Betten.
Das mit dem Frühstück am nächsten Morgen klappte nicht ganz so gut, denn das Personal war äußerst unflexibel, was die Zeiten anging. Meine Schwester und ich schafften es gerade so noch vor 11 in den Frühstücksraum und konnten mitessen. Wer später kam, bekam nichts mehr. Überraschenderweise waren sämtliche Franzosen pünktlich gewesen. Es wurde noch ewig geratscht, uns wurde das familieneigene Ferienhaus in der Bretagne für Urlaube angeboten, man tauschte Mailadressen und schließlich machten sich die meisten auf den Weg. Wir auch, denn wir hatten einiges vor uns.
Mein Papa ist ein Geizkragen und sein neuer Freund aus dem Elsass hatte ihm von den mautfreien Routes Nationales erzählt. Wir mussten auch noch einen Abstecher nach *Stadt vergessen* machen und meine Schwester dort bei ihrer besten Freundin abliefern. Die absolvierte gerade ein Semester dort, so dass ich in den Genuss kam, ein französisches Studentenwohnheim zu besichtigen. Pfui, bäh, war das eklig! Natürlich brauchten wir ewig, um das Wohnheim zu finden, denn meine Schwester hatte die Adresse erst im letzten Moment erfahren. (War klar, ne?) Von dort aus bis zur Grenze wollte mein Papa dann die kostenfreie Route Nationale benutzen, was im Grunde ein guter Plan war. Leider fanden wir die entsprechende Straße nicht und zuckelten stundenlang über die Dörfer. Ich vermute mal, dass wir sehr lange parallel zur deutschen Grenze unterwegs waren und es nicht merkten. Was ein Spaß!
Wir waren irgendwann nachts zu Hause und völlig erledigt. Die letzten 500 km war übrigens meine Mama gefahren, die sich das Steuer dann auch nicht mehr wegnehmen ließ. Als wir wechseln wollten, wurde sie richtig agressiv. Irgendwie hatte sie sich in den Gedanken verbissen, ihre Familie jetzt sicher nach Hause zu kutschieren, koste es, was es wolle.
Das war unser letzter richtiger Familienurlaub und meine Eltern sind immer noch wahnsinnig stolz, wenn sie sagen können: "Paris? Kennen wir! Wir waren da mal bei einer Hochzeit..."
Vor drei Jahren heiratete mein Cousin seine französische Freundin in Paris. Nennen wir die beiden mal Thomas und Claire. Wir warteten schon ewig vorher auf eine Einladung und hatten Angst, gar nicht eingeladen zu werden, weil die so spät kam. Immerhin waren die beiden recht häufig bei uns zu Hause zu Gast und wir mochten Claire. Vor allem meine Mama, die kein Wort Englisch oder Französisch kann, dies aber ausgleicht, indem sie besonders laut mit Claire spricht. (Die versteht immerhin etwas Deutsch.)
Als die Einladung endlich kam, waren wir seelig. Und als wir erfuhren, dass die Feier auf einem Boot auf der Seine stattfinden sollte, waren wir völlig hin und weg. Und panisch. Im Kopf hatten wir alle so ein schniekes Restaurantschiff, also musste unsere Garderobe ja dementsprechend sein. Ich selbst fand eine Wochen vor dem Großereignis endlich ein Kleid, Schuhe genau zwei Tage vor der Abreise. Der Rest der Familie schusterte sich auch was zusammen - die Kleiderfrage war also geklärt. (Nur meine Schwester... *stöhn* Die wusste bis kurz vor der Feier nicht wirklich, was sie anziehen würde. Wie immer halt.)
Blieb noch die Frage des Verkehrsmittels. Ein Hotel am Pariser Stadtrand wurde für uns gebucht, wir mussten also nur noch hinkommen. Ich schlug das Flugzeug vor, denn da wir den Termin länger vorher kannten und zeitlich relativ flexibel waren, rechnete ich damit, dass wir was Günstiges erwischen könnten. Ich hatte kaum angefangen, zu recherchieren, da kam meine Mutter mit der genialen Idee um die Ecke: Wir fahren mit dem Auto! Geil, 1000 km für ein Wochenende! Unserer Familienkutsche traute Mama die weite Reise aber nicht zu, also versteifte sie sich auf einen Leihwagen. Gut, Preise gecheckt, was ausgesucht, fertig. (Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass fliegen insgesamt billiger gewesen wäre. Und stressfreier. Aber die Eltern wissen ja alles besser.) Mein Papa und ich schauten uns die Route am Computer genau an, druckten aus und machten Notizen. Besonders der Teil in bzw. durch Paris würde uns einige Nerven kosten, dachten wir.
Einen Tag vor der Abreise hatten wir dann auch endlich eine Unterkunft für unseren Hund gefunden. Jaja, darum hätte man sich auch schon früher kümmern können...
Zwei Tage vor der Trauung machten wir uns abends auf den Weg. Wir hatten einen V*W-Tou*ran oder Sh*aran (Was ist größer?) ergattert, damit können fünf Personen sehr bequem reisen. Zuerst fuhr mein Papa, ungefähr ab der Mitte Deutschlands übernahm mein Bruder das Steuer und ich rutschte auf den Beifahrersitz. Immerhin hatte ich den besten Überblick was die Strecke anging. Brüderchen und ich chauffierten also, während der Rest hinten pennte. Wir kamen auch gut zurecht, nur bei Frankfurt verfransten wir uns mal kurz. Dafür hatten wir einen wunderschönen nächtlichen Blick auf die Skyline. Mein Bruder fuhr bis in die frühen Morgenstunden, aber kurz nach der Grenze brauchte er dann doch eine Pause. Weil sonst keiner Lust hatte (Mama traute sich nicht so recht und Schwesterlein hatte sich von vornherein geweigert, zu fahren.), übernahm also ich das Steuer. Ich bin etwas unsicher bei fremden Autos und so ein großes hatte ich sowieso noch nie gefahren, aber alles klappte prima. Die französischen Autobahnen sind ein Traum, also kamen wir gut voran. Kurz vor Paris übergab ich aber wieder an Papa, denn der ist erstens der erfahrenere Fahrer und ich bin zweitens als Scout unschlagbar.
Überraschenderweise gaben wir beide ein super Team ab - trotz Berufsverkehr erreichten wir unser Hotel relativ schnell und auf Anhieb. Es gab überhaupt keine Verfahrer, keine kritischen Situationen, kein gar nix. Wir waren begeistert! DAMIT hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.
Nach dem Check-in machten wir uns auf in die Stadt. (Meine Mama gestand mir übrigens später, dass sie die Putzfrau auf dem Gang zuerst noch nach einer Bettdecke fragen wollte. Keine Ahnung wie sie das gemacht hätte, sie fand aber noch rechtzeitig heraus, wie das mit dem doppelten Laken funktioniert.) Drei Tage Paris, da gilt es jede Minute zu nutzen. Vor allem, wenn zwei der fünf Personen noch nie dort waren. Unser Hotel lag günstig am Bois de Boulogne, also beschlossen wir, uns dort erstmal etwas die Füße zu vertreten und zu picknicken. Als vorbildliche Deutsche hatten wir natürlich Brötchen, Wiener und hartgekochte Eier dabei. Und, natürlich, verliefen wir uns in dem Park. Das war mir vor Jahren schonmal passiert, also keine große Überraschung. Das Ding ist riesig und sehr unübersichtlich. Irgendwann fanden wir doch eine Bushaltestelle und so kamen wir noch vor Einbruch der Dunkelheit in die Stadt. Erstes Ziel war Montmartre, weil ich persönlich es dort am Schönsten finde. Und es war auch herrlich! Vor Sacré Coeur saßen ganz viele Leute auf den Treppen, machten zum Teil Musik - eine herrliche Atmosphäre. Danach ging's zum Eifelturm, damit meine Eltern auch das erledigen konnten. Ich selbst war schon mehrmals oben gewesen, meine Geschwister jeweils einmal, deshalb warteten wir. Und warteten. Ich hatte meinen Eltern die Treppe empfohlen, weil das billiger und interessanter ist, aber die war ausgerechnet an dem Tag aus irgendwelchen Gründen gesperrt. Also musste man sich in die Schlange für den Fahrstuhl einreihen und warten, warten, warten. Irgendwann hatten es meine Eltern geschafft und wir konnten endlich essen gehen.
Am nächsten Tag fand gegen Mittag die Trauung in einem recht weit entfernten Rathaus statt, deshalb hieß es: früh aufstehen und laaange Métro fahren. Ich glaube, meine Eltern waren ziemlich beeindruckt davon, mit welcher Sicherheit und Selbstverständlichkeit ich mich in der Métro und auf der Straße bewegte. Vielleicht waren sie auch stolz auf ihre Tochter, die zumindest Teile von Paris wie ihre Westentasche kennt. Und sich völlig problemlos und ohne jeglichen Berührungsängste mit den Einheimischen verständigt. Natürlich waren wir zu früh am Rathaus, aber nach und nach trudelte die Hochzeitsgesellschaft ein. Wir lernten Onkel und Tante der Braut aus dem Elsass kennen, die ganz passabel Deutsch sprachen. Mit denen verbrüderten sich meine Eltern sofort. Außerdem trafen wir zum ersten Mal Claires überaus sympathische Mutter und deren noch viel tolleren Lebensgefährten. Die Trauung war interessant, wenn auch etwas langatmig. Mein Cousin verpasste natürlich prompt seinen Einsatz, denn die Standesbeamtin sprach unseren Familiennamen dermaßen seltsam aus, dass nicht mal ich etwas mitbekam. Die Braut musste ihren Zukünftigen erst anstoßen, damit er sein eingeübtes "Oui" von sich gab.
Nach der Trauung ging's zum Champagnerempfang in einen Park. Wir hatten das Vergnügen, bei einem Cousin der Braut mitzufahren. Autocorso durch Paris - einfach herrlich, bei dem verrückten Verkehr. Im Park machten wir also Bekanntschaft mit Champagner und fanden ihn ziemlich lecker. War mit Sicherheit nicht der Schlechteste, den sie uns da kredenzten. Süß war meine Mama: Als Krankenschwester hat sie eine Art Hilfsradar. Menschen, denen sie helfen kann, wittert sie fünf Kilometer gegen den Wind. In dem Fall war es die Oma der Braut, derer sie sich annahm. Die ältere Dame war nicht mehr ganz so gut zu Fuß, also hakte meine Mama sie unter. Oma sprach kein Wort Deutsch, Mama kein Wort Französisch, trotzdem kamen die beiden prima klar. Im Parkrestaurant, das eher eine Art größerer Kiosk war, durfte sich dann jeder was zu essen aussuchen. Herrlich unschick und entspannt war das. Während des Essens kam zufällig eine Blaskapelle vorbei, die dann gleich ein Ständchen für das Brautpaar spielte.
Nach dem Essen bekamen wir den Ort für den nächsten Programmpunkt genannt und mussten uns von da an allein durchkämpfen. Thomas und Claire haben sich in einem Yoga-Zentrum in Indien kennengelernt, also musste es natürlich auch eine entsprechende Zeremonie in Claires Yoga-Schule geben. Die befindet sich in der Nähe der Champs-Elysées, also wieder ganz am anderen Ende der Stadt. Ich schnappte mir meine Familie sowie Bruder und Eltern des Bräutigams, und lotste die ganze Mannschaft per Métro bis zum Ziel. Wir waren mächtig gespannt, was uns wohl erwarten würde. Ich weiß nicht, ob diese Zeremonie nun buddhistisch oder hinduistisch oder was rein yoga-mäßiges war, es war auf jeden Fall interessant. Der Yogi hielt lange Reden, das Brautpaar saß vor einem kleinen Feuer, musste Joghurt essen und im Kreis laufen. Mein Cousin ließ seine Frau dabei ganz gentlemanlike vorangehen, woraufhin er vom Yogi geschimpft wurde: Die Frau muss dem Mann folgen! Schön fand ich, dass die Mütter des Brautpaares integriert wurden. Die mussten den neuen Schwiegersohn bzw. die neue Schwiegertochter mit einem Geschenk offiziell in der Familie willkommen heißen.
Nach dieser Zeremonie gab es noch indisches Essen, dann trennten sich unsere Wege. Ich selbst besuchte eine Studienfreundin, die sich gerade in Paris aufhielt, meine Geschwister sahen sich das indische Viertel an und meine Eltern waren mit meinem Onkel und meiner Tante unterwegs. Ich war sehr überrascht, als ich am nächsten Tag erfuhr, dass die vier sich ohne Probleme den Triumphbogen angeguckt und danach in einem kleinen Restaurant gegessen und Wein getrunken hatten. Keiner von denen kann Französisch, und das Englisch meines Papas ist mehr schlecht als recht, trotzdem kam man zurecht. Toll.
Am nächsten Tag sollte abends die Feier stattfinden, also hatten wir den ganzen Tag "Freizeit". Meine Geschwister machten noch einmal das indische Viertel unsicher, während ich meinen Eltern die alte Oper zeigte. Sie haben "Das Phantom der Oper" in Hamburg gesehen, deshalb dachte ich, das könnte sie interessieren. Bis meine Mama allerdings kapierte, dass es sich um DIESE Oper handelte, dauerte es etwas. Leider konnten wir aus unerfindlichen Gründen nicht rein und das herrliche Deckengemälde bewundern. Ich zeigte noch die großen Kaufhäuser, dann stand der nächste Punkt an. Als "gemeinsame Familienaktion" hatte ich mir einen Ausflug in die Katakomben überlegt. Da war ich schon einmal gewesen und hatte es ziemlich beeindruckend gefunden. Meine Geschwister kannten diese Attraktion nur aus dem Französischunterricht, meine Eltern wussten gar nichts darüber. Wir schwiegen auch beharrlich, sollten sie doch selbst sehen, was es da unten zu sehen gibt. Alle waren angemessen beeindruckt, mission accomplished.
Danach natürlich eilig zurück zum Hotel, wo wir uns für die Feier fertig machen mussten. Was für ein Spaß, zu dritt in einem winzigen Zimmer mit Nasszelle. Und dann noch meine Schwester, die sich nicht für ein Outfit entscheiden konnte (Sie probierte was an, lief dann auf den Flur um sich im Fahrstuhlspiegel zu betrachten, stellte fest, dass sie aussah wie Presswurst und verzweifelte.) und dann noch merkte, dass die einzige mitgebrachte Strumpfhose kaputt war. Man, das hat sie echt nicht von mir! Und von Mama auch nicht! Irgendwann waren wir doch alle fertig und erwischten sogar eine Mitfahrgelegenheit zum Schiff. Das ankerte zwar ganz in der Nähe, aber da wir schon den ganzen Tag durch Paris gelaufen waren, waren wir dankbar für jeden Meter, den wir nicht zu Fuß zurücklegen mussten.
Das "Schiff" war zunächst eine Enttäuschung, denn wir fanden uns vor einem urigen alten Hausboot wieder. Der Raum für die Feier war eine Art Wohnzimmer mit vielen Tischen. So hatten wir uns das überhaupt nicht vorgestellt, wir fühlten uns total overdressed. Aber da der Rest auch schick war, machte uns das bald nichts mehr aus. Zuerst gab es Sangría als Apéritif auf dem winzigen Deck. Den besten Sangría, den ich je getrunken habe! Der Brautvater hatten den selbst gemacht, wollte mir aber partout das Rezept nicht verraten. Wir saßen also da rum, schlürften Sangría und merkten gar nicht, wie das Zeug reinhaute. Das merkte man erst, als man wieder aufstand um zum Essen nach unten zu gehen. Das Tolle an so einem Boot: Schwanken durch Alkoholgenuss lässt sich sehr gut verschleiern, da man ja eh' schwankt. Das - natürlich indische - Essen war sensationell gut. Danach wurden die Tische beiseite gerückt, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen. Was dann losging, lässt sich kaum beschreiben.
Es wurde getanzt wie wild. Die Familie der Braut stammt ursprünglich aus der Bretagne, also wurde viel bretonische Musik gespielt und entsprechend dazu getanzt. Ich hoppste und drehte mit was das Zeug hielt, ich fühlte mich in der Runde pudelwohl. Es war genial. Ich will nicht wissen, wie sehr das Boot geschaukelt hat. Von außen sah es bestimmt aus, als würde darauf eine Orgie gefeiert.
Die Feier ging bis spät in der Nacht, wir waren - wie immer - die Letzten. Ich konnte in meinen neuen Schuhen kaum noch laufen, lief die fünfhundert Meter zum Hotel also in Socken über den Asphalt. Das Erstaunliche: Meine Feinstrumpfhose hatte danach nicht ein einziges Loch an der Sohle. Wir verabredeten uns noch mit den anderen Hochzeitsgästen zum Frühstück, dann fielen wir völlig erledigt in die Betten.
Das mit dem Frühstück am nächsten Morgen klappte nicht ganz so gut, denn das Personal war äußerst unflexibel, was die Zeiten anging. Meine Schwester und ich schafften es gerade so noch vor 11 in den Frühstücksraum und konnten mitessen. Wer später kam, bekam nichts mehr. Überraschenderweise waren sämtliche Franzosen pünktlich gewesen. Es wurde noch ewig geratscht, uns wurde das familieneigene Ferienhaus in der Bretagne für Urlaube angeboten, man tauschte Mailadressen und schließlich machten sich die meisten auf den Weg. Wir auch, denn wir hatten einiges vor uns.
Mein Papa ist ein Geizkragen und sein neuer Freund aus dem Elsass hatte ihm von den mautfreien Routes Nationales erzählt. Wir mussten auch noch einen Abstecher nach *Stadt vergessen* machen und meine Schwester dort bei ihrer besten Freundin abliefern. Die absolvierte gerade ein Semester dort, so dass ich in den Genuss kam, ein französisches Studentenwohnheim zu besichtigen. Pfui, bäh, war das eklig! Natürlich brauchten wir ewig, um das Wohnheim zu finden, denn meine Schwester hatte die Adresse erst im letzten Moment erfahren. (War klar, ne?) Von dort aus bis zur Grenze wollte mein Papa dann die kostenfreie Route Nationale benutzen, was im Grunde ein guter Plan war. Leider fanden wir die entsprechende Straße nicht und zuckelten stundenlang über die Dörfer. Ich vermute mal, dass wir sehr lange parallel zur deutschen Grenze unterwegs waren und es nicht merkten. Was ein Spaß!
Wir waren irgendwann nachts zu Hause und völlig erledigt. Die letzten 500 km war übrigens meine Mama gefahren, die sich das Steuer dann auch nicht mehr wegnehmen ließ. Als wir wechseln wollten, wurde sie richtig agressiv. Irgendwie hatte sie sich in den Gedanken verbissen, ihre Familie jetzt sicher nach Hause zu kutschieren, koste es, was es wolle.
Das war unser letzter richtiger Familienurlaub und meine Eltern sind immer noch wahnsinnig stolz, wenn sie sagen können: "Paris? Kennen wir! Wir waren da mal bei einer Hochzeit..."

Und was heißt hier "legitimieren"? Wenn, dann wird aus rein finanziellen Gründen geheiratet... :-))
@ Trini: Ja, das hat einfach super gepasst. Mir fällt gerade auf, dass das mein letzter Ausflug nach Paris war und es langsam mal wieder Zeit wird... Letztes Jahr hat ein anderer Cousin in Wien geheiratet, das wäre auch eine schöne Tour gewesen. Leider waren wir nicht eingeladen und der spontane Überraschungsbesuch fiel ins Wasser weil Muttern arbeiten musste. Schade, schade.
@ Hedi: Sooo toll ist Paris gar nicht. Ziemlich dreckig. Wenn man nicht ständig die Augen am Boden hat, tritt man alle zwei Meter in einen Hundehaufen. Und im Sommer ist es einfach nur ätzend. Ich würde Urlaub auf Deiner Insel JEDERZEIT vorziehen!
Nöö, ich hab das nur noch nie so gehört.
Das hört sich lieb an. So erklärt, finde ich das eine schöne Idee. :o)