Ich vs. Wir
Es gab Kritik aus der Familie. Kritik, die mich dazu brachte, nachzudenken.
Aber von vorn.
Mein Papa hatte Geburtstag. Da der April eh schon so teuer gewesen war und mein Konto bereits ab Monatsmitte ein Minus zeigte, war für mich von vornherein klar, dass wir zu diesem Anlass nicht nach Hause fahren. Natürlich war das schade, natürlich lasse ich nur sehr ungern eine (Familien)Feier aus, aber so ist das nunmal, wenn man so weit weg wohnt. Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen, vor allem, wenn Geld eine Rolle spielt. Und diese Fahrten zu meiner Familie belasten den Geldbeutel immer ganz schön, auch wenn wir uns die Kosten teilen. Das sind auch zwischen 60 und 70 Euro pro Nase, die ich jetzt nunmal nicht hatte. Basta.
Als ich mit meiner Schwester wegen eines Geschenks für den Herrn Vater telefonierte, kam die unvermeidliche Frage: "Und Du bist dann nicht dabei?" "Nein, sagte ich, wir kommen nicht." Das hatte ich schon in einer vorhergehenden E-Mail erklärt. Ich hatte den finanziellen Aspekt beschrieben und auch den Kommentar meiner Schwester, es gäbe ja noch "Mit*fahr*gelegen*heiten" vom Tisch gefegt. Diese würden im Endeffekt nämlich genausoviel kosten. Außerdem bekommt mein Liebster schon bei Erwähnung dieses Wortes Schnappatmung. Er hält das für kreuzgefährlich und überhaupt, mit fremden Leuten im Auto! Oder gar fremde Leute im eigenen Auto mitnehmen! (Der Vorschlag kam schon öfter von meinen Geschwistern, um unsere Fahrtkosten zu senken.) (Früher bin ich übrigens hin und wieder über die Mit*fahr*zen*trale nach Hause gefahren, das war immer ok. Allerdings habe ich mir damals auch keine Gedanken darüber gemacht, es war eben am billigsten. Heutzutage bin ich da weniger leichtsinnig.)
Auf mein "Nein, wir kommen nicht." entgegnete meine Schwester:
"Aber DU kannst doch kommen!"
Ja, Liebes, ich hatte doch schon erwähnt, dass mich das allein genausoviel kostet und ich mir das momentan einfach nicht leisten kann. Ende der Diskussion.
Trotzdem blieb dieses betonte "DU" hängen. Zumal mein Bruder kurz darauf etwas ganz Ähnliches sagte. Es klang wie: "Immer kommt Ihr zusammen, warum kommst Du nicht mal allein, müsst Ihr denn alles zusammen machen?"
Ich fragte mich, ob die Beiden womöglich Recht hatten. Wo war meine Selbständigkeit geblieben? Warum fuhr ich nicht einfach mal allein zu meiner Familie, wenn mir danach war? Warum besuchte ich nicht einfach mal über's Wochenende eine Freundin - allein? Früher war ich doch ständig allein unterwegs gewesen. Paris, Frankfurt, München. Ich hatte es geliebt, Freunde zu besuchen, mal eine Woche hier, mal ein paar Tage dort zu verbringen. Warum mache ich das jetzt nicht mehr? Warum fahre ich nur noch und ausschließlich mit meinem Freund irgendwohin?
Fakt ist: Weil ich es so will. Ich verspüre gar nicht den Wunsch, mal allein zu meiner Familie zu fahren. Warum sollte ich? Ich bin hier zu Hause, bei Garfield. Besuchen wir die Familie, so geschieht das aus einem bestimmten Anlass. Geburtstage, Feiertage, sonstige Feste, wo man logischerweise als Paar erscheint. Es ist also normal, dass wir dann zusammen bei meinen Eltern auftauchen. Warum wird das von den Geschwister kritisiert?
Fakt ist auch: Sollte ich mal das Bedürfnis verspüren, allein zu verreisen, werde ich dies tun. Bisher hatte ich diesen Drang nicht, denn ich genieße eigenlich jede Minute mit Garfield. Und gemeinsam wegzufahren ist immer noch ein Highlight.
Ist das spießig? Ist das "altes Ehepaar"?
Ich frage mich, warum meine Geschwister mich nicht verstehen. Oder besser, uns. Wir hatten anfangs eine Fernbeziehung, sind dann zusammengezogen und haben es damit quasi "festgemacht". Wir sind nicht einfach nur zusammen, sehen uns ab und zu und leben ansonsten jeder sein Leben. Ich denke, so läuft das (bisher) in den Beziehungen meiner Geschwister. Zusammen leben, sowas kennen dich noch nicht. Sie wissen nicht, dass dies eine neue Stufe ist. Für mich ist das zumindest so. Wenn ich mit jemandem zusammenwohne, dann bekenne ich mich offen zu ihm. Ich zeige der ganzen Welt: Wir planen eine gemeinsame Zukunft. Das ist der Mann an meiner Seite. Das mag spießig erscheinen und übertrieben, denn für manche ist das Zusammenwohnen keine so große Sache. Für mich aber schon. Für mich fühlt es sich fast schon so ein bißchen wie verheiratet sein an. Wären wir verheiratet, würde man mich dann auch fragen, warum ich immer mit meinem Mann bei der Familie auftauche? Eher nicht.
Und wir haben ja Pläne in der Richtung! Wir wollen heiraten, wir wollen eine Familie gründen. Wir sprechen darüber! Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, sogar, wenn man zusammenwohnt. Ich kenne ein Paar, das in acht Jahren Beziehung mit gemeinsamer Wohnung nicht einmal über das Thema nachgedacht hat. Jedenfalls nicht gemeinsam. Sooo normal scheint das also nicht zu sein. Aber wir sind seit fast anderthalb Jahren zusammen und wir sind uns sicher. Mal ganz davon abgesehen, dass das für mich der absolute Rekord ist. Meine längste Beziehung davor dauerte gerade mal ein gutes halbes Jahr. Es müsste also selbst für Außenstehende offensichtlich sein, dass wir ein gemeinsames Leben anpeilen. Oder bereits damit begonnen haben.
Ich habe Garfield gefragt, ob ihn der plötzliche Übergang von "Fernbeziehung" (Wir sehen uns alle zwei Wochen, telefonieren und leben ansonsten jeder sein eigenes Leben) zu "gemeinsames Leben" (wir wohnen zusammen, machen alles zusammen, verreisen zusammen) stört oder gestört hat. Er wußte nicht, was ich meine. Für ihn war diese Entwicklung selbstverständlich. So wie für mich.
Die große Frage bleibt: Ticken meine Geschwister seltsam oder wir???

Meine Eltern leben zB relativ weit weg. Und manchmal möchte ich meine Mutter oder auch meine Tante "für mich allein" haben. Bei Familienfeiern oder "größeren Anlässen" fände ich es allerdings auch komisch ohne den Partner aufzutauchen.
Und das Geschwister oder Freunde einen auch mal ohne den Partner haben möchten kann ich doch sehr gut nachvollziehen. Für aussenstehende seid ihr 2 Menschen. Und gerade bei Freunden geht man doch ab und an Kaffee trinken um privates Zeug zu bequatschen.
Ich vs Wir finde ich generell etwas hart. Eine gesudne Beziheung braucht generell beides. Und solange du aber das Gefühl hast so ist alles in Ordnung und es sich gut anfühlt ist es doch meistens auch richtig.
Übel wäre nur wenn du mal Lust dazu hättest allein heimzufahren und es dir ausreden lassen würdest. Aber so klingst du ja nun nicht :)
ob euer zeit- und lebensplan 'normal' ist kann keiner sagen. jedes paar ist da anders. meine erste beziehung dauerte 5 jahre und zusammenziehen war nie ein thema. mit dem nächsten freund bin ich nach einem jahr zusammengezogen und nach 3 monaten hab ich mich von ihm getrennt. mit meinem jetzigen partner war das zusammenziehen bisher zwar ein thema, kommt aber erst in ein paar jahren in frage, wenn wir beide genug verdienen um uns eine geile hütte zu nehmen. in eine 3zi-wohnung ziehe ich mit keinem mann ein, da müssen es schon mindestens 5 zimmer sein, damit man sich nicht ständig auf die füsse tritt.
du siehst also, bei jedem ist das anders und nichts ist richtig oder falsch.
aber auch ich verstehe die frage deiner geschwister nicht als angriff auf euch als paar (selbst wenn ihr verheiratet seid werdet ihr ja wohl noch dinge alleine unternehmen?) sondern einfach als bitte, dich mal wieder als schwester daheim zu haben und nicht als rosamaus plus freund :)
zumindest hat es sich bei mir so eingebürgert, seit juli wohn ich mit meinen freund zusammen in ganz-weit-weg, 600 km von daheim
und ab und an fahr ich auch einfach alleine, einfach weil es dann viel besser ist, zumindest redet und ist die familie einfach viel offener
der freund ist ja schon auch immernoch gast in erster linie
meine schwester übrigens würde mich umbringen wenn ich ständig mit ihm auftauchen würde, dann könnten wir unser "mädchen-zeug" gar nicht bringen, weil ich sonst auch arg an ihn gebunden bin, mich ja auch um ihn kümmern und beschäftigen will/muss
auch bei anlässen war ich schon allein daheim, ostern zum beispiel, war aber ehrlich gesagt irgendwie doof
alle anderen waren mit partner da :)
deshalb:
ich finds toll das dein freund dann auch jedesmal mitkommt, wenn ein anlass ist, meiner ist da eher kreuzfaul angelegt :) ist ja auch ne ganze strecke, und das liebe geld....
aber, seitdem ich arbeite und echt richtig kohle kriege, fahr ich weniger heim
ergo, liegt es nicht nur am geld :)
Ansonsten bin ich aber genau so ein Klammeraffe geworden, glaube ich. Ich mag gar nicht mehr allein sein! Ich war so lange allein, dass ich es jetzt einfach genieße, jemanden an meiner Seite zu haben. Immer. Und das ist mir irgendwie peinlich, weil ich früher die Erste war, die sich über sowas aufgeregt hat.
Allein zur Familie? Ja, würde sie um die Ecke wohnen, natürlich. Aber so... Ich fahre ja auch immer mit zu seiner Familie, obwohl ich da auch nicht immer Lust drauf habe. Aber noch weniger Lust hätte ich, das ganze Wochenende hier allein zu sein. Mal ganz davon abgesehen, wäre es allein bei der Familie ganz schön langweilig, weil die sowieso alle ständig unterwegs sind. Und wir zwei unternehmen dort ja auch Dinge, die wir uns schon länger vorgenommen haben. Insofern glaube ich: Alles normal! Trotzdem: Wenn die Finanzen wieder besser stehen, fahre ich mal über's Wochenende zur Freundin in ihre neue Heimat. Nur so probehalber.