Ich denke viel nach und ich reflektiere auch sehr stark. Ich glaube nicht, dass mir ein Psychotherapeut helfen könnte. Der soll mir helfen mir mein Verhalten vor Augen zu führen – das wiederrum kann ich selber sehr gut.
Im Moment denke ich wieder verstärkt drüber nach, warum ich diese ganzen selbstschädigenden Dinge ausübe. Warum meine Bulimie in voller Blüte steht, obwohl ich so lange kotzfrei war. Warum mein Gewicht mein Leben bestimmt und warum es mir nicht einfach egal sein kann. Ich hasse dieses kotzen, ich hasse es auf Essen zu verzichten und mich nach jedem Keks schuldig zu fühlen.
Ich hab mir gestern Nudeln mit Tomatensauce gegönnt, und scheisse war das lecker und gut. Ich war richtig satt, seit Wochen das erste Mal richtig satt. Ich hab gemerkt wie mein Magen es verdaut hat und es war gut. Mir war nicht mehr kalt. Heut ... Knäckebrot ... Suppe ... dieses ganze kalorienarme Zeugs von dem ich mich seit Monaten ernähre und trotzdem nicht wirklich abnehme.
Und dieses Kotzen und Hungern ist doch auch nur Selbstmord auf Raten. Ich könnte auch sagen, ich leb mal 3 Wochen so wie ich will und bring mich danach um. Nein ich lebe permanent in so nem Wechselzustand. Jeden Tag gut dosiert ein bisschen. Was mich auf Jahre hinweg nicht umrbingen wird, aber irgendwann dann doch.
Bald leb ich mit meinen Klassenkameraden zusammen im Schwesternwohnheim. Und ich bin sicherlich einer von denen, der ab und an ein Bier trinken wird. Und vielleicht auch ein Bier zuviel. Ich kenn mich doch.
Und grade wenn ich getrunken hab, werde ich sehr redseelig und sehr offenherzig. Und ich würde mir aus Erfahrung einfach mal zutrauen, dass ich irgend nem Kollegen meine ganze Psychohygiene vorheule, die gar nicht so rein ist, wie sie sein sollte.
Es kommt vor, dass wir über Menschen reden, die sich selbst verletzen. Im Unterricht oder auch so. Es wirkt, als seien meine Kollegen davon irgendwie fasziniert und schockiert. So alla: "Warum tut ein Mensch das?"
Ich tue dann interessiert und informiert. Ich werfe wichtige Argumente ein: "Diese Menschen brauchen das wahrscheinlich irgendwie um sich selbst zu fühlen. Irgendwie kann das ja auch ein Wiederbelebungsversuch sein, weil diese Menschen über eine gestörte, verminderte Körperwahrnehmung verfügen."
Gut, dass da so einer unter ihnen ist, der genau solche Narben auf der Wade hat, befürchtet keiner. Ahnt auch keiner, weil ich mich nach außen wahrscheinlich irgendwie anders gebe.
Eine einzige Kollegin hat 3 Narben aufm Unterarm, die ihr peinlich sind und die sie mit folgenden Worten erklärt: "Es ging mir schlecht."
Sie hat 3 Narben, ich hab die gesamte Wade voll. Ich werde nie wieder ne kurze Hose tragen können.
Und ich weiss ganz genau, wenn ich 24h mit diesen Leuten zusammen sein werde und dann noch 2 Bier intus habe, und irgendwer auf ein melancholisch-depressives Thema schwenkt, irgendwas von sich beichtet, dann kann auch ich meine Klappe nicht halten.
"Ich hab Bulimie – ich hab mich Jahre lang selbst verletzt und tu es auch jetzt noch alle Jubeljahre." Und ich werde es bereuen, dass ich sowas gesagt hab. Definitiv.
Ich will nicht dass irgendwer das über mich weiss und schon gar nicht die Leute, die mit mir arbeiten und mich als humorvollen, starken Kollegen schätzen. Ich will mich nicht im Suff um Kopf und Kragen reden. Mal davon abgesehen, dass wir nen paar Leute unter uns haben, die die Klappe einfach nicht halten können. Irgendwer im Krankenhaus hört das immer und erzählt es weiter. Und dann bin ich ganz schnell nur noch Psychoboy auf der Arbeit.
Meine Gedanken und Befürchtungen in den letzten Tagen bezüglich, der nächsten 3-4 Monate ... und dann ist doch tatsächlich morgen wieder Weihnachten. Und ich hab da so keinen Bock drauf. Ich muss morgen mit Mutti Weihnachtsessen vorbereiten. Essen, Bescherrung und ne Menge Wein zwischendrin. Juhuu ... ich seh mich abends schon zuhause mit meinem Frustbier. Und das wird das Highlight meines Tages sein.
Weihnachtsessen nachmittags, frühabends Bescherrung. Danach werden meine Brüder alle abhauen und mit den Familien ihrer Ehefrauen feiern oder woanders feiern. Mein einziger Single-Bruder muss arbeiten, klar, Kneipenbesitzer auf St. Pauli, da muss auch Heiligabend gearbeitet werden.
Meine beste Freundin geht nachher noch zu meiner Exfreundin und geht mit der feiern. Ich hab vorhin mit ihr telefoniert und sie über meine Sorgen und Befürchtungen bezüglich Weihnachten informiert. Und sie meinte: "Komm doch zu uns." – "Nein, meinst du wirklich ich pass da rein? Grade mit meiner Ex?" – "Ja warum denn nicht?" – "Ich glaube nicht, dass ich da rein passe. Und ob sie so begeistert sein wird. Ob sie mich grade Weihnachten schon sehen will oder ich sie."
Fest der Liebe – so schon kaum ertragbar. Aber als Single ... Vorletztes Jahr bin ich danach zu meiner Ex gefahren mit Geschenken unterm Arm. Wir haben uns beschenkt und danach bin ich von ihr aus aufm Kiez gefahren mit der Begründung "Ich geh mal nen Döner holen, soll ich dir was mitbringen?" Letztendlich hab ich mich mit meinen Brüdern und ner Palette Bier getroffen, und wir haben unseren gesamten Frust runtergespült über das Weihnachtsfest, an dem meine Eltern so betrunken waren, dass wir ins Bett bringen mussten.
Scheisse aber erleichtern.
Und letztes Weihnachten bin ich erst zu meinen Eltern und später zu den Eltern meiner Ex. Aber ich wusste wohin ich gehe wenn der schlimmste Teil überstanden ist. Morgen weiss ich nicht wohin ich gehe. Nach Hause zu meinem Bier.
Großartig.
Ich brauche dringend einen Menschen, der mich aus meiner selbstmitleidigen Phase rausbringt, indem er einfach da ist und mich in den Arm nimmt, Sex mit mir hat und mir das Gefühl gibt, dass ich irgendwem was bedeute. Okay, klar kann man das den Menschen sagen und schreiben, ich brauch das körperlich. In dem Sinne bin ich völlig auf Entzug.