Boys don´t cry

30.01.2006 um 12:13 Uhr

Mal wieder ich

von: Ryan

Musik: Dorfdisko - Unterwegs

Okay, Hamburg, mal wieder.
Wie gehts mir? Unterschwellig traurig, unterschwellig genervt von allem. Wir hocken da ja 24h aufeinander, Streiterein, falsche Worte und alles was dazu gehört. Und sowas kann ich ja nicht ab.

Zuhause endlich Ruhe, abschalten, Wäsche waschen, mein Sofa. Ich fühl mich ausgelaugt, sozial völlig erschöpft. Ich möchte was machen, was mir gut tut, mir fällt aber nichts ein.

Eigentlich gibs unter den Leuten im Schwesternwohnheim nur 2 Singles. Darunter falle im übrigen ich, aber das ist auch nicht schwer zu eraten. Und vom Rest bekommt man immer ganz gut mit, dass Schatzi aufm Haustelefon anruft "Kann ich Sabine mal sprechen?" - "Klar, SABIIIINE?!!!"
Ich möchte auch so gerne verliebt sein. Aber ich glaube dafür ist es die falsche Jahreszeit.

Naja meine Lebensplanung hab ich erweitert auf eine Diät - ja, es geht nicht mehr anders. Ich hab echt Probleme meine Hosen zuzukriegen. Meine Mutter schwört auf Kohlsuppe, kennt sich damit jemand aus?
Ich hab schon nen paar Rezepte gefunden.
Und als nächstes warte ich auf den Sommer. Im Sommer wird alles besser, da glaube ich ganz stark dran.

Also ich tröste mich grade mit Gedanken an Kohlsuppe und Gedanken an warme Sommertage.

26.01.2006 um 17:09 Uhr

Sehr kurz Zuhause

von: Ryan

Wir sind spontan nach Hause gefahren, fahren heute Abend wieder zurück, weil wir morgen Schicht haben.

Aus Langeweile esse ich da irgendwie dauernd. Ich hab schon wieder zugelegt, ich trau mich echt nicht mehr auf die Waage. Und hab super Komplexe weil ich mich fett fühle.

Ansonsten ist soweit alles in Ordnung. Auf Station komme ich gut klar, es beschäftigt mich auch nur noch minimal was da so abgeht.

Dann hab ich mich mit meiner Zimmernachbarin im Wohnheim tierisch in die Haare gekriegt. Das hat damit geendet, dass ich umgezogen bin. Ich hab jetzt ne neue Zimmernachbarin. Das war ne ziemliche Dramatik, der Streit war auch nur wegen ner Kleinigkeit, aber wir sind dann beide ziemlich ausgeflippt. Zur Folge hatte das dann eben, dass ich meine Sachen gepackt hab und zwei Zimmer weiter gezogen bin.
Und zum weiteren hat es die ganze Klasse ziemlich gespalten. Ich versuch daran irgendwie nicht mehr zu denken und Gras drüber wachsen zu lassen.
Sowas kommt wahrscheinlich vor, wenn soviele Leute so eng aufeinander hocken.

Ansonsten freu ich mich grade mit unserem anderen einzigen Kerl das Feierabendbier zu trinken. Wir bekochen heute mal die Mädels, das wird bestimmt lustig.

22.01.2006 um 12:26 Uhr

Olli Schulz und der Hund Marie - Und dann schlägt dein Herz

von: Ryan

Nimm die Finger von dem Mädchen,
verlass endlich die Bar.
Draussen scheint die Sonne,
die Nacht ist nicht mehr da.
Du hast zuviel geredet,
du fühlst dich etwas falsch.
Das einzige was dir bleibt,
läuft dir bitter durch den Hals.

Und dann schlägt dein Herz,
und dann schlägt dein Herz.

Selbstgespräch unter 4 Augen,
nur die Wahrheit und der Glauben,
dass es alles besser geht,
wenn das Herz noch schneller schlägt.

Und dann schlägt dein Herz,
und dann schlägt dein Herz.


20.01.2006 um 21:22 Uhr

Ja es gibt mal wieder was zu lesen von mir

von: Ryan

Musik: Wir sind Helden - Wenn es passiert

Wieder Zuhause, ich versuche jeden freien Tag in Zuhause zu verbringen. Ich brauch wirklich Abstand von dem Ganzen.

Obwohl ich zwar noch immer irgendwie so ne Bäh-Stimmung dieser ganzen Psychiatrie-Geschichte gegenüber habe, gehts mir besser damit. Ich hatte diese Woche wirklich Schichten, die mir Spaß gemacht haben.
Allerdings merke ich auch, dass ich mich ganz gut auf der Station eingelebt habe, mittlerweile einige Sachen selbstständig erledigen kann, die Abläufe kenne.
"Ich fang schon mal hier und damit an ... ich bereite schon mal das und jenes vor ... ich hab die Medikamente gestellt, magste mal drüber gucken ob ich alles richtig gestellt hab?"
Das gibt mir eigentlich ein ganz gutes Gefühl.

Mittlerweile denke ich auch, dass ich mich ganz gut abgrenzen kann gegenüber den Patienten. Konnte ich vorher eigentlich schon ganz gut, mittlerweile merke ich aber, dass es immer besser funktioniert.

Ich hab auch so ein ganz gutes Feedback von anderen Menschen. Ich merke, dass man mich mag. Ich brauch mich nicht verstellen. Ist auch schwer wenn man dauernd zusammen hockt, aber je mehr ich so bin wie ich bin, und die Stimmungen auslebe, die ich grade so hege, desto besser nehmen mich die Menschen an.
Zum Beispiel saß ich gestern mit Leuten aus meinem Kurs zusammen, ich war irgendwie müde, niedergeschlagen und ne Kollegin hat das gemerkt. Sie fragt nach was los sei und ich meinte: "Mmh, kommt grad irgendwie alles zusammen, Schlafmangel, Single, Psychiatrie ..." und sie meinte: "Ach Ryan ..." Ende vom Lied war dann, dass ich den halben Abend von ihr gekrault wurde.
Was lernt Ryan aus sowas? Es ist nicht schlimm auch mal nicht gut drauf zu sein, die Menschen mögen einen trotzdem. Zumindest die Menschen, die ich grade so um mich hab.

Was gibts sonst noch? Ich kam zuhause an, musste erstmal tausend Telefonate führen mit meiner Familie. Mutti mal anrufen um zu fragen wie es ihr so geht. Mein Bruder hat sich das Bein gebrochen, also mal anstandshalber den anrufen wie das passiert ist.
Seitdem ich so nen medizinischen Berufsweg eingeschlagen hab, denkt meine ganze Familie sie könnte mich alles fragen. Mutti nimmt Medikamente zum Ausschwemmen. "Verschreibt man die oft?" - "Ja." - "Ich muss aber seitdem öfters aufs Klo." - "Ja Mutti, das ist normal." - "Wirklich?" - "Ja - lies mal die Packungsbeilage."

oder mein Bruder heute: "Also der Arzt meinte, der Gips muss 3 Wochen draufbleiben, ist das nicht viel zu lang? Was denkst du?" - "Keine Ahnung, frag deinen Arzt."

Oder mein anderer Bruder ruft an: "Meine Freundin hat Fieber und übergibt sich die ganze Nacht ... und außerdem Bauchschmerzen. Was könnte das sein?" - "Ich kann keine Diagnose stellen." - "Na dann sag was professionelles." - "Okay: Fahr sie zum Arzt und frag den!"

Ich lag vorhin aufm Sofa und hab Fernsehen gesehen. Eigentlich läuft nichts, was mich im geringsten interessiert. Aber irgendwie bin ich zu mehr gar nicht in der Lage. Ich fühl mcih wieder sehr erschöpft und müde. Na gut, ich muss aber heute auch zugeben, dass ich Frühschicht hatte und nur 4 Stunden geschlafen hab. Ich hab mich bei meinen männlichen Kollegen bei Bier und Poker versabbelt. Ich kann jetzt Poker spielen. Cool.

Was ist in der Psych so los? Eigentlich nichts spekutakuläres. Wir hatten heute ne Härtefallbesprechung über einige Patienten, die wahrscheinlich eh wieder rückfällig werden, wenn sie entalssen werden. Und diese ganzen Gespräche drehen sich so im Kreis.
Wenn man die Leute forder, kann es sein, dass man sie überfordert und sie dann aus Frust trinken. Wenn man sie mit Samthandschuhen anfasst, kann es sein, dass sie sich nicht weiter entwickeln und wieder in alte Verhaltensweisen fallen. Folge: Sie trinken auch wieder. Großartige Aussichten.
Das nervt mich eigentlich am meisten an diesen Entzugsstationen. Man kann die Leute nicht entlassen und weiss, sie sind trocken/clean, nein man geht davon aus dass sie rückfällig werden. Der Therapieerfolg besteht dann darin, dass sie sich wieder Hilfe suchen, wenn sie rückfällig werden und nicht heimlich Jahre weiter saufen, koksen bla bla.
Das heisst aber auch, dass einige alle paar Wochen/Monaten wiederkommen.
Und dann seh ich einen Alkoholiker, der zum 15. Mal auf Entzug ist, schwerste körperliche Schäden vom übermäßigen Alkoholkonsum und die Therapeuten sagen alle: "Der wird spätestens 24h nach Entlassung rückfällig."
Und ich ertappe mich dabei zu denken: "Dann lass ihn sich doch totsaufen. Das ist alles verschwendete Liebesmüh." Und ich fühl mich schlecht, dass ich sowas denke. Sowas darf man nicht denken, aber ... es ist so.
Und heute Nacht hat eine junge Frau sich versucht zu suizidieren. Pulsadern aufgeschnitten, ich war derjenige, der morgens die Sauerrei aufwischen durfte. Nachdem sie stabilisiert wurde, wurde sie ins Krankenhaus bei mir in Hamburg um die Ecke eingeliefert. Ich hatte dran gedacht sie am Wochenende kurz zu besuchen - lieber nicht. Nette Geste, aber nicht gut für mich. Sowas sollte man lassen.

Na gut, soviel zu meinem Seelenmüll aus der Psychiatrie.
Eigentlich geht es mir heute ziemlich gut, muss ich sagen. Ich bin "nur" müde, nicht niedergeschlagen.

Ansonsten wird mir neuerdings wieder klar wie hart mein Job eigentlich wirklich ist. Wissen die Menschen, was Krankenschwestern und Pfleger inner Psychiatrie täglich durchmachen? Was sie sehen und hören?
Ich hab den unterbezahltesten Beruf auf der ganzen Welt ...

Ich lenk mich jetzt ne Runde mit Anno 1602 ab.

16.01.2006 um 14:38 Uhr

Zuhause

von: Ryan

Musik: Tomte - Ich sang die ganze Zeit von dir

Ich nutze echt jede Gelegenheit nach Hause zu kommen. Ich bin gestern nacht noch mit schwerem Rucksack nach Hause "getrampt". Mich hat nen Arbeitskollege mitgenommen.

Eigentlich gehts mir gut da. Es ist nur irgendwie langweilig. Grade am Wochenende, einige haben frei, einige Frühdienst und müssen früh Heia und der Rest langweilt sich zu Tode.

Danke für die Kommentare, ich antworte mal auf diesem Wege:

@KidVicious
Ich bin Krankenpfleger in der Ausbildung, und für mich das jetzt irgendwie hart, weil ich eigentlich ganz gut bin. Also im somatischen Bereich, wo die Leute körperlich krank sind.
Damit kann ich auch super umgehen, egal ob nun Menschen sterben oder totkrank sind. Das hab ich gelernt.
Aber Psychiatrie ist was ganz anderes, ich kann fast alles was ich über Pflege weiss vergessen und muss komplett neu lernen zu arbeiten. Und ich arbeite "nur" mit Medikamenten- und Alkoholsüchtigen. Ich hab noch nicht mal ne harte Station erwischt mit Persönlichkeitsstörungen und so nen Kram. Das muss richtig hart sein.
Aber es zieht einen so schon runter, alle sind irgendwie traurig, haben Depressionen, man niemanden zu was motivieren und draussen ist es auch nur ne Frage der Zeit wann sie rückfällig werden.
Scheiss Job, Psychiatrie ist nichts für mich.

Ansonsten hab ich am Wochenende auf ner Akutstation ausgeholfen. Das war irgendwie hart, aber ich fands sehr interessant. Auf ne Akutstation kommen die Leute, die ausflippen oder stock besoffen irgendwie um sich schlagen. Ich hab nen paar mal mit ca. 5 anderen Leuten auf wem draufgehangen, den man fixieren wollte. Es ist unglaublich was für Kräfte die Leute in solchen Momenten mobilisieren können.
Und dann haben wir noch mit 3 Leuten jemanden Zwangsduschen müssen. Ich war mehr genervt als schockiert so nach dem Motto: "Krieg dich ein, bringt eh nix wenn du dich wehrst."

Dann kam ich um 23.00 in Hamburg an (ich könnte das Ortsschild jedes mal küssen, wenn ich es sehe), hab ausgepackt, mich aufs Bett gelegt zum Fernsehen, hatte mir eigentlich was zu essen gemacht (nur so ganz schnell Brot mit Käse und Tomate) und hatte mich eigentlich den ganzen Tag auf mein Feierabendbier gefreut.
Was ich aber nicht getrunken hab, weil ich irgendwie nicht mehr in der Lage dazu war. Völlig kaputt und müde.
Mein Kopf war leer, emotional völlig ausgelutscht, kaputt und müde. Der Fernseher berieselt einen irgendwie und es geht eigentlich nichts mehr.
Wenn ich normaler Weise ausm Krankenhaus komme, bin ich körperlich müde aber inner Psych ist das irgendwie nur Kopfarbeit. Und das erschöpft einen auch wahnsinnig.

Naja, ich versuch mir jetzt nen paar schöne Tage zu machen, Ablenkung, Selbstpflege und sowas. Das wird mir gut tun.

12.01.2006 um 16:35 Uhr

Kurzurlaub zuhause

von: Ryan

Ich bin jetzt für ca. 30 Stunden in Hamburg. Wäsche waschen, im eigenen Bett schlafen und dann morgen abend wieder zurück.

Was kann ich sagen über die Psychiatrie?
Ich möchte dort niemals Patient sein. Und ich hab irgendwie gemerkt, dass ich noch lange nicht so knalle verrückt bin, wie die Leute, die ich da täglich sehe.
Am Wochenende muss ich auf ner Akutstation aushelfen, ich freu mich drauf ...

Ansonsten ist es eigentlich interessant, aber niederschmetternd. Man sitzt da jeden Tag in der Runde mit seinen 20 Patienten und man erfährt immer mehr was für nen scheiss Leben sie hatten. Und irgendwann sitzt du da und möchtest heulen.
Da sitzen Frauen, die vergewaltigt wurden, von ihren Männern misshandelt wurden, Männer, deren gesamte Familie umgekommen ist. Menschen, mit völlig versauter Kindheit. Und man sitzt dazwischen und möchte nur heulen, weil es soviel Elend auf dieser Welt gibt und man zwischen Menschen sitzt, die ne Klatsche gekriegt haben, weil sie es irgendwann nimmer aushalten konnten.

Eigentlich mag ich meine Station und eigentlich finde ich das alles auch interessant - auch wenns nicht der Bereich ist, in dem ich irgendwann mal arbeiten möchte. Aber irgendwie merk ich schon, wie es mir zusetzt.
Man kommt von Station und man ist irgendwie froh, dass die Schicht vorbei ist und man ist niedergeschlagen.

Und dann erfährt man so oft, dass die Leute nach der Therapie nicht geheilt sind. Man erwartet das auch gar nicht, meistens versucht man die Leute nur so hinzukriegen, dass sie irgendwie eine gewisse Zeit durchstehen. Rückfällig werden fast alle, ob nun Drogen, Alk oder what ever.
Natürlich sagt man keinem Patienten: "Hey also heilen können wir dich nicht, aber wir schauen mal dass wir das beste aus dir machen, was wir noch hinkriegen."
Das ist so frustrierend.
Wir haben leider auch nur härtere Fälle, 20% der Kundschaft bringt sich irgendwann um. Wir haben heute nen Selbstmörder reanimieren müssen. Und als der Notarzt endlich da war, stand der da und meinte: "Ihr könnts lassen, bringt nichts mehr."
Ich bin überrascht wieviel ich aushalte. Andere Menschen wären schon 10 mal traumatisiert. Immerhin hab ich Leichen gewaschen und so ne Scheisse wie heute durchgemacht. Und ich bin heute "nur" schlecht drauf und k.o.

Wir haben auch viel gelacht, gekocht usw. aber heute bin ich wie erschlagen.

02.01.2006 um 20:27 Uhr

Verabschiedung

von: Ryan

Oh Wunder ich kann hier schreiben. Hatte nämlich lange nicht geklappt, keine Ahnung wieso.

Allen erstmal nen frohes neues Jahr, alles Gute und das alle Wünsche sich erfüllen mögen.

Mein Jahr fing grandios an. Erste Erkenntnis: ich liebe meine Ex noch wie die Hölle und ich könnte zur Zeit auf Knien vor ihr rutschen, um sie zurück zu bekommen. Ich hab mir und der gesamten Welt Wochen- und Monatelang erklärt wie wenig sie mir fehlt, wie sehr sie mir am Arsch vobei geht und dass ich sie unter keinen Umständen zurück haben möchte.
Und jetzt muss ich festellen wie sehr ich mich selbst belogen hab.

Gut, ab morgen bin ich weg. Abstand, weg von der vertrauten Umgebung, weg von meinen Freunden, weg von allen Erinnerungen. Ich denke, das wird mir sehr gut tun.

Auf der anderen Seite hab ich auf dieses Schwesternwohnheim-Feeling grade gar keinen Bock. Und gar keinen Bock auf die Psychiatrie. Wahrscheinlich weil ich ne scheiss Angst davor hab. Aber auch da muss ich durch.

Also falls ich mich in demnächst wenig oder gar nicht melde, bin ich höchstwahrscheinlich abgeschnitten von der Zivilisation auf meinem persönlichen Psychiatrie-Survival-Training. Im März bin ich auf jeden Fall wieder da.