Kinder...
Warum kann man es Männern eigentlich nie Recht machen???
*Ärgermodus aus*
Eigentlich wollte ich ja über meine Schüler schreiben. Meine Nachhilfeschüler. Bisher sind es zwei, heute kommt noch ein dritter dazu.
Schüler Nummer 1, Basti. Er ist... nun ja... schwierig. Eigentlich ist er ein netter Kerl, aber gerade am Anfang der Pubertät, unkonzentriert und etwas schwer von Begriff. Ich kann ihm etwas fünfmal erklären, teste ob er's verstanden hat, bin zufrieden, mache eine andere Aufgabe mit ihm, kehre zum ersten Thema zurück und WAH! er hat's schon wieder vergessen. Das kann einen schon verrückt machen, aber ich weiß ja auch, dass man mit 14 andere Probleme hat. Dumm nur, dass der Junge nicht dumm ist. Würde er sich nur richtig konzentrieren und mal das machen, was ich ihm rate, könnte der ziemlich gut in der Schule sein. Aber vielleicht bin ich da auch zu optimistisch.
Ich kann auch nicht so richtig einschätzen, wie viel Unterstützung Basti von zu Hause bekommt. Sein Elternhaus macht einen sehr guten Eindruck, seine Eltern wirken nett. Alles sehr schnieke, überall liebevoll dekoriert, nicht billig. Aber ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass ich nur Alibi bin. Die Eltern hoffen wohl, dass es nur einen fähigen Lehrer braucht, um einen bestimmten Knopf bei Basti zu drücken und schon wird er zum Musterschüler. Leider gibt es diesen Knopf nicht. Entweder Basti will es selbst und arbeitet an sich, oder eben nicht. Mehr als reden und erklären kann ich auch nicht.
Was ein komisches Gefühl ist: Die geben mir Geld für Sachen, die Basti auch allein tun könnte. Oder sie mit ihm. Ich mache ja keine komplizierten Aufgaben mit dem Jungen. Hier und da mal ein kleines Diktat - sowas können auch die Eltern machen. Dann lasse ich ihn Zeitungsartikel lesen und er muss mir sagen, worum's darin geht. Und in Englisch üben wir Sachen, die nach Schema F funktionieren - absolute Basics. Warum tun sich Eltern so schwer mit sowas? Warum führen Eltern ihre Kinder nicht von Anfang an an Bücher heran? Dem Kind jeden Abend etwas vorzulesen ist doch keine große Sache, oder? Wenn sowas nicht stattfindet, brauche ich mich doch später nicht zu wundern, dass der Junge keinen Sinn für's Lesen hat. Und sein Ausdruck dementsprechend schlecht ist.
Vielleicht schwinge ich mich ja hier auf ein sehr hohes Ross, aber ich denke schon, dass man den Kindern viele Dinge einfach vorleben muss. Bei uns zu Hause wurde immer viel gelesen, auch vorgelesen, und das, obwohl meine Mama nicht studiert hat. Mit dem Bildungsgrad hat das also nichts zu tun. Nun bin ich auch von Natur aus eine ausgesprochene Leseratte, aber ich denke trotzdem, dass das Vorbild der Eltern eine wichtige Rolle spielt. Selbst mein Bruder liest gern!
Schülerin Nummer 2 ist Natascha. Sie ist meine Luxus-Schülerin, weil ich bei ihr für die Anfahrt kein Kilometergeld bekomme. Und gerade sie wohnt am weitesten weg... Trotzdem mag ich Natascha nicht mehr missen, denn sie ist eine sehr dankbare und vor allem interessante Schülerin. Sie stammt ursprünglich aus Kasachstan, lebte dann in Russland und ist seit fünf Jahren in Deutschland. Zu Hause wird nur russisch gesprochen, trotzdem ist ihr Deutsch relativ gut. Sie hat nur ein paar kleinere Probleme mit den Artikeln (Die gibt's im Russischen nicht!), dem Dativ und bestimmten Formulierungen. Da fehlt einfach der Input, also möglichst viel Kontakt mit der deutschen Sprache. Ich glaube, Natascha bekommt von zu Hause sehr viel Druck, lernt deshalb viel und hat weder Zeit zum Lesen noch zum Fernsehen. Und gerade das empfehle ich ihr, damit sie möglichst viele sprachliche Wendungen hört und ein Gefühl für die Sprache entwickelt. Was ich so bewundernswert finde: Das Mädchen macht Abitur, obwohl sie von ihrem Hintergrund her alles andere als prädestiniert dafür ist.
Letztens hatte ich Natascha als Hausaufgabe gebeten, einen Text über sich zu schreiben. Sie zierte sich zuerst und meinte, sie hätte doch nix zu erzählen. Sowas ist für einen selbstverliebten, mitteilungssüchtigen Egozentriker wie mich natürlich völlig unverständlich. Ich machte ihr Mut und siehe da, ich bekam gestern einen wirklich schönen Text vorgelegt. Natascha begann damit, von sich zu schreiben, konzentrierte sich dann aber immer mehr auf ihre Oma. Die mussten sie in Russland zurücklassen, obwohl Natascha sehr an ihr hing. Kurz darauf starb sie. Nataschas Liebe und Bewunderung für ihre Oma sprach aus jeder Zeile und machte mich sehr betroffen. Ich bin auch so ein Oma-Kind und habe meine geliebte Oma zu früh verloren. Ich hätte beim Lesen fast geheult.

Vielleicht erholt sich ja der junge Mann auch noch. Zu Wünschen wäre es ihm, wie eigentlich jedem. :o)
@ Tom: Du wieder! Im Moment nutze ich die (ohnehin abonnierte) "Neon" als Quelle, aber vielleicht hast Du Recht... Wenn ich das nächste mal mit seiner Mama telefoniere, werde ich einfach sagen: "Könnten Sie Ihrem Sohn wohl bis zur nächsten Stunde den aktuellen Playboy kaufen?" (Obwohl der Basti sich ja in erster Linie für sein Skateboard interessiert, ich also vielleicht lieber eine Zeitschrift aus dem Bereich wählen sollte.)