Musik: Wir sind Helden - Wenn es passiert
Wieder Zuhause, ich versuche jeden freien Tag in Zuhause zu verbringen. Ich brauch wirklich Abstand von dem Ganzen.
Obwohl ich zwar noch immer irgendwie so ne Bäh-Stimmung dieser ganzen
Psychiatrie-Geschichte gegenüber habe, gehts mir besser damit. Ich
hatte diese Woche wirklich Schichten, die mir Spaß gemacht haben.
Allerdings merke ich auch, dass ich mich ganz gut auf der Station
eingelebt habe, mittlerweile einige Sachen selbstständig erledigen
kann, die Abläufe kenne.
"Ich fang schon mal hier und damit an ... ich bereite schon mal das und
jenes vor ... ich hab die Medikamente gestellt, magste mal drüber
gucken ob ich alles richtig gestellt hab?"
Das gibt mir eigentlich ein ganz gutes Gefühl.
Mittlerweile denke ich auch, dass ich mich ganz gut abgrenzen kann
gegenüber den Patienten. Konnte ich vorher eigentlich schon ganz gut,
mittlerweile merke ich aber, dass es immer besser funktioniert.
Ich hab auch so ein ganz gutes Feedback von anderen Menschen. Ich
merke, dass man mich mag. Ich brauch mich nicht verstellen. Ist auch
schwer wenn man dauernd zusammen hockt, aber je mehr ich so bin wie ich
bin, und die Stimmungen auslebe, die ich grade so hege, desto besser
nehmen mich die Menschen an.
Zum Beispiel saß ich gestern mit Leuten aus meinem Kurs zusammen, ich
war irgendwie müde, niedergeschlagen und ne Kollegin hat das gemerkt.
Sie fragt nach was los sei und ich meinte: "Mmh, kommt grad irgendwie
alles zusammen, Schlafmangel, Single, Psychiatrie ..." und sie meinte:
"Ach Ryan ..." Ende vom Lied war dann, dass ich den halben Abend von
ihr gekrault wurde.
Was lernt Ryan aus sowas? Es ist nicht schlimm auch mal nicht gut drauf
zu sein, die Menschen mögen einen trotzdem. Zumindest die Menschen, die
ich grade so um mich hab.
Was gibts sonst noch? Ich kam zuhause an, musste erstmal tausend
Telefonate führen mit meiner Familie. Mutti mal anrufen um zu fragen
wie es ihr so geht. Mein Bruder hat sich das Bein gebrochen, also mal
anstandshalber den anrufen wie das passiert ist.
Seitdem ich so nen medizinischen Berufsweg eingeschlagen hab, denkt
meine ganze Familie sie könnte mich alles fragen. Mutti nimmt
Medikamente zum Ausschwemmen. "Verschreibt man die oft?" - "Ja." - "Ich
muss aber seitdem öfters aufs Klo." - "Ja Mutti, das ist normal." -
"Wirklich?" - "Ja - lies mal die Packungsbeilage."
oder mein Bruder heute: "Also der Arzt meinte, der Gips muss 3 Wochen
draufbleiben, ist das nicht viel zu lang? Was denkst du?" - "Keine
Ahnung, frag deinen Arzt."
Oder mein anderer Bruder ruft an: "Meine Freundin hat Fieber und
übergibt sich die ganze Nacht ... und außerdem Bauchschmerzen. Was
könnte das sein?" - "Ich kann keine Diagnose stellen." - "Na dann sag
was professionelles." - "Okay: Fahr sie zum Arzt und frag den!"
Ich lag vorhin aufm Sofa und hab Fernsehen gesehen. Eigentlich läuft
nichts, was mich im geringsten interessiert. Aber irgendwie bin ich zu
mehr gar nicht in der Lage. Ich fühl mcih wieder sehr erschöpft und
müde. Na gut, ich muss aber heute auch zugeben, dass ich Frühschicht
hatte und nur 4 Stunden geschlafen hab. Ich hab mich bei meinen
männlichen Kollegen bei Bier und Poker versabbelt. Ich kann jetzt Poker
spielen. Cool.
Was ist in der Psych so los? Eigentlich nichts spekutakuläres. Wir
hatten heute ne Härtefallbesprechung über einige Patienten, die
wahrscheinlich eh wieder rückfällig werden, wenn sie entalssen werden.
Und diese ganzen Gespräche drehen sich so im Kreis.
Wenn man die Leute forder, kann es sein, dass man sie überfordert und
sie dann aus Frust trinken. Wenn man sie mit Samthandschuhen anfasst,
kann es sein, dass sie sich nicht weiter entwickeln und wieder in alte
Verhaltensweisen fallen. Folge: Sie trinken auch wieder. Großartige
Aussichten.
Das nervt mich eigentlich am meisten an diesen Entzugsstationen. Man
kann die Leute nicht entlassen und weiss, sie sind trocken/clean, nein
man geht davon aus dass sie rückfällig werden. Der Therapieerfolg
besteht dann darin, dass sie sich wieder Hilfe suchen, wenn sie
rückfällig werden und nicht heimlich Jahre weiter saufen, koksen bla
bla.
Das heisst aber auch, dass einige alle paar Wochen/Monaten wiederkommen.
Und dann seh ich einen Alkoholiker, der zum 15. Mal auf Entzug ist,
schwerste körperliche Schäden vom übermäßigen Alkoholkonsum und die
Therapeuten sagen alle: "Der wird spätestens 24h nach Entlassung
rückfällig."
Und ich ertappe mich dabei zu denken: "Dann lass ihn sich doch
totsaufen. Das ist alles verschwendete Liebesmüh." Und ich fühl mich
schlecht, dass ich sowas denke. Sowas darf man nicht denken, aber ...
es ist so.
Und heute Nacht hat eine junge Frau sich versucht zu suizidieren.
Pulsadern aufgeschnitten, ich war derjenige, der morgens die Sauerrei
aufwischen durfte. Nachdem sie stabilisiert wurde, wurde sie ins
Krankenhaus bei mir in Hamburg um die Ecke eingeliefert. Ich hatte dran
gedacht sie am Wochenende kurz zu besuchen - lieber nicht. Nette Geste,
aber nicht gut für mich. Sowas sollte man lassen.
Na gut, soviel zu meinem Seelenmüll aus der Psychiatrie.
Eigentlich geht es mir heute ziemlich gut, muss ich sagen. Ich bin "nur" müde, nicht niedergeschlagen.
Ansonsten wird mir neuerdings wieder klar wie hart mein Job eigentlich
wirklich ist. Wissen die Menschen, was Krankenschwestern und Pfleger
inner Psychiatrie täglich durchmachen? Was sie sehen und hören?
Ich hab den unterbezahltesten Beruf auf der ganzen Welt ...
Ich lenk mich jetzt ne Runde mit Anno 1602 ab.