Mission Prinz

12.05.2010 um 08:41 Uhr

Mama

Der heutige Tag beginnt gar nicht gut. Wahrscheinlich.

Er begann mit einer SMS von meiner Mama. Die SMS kam gestern spät Abend, als ich gerade im Bett lag. Ich bin nicht gucken gegangen, denn ich dachte, es wäre nicht wichtig bzw. nur Werbung von meinem Anbieter. Nun, es war wichtig. Mama beschwert sich, dass ich Sonntag nicht angerufen habe. Natürlich habe ich ein sehr schlechtes Gewissen. Ich wollte Sonntag anrufen, ja, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich wollte Montag anrufen, aber dann fiel mir ein, dass meine Eltern ja nicht da sind. Gestern war keine Zeit. Ja, mein Gewissen wiegt sehr schwer und drückt mich zu Boden.

Doch es ist der letzte Satz der Nachricht, der mich schon beim Frühstück zum heulen brachte. "*Name unseres Hundes* macht uns Sorgen."

Meine Mama macht keine großen Worte und vor allem teilt sie mir nicht jeden Pups mit. Wenn sie das erwähnt, dann klingt das wie: "Ruf' bitte mal an, mit Anouschka stimmt was nicht, mach' Dich auf schlechte Nachrichten gefasst." Und ich heule. Garfield guckt mich verständnislos an und sagt: "Vielleicht hat sie nur was Schlechtes gefressen..." Ich schüttel den Kopf. Nein, sowas Unwichtiges erwähnt meine Mama nicht mal. Und in Gedanken bin ich sechs Jahre zurückgewandert. Wow, ist das schon sechs Jahre her?

Es war die letzte Uni-Woche vor den Semesterferien. Ich schrieb Klausuren, bereitete mich auf die Zwischenprüfung vor und von zu Hause erreichten mich beunruhigende Nachrichten. Unser Familienhund, Struppi, war krank. Er musste sogar eine Nacht in der Klinik bleiben. Am nächsten Tag ging's ihm plötzlich wieder gut, er durfte nach Hause.

Ich startete in die Ferien und meine Eltern beschlossen, endlich einen lang gehegten Wunsch in die Tat umzusetzen. Ein zweiter Hund sollte her! Wir besuchten das örtliche Tierheim, meine Mama verliebte sich in Anouschka und wir nahmen sie mit. Struppi fand das zuerst nicht so toll und Anouschka war ein zitternder Angsthase, aber die Woche über legte sich das. Nach vier Tagen sogar der zaghafte Versuch, mit Struppi zu spielen. Ich war begeistert. Samstag gingen wir das erste Mal mit Anouschka in die Hundeschule. Da wir nun einen großen Hund hatten, erschien uns das wichtig. Die Stunde verlief super, man machte uns Mut, was Anouschka betraf. Die wird schon, versicherte man uns. Wir dachten, dass zumindest die Spielstunde am Anfang und am Ende auch unserem alten Struppi gefallen würde und fragten, ob wir ihn mitbringen dürften. Klar, durften wir. Also dann, bis nächste Woche.

Abends ging ich zur alljährlichen Faschingsparty. Ich hatte jede Menge Spaß, genoss den Abend. Als ich mitten in der Nacht nach Hause kam, waren meine Eltern noch wach und teilten mir mit, dass Struppi gestorben war. Einfach so. Ganz plötzlich. Es muss schlimm gewesen sein, der Arme hat geschrien vor Schmerzen. Und ich war nicht da. Ich war feiern. Ich war nicht bei ihm, habe ihn nicht gestreichelt. Zwölf Jahre hat er mich begleitet, war ein treuer Freund in den Härten der Pubertät, und ich war am Ende nicht für ihn da. Ich habe mir das nie verziehen, gehe jedes Jahr mit einem schlechten Gefühl zum Fasching. Jedes Jahr denke ich an ihn und übernachte nach der Party bei einer Freundin, in der Hoffnung, so schlechte Nachrichten mitten in der Nacht zu vermeiden.

Was uns damals sehr half, war Anouschka. Dass wir schon einen anderen Hund hatten, war ein Segen, weil es den Verlust erträglich machte. Anouschka hat Struppi nie ersetzt, denn er war mein erster Hund. Anouschka ist ganz anders, die Beziehung zu ihr was ganz Besonderes. Ich liebe dieses schwarze Untier und kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendwann mal nicht mehr da ist. Und jetzt diese Nachricht von meiner Mama.

Ich werde sie anrufen. In einer halben Stunde. Sollte sie zu Hause sein, wird sie dann gerade frühstücken. Ich habe Angst vor dem Gespräch.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAngeldust schreibt am 12.05.2010 um 09:58 Uhr:viel glück... vielleicht ist es ja wirklich nicht schlimm.

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