Im Moment ist meine Welt viel zu verrückt, als dass es mir gelingen würde normal zu bleiben. Ich versteh die Welt um mich herum auch nicht mehr – und noch schlimmer: Sie mich wahrscheinlich auch nicht mehr.
Das geht los, wenn ich morgens auf Station gehe. Neuaufnahme, 21 Jahre alt, weiblich, Missbrauch in der Vorgeschichte, Anorexia Nervosa. Sie setzt sich taff uns gegenüber, verschränkt die Arme und das erste was sie sagt: "Ihr könnt mir eh nicht helfen ... und nur falls einer fragt: JA ich bin fett."
Hä?
"Ja, also Frau S., warum haben Sie sich dann bei uns einweisen lassen?" – "Ich hab keine Ahnung, ich muss betrunken gewesen sein." – "Möchten Sie wieder gehen? Es ist ihr freier Wille und wir werden das respektieren." Große Augen. "Gehen?? Jetzt? Wollen Sie mir gar nicht helfen??!" – "Sie haben doch grade selber gesagt, dass wir Ihnen nicht helfen können ..." – "Ja genau ... ich sag hier eh nichts ..." Okay ... warten und schweigen ... und die Patientin wieder: "Mein Exfreund hat mein Grundvertrauen nämlich in die Menschen kaputt gemacht. Ich kann einfach niemanden mehr vertrauen und ich kann auch niemanden mehr was anvertrauen – und helfen kann mir eh keiner ... aber irgendwie will ich ja doch stationär ... und die Hoffnung stirbt ja zuletzt ... und meine Mutter, was die mir alles angetan hat ... und ich bin ja seit über 10 Jahren depressiv ... aber helfen kann mir ja eh keiner ... habe Sie jetzt nen Platz für mich oder nicht?! Haben Sie Sportangebote hier? Ich muss dringend abnehmen, ich bin so fett ..."
Woah ... das geht so den ganzen Tag. Dann hatte ne Kollegin die Idee: "Mal gucken ob du es schaffst die Leute zu überreden zu backen. Hier haste 20 Euro, geh mal mit denen einkaufen."
Ich also in den Aufenthaltsraum, super motiviert: "Hey Leute, Schwester Martha hatte ihren spendablen Tag und ich langweile mich zu Tode – wie wärs mit einkaufen und Kuchen backen?" Große Augen, unschlüssige Gesichter. Was will der Pfleger von uns? Sofort die Erste: "Nee, also ich würd ja gerne, aber mir geht’s heute so schlecht ... ich kann nicht, ich hab nen depressiven Schub." Ich hab auch nen depressiven Schub und geh trotzdem zur Arbeit und geb mir sogar Mühe ... "Ich hab auch Depressionen und kann nicht." – "Ich hab ne Angststörung, ich kann nicht vor die Tür gehen." Angststörung ...? Ich hab die doch vorhin im Spar getroffen als ich mir nen Brötchen geholt hab??!
Letztendlich schauten mich zwei große Augen an unserer jüngsten Patientin (20): "Ich geh mit Ihnen gerne einkaufen." Ich natürlich super dankbar, sie harkt sich gleich bei mir unter. Ich denk nur: Klasse, endlich jemanden halbwegs geholfen. Noch auf der Treppe: "Sie sind aber auch nen ganz Süßer." Sie grinst mich herzerweichend an. Was hatte sie für ne Störung? Das war doch die mit dem Exfreund ... die ist doch wegen der Trennung hier weil sie das nicht verkraftet hat und so überiridisch starke Gefühle für andere Menschen entwickelt ... oh scheisse ... im Kaufladen war sie völlig manisch: "Schokostreusel!!!" Sie rennt aufs Regal zu: "Wir können soviel backen mit Schokostreusel!" Echt? Wat mir nicht klar ... aber nimm mit wenns sein muss ... bei der Kasse: "Sag mal, hast du eigentlich ne Freundin? So nen hübscher Mann, wie du ist doch bestimmt nie alleine?!" Wieder dieses herzzerreissende Grinsen und Blinker Blinker mit den großen Augen.
"Äh nee." Blinker blinker. "Ich bin schwul." Kein Blinker blinker. "Aber sagen Sie es nicht weiter, ich vertrau Ihnen das an, aber es soll nicht so öffentlich werden." – Strahlendes Gesicht: "Aber natürlich!" Wieder Blinker blinker, das versteht sie anscheinend und fühlt sich voll eingeweiht in mein intimes "Geheimnis". Aufm Rückweg und beim Backen unterhalten wir uns nur über Männer – und ich erfahre mehr über ihren oben genannten Exfreund als mir lieb war.
Die Stunden bis zum Feierabend sind furchtbar lang. Ab 13 ist es totlangweilig. Ich überrede Patienten mit mir Kuchen zu essen, Tischtennis zu spielen, und räume alle erdenklichen Ecken auf. Ich kontrolliere alle Akten, sie sind natürlich pikobello, weil ich sie die letzten 4 Tage schon 6 Mal täglich kontrolliert habe. Ich geh alle halbe Stunde rauchen – und denk mir: Super wieder 4 Minuten meiner Arbeitszeit rum – was mach ich mit dem Rest?
Irgendwann ist dann doch endlich Feierabend, ich steig auf mein Fahrrad und fahr nach Hause, schliess es ab ... geh zur Haustür, großer Zettel an meiner Haustür: "Ryan, ich vermisse dich!" Die schizophrene Ex ... ich krieg die Krise. Zettel abgerissen, in der Wohnung in die nächste Mülltonne. Ich koche mir die erste Mahlzeit seit 7 Tagen, die ich auch im Magen behalten möchte – Nudeln mit Ketchup. Nebenbei beim essen schau ich mir nen Bericht an über die Psychiatrie wo ich anfang des Jahres gearbeitet hab – und bin enttäuscht. Nur so "Bla ba, wir sind so toll, wir haben hier ne sensible Psychiatrie, die Patienten sind so begeistert von der Landschaft ... Bla bla ba ..." Hört sich an wie die Spitzenpsychiatrie – aber ich war da mal integriert, und weiss dass nur die Hälfte stimmt. Die Patienten geniessen zum Beispiel nicht die tolle Landschaft, sondern fühlen sich sehr abgeschoben und weggeschlossen, weil der nächste Zigarettenautomat 10 km weit weg ist, geschweige denn das nächste Dorf oder die nächste Einkaufsmöglichkeit.
Ansonsten hab ich versucht mich bei diversen Leuten auszuheulen: "Ryan also wir grad aufm Sprung, ruf Sonntag nochmal an, da bin ich für dich da." Okay, der nächste: "Also Ryan, mir geht’s gar nicht gut ..." – "Ja okay, kein Problem." – "Frag jetzt nicht wieso." – "Nee, ist in Ordnung, also ich wünsch dir nen schönen Abend ..." – "Frag bitte nicht wieso!! Es hat nichts mit dir zu tun." – "Äh nee, hab ich auch gar nicht gesagt, also ..." – "Es geht wirklich nicht um dich!" – "Ja, hab ich jetzt verstanden ..." – "Das ist halt alles grade so kompliziert und ... schluchz ..." – "Ja, äh, du brauchst auch gar nichts sagen, also schönen –" - "Es hat echt nichts mit dir zu tun!" – "Nein, lass dich nicht stören, schönen Abend!" schnell auflegen ... Woah.
Selbst Mama: "Schatzi, das ist jetzt hier ganz schlecht. Ich hab grade Männerbesuch." – "Männerbesuch?! Kenn ich den?" – "Äh nee, aber wir gehen gleich Essen beim Griechen." – "Ach ja, isser nett und sieht gut aus?" – "Ich kann jetzt nicht reden, er steht inner Küche ... aber JA!! ... kicher ..." Soviel zu Mutti.
Dann ne Freundin ... wir haben uns nett unterhalten und ich hab dann auch so halb angefangen mich halbwegs auszukotzen bei mir (was ich wie gesagt gaaaanz dringend bräuchte) und ich war auch irgendwie halb im Satz, da kam von mir: "Mein Freund ist so nen Wichser." Ich hab das bewusst ignoriert und hab ihr quasi mein Leid weiter aufgezwungen. Stille, keine Antwort, irgendwann wieder: "Mein Freund ist ein Arschloch." Ah ja ... es geht mal grade nicht um dich sondern um mich. Wär nett, wenn du auf mein Gesagtes auch eingehst. Ich brauch das mal ab und zu ... "Du hast aber gemerkt, dass ich dir was wichtiges gesagt hab?" – "Du gehst grade gar nicht auf mich ein, ich hab Probleme mit meinem Freund!" Oh sorry, dein Freund geht natürlich vor. Wir reden zwar 90% der Zeit über deinen Freund und ich dachte, dass du ne gute Freundin wärst, aber ...
Kein Mensch auf dieser Welt schafft es mich dort abzuholen, wo ich grade stehe. Niemand. Und mir geht’s ausnahmsweise richtig schlecht. Und ich wollte allen erzählen, dass ich Yoga machen will, weil ich es heute mal ausprobiert hab. Aber alle sind zu beschäftigt – meist mit sich selber. Ich hab bestimmt ein duzent Menschen angerufen und nochmal nen duzent abgechattet – und keiner schafft es auf mich einzugehen, 5 Minuten zuzuhören und was zu sagen dazu. Nicht mal ein "Ja versteh ich." Oder "Ryan, das seh ich anders."
Nichts – rein gar nichts hab ich gekriegt – nicht mal ein "Ryan, hör auf zu jammern." Ich bin sehr beliebt und sehr gerne gesehen, solange ich großartig zuhöre, meine Fühler nach den Gefühlen anderer ausstrecke und sie immer schön an dem Punkt abhole wo sie grade stehen. Ich gehe auf die Sätze ein, die sie sagen. Ich sehe Zweideutigeiten, frage nach ... und wenn ich mal sehr eindeutig sage: Mir geht’s schlecht, bitte hör mir 10 Minuten zu, kriegt das keiner hin. Oder es heisst: "Ja klar, ich höre dir gerne zu." Und nach 3 Minuten kommt: "Boah hab ich dir das neueste von meinem Freund erzählt?!" – Nein, ich wills auch gar nicht wissen, ich wünsche mir dass es mal um mich geht, ich bin grade dabei dir mein innerstes Seelenleben vor die Füsse zu schmeissen, aber bitte tritt einen Schritt vor und erzähl mir von deinem Freund ...
Und wie gesagt: Nachdem man so ungefähr 20 mal bei diversen Leuten versucht hat halbwegs Dampf abzulassen und es jedes mal scheiterte, dann hört einem Mister Johnny Walker zu. Aber auch leider nur der.