Mission Prinz

14.07.2011 um 13:21 Uhr

Pressefreiheit?

Stell' Dir vor, Du schlägst die Zeitung auf, liest einen Artikel zu einem Thema, welches Dich betrifft und dann... kommen Dir einige Sätze sehr bekannt vor. Sie sind nämlich von Dir. Aus Deinem Blog.

Ist nicht mir passiert, aber der Löwenmama. Deren Blog lese ich ja seit einer Weile bzw. seit es ihn gibt. Davor habe ich ihre Seite im Forum gelesen. Aber ich merke gerade, ich muss ganz woanders anfangen...

 

Es begann alles bei meinem Ex-Freund. Wir hatten ein paar *räusper* Problemchen, als deren Ursache ich, nach einiger Internet-Recherche, die P*lle ausmachte. Gut, ich brauchte also eine hormonfreie Alternative und landete bei der natürlichen Verhütung. Ich las' mich etwas ein, stieß dabei auf ein riesiges Forum und bekam richtig Lust, das zu probieren. Leider bezeichnete mein lieber Ex diese natürlichen Methoden als "Blödsinn" und ein neues Mittelchen meiner Gyn schien zu helfen, also blieb ich erstmal bei den Hormonen. (Wie dumm ist das denn? Da nimmt man ein Medikament, um die Nebenwirkungen eines anderen, freiwillig eingenommenen, Medikaments einzuschränken?)

Dann kam die Trennung und damit DIE Gelegenheit, etwas neues zu probieren. Ich kaufte mir die entsprechende Literatur, ein Thermometer, meldete mich in dem Forum an und los ging's. Fortan verbrachte ich viiiiel Zeit in diesem Forum, wo man wirklich alles (nicht nur zu diesem Thema) fand. Dort waren Gleichgesinnte, Frauen mit ähnlichen Problemen, ähnlichen Geschichten. Man bekam Antworten auf alle Fragen, es wurde einem geholfen, wenn man nicht weiter kam - tolle Sache.

Da die Methode auch zur Herbeiführung einer Schwangerschaft eingesetzt wird, ist es nur logisch, dass in dem Forum Schwangerschaft und Babys ein großes Thema sind. Dort finden sich immer die werdenden Mamas eines Quartals zusammen und bilden eine Untergruppe. Echt schöne Sache, weil sich doch im Grunde alle über dieselben Dinge Gedanken machen und man so von den Erfahrungen anderer profitieren kann. Welcher Kinderwagen ist der Beste? Welche Untersuchungen sollte man machen lassen? Woran erkenne ich ein gutes Krankenhaus? Ich war also in dieser Gruppe aktiv und erfuhr dort kurz nach der Geburt des Zwergs von einer anderen Mama mit schlimmer Diagnose. Man kann dort auch eine Art Tagebuch führen und genau das hatte diese Mama gemacht. Mit allen Aufs und Abs. Natürlich war ich neugierig, suchte die entsprechende Seite und konnte mich nicht mehr los reissen. Ich las ein Stück zurück, aber da waren nur seitenweise Beileidsbekundungen. Schnell merkte ich, ich wollte die Geschichte von Anfang an kennen. Ich begann also, die letzten drei Jahre im Leben dieser Frau nachzulesen.

Ich geb's nur mal kurz wieder: Eine geschiedene Mutter mit kleinem Jungen traf einen neuen Mann und träumte mit ihm zusammen von einer großen Familie. Schöne Geschichte mit schwierigen Rahmenbedingungen. Die Fernbeziehung zum Beispiel. Es wurde trotzdem geheiratet und bald war die Frau schwanger. Sie bekam ein kleines Mädchen (Im Auto! Auf der Fahrt zum Geburts*haus!  Es war Winter, es war Nacht, sie waren auf der Autobahn! Wahnsinnsgeschichte!), alles war toll. Ein knappes Jahr später kündigte sich erneut Nachwuchs an. Der kleine Junge kam letzten Sommer zur Welt und erstmal sah alles gut aus. Dann aber bemerkte man Entwicklungsstörungen und es begann eine sehr schwierige Zeit. Viele Ärzte, viele Tests und schmerzhafte Untersuchungen später bekamen die Eltern eine schlimme Diagnose. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich von der Geschichte erfuhr. Ich war gerade Mutter geworden und sehr sensibel, wohl deshalb nahm ich mir das Gelesene so zu Herzen. Obwohl es eigentlich jeden Menschen mit einem Herz berühren muss. Jedenfalls hatte der süße kleine Junge eine schlimme Stoff*wechselkrankheit und würde nicht lange leben. Vielleicht würde er ein Jahr alt werden, vielleicht auch nicht. Er würde dahin siechen und die Eltern würden zugucken müssen und nichts tun können als zu warten. Auf den Tag X. Eine Horrorvorstellung. Was wirklich schlimm war: Ich las die Geschichte ja im Nachhinein, kannte also schon das (vorläufige) Ende - die Diagnose. Ich las von der Schwangerschaft, der schönen Geburt. Sah die Fotos (Die Frau stellte immer mal wieder Fotos von ihrer Familie ein, erzählte viel vom Alltag, so bekam man das Gefühl, man würde die alle irgendwie kennen.), las die guten Wünsche. Und ich wusste schon, was diese Familie, diesen kleinen Jungen, erwartete. Das ist, als hätte man in einem Krimi schon die letzte Seite gelesen, nur dass es sich eben um eine wahre Geschichte handelte.

Seitdem lese ich dort regelmäßig und habe jedes Mal Angst, zu lesen, dass der Kleine gegangen ist. Noch lebt er - wenn man das leben nennen kann. Jedenfalls hat die Mutter vor einiger Zeit ein Blog begonnen, um die Geschichte ihres Löwenbabys und seiner Krankheit zu erzählen. Eine Seite nur für dieses Kind, auch, um anderen Eltern vielleicht irgendwann zu helfen. Weil man so wenig über den Verlauf dieser Krankheit findet und die Ärzte nur vage Prognosen von sich geben. Auch dort lese ich regelmäßig. Dort ist natürlich alles anonymer als im Forum, man erfährt zum Beispiel keine Namen. Im Forum dagegen stehen Namen, es gibt Fotos und man weiß sogar, wo die Familie ungefährt wohnt. Zumindest war das mal so, denn etwa zeitgleich mit der Entstehung des Blogs hat die Mutter ihre Seite im Forum gelöscht und nochmal neu angefangen. Anonymer. Das war wohl 'ne Eingebung...

Der Kleine hat diese Krankheit, weil seine Eltern beide ein defektes Gen haben. In der Kombination führt dies mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu dieser Krankheit bei den Kindern. Das Mädchen ist gesund, bei dem Jungen nun kam es raus. Sollten die Beiden weitere Kinder haben wollen - ursprünglich waren ja mal vier geplant - so geht dies nur künstlich und auch nur mit Vorauswahl der Embryonen. P*I*D nennt man sowas und darüber gab es neulich eine politische Entscheidung. Aus diesem Anlass wurde viel geschrieben und eine schlaue Journalistin stieß wohl bei ihrer Recherche auf den Blog. Sie sagte sich wohl, dass ein persönliches Schicksal ihren Artikel viel interessanter machen würde, also nutzte sie das Löwenbaby. Sie erwähnte seine Geschichte nicht nur, sie zitierte die Mutter im großen Stil und verwies auf die Seite. Nett wäre gewesen, hätte man die Mutter vorher um Erlaubnis gefragt oder wenigstens informiert. Hat man aber nicht. Ob das erlaubt ist, weiß keiner so genau. Und die Mutter bekam Panik. Sie wollte zwar ihre Geschichte "öffentlich" machen, aber aus sehr persönlichen Gründen. Auf keinen Fall wollte sie, dass ihre Familie an die Öffentlichkeit gezerrt und ihre Geschichte ausgeschlachtet wird. Kurzentschlossen wurden also alle Einträge gesperrt und der Blog erstmal geschlossen. Die Mutter kann nur heilfroh sein, sich vor einiger Zeit für mehr Anonymität entschlossen zu haben, denn sonst wäre es ein Leichtes gewesen, sie zu finden.  Nach einigem Hin und Her geht der Blog nun weiter, aber mit einem Hinweis für die Presse.

Wie gesagt, stell' Dir vor, Dein Blog steht in der Zeitung...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPelegrina schreibt am 21.07.2011 um 14:04 Uhr:Ich habe den Löwenkindblog überflogen, ich werde ihn aber nicht lesen. Das Thema Tod rührt derzeit zu sehr an mir...

    Das diese Journalistin aber so kackfrech klaut, da schnapp ich ja echt über. So eine Frechheit.
  2. zitierenRosa26Maus schreibt am 21.07.2011 um 15:48 Uhr:Nich? Die arme Frau hat schon genug an der Backe und dann noch solche Sorgen!

    Sorry, hatte mir schon gedacht, dass das gerade nix für Dich ist und wollte eigentlich noch einen Hinweis für Dich einbauen, hab'sch dann aber doch vergessen. Virtuelle Umarmung?
  3. zitierenPelegrina schreibt am 21.07.2011 um 15:52 Uhr:
    Rosa26Maus: Virtuelle Umarmung?


    Gerne. *lach* Aber man ist ja allerorten täglich mit dem Thema konfrontiert, da muss ich durch. Mir tut halt so weh, das es sich um ein kleines Kind handelt. Das die Eltern so lange hoffen und bangen und müssen das Hascherl so früh gehen lassen. Das schmerzt. Auch unbekannterweise....

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