Boys don´t cry

26.02.2006 um 03:40 Uhr

Irgendwie ...

von: Ryan

Musik: Coldplay - Parachutes

Irgendwie bin ich noch zu lange wach, irgendwie hab ich zuviel Rotwein getrunken und irgendwie hatte ich noch tierisch Kohldampf und hatte nen Fressanfall ... großartig, fängt gut an.

Ich merke wie viel unverarbeitetes Material von der Arbeit in mir schlummert. Soviel Unzufriedenheit, jetzt grade wo ich gesehen habe wieviel Geld in die Entgiftungsstationen fliessen und ich weiss wo das Geld sonst noch so fehlt. Ich muss krebskranke Omis in 6 Minuten waschen und hab kaum Zeit mal zuzuhören, was sie zu sagen haben, aber sehe auf der anderen Seite, dass irgendwelche Alkis von der Krankenkasse 18. Entgiftungen bezahlt kriegen.

Das hab ich auch leider bei der Abschlussprüfung gesagt. Mein Klassenlehrer war dabei und die Pflegedienstleitung der Psychiatrie, ebenso wie 2 Pfleger. Und ich habe sehr deutlich gesagt, dass ich Alkoholismus als Krankheit nicht akzeptieren kann. Vielleicht bin ich zu jung, vielleicht fehlt es mir an Lebenserfahrung, vielleicht war ich auch zu kurz auf der Station - aber Herr Gott, was geht verdammt noch mal für ein Geld in diese scheiss Entgiftungen, wo eh nur 5 % geheilt rausgeht, und die restlichen 95% wieder rückfällig werden?

Mit anderen Worten hab ich da gesagt: Lasst die Alkis nach der 10. Entgiftung zum Pflegefall saufen, dann sind sie auch nicht teurer.

Gut hab ich so nicht gesagt, aber so ausgedrückt mit dem was ich gesagt hab. Ich denke immer nur an das Geld, was man für die Suchtkranken ausgibt, damit sie dauernd wieder auf Therapie gehen können, wieviel mehr Zeit hätte ich für meine armen kranken Omis, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben und nichts dafür können, dass sie bettlägerig sind? Die sich so freuen, wenn ihnen jemand erzählt wie das Wetter draussen ist und was aktuell in der Politik ist. Und die Psych Patienten sitzen in ihrem Aufenthaltsraum, man schlägt vor ob sie nicht spazieren gehen wollen und es kommt nur "Nee, keine Lust."

Und genau das hab ich bei meiner Psych-Prüfung auch gesagt, als man mich fragte ob ich mir vorstellen könnte in dem Bereich zu arbeiten. Nein definitiv nicht. Ich habs wieder anders formuliert, aber grob gesagt: Ich seh es nicht ein und hab auch nicht die Geduld dazu mit Menschen zu arbeiten, wo ich genau weiss, sobald sie aus dem geschützten Rahmen der Psychiatrie raus sind, sofort das nächste Bier wieder ihrs ist, sie sofort rückfällig werden oder "nur" in alte Verhaltensweise reinrustchen.

Nein, ich brauche auch Erfolgserlebnisse. Ich will dass jemand mit Schmerzen auf meine Station kommt und ohne Schmerzen und wietesgehens geheilt die Station wieder verlässt. Anders halt ich den Job nicht aus.

25.02.2006 um 22:49 Uhr

Ryan in der Euphorie

von: Ryan

Musik: Seed - Ding

Ich bin wieder zuhause und hab mir vorgenommen, dass alles anders wird.

Mein Konzept zur Selbsttherapie:

Ich hab gelernt, was angeblich zu einem erfüllten, glücklichen Leben führt. Erste Regel der Psychiatrie: Tagesstruktur schaffen.

Eigentlich weiss ich ja, dass es mir besser geht, wenn ich beschäftigt bin. Ich hab mir ne Menge vorgenommen abzuarbeiten. Zum Beispiel muss ich dringend mal wieder zum Zahnarzt, ich hab noch ne Blutabnahme beim Betriebsarzt vor mir (wegen ner Verletzung damals, das ist ne Kontrolluntersuchung ob ich mich mit irgendwas angesteckt hab – hab ich aber nicht, aber ist eben Standart).

Ich hab mir vorgenommen viel in der Wohnung zu machen, was ich eigentlich schon lange mal machen wollte. Und meine Diät wird auch viel Zeit kosten. Ich hab mir vorgenommen wieder mehr Sport zu machen, und ich bin zuversichtlich das auch durchzuhalten. Heute war ich zum Beispiel trotz Minusgrade ne halbe Stunde Fahrradfahren.

Mehr war allerdings nicht drin, weil ich echt keine Kondition mehr hab. Aber wenn ich dann nach Hause komme, fühle ich mich gut, weil ich mich doch überwunden hab Sport zu machen.

Dann hab ich mir vorgenommen wieder mehr zu kochen. In der Psychiatrie hab ich gelernt zu kochen, bzw. hab ziemlich oft mit und/oder für meine Kollegen zu kochen. Und das werde ich zuhause versuchen weiter auszubauen.

Sich gesund und kalorienarm zu ernähren ist ziemlich zeitaufwändig. Zum Beispiel dauert es wesentlich länger 2 Orangen zu schälen und klein zu schneiden als ne Packung Kekse aufzumachen. Oder Gemüse zu kochen anstatt ne Pizza in den Ofen zu schieben.

Dann werde ich viel lernen müssen. Das Zwischenexamen steht vor der Tür und eigentlich hab ich noch so rein gar nichts gelernt.

Eine weitere Sache, die ich in der Psychiatrie gelernt hab: Akzeptier dich selbst und schaffe es stolz auf dich zu sein.

Jupp, ich denke das klappt.

Ich hab heute zum Beispiel ne Menge geschafft. Ich war Fahrradfahren, ich hab 2 Stunden gelernt, ich war mit meinem Mitbewohner einkaufen und ich war endlich wieder beim Friseur.

Eigentlich wollte ich schon Weihnachten zum Friseur, habs aber mal wieder vor mir hergeschoben. Und jetzt waren meine Haare echt viel zu lang. Ich hab teilweise abends – zur Belustigung meiner Kollegen – mit Zopfband da gesessen weil mich die Haare so gestört haben.

"Ryan, geh doch zum Friseur, wenns dich so stört." – "Ja mach ich, wenn ich Zeit." Aber man hat ja nie Zeit ... heute war ich endlich da, und es sieht geil aus. Da ist fast ne handbreite Haare runter, außerdem hab ich mir Strähnchen gegönnt. Knallrot. Sieht großartig aus.

Und ein weiteres: Ich muss abnehmen. Entweder ich schmeiss alle meine Hosen weg oder nehm die überflüssigen Kilos ab. Alle – aber wirklich alle – sprechen mich drauf an, dass ich so zugenommen hätte. Als ob ich das nicht selber merken würde ...

In der Küche steht nen großer Topf Kohlsuppe und eine große Schale mit Obst, im Kühlschrank Unmengen an Tomaten und Gurke, da wo mein Nutella Glas stand, stehen jetzt Reiswaffeln.

Schaka, ich schaff das. Bis zum Sommer hab ich noch 2 Monate und ich will ca. 6 –8 kg runter haben.

Im Moment wiege ich 75 kg, mein Wohlfühlgewicht liegt 13 kg darunter.

Ich bin auf jeden Fall guter Dinge.

24.02.2006 um 14:03 Uhr

Ryan ist wieder Zuhause und könnte vor Glück heulen

von: Ryan

Hallo liebe Menschen,

es ist unglaublich aber ich bin wieder daheim. Ja ich habs geschafft. Und ich bin sehr froh. Heute waren die Prüfungen des Psychiatrie Einsatzes und danach haben wir noch unser Wohnheim aufgeräumt und jetzt vor ner halen Stunde bin ich nach Hause gekommen.

Und die zweite gute Nachricht, irgendwie hab ich meinen Rechner zum laufen gebracht, also werdet ihr mal wieder etwas mehr von mir zu lesen bekommen.

Ich bin wirklich heil froh, dass ich das hinter mir hab, dass ich jede Nacht in meinem eigenen Bett schlafen kann und nur um mich haben muss, wen ich auch sehen will.

Ich bin im übrigen wieder über ICQ zu erreichen.

06.02.2006 um 13:43 Uhr

Bilanz

von: Ryan

Ich hab 3 kg runter und bin wieder ein wenig glücklicher. Und es schmeckt noch und ich bin weiterhin hochmotiviert.

Morgen muss ich wieder arbeiten. Die kleinen Übel des Lebens. Aber meinen freien Tag versuche ich trotzdem zu geniessen.

Ich hab grade mit nem Kumpel telefoniert, der bei mir gleich um die Ecke wohnt. Angeblich ist sein Mitbewohner genau mein Typ. Wir sind auch prompt für heute Abend verabredet, damit ich diesen Mann kennen lernen kann/muss. Ich bin ja gespannt.

Ansonsten gibts auch nichts neues, außer dass ich immer noch nicht so Lust hab auf diese Psychiatrie. Aber da muss ich durch. Und ich bin etwas erkältet, bzw. es ist im Anmarsch.
Eigentlich sind schon seit Woche alle in meiner Umgebung erkältet, aber mich hats verschohnt - bis jetzt. Ich hab tierisch Halsschmerzen aber ansonsten gehts eigentlich noch. Ich hoffe es wird nicht schlimmer, es gibt nicht schlimmeres als richtig krank zu sein und nicht zuhause sein zu können.

Soweit sag ich dann Adios Amigos, jetzt gibts erstmal wieder ne Weile nichts von mir zu lesen.

04.02.2006 um 15:07 Uhr

Über gesunde Instinkte und Psychiatrielehre

von: Ryan

Musik: Farin Urlaub - Zehn

Ich empfinde mich irgendwie im Moment als sehr wehleidig. Alles ist böse, die böse Psychiatrie, die bösen Kekse, die mich dick gemacht haben, die Langeweile, die mich alle Nase lang überkommt.

Aber irgendwie bin ich ja selbst Schuld. Ich krieg den Arsch nicht von der Couch und beschwere mich, dass nichts los ist in meinem Leben. Großartig.

Ich hab zum Beispiel heute gemerkt, wie gut mir Sport tut. Und selbst wenn ich nur 20 Minuten Fahrradfahre. Das tut mir total gut, ich fühl mich besser und ich hab auch eigentlich Spaß dran. Aber wieso überwindet man sich dann nicht mal öfter Sport zu machen?`


Diese ganze Essengeschichte läuft gut. Ich hab zwar noch nicht abgenommen, aber ich bin ja auch ein ungeduldiger Mensch, ich erwarte schon wieder Wunder.
Ich hab gestern viel Obst gegessen, 2 Teller von dieser Wundersuppe und 2 Kartoffeln. Und ich war satt, hatte keinen Heisshunger auf was Süßes oder ähnliches. Und ich gewöhn mir grade an morgens Müsli zu essen. Kellogs Spezial K (Schleichwerbung), aber das ist irgendwie das einzige Müsli, was ich echt gerne esse.
Und ich weiss nicht ob ich es mir einbilde, aber ich fühle mich ziemlich fit.

Genug vom Essen, ich glaube im Moment ist mein Weblog ziemlich langweilig. Viel passiert ja nicht in meinem Leben und irgendwie drehen sich meine Gedanken doch nur wieder um die gleichen Themen.


Ich hab grade ium Internet die Geschichte "Hans, mein Ingel" gefunden. Mit der Geschichte hat uns ein Dozent versucht die Borderline-Störung zu erklären. Die meiste Zeit verstehe ich sowas auch, Psychiatrie ist eben sehr schwammig und man muss wohl vieles auch eigenen Erfahrungen übertragen um zu verstehen.
Zum Beispiel muss man mal sehr traurig gewesen sein, um sich unter Depressionen halbwegs was vorstellen zu können.
Es ist unglaublich was ein Mensch alles kriegen kann, man kann in jedem Alter noch irgendeine Störung entwickeln.
Man sieht den Menschen eigentlich als neurotisches Wesen. Jeder von uns hat seine Macke, unabschreitbar. Kein Mensch ist psychisch völlig gesund, aber dann kann es eben passieren, dass durch ein Trauma oder Rückerinnerungen an verdrängte Traumen der Mensch dekompensiert. Und wenn der Mensch nicht innerhalb weniger Tage Hilfe bekommt, kann er eine Persönlichkeitsstörung entwickeln.
Das ist schon echt interessant, was unsere Psyche aushält, wie sie sich schützt mit den ganzen unbewussten Verdrängungsmechanismen und ab wann das irgendwann nicht mehr klappt und die Leute "ver-rücken".

Ich hätte trotzdem nicht so Lust inner Psychiatrie länger zu arbeiten. Ich steh nicht so aufs quatschen. Ich muss körperlich irgendwas machen, Omis vom Bett in den Rollstuhl heben und sowas.
Mal davon abgesehen, dass das Psych-Personal in somatischen Fällen völlig überfordert ist. Die brechen in Panik aus, wenn sie nen Verband wechseln sollen. Ich steh dann echt seufzend daneben und sag: "Sag mir wo alles steht, ich mach das schon." und denk mir nebenbei: "Wo haben die ihr Examen gewonnen?"
Oder dann der Härtefall: Es sollte doch wirklich jemand Risperdal i.m. kriegen. Und sofort die Schwester: "Nein, das muss der Arzt machen, wenn er sowas anordnet, muss er das auch spritzen. Ich kann das nicht spritzen, ich hab in meiner Ausbildung nur 2 mal i.m. gespritzt, das muss der Doktor machen."
Und ich sitz brav daneben, lächel verständnisvoll und verkneif mich jegliche Kommentare - und schlage irgendwann vor, ob ich das nicht tun soll. Ich müsste doch üben für die Ausbildung. Und sitzt dann da vorm Patienten, erklär meiner examinierten Kollegen was ich da mache und frage später nur Anstandshalber: "War alles in Ordnung?" - "Ja, perfekt." und weiss ganz genau, ich hätte der was vom Pferd erzählen können und es wäre immer noch perfekt gewesen, weil sie einfach nur froh war, dass sie nicht spritzen musste.

Ich glaub ich mach mir irgendnen Gemüse warm, ich krieg Appetit.

03.02.2006 um 16:30 Uhr

Kohlsuppe Tag 2

von: Ryan

Wie gehts mir im Moment? Ich mache meine psychische Verfassung grade sehr von meinem Körper abhängig. Ich war gestern auf der Waage und hab mich echt erschrocken. Mein Wohlfühlgewicht liegt bei ca. 62 kg. Mittlerweile wiege ich 71 kg.

Naja, der anfängliche Schock ist überwunden und es motiviert mich wieder abzunehmen. Bzw. nicht nur abzunehmen, sondern mal meine Ernährung umzustellen. Ich esse im Moment katastrophal. Ich ernähre mich vorwiegend von Pommes, Chips und Nutella Broten. Und natürlich Keksen.
Und ich könnte dauernd essen, ich kenn kein Sattgefühl mehr.

Was hab ich mir vorgenommen? Mehr Obst, Gemüse, Vollkornprodukte (ess ich eh gerne). Und wieder Sport machen. Ich drück mich seit 1,5 Monaten vor Sport.
Und natürlich weniger Alkohol. Der hat auch tierisch viel Kalorien, die einfach nicht sein müssen.

Mein Tag heute war eigentlich gut. Ich war heute morgen Joggen nachdem ich mich ausm Bett gequält hab. Müsli und Obst zum Frühstück und ich hab noch kein Bedürfniss nach was Süßem oder Fettigem.

Bei mir besteht ja immer die Gefahr, dass ich mal wieder in meine Esstörung reinfalle. Aber als ich gestern im Bett lag und so nachgedacht hab, ist mir aufgefallen, dass ich es nie gesund versucht hab abzunehmen. Hungern geht schneller, weil ich ja immer ungeduldig war. Und dann kamen automatisch die Fressanfälle. Und dann dachte ich auch immer: "Okay, 5 kg, dann kannste wieder normal essen."
Klar, Jojo-Effekt.

Nein, diesmal bin ich hochmotiviert. Ich möchte wirklich mehr Obst und Gemüse essen, und ich bin grade dabei Kartoffeln in der nicht-fritterten Form zu entdecken - und eben auch rauszufinden, dass Orangen süßer als Kekse sind.
Obst und Gemüse sind nur leider ziemlich teuer. Aber das sollte mich davon nicht abhalten. Ich bin gespannt wie das jetzt läuft. Von durchhalten kann man nicht reden, da das ja nichts kurzfristiges ist,  sondern eher so ein "Die Anfangszeit eines neuen Lebens"-Ding.

02.02.2006 um 19:13 Uhr

Ryan ist wieder da

von: Ryan

Ich hab dieses Wochenende frei, großartig. Mein Tag heute war etwas stressig. Ich war gestern etwas spät im Bett. Erst hat sich ne Kollegin bei mir ausgeheult und dann meinte nen Kollege angetrunken rumzualbern. Das ging soweit, dass ich ihn irgendwann fast im Bett liegen hatte.
3 Stunden später wieder aufstehen und arbeiten.

Aber jetzt bin ich seltsamer Weise recht fit.

Heute ist der erste Tag meiner Diät - aber ich hab beschlossen nicht nur Kohlsuppe zu machen. Ich werd versuchen mich von Kohlsuppe zu ernähren ... UND sehr viel Obst und Gemüse. Und wenn ich Hunger auf Schoki hab, dann muss auch mal nen Stück Schoki sein. Ich denke, das wird ganz sinnvoll sein.
Und ich hab vorhin rausgefunden, dass Orangen süßer sind als Kekse.

Aber Diät muss leider sein, mir passen meine Hosen nicht mehr. Ich hab mich noch nicht auf die Waage getraut um mein Startgewicht zu ermitteln.