... und einen schönen Nikolaus...
Vorhin hat meine Mama angerufen um mir mitzuteilen, dass meine Oma letzte Nacht gestorben ist. Meine Reaktion? Kurz ein Kloß im Hals und "Hm... ok.". Mehr nicht. Nicht mal eine klitzekleine Träne. Und jetzt sitze ich hier und habe ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, weil mich das emotional so wenig berührt. Klar, es war absehbar, natürlich habe ich schon länger mit diesem Anruf gerechnet, aber trotzdem. Wenn ich daran denke, was bei mir los war, als mein Hund vor einem halben Jahr gestorben ist... Schon der Gedanke daran bringt mich jetzt noch zum Weinen. Und bei meiner Oma... so gar nichts.
Natürlich gibt es dafür Gründe.
Es ist ja nicht so, dass ich die Frau nicht leiden konnte, aber wirklich warm geworden bin ich nie mit ihr. Jedenfalls nicht, soweit ich mich zurückerinnern kann. Das lag sicher daran, dass sie nicht meine leibliche Oma ist bzw. war. Sie war die Mutter meines Papas, der nunmal eigentlich gar nicht mein Papa ist. Bei ihm habe ich da nie einen Unterschied gemacht, bei der Oma schon. Wahrscheinlich, weil ich mich von ihr immer ein bißchen anders behandelt gefühlt habe als meine Geschwister. Sicherlich hat sie nicht absichtlich einen Unterschied zwischen uns gemacht, aber ich habe ihn trotzdem gespürt. Außerdem hatte ich bereits eine über alles geliebte Oma, als ich diese Frau kennenlernte. Gegen sie hatte meine Oma väterlicherseits nie eine Chance. Die Mutter meiner Mama hat sich um mich gekümmert, als ich ein Baby war. Wir haben dort gewohnt, die Bindung war zwangsläufig sehr, sehr eng. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es war, eine zweite Oma dazu zu bekommen, aber es war sicher eine schwierige Situation. Ich habe mich damals wohl entschieden - wenn auch unbewußt - diese neue Frau anders anzusehen. Sie war eben nicht meine "richtige" Oma und hatte damit wohl auch nie eine Chance bei mir. Als ihr Mann vor vielen Jahren starb, ging es mir auch schon so. Alle weinten, alle trauerten, nur mich berührte das Ganze irgendwie kaum. Gut, ich war neun und ich kannte den Mann kaum, weil er eigentlich fast nie da war. Trieb sich den ganzen Tag in seinem Garten rum, selbst wenn wir zu Besuch da waren. Ganz anders, als meine "richtige" Oma vor zehn Jahren starb. Völlig überraschend. Damals brach meine Welt zusammen, ich fiel in ein ganz tiefes Loch. Dummerweise fiel das Ganze mit dem Abitur zusammen, ich stand völlig planlos da - das machte das Loch noch tiefer. So tief, dass ich nicht mehr leben wollte. Mich wieder zu fangen, war nicht leicht, geschafft habe ich es nur durch einen radikalen Schnitt: neun Monate Frankreich, neun Monate weit weg von allem und allen.
Dazu kommt, dass meine Oma seit einem Schlaganfall vor einigen Jahren für mich eigentlich schon gestorben war. Sie lebte seitdem in einem Pflegeheim. Oder besser: Sie vegetierte vor sich hin. Anders kann man das nicht nennen. Mein Papa hat sich sehr bemüht, war fast jeden Tag dort, hatte eine Engelsgeduld, hat mit ihr geredet, sie gefüttert. Ich bewundere ihn dafür wirklich sehr! Ich selbst war höchstens zweimal pro Jahr dort. Weihnachten und Ostern, jeweils ein, zwei Stunden. Ich hielt es dort einfach nicht aus. Diese ganzen pflegebedürftigen, sabbernden Menschen, die oft gar nichts mehr mitbekamen und einfach nur noch existierten. Irgendwie. Ich ekelte mich und ich hatte wahnsinniges Mitleid. Wenn ich dorthin ging, dann nur mit Hund, denn das bedeutete wenigstens eine kleine Ablenkung - für mich. Die Heimbewohner bekamen oft gar nicht mit, dass da ein Hund herumlief, aber die Schwestern freuten sich immer sehr über die Abwechslung und holten sofort Wurst und Kuchen aus der Küche. Jedenfalls, seit meine Oma in diesem Heim lebte existierte sie für mich sowieso nur noch auf dem Papier. Wirklich gelebt hat sie nicht mehr.
Ich würde gern sagen, dass ich sie vermissen werde, dass ich traurig bin. Aber das werde ich nicht und das bin ich nicht. Es wäre eine Lüge.
