Boys don´t cry

30.11.2006 um 01:25 Uhr

Mein Tag heute

von: Ryan

Heute war´s mal echt ruhig auf Station. Also im Verhältnis zu den letzten beiden Tagen. Aber ich merke ganz stark, wie sehr mich das Patientenkliente nervt, weil da im Moment echt keiner ist, der mal den leistesten Hauch von Dankbarkeit zeigt.

Man wird so oft beschimpft - normaler Weise hat man vielleicht 1-2 maximal auf einer Station, die einen so bösartig behandeln. Immerhin wechselt man die Windel, damit sie nicht in ihrer Scheisse liegen müssen. Man lagert die Patienten, damit sie keine Drückgeschwüre bekommen und man bewegt sie, damit sich ihre Gelenke nicht versteifen. Du fütterst, damit der Patient nicht verhungert. Ich mach das alles ja nicht für mich. Nein, 50% unserer Patienten sind super aggressiv sobald man sich nur ans Bett stellt. Ich hab heute wieder richtig doll eine gewischt bekommen, wurde diverse Male angeschrien und beschimpft. Und so macht das echt keinen Spaß.

Wir haben glaube ich grade mal 2 Patientinnen, die klar im Kopf sind UND freundlich. Als ich Abendbrot verteilt hab, guckte mich eine nur ganz geknickt an und meinte so drumrumdruckenst: "Also ich mag eigentlich keine Wurst ... aber naja." Und als ich ihr noch 2 Scheiben Käse gebracht hab, hat sie sich überschwenglich bedankt und sich entschuldigt für die Umstände. Ich hätte sie knutschen können alleine dafür, dass sie das Worte: "Danke" über die Lippen gebracht hat. Ich find den Job so frustrierend, wenn du jeden Tag den Leuten den Hintern abwischt, nicht schnell genug laufen kannst, weil irgendwer seinen Orangensaft noch nicht gekriegt hat und dann wirst du nur blöd angemacht, beschimpft, angebrüllt und musst aufpassen, dass du nicht noch von irgendwem gekratzt oder gehauen wirst. Und man mag sich gar nicht vorstellen, was ne 90 Jahre alte Dame für Kräfte entwickeln kann - zumindest die Frau, die mich heute erwischt hat. Danach saß ich ne halbe Stunde mit Eisbeutel an der Wange im Dienstzimmer während ich Akten geschrieben hab.

Ansonsten ist unser Krankenhaus eigentlich ganz schön und "anders" als andere Krankenhäuser. Wir stehen halt kurz vor der absoluten finanziellen Pleite, dementsprechend nehmen wir alle Patienten, die andere Krankenhäuser sofort wieder abschieben. Dafür haben wir auch viele geistig und körperlich behinderte Patienten und mit denen macht das Arbeiten schon Spaß. Es ist ansträngend und eben völlig anders, aber auch irgendwie sehr geil. Dann musst du denen teilweise 10.000 Kuscheltiere ins Bett legen, damit sie schlafen können oder ne Gute-Nacht-Geschichte vorlesen oder zur Nacht die Hörspielkassette von Lars-der-kleine-Eisbär anmachen. Oder man kriegst so ne Ansage wie: "Ralf neigt dazu manchmal grundlos zu schreien, dann müsst ihr ihm was vorsingen, dann hört er sofort auf und gibt Ruhe." Oder diese Patienten suchen sich immer sehr genau aus, wen sie mögen und wen nicht. Wir haben zum Beispiel nen jungen Mann mit Down-Syndrom da. Der ist Mitte 20 und der hat mich total gefressen. Der ist super fremdaggressiv, wenn ne Schwester ins Zimmer geht und was machen will. Den kann der Frühdienst nicht waschen. Sobald ich drin bin, fängt der an zu strahlen. Ich kann alles mit ihm machen, sogar Spritzen setzen - die anderen dürfen nicht mal Blutdruck messen.

Und dann hab ich mal wieder jemanden, der mit mir flirtet. Eine Angehörige von einem Patienten, keine Ahnung von wem genau, aber sie saß gestern in der Kantine und während ich die aufgeräumt hab (jede Station hat ihre eigene kleine "Kantine"), lief ihre kleine Schwester da so rum. Die ist vielleicht 2, meine "Verehrerin" mag mitte 20 sein? Und das Kind läuft da rum, zupft an meiner Hose, schaut mich aus großen Augen an: "Bist du ein Arzt?!" - "Nee, ich bin ein Krankenpfleger." und so irgendwann hab ich der Kleinen aus nem Handschuh und Filzstift nen Elefanten gebastelt. Und ich hab mich mit der Frau bissle unterhalten und ich hab irgendwie recht schnell gemerkt, dass sie mir viel zu lang und viel zu tief in die Augen geschaut hat. Und irgendwann fiel von ihr der Satz (augenzwinkernd): "HIER möchte ich auch mal Patientin sein, wenn Sie Schicht haben."

Gut, heute hab ich das besagte Kleinkind aufm Flur gefunden. Ich nur: "Wo kommst du denn her?" und sie nur: "Ich wollte gucken was hier ist." Ich hab also das Kind aufm Arm genommen, gleich inner Kantine geguckt und da saß natürlich auch die große Schwester und hab die Kleine übergeben. Und von ihr kam dann wieder gekoppelt mit nem sehr tiefen Augenkontakt: "Muss ich mich auch verlaufen, um Ihnen so nahe zu sein?"

Nett für´s Selbstbewusstsein aber ich kann sowas gar nicht auskosten. Keine Ahnung woran das liegt. Ich sollte unter normalen Umständen furchtbar aufgeregt sein, dass da wer so offensichtlich mit mir flirtet und ich sollte inständig hoffen, dass sie morgen wieder den Patienten besucht - aber es ist mir irgendwie völlig egal. Genauso isses mir egal, dass ich von einer meiner Lieblingskollegeninnen immer Komplimente bekomme, sie ist halt sehr offen und sagt sofort was sie denkt. Am Schichtbeginn kam gleich: "OH Ryan, du hast Schicht mit mir? Ich freu mich so, das macht so Spaß mit dem hübschesten Pfleger des gesamten Krankenhaus zu arbeiten." Und in der Pause: "Ryan wird immer hübscher, an dem kann man sich gar nicht satt sehen. Was sagt deine Freundin dazu, dass du nur mit so Weibern wie uns zusammen arbeitest?" - "Mmh, ich hab grade keine, glücklich Single." - "Nein, Ryan, was?! Verscheisser uns nicht, die Mädchen werden doch Schlange bei dir stehen. Oder die Männer? So hübsch wie du bist, musst du schwul sein." - Gut, daraus ergab sich in der Mittagspause ne Diskussion über Bisexualität und ein weiteres Outing.

Aber ich kann mit solchen Komplimenten grade nicht umgehen. Ich bekomme sie haufenweise und andere Leute wären neidisch ohne Ende - und es nervt mich, dass ich mich freuen sollte, aber es nicht kann. Ich hab mir ein Auszeit von der Liebe vorgenommen. Ich konzentriere mich auf mich selbst und auf meine Arbeit. Aber die körperliche Nähe fehlt mir sehr. Nicht Sex, nein der fehlt mir gar nicht, aber ich hab nach so ner Schicht echt das Bedürfnis in den Arm genommen zu werden oder irgendwas Warmes zu haben, woran man sich nachts kuscheln kann. Ich werd mir ne Wärmflasche morgen kaufen.

28.11.2006 um 21:29 Uhr

Post-Schicht-Syndrom

von: Ryan

Ich hab während der Schicht nur einmal gemerkt, dass ich ziemlich kaputt bin. Ich wollte nen Medikament von ner anderen Station holen und musste über das Krankenhausgelände in nen anderes Haus - und kaum kam ich aus dem Eingang, hab gemerkt, dass ich doch ziemlich gezittert hab. Aber zurück auf Station war das alles verflogen, weil ich dann wieder meinen Automatismus eingschaltet hatte. Ich hab dann zwischendurch nochmal was in ne völlig falsche Akte eingetragen. Der Fehler ist Gott sei dank ner Kollegin aufgefallen: "Wieso hast du denn dem Patienten nen Diabetes Blatt ausgefüllt? Der hat gar keinen Diabetes." - "Oh, stimmt."

Inner Bahn hab ich versucht nen bissle zu lesen, nach 10 Minuten oder so haben sich dann aber leider zwei Mädels mir gegenüber gesetzt und dann war es auch vorbei mit Ruhe. Die eine hat wirklich ungelogen ununterbrochen geredet: "Und dann war ich mit Björn aufm Dom und dann sind wir noch da und dahin und ... bla bla bla ... und Björn ist mittlerweile auch schon genervt weil ich soviel rede und er meinte ich rede ohne Punkt und Komma, und ..." Ich hätt am liebsten mein Buch weggelegt und sagt: "ACH, WIRKLICH? Wie kommt er denn auf sowas?!" Und die andere neben ihr immer nur am nicken und einmal ganz kurz: "Ich weiss gar nicht wieso, also du redest viel, aber nicht so dass es nerven könnte." - "Ja, das hab ich Björn auch gesagt, dass er der einzige ist, den es nervt, ich red ja echt viel, aber so nervig isses ja nicht, weil ... bla bla bla." - Mir tut Björn leid.

Gut, dann bin ich nochmal fix einkaufen gegangen, weil ich mir dachte, ich gönn mir heute mal Wodka-Bitter Lemon (kalorienreduziert natürlich) und Cola Light hatte ich auch keine mehr, und die brauche ich um über den Tag nach so ner Schicht zu kommen. Gut, Ryan also in den Edeka. In der gläsernen Schiebetür hab ich mal mein Gesicht gesehen - und ich hab mich erschreckt. Ich hab das Krankenschwestern-Syndrom: AUGENRINGE. Tiefe, dunkle Augenringe. Aber ich fühlte mich fitter als ich aussah - dachte ich. Bis ich ca. 20 Minuten damit zugebracht hab im Kreis zu laufen - immer um die 4 Getränkeregale rum. Ich hab Bitter Lemon gesucht - und nicht gefunden. Ich bin da rumgelaufen, hab geguckt und geguckt - und nicht gesehen. Gut, scheiss auf das Bitter Lemon, kaufste erstmal Cola Light ... rumgelaufen, geguckt und geguckt - ich bin war mir ganz sicher, dass ich in DIESEM Edeka schon mal Cola Light und Bitter Lemon gekauft hatte. Die mussten das doch haben ... zwischendurch dachte ich: "So müssen sich Leute mit ner Psychose fühlen - ich weiss dass es da ist, aber verdammt - wo ist es?!" - Soviel zu: "Ich bin noch fitter als ich aussehe"

Also ich habs letztendlich auch gefunden. Da lief plötzlich ne Frau vor mir rum, die ne Flasche Bitter Lemon in der Hand hatte und ich dachte: "Wo sie die Flasche her hat, gibt es noch mehr davon - also mal in die Richtung laufen, aus der sie kommt." Und dann blieb das Cola Light Problem ... die stand auch doof versteckt nicht im Regal, sondern in Kisten irgendwie aufm Boden. Hätte ich noch Lebensmittel einkaufen müssen, würde ich wahrscheinlich immer noch durch den Edeka laufen. Sämtliche kognitive Konzentration hab ich im Spät- und Frühdienst verbraucht. Ich hoffe mich hat keiner im Edeka gesehen, der mich kannte.

Ich muss auch ganz ehrlich sagen, mir fällt es schwer zu tippen. Angetrunken schreibe ich wesentlich fehlerfreier als in diesem Zustand. Ich muss dauernd korrigieren, Worte noch mal schreiben und sehe beim Korrekturlesen, dass ich ne völlig abartige Satzkonstruktion gebastelt hab. Also wenn ihr was findet, was sich ganz seltsam liest: Mein Kopf arbeitet grade auf absoluter Sparflamme.

Und ich merke ganz stark, dass ich extrem ruhebedürftig werde. Irgendwie empfinde ich sogar die meiste Musik als störend und erdrückend. Im Moment höre ich eigentlich nur Tracy Chapman, alles andere ich irgendwie zu anstrengend.

28.11.2006 um 16:23 Uhr

Mäh

von: Ryan

Ich bin grade in einem Zustand, in dem ich mich geistig und körperlich völlig retadiert fühle. Nein, ich habe nicht gesoffen, ich hatte nur mal wieder zwei Schichten innerhalb von 24 Stunden. Spätschicht, 4 Stunden Schlaf, Frühschicht. Beide Schichten jeweils plus eine Überstunde. Und auf Station tobt der Bär. 4 Isolationen (sind zwar nur 3 zulässig aber egal) und nur schwerst pflegebedürftige oder knallverrückte Patienten.

Und als ob das nicht schon reicht, entlassen wir die einzig "Normalen" und kriegen stattdessen noch nen Pflegefall und noch einen und noch einen ... mir macht die Arbeit echt Spaß, muss ich zugeben. Ich hab heute echt ne Menge machen dürften, was ich noch nicht so oft getan habe, hab heute zum ersten Mal ne Pleurapunktion gesehen und durfte nen schwierigen Verband machen. Aber nebenbei rennst du alle Klingeln ab, wir haben bis halb 11 gewaschen, irgendwie so halb im Stehen nen Brötchen essen können ... und das ist echt ein scheiss Job, wenn man schon den ganzen Tag sterbende, totkranke Menschen um sich herum hat, total konzentriert sein muss, weil man ja auch wichtigen Tabletten handtiert (ich war irgendwann so durchn Wind, dass ich fast einer Patientin die Medikamente der Nachbarpatienten gegeben hätte ...), nebenbei muss man freundlich sein, auf die Patienten eingehen, ein offenes Ohr haben und ne Liste im Kopf haben mit Dingen, die noch getan werden müssen, die schon getan sind, was sich verändert hat, was der Doc wissen muss, der normale Tagesplan und und und ... und grade wenn, du wieder Ordnung auf deiner Liste hast steht ne Patientin vor dir und blutet den Flur voll. Also Notfall, Liste hinfällig.

Und die Patienten könnt ich im Moment ... da ist im Moment KEINER wo man denkt: "Die ist aber lieb, die mag ich." KEIN EINZIGER. Entweder die sind so knall verrückt, dass sie nicht wissen, dass sie im Krankenhaus sind oder sie sind unfreundlich. "Ich will jetzt mit dem Arzt reden, ich hab schon vor 20 Minuten gefragt." - "Ja, der Arzt hat zu tun, ich hab ihm bescheid gesagt, er kommt sobald er Zeit hat." - "Er soll aber jetzt kommen." - "Der Arzt ist aber beschäftigt, bitte warten Sie noch einen Moment." - "Ich warte schon den ganzen Tag! Dann klingel ich eben nochmal!" - "Der Arzt hat nicht mehr Zeit, wenn Sie jetzt dauernd klingeln." - "Unverschämtheit! Hier geh ich nie wieder hin." Der hat dann echt solange genervt und Terror gemacht, bis ich Terror beim Arzt gemacht hab, weil ich es nicht mehr ausgehalten hab.

Dann steht in jeder zweiten Akte: "Patient ist fremaggressiv." - Geil, hab ich zweimal heute gemerkt. Mir hat nen älterer Mann heute richtige eine geballert als der Arzt ihm nen Zugang legen wollte und ich zum Festhalten wieder mit rein durfte.

Das einzig Schöne heute: Ne Patientin mit Alzheimer hat heute gesagt: "Danke dass Sie mir beim Essen helfen." Das hat meinen Tag heute halbwegs gerettet.

Über meine Folgeerscheinung schreib ich nachher, ich muss erstmal as essen, ich hungere seit 7 Stunden.

26.11.2006 um 07:31 Uhr

Mal wieder

von: Ryan

Musik: Depeche Mode - Only when I lose myself

Ich bin mal wieder viel zu spät/früh wach, immer noch vom Wodka beflügelt nicht ins Bett zu gehen und wenn man dann so rumsitzt und Musik hört, beginnt man seltsame Lebensweisheiten zu erkennen, die einem nie so aufgefallen sind wie in dem Moment, wie zum Beispiel diese:

Did I need to sell my soul for pleasure like this?

Mein Verhängnis ist wohl der Alkohol und dass ich so leicht angetrunken in eine Stimmung verfalle, in der ich am liebsten nur Musik höre, den Texten lausche und mich in einigen sogar wiederfinde und sie mit einer meiner Lebenssituationen assozieren kann. Und nicht ins Bett will, weil ich nicht weiss, wann ich wirklich aus den Federn komme, wieviel mir der Tag in dem Moment wert ist ... ich bleib dann meistens lieber liegen, weil ich mir denken "Okay, wenn du jetzt die Augen aufmachst, bist du wach ... und vielleicht fällt es dir schwer die Stunden rumzukriegen ... also bleib liegen" und ich bleibe dann auch leider liegen. Ich verbringe den Großteil meiner Wochenenden im Bett ... und den Großteil der Abende viel zu spät am Computer, weil ich irgendwie den Tag noch nutzen will.

Ich bin totmüde, aber wenn ich jetzt ins Bett gehe, rechne ich so 12 Stunde im Bett ... und dann ist der Sonntag gelaufen. Will ich das? Nein. Ich hasse meine Logik.

 

26.11.2006 um 03:08 Uhr

Mmh

von: Ryan

Musik: The Rapture

Ich würd jetzt gerne noch irgendwas tiefsinniges schreiben, aber mir fällt nichts ein worüber ich philosophieren könnte oder was halbwegs interessant für die Leserschaft wäre.

Ich sitz hier rum, höre großartige Musik (ich liebe das Wort "großartig" um meine unendliche Begeisterung auszudrücken), meine Stimmung ist geschwängert mit Cola Light, die mich wach hält und Wodka, der mich bei Laune hält.

Mein freies Wochenende verbringe ich also ziemlich ruhig bei Wodka-Cola-Light - welch Verschwendung für mein junges Leben ... und ich fühle mich so mitteilungsbedürftig und gleichzeitig so unkreativ. Eine Miseré.

25.11.2006 um 21:28 Uhr

Die Weight Watchers kriegen jeden

von: Ryan

Nachdem ich beschlossen hatte ein ruhiges Wochenende zu verbringen, langweile ich mich bei der konsequenten Durchführung tötlich und versuche die freie Zeit halbwegs sinnvoll zu nutzen - natürlich mit Fernsehen, den nötigsten Hausarbeiten und einem neuen Programm auf meinem Laptop, dass mein Leben grundlegend verändern soll.

Nachdem die Hafertaler mit Schokoladenüberzug meine neue Sucht geworden sind, rächt sich die Wage. Ich hab in den letzten 4 Wochen satte 4 kg zugenommen und die Hosen werden mal wieder enger als mir lieb ist. Nun hat mich eine Kollegin auf eine großartige Idee gebracht: Weight Watchers heissen die beiden Worte, die mein Leben grundlegend positiv verändern sollen.

Eigentlich stand ich bis vor einer Woche den Weight Watchers sehr vorbehaltbehaftet gegenüber. Eine Straße von meiner alten WG entfernt fanden diese uminösen sektenhaften Treffen statt. Jeden Dienstag und Donnerstag Abend standen an der Straße diverse Kleinwagen, aus denen übergewichtige Frauen von 30 bis 50 ausstiegen, um zum feierlichen Weight Watchers Treffen zu gehen. Und dann dachte ich mir immer: "Wenn ich eines Tages sooo fett bin, geh ich auch zu Weight Watchers."

Nun habe ich eine völlig andere Art von Weight Watchers-Frauen kennen gelernt: Anfang, Mitte 20, schlank und begeistert von dem Konzept. Nachdem meine Kollegin mir kurz davon vorgeschwärmt hat und am nächsten Tag gleich das gebrannte Programm mitgebracht hat, bin ich seit heute offiziell auch einer, der Weight Watchers ausprobiert. Selbstverständlich habe ich noch genug Würde und Stolz NICHT zu solchen Treffen zu gehen, aber mein kleines Computer-Tagebuch, in denen ich täglich Points eintrage und meine Mahlzeiten plane, wird meine große Weight Watchers-Welt sein. The Masterplan sozusagen.

Nachdem ich gestern Nachmittag bei meiner Mutter aufgetaucht war und ihr davon erzählte, teilte auch meine Frau Mutter ihr Weight Watchers-Geheimnis mit mir. Dazu muss man sagen, dass meine Mama die schlankeste Frau ohne Anorexie ist, die ich kenne. Mama ist 1,82m groß und wiegt vielleicht irgendwas zwischen 58 und 60 kg. Leider hat sie diese schlanke Eigenschaft nur an 2 ihrer Söhne weitervererbt und ich gehöre leider nicht dazu. Mama hatte den einfachen Gedanken: "Wenn Leute ihre Fettpoints zählen um abzunehmen, kann ich ja meine Fettpoints steigern um zuzunehmen und endlich sowas wie einen halbwegs physiologischen Arsch aufbauen." Mama hat dann meinen älteren (zu dem Zeitpunkt leicht übergewichtigen) Bruder bequatscht mit ihr an solchen Treffen teilzunehmen. Dieser wiederrum (und das wusste ich bis gestern auch noch nicht) hat dank Weight Watchers auch 12 kg abgenommen - Mama dagegen wurde nach dem 3. Treffen ausgeschlossen mit der Begründung, man verdächtige sie magersüchtig zu sein - sie war hoch empört und hat sich gestern bestimmt ne halbe Stunde über die "fetten, blöden Weight Watchers-Schlampen" aufgeregt. Ende vom Lied war, dass sie mich voll unterstützt - "Du warst schon immer ziemlich dünn - aber im letzten Jahr hast du echt böse zugelegt" - danke liebe Mutter - und sie hat mir all ihre Weight Watchers-Bücher überlassen.

Also habe ich gestern Abend ausführlich das Weight Watchers Programm studiert und fühle mich nun in der Lage das mal auszuprobieren - und bin voller Zuversicht. Gut, Diätprogramme sind nicht das Beste, wenn man eh schon essgestört ist, auf der anderen Seite erhoffe ich mir ENDLICH eine gesunde, fettreduzierte Ernährung zu erreichen. Im Grunde genommen isses meiner Kalorien-Zähl-Technik sehr ähnlich - nur dass man eben die Points zählt. Ich hab mir, wenn ich auf "meiner Diät" war, alles verboten. Es gab jahre lang Lebensmittel, die auf einer Verbotsliste standen und ich finde es sehr attraktiv, dass ich alles essen kann, was ich möchte und worauf ich an dem Tag eben Hunger habe - ohne schlechtes Gewissen. Und auch Fressanfälle kann ich ausgleichen, wenn ich die Tage vorher oder danach Points einspare. Ich kann mich satt essen, Kartoffel haben pro Portion (unbegrenzt) nur 2 Points.

Das einzige was mich furchtbar stört, ist dass meine Lieblings-alkoholischen Getränke sehr viele Points haben - also sprich: Bier und Rotwein. Also habe ich gestern Abend meine Glühweinreste vernichtet, und werde ab sofort umsatteln auf Wodka-Cola-Light. Und da ich Wodka eigentlich nicht mag, aber ab und an diese Welt nicht nüchtern ertrage, erhoffe ich mir sogar meinen Alkoholkonsum massiv einzuschränken. Man überlegt sich doch dreimal was man trinkt, wenn man weiss wie fett es machen kann.

Auf jeden Fall erhoffe ich mir mein Kontrollverhalten bezüglich der Esstörung bei Weight Watchers voll ausleben zu können ohne weiterhin meine Speiseröhre zu verätzen oder an den Folgen einer Mangelernährung zu sterben. Zumindest liebe ich als esstgestörter Mensch schon dieses Points-Tagebuch abgöttisch, ich liebe es mein Essverhalten zu planen und kann (endlich!!) verbotene Lebensmittel mit in meinen Essplan mit aufnehmen. Ich hab heute zum Beispiel noch 4 Punkte übrig, werde mir gleich ein Amicelli gönnen (1 Point) und hab immer noch 3 Points heute nicht gegessen.

Ich bin so fucking begeistert.

Nebenbei: Ich hab mit dieser Kollegin jetzt ne Wette am laufen. Sie suchte einen Abnehmpartner für Weight Watchers. Wir haben die ganze Sache für die nächsten 6 Wochen geplant, weil sie Angst hat sehr schwach bei der Weihnachtszeit zu werden und wenn einer aussteigt während der Weihnachtszeit, muss er dem anderen 50 Euro zahlen. Sollten wir beide gut mit dem Programm zurecht kommen bis in den Januar hinein, gehen wir von dem Geld saufen.

23.11.2006 um 16:53 Uhr

Alles wie sonst auch

von: Ryan

Musik: Blur - Out of time

Alles ist eigentlich sonst auch, irgendwie passiert so rein gar nichts. Ich wäre auch überfordert, wenn es anders wäre.

Die gleichen Kollegen gehen dir aufm Keks, die gleiche Kollegin wie immer regt sich überbelanglos Dinge auf, die seit 2 Jahren immer wieder ausdiskutiert werden müssen - die selbe Kollegin kichert bei den falschen, unpassenden Momenten und lässt ihre naive Ader raushängen. Wieder einer macht die gleichen Witze, die wir schon seit 2 Jahren hören und eine andere macht anzügliche Bemerkungen, die sich nur verstärken, wenn man nicht drauf eingeht. Die selben Leute in der Raucherpause und meistens die gleichen Gesprächthemen.

Das Wetter ist beschissen, es regnet ohne Unterbrechung und richtig hell wurde es heute auch nicht.

Highlight des Tages soll heute sein: Kneipenbesuch mit meinen Lieblingskollegen. 7 Leute haben Interesse bekundet - aber wenn es läuft wie immer, sitzen wir am Ende doch zuhause, weil die eine spontan Kopfschmerzen gekriegt hat, ein anderer hat die Ausrede, dass das Auto nicht angesprungen ist und der Rest hat dann keine Lust mehr.

21.11.2006 um 20:26 Uhr

Wochenstart

von: Ryan

Musik: Oasis

Nachdem ich Samstag Nacht mal wieder aufm Thresen gelandet war, dort getanzt hab und jedes Lied inbrünstig mitgebrüllt hab ... und eh schon nen leichtet Infekt mit Halschmerzen hatte, hat sich mein Körper gerächt und versagt mir nun komplett die Stimme. Ist natürlich der absolute Brüller bei meinen Kollegen, dass ich mich anhöre, als würde ich meinen zweiten Stimmbruch durchmachen.

Die ganze Welt um mich herum scheint verliebt zu sein, vielleicht lag das an den Frühlingstemperaturen, die wir mitte November noch hatten. Angeblich soll das zu vermehrten Hormonausschüttungen führen. Zumindest sind mal grade alle in meiner Umgebung furchtbar verliebt - und nicht unwesentlich wenige sind es mich.

Eine Aufzählung meiner derzeitigen Verehrer/innen:

* der hübsche Mann von Samstag - allerdings habe ich Ruhe vor ihm weil ich ihm sagte, ICH melde mich, was ich natürlich nicht tue, also werde ich diesen Mann heute noch einmal aufzählen und danach nie wieder

* Miss Schizo - sie redet sich ein ich könnte ihre Seele retten und ich sei die einzige große Liebe in ihrem Leben und sie könnte sich nie im Leben entlieben ... das kann schon unheimlich sein, wenn man sich klar macht wie exsessiv sie wirklich an einen Neubeginn der Beziehung GLAUBT, nicht nur hofft, sondern wirklich fest davon überzeugt ist.

* meine Lieblingskollegin - 100% sicher bin ich mir nicht, ich weiss nur dass ich Objekt ihrer Begierde war, ihr Charakterschwein-Exfreund mir furchtbar ähnlich sah und heute kam von einer anderen Kollegin ne Geschichte, die glaube ich der bekannte Wink mit dem Zaunpfahl war. Die Kollegin erzählte mir, sie sei mit meiner Lieblingskollegin, dem gewissen Exfreund und ihrem Freund was trinken gewesen. Ihr eigener Freund sei etwas angetrunken gewesen und habe meine Lieblingskollegin gefragt, wann denn das mit mir endlich was werden würde. Und in dem Moment sei ihr Exfreund ziemlich ausgerastet ... natürlich drehte sich das Gespräch um die ausgefallene, lächerliche Reaktion des Exfreundes - aber wenn der Freund solche Sätze sagt, was reden die sonst so über sie und mich?

* die "Teenagerin" - sie ist die Schwester einer meiner besten Kumpels, 19 Jahre alt und ich weiss, dass ich vor 3 Jahren vor der Meike-Beziehung mal einen Abend ziemlich alkoholosiert mit ihr angebändelt habe. Vor ungefähr 4 Wochen hab ich sie zufällig aufm Kiez getroffen und nun treff ich sie irgendwie dauernd, da ich ja auch wieder verstärkt Kontakt zu meinen "alten Leuten" hab.

* die Internetbekannschaft - mein Date bevor ich was mit dem Mann mit dem seltsamen Namen hatte. Sie war nicht so toll, nett, lustig, irgendwas in ihrer Art erinnert mich an irgendjemanden, den ich mal kannte, auf dessen Namen ich nicht komme und der mir als Mensch super unsympathisch war. Nicht, dass sie deswegen auch unsympathisch wäre, aber da ist nen bitterer Nachgeschmack, obwohl ich toll mit ihr reden konnte und alleine dieses asoziative, unterschwellige Feeling bringt mich dazu, sie seit WOCHEN hinzuhalten mit einem erneuten treffen. Gut, sie hat mir auch gleich nachm zweiten Date gestanden, wie furchtbar attraktiv und anziehend sie mich findet ... und mit dieser offen-ehrlich-erotischen Art komm ich irgendwie nicht klar - dafür bin ich wieder zu katholisch.

* Freiherrin von und zu keine Ahnung was - ja auch eine Kollegin, irgendwie hat sie den Spitznamen "Freiherrin" weg weil sie aus ner adeligen Familie kommt. Das war die gewisse Kollegin, mit der ich aufm einem Konzert war und die dann etwas angefressen war, als ich sie ne Woche mehr oder minder ignoriert habe. Aber ich bin wieder freundschaftlich nett zu ihr und möchte ihr eigentlich nur klar machen, dass meine Gefühlswelt im Moment zu vollgestopft ist.

Ja soviel dazu ... schwierige Lage, wenn man nebenbei nur nen Mann im Kopf hat, bei dessen Klingelschild ich aufgrund des Names immer lächelnd die Augen verdreht habe. Irgendwie will ich grade nicht angegraben werden, ich bin überfordert sobald kleine indirekte (oder auch direkte) Anzüglichkeiten in meine Richtung gehen. Und unendlich genervt.

Ich kann nicht mehr hören wie toll ich bin, wieviel Spaß man mit mir hat und bla sülz schleim. Ich habe beschlossen, dass ich mein Bett vorläufig mit niemanden mehr teilen werde. Mein persönliches Rückzugsgebiet, mein "Nest" und da hat keiner mehr was drin zu suchen. Ich bin einfach im Moment völlig überfordert mir einen geeigneten Lebenspartner zu suchen und irgendwie hab ich auch furchtbar die Schnauze voll. Ich muss mich um mich selbst kümmern.

Memo an mich selbst: Mit dem Kotzen aufhören! Dringend. Ich hab die letzte Woche soviel gekotzt wie selten in meinem Leben und mittlerweile hab ich fast jedes Mal danach Nasenbluten.

19.11.2006 um 08:05 Uhr

Mal wieder feiern und noch nicht im Bett

von: Ryan

Mal wieder wollte ich nicht mit. Mal wieder hatte ich keine Lust auf die Party auf die ich geschleppt wurde und natürlich wollte ich danach nicht aufm Kiez. Letztendlich war ICH es wieder, der aufm Tresen getanzt hat und am meisten Spaß hatte. Und ich war es auch, der mal wieder als Letzter nach Hause fuhr, weil ... ICH mal wieder jemanden kennen gelernt hatte.

Meine Freundinnen sind in letzter Zeit seeehr begeistert von einer bestimmten Schwulendisco ... und da gab es diesen hübschen Mann, der mit mir getanzt hat ... und wir haben geflirtet ... und später als wir gehen wollten, fragte er mich ob ich nicht noch bleiben wollte. Und wir haben uns geküsst und rumgemacht ... und er hat nen hübschen Vornamen, er ist Österreicher, 26 und er ist wahnsinnig hübsch. Und wahnsinnig hübscher Mann ... und während er mich küsste, dachte ich: "Woah was für ein Mann ... was hast du für ein Glück." Und dann musste ich an den Mann mit dem seltsamen Nachnamen denken ... und ich hab eigentlich nur an den gedacht, während ich diesen anderen sehr hübschen Mann geküsst habe. Und ich kann nicht mehr aufhören an ihn zu denken - deswegen werde ich wohl den hübschen Mann auch nicht anrufen.

Das ist irgendwie ziemlich ... scheisse.

18.11.2006 um 03:31 Uhr

Was verdammt nochmal war das für ein Tag?

von: Ryan

Ich glaube, am heutigen Tag habe ich alle emotionalen Gefühlslagen, zu dem ein Mensch fähig ist durchlebt. Mein Tag fing eigentlich sehr gut an, ich kam gut aus dem Bett, bin zur Arbeit gefahren - leider muss ich auf dem Weg an der Haltestelle vorbei, an dem Miss Schizophren auch wohnt ... dementsprechend durchlebe ich JEDEN Tag auf dem Weg zur Arbeit Herzklopfen und Angstschweiss, ob sie da steht ... und manchmal steht sie da auch wirklich. Ich versuche die Strecke schon weitläufig zu umfahren, aber irgendwie läuft man doch immer den Menschen über den Weg, die man am wenigsten sehen mag.

Aufm Heimweg bin ich noch die Stadt gefahren, diverse Dinge erledigen, Bruder besuchen im Tattooshop und dies und das, was ich halt so seit Tagen vor mir her schiebe. Also richtig erfolgreich und tatkrätig. Zur Belohnung hab ich mir ein Buch geleistet - und les das auch voll interessiert in der Bahn aufm Heimweg ... SMS ... gut, ich hatte diverse Dinge laufen zum Beispiel wie Abendplanung weswegen sich Leute hätten melden können ... und schau so völlig ohne Hintergedanken auf mein Handy ... und seh die Nummer von Miss Schizo ... "Ich hab dich gesehen in der Stadt." ... wieder Angstschweiss ... großartig, wo hat sie mich gesehen? WO verdammt? Ich war doch so vorsichtig. Danach war meine Konzentration für das Buch auch weg.

Kaum war ich zuhause klingelt mein Handy ... und wer war dran? Miss Schizo. Sie wollte reden. Smalltalk. Ich glaube ich habe ihr über 11.000 Mal gesagt, dass ich keinen Wert auf Smalltalk lege. Dementsprechend hab ich aggressiv reagiert, sie kaum zu Wort kommen lassen und sie ziemlich zusammen gepfiffen am Telefon. Sie hat dann von sich aus aufgelegt von wegen: "Oh Ryan, du bist so naiv." - 2 Minuten später wieder Telefon: "Ryan, ich sitz hier und reg mich voll über dich auf!" Und dann folgte ein 10 Minuten langer Monolog, was sie mir alles an den Kopf schmeissen musste, sie wolle ja nur Kontakt aufbauen und Smalltalk und es täte ihr ja so weh mich zu sehen und sie hätte mich ja auch nur mit ner anderen Frau aufm Bahnsteig stehen sehen ... und sie frage sich wer das sei ... (geht sie nichts an) und sie habe letzte Woche so oft von mir geträumt und bla bla bla ... woah ... ich hab dann irgendwie versucht nen halbwegs psychologisch kleveres Gespräch zu führen und hab sie dann verlockt mir das Versprechen zu geben, KEINE SMS mehr zu schreiben. Sie hat sich dran gehalten ... genau 30 Minuten lang. Und dann ging das wieder los von: "Ich liebe dich, ich brauche dich, ich würde alles für dich tun um alles wieder gut zu machen." bis "Ich hasse die Frau, die mit dir da stand." (war meine Schwägerin ...)

Einige mögen sagen: "Ryan, das ist ne kleine, magere, kaputte Frau, wieso machst du dir so nen Stress?" Aber ... ich halte sie irgendwie für unberechenbar. Es ist echt abartig. Wir haben uns vor mehr als nem halben Jahr getrennt und ihre Schizophrenie ist wieder aufgeflammt und ich bin leider Mittelpunkt der Psychose und sie begreift es nicht. Sie hat ganz klare Ansagen gekriegt und sie kann sich nicht dran halten. Ich warte eigentlich nur drauf, dass Miss Schizo mich mal verfolgt. Ich hab mich aufm Heimweg auch super oft umgedreht ... durch ihre psychische Auffälligkeit lass ich mich ja auch schon voll anstecken ... wie krank?

Das hat mir irgendwie den GANZEN Tag versaut. Und morgen wird sie wieder schreiben, ich weiss es ganz genau. Ich muss mein Handy dringend aus machen bevor ich schlafen gehe, um morgen nicht von ihrer Terroraktion gestört zu werden. Ansonsten werde ich morgen mit meinem Anwalt-Bruder Steve telefonieren, was es kostet ihr ne Unterlassungsklage an den Hals zu hängen. Wenn sie sich nämlich an diese nicht hält, macht sie sich strafbar und ich kann sie endlich anzeigen.

Ja was gabs sonst noch? Was sehr aufregendes ... ich saß bei meinem Bruder im Wohnzimmer, wir hatten grade Pizza gegessen, nen Bier getrunken, haben Fernsehen geschaut ... und plötzlich sagt mein Bruder: "Du, da am Fenster winkt einer." und ich dreh mich um, und seh nen Mann vor dem Fenster winken, der vor nem Auto steht. Mein Bruder aufm Balkon, runtergebrüllt was los sei. Antwort: "Hier liegt jemand auf der Straße und ich muss wissen wie die Straße heisst um den Rettungswagen zu alamieren!" Mein Bruder brüllt den Namen der Straße und ich denk nur: "Scheisse, du hast ne Ausbildung zu dem Müll, der grade vor der Haustür passiert." also aufgestanden, viel zu große Jacke vom Bruder geschnappt, losgelaufen, im ersten Stock noch bei nem Kumpel geklingelt, der mit mir die Ausbildung macht im gleichen Haus wie mein Bruder wohnt ... der ist auch gleich losgelaufen und ab auf die Straße gucken was los ist.

Ja was war los? Da lag nen sehr dürrer, alter Mann mitten auf der Fahrbahn, zusammenbrochen. Der Autofahrer, der den Rettungswagen alamiert hat daneben plus Ehefrau und pupertierender Tochter. Aber ich bin sehr stolz, dass ich sehr professionell reagiert hab. Mein Kumpel hat fix Blutdruckmanschette und Stetoskop aus seiner Wohnung geholt, meinen Bruder hab ich angewiesen schnell ne Decke zu holen. Wir haben ihn von der Straße weggeholt, Puls und Blutdruck gemessen, in die Decke eingewickelt ... Vitalwerte waren irgendwie sehr miserabel, nebenbei ist mir aufgefallen, dass der ne tierische Fahne hatte ... und dann merkte ich, dass der Atemaussetzer hatte ... und ich hab mir nur vorgestellt, wie ich den beatmen muss ... Mund zu Mund ... nee ... NEEEE ... also vorsichtig angeditscht und mit ihm gesprochen ... und er hat auch jedes Mal wieder brav die Augen auf gemacht und reagiert und nen tiefen Zug Luft genommen bis der RTW da war. Ich hatte echt keinen Bock den zu reanimieren.

Als der RTW endlich da war nur die Rettungssanis: "Oh nö, der Typ ist jedes Wochenende besoffen und kurz vorm sterben, der schafft das von der Herz- und Leberleistung nicht mehr und fällt einfach um." Toll ... kann man solche Leute nicht einfach sich selbst überlassen? Das ist doch deren Gesundheit, wieso muss ich mich da noch anstrenge um die am Leben zu erhalten, wenn sie es schon nicht tun? Ende vom Lied war, dass der Kerl in den Krankenwagen kam, intubiert wurde (boah der hat sich gewehrt aber da hat er selbst schuld), ich durfte noch assistieren beim Intubieren und bin jetzt super stolz, dass ich das mal gesehen habe. Und dann haben sie ihn ins nächste Krankenhaus gefahren. Anmerkung: Mein Bruder hat die Decken sofort auf 90 Grad in die Waschmaschine geschmissen.

Ja und dann war ich noch Cocktails trinken mit Freunde ... und hab gemerkt, dass ich echt nix mehr vertrage. 3 Cocktails und ich war mehr als bedient. Dafür haben wir Tränen gelacht über alte Zeiten. Was wir angestellt haben, zum Beispiel sind wir mit 18 mal spontan nen Wochenende nach Köln gefahren. So ganz phne Plan, ohne Hotelbuchung und nix. Wir haben auf ner Wiese geschlafen, Touristen haben uns fotografiert und sowas eben. Oder wie eben mal irgendjemand an irgendeinem Tag ausgerutscht ist ... wir haben echt furchtbar gelacht.

Also von panischer Angst über medizinischer Notfallstress bis exsessives Lachen war heute alles drin.

15.11.2006 um 19:51 Uhr

No Titel today

von: Ryan

Irgendwie läuft alles augenscheinlich gut, ich geh arbeiten, komm nach Hause, lerne viel ... aber irgendwie bin ich wahnsinnig unzufrieden und weiss nicht woran es liegt.

Zum Beispiel kotze ich eigentlich seltener, in so nem Arbeitsblock. Im Moment ist das anders. Ich hab irgendwie das Gefühl als könnte ich nie genug essen. Ich hab permanent Hunger, selbst auf der Arbeit muss ich mich wirklich diszplinieren nur meine "Ration" zu essen. Und Zuhause gehts gar nicht. Ich hab irgendwann mal so ne 4 Portionen Tütennudelzeugs gekauft - und hab das Montag gekocht, weil ich Hunger drauf hatte, und ich habe es echt nicht geschafft aufzuhören zu essen. Bis der gesamte große Topf leer war.

Irgendwie isses wahrscheinlich nen Dekompensationsversuch meiner Psyche meine innere Leere halbwegs zu füllen.

Der Alltag ist im Moment wirklich tötlich, ich kann mich an kaum etwas erfreuen. Raus komme ich aber auch nicht wirklich, weil da irgendwie nichts ist, was mich raus locken würde.

Ich glaube mir würde es viel schlechter gehen, wenn ich nicht äußerlich noch meine Fassade halten müsste. So ne Art Korsett in dem man steckt und was einen grade hält. Ich hab mich vorhin gefragt was meine Umgebung sagen würde, wenn sie von meiner "dunklen Seite" wissen würden. Dunkle Seite weil es schon etwas sehr negativ besetztes ist und ich schäm mich auch dafür massenhaft Nahrung in mich reinzustopfen, um später zu erbrechen.

Und der Mann in meinen Gedanken stand immer noch nicht vor meiner Tür. Natürlich ist jegliche Hoffnung völlig sinnlos und naiv, aber wenn ich sie bewusst abstreite, tut es schon ziemlich weh. Also schiebe ich sie weg. Da kommt kein wundervoller Mann, der meine Seele vor mir selbst retten wird. Und vor allem nicht dieserjenige.

12.11.2006 um 11:13 Uhr

Immer noch nicht im Bett II

von: Ryan

Ich hab mir grade mal überlegt ... ich geh heute nicht schlafen, wieso auch? Ich bin noch ziemlich fitund ich habe eigentlich noch so viel Zeit, die nutzen kann mit nutzlosen Dingen, die ich schon immer irgendwie mal tun wollte. Ich wollte dringend mal wieder Anno 1602 spielen und jetzt wo ich schon mal wach bin ... eigentlich hatte ich nen Glas Rotwein getrunken (ein großes Glas, was ich auch grade ziemlich merke) um schlafen zu können.

Aber schaffe ich es jetzt wach zu bleiben? Ich habe Vanille Cappuccino und eine Menge Dinge, die ich gerne tun möchte heute. Sonst bin ich am Wochenende nie um diese Uhrzeit wach und Carpe Diem. Mal schauen wie weit ich es schaffe. Sicher werde ich früh schlafen gehen ... so um 20.00 sicherlich aber bis dahin sind es noch fast 9 Stunden. Und keiner sagt "Ryan, du musst schlafen." Nee muss ich nicht, oder doch?

Ich mag nicht schlafen, ich hab die letzten Tage zuviel im Bett verbracht. Und jetzt hab ich Nachholbedarf. Krank oder? Erst liegt man 2 volle Tage fast nur im Bett und mit einem Mal meidet man das Bett, weil man das Gefühl hat, man hat sehr viel verpasst. Und selbst wenn es so Kleinigkeiten sind wie Computerspiele spielen.

12.11.2006 um 08:51 Uhr

Immer noch nicht im Bett

von: Ryan

Eigentlich wollte ich gar nicht feiern gehen. Ich habs mir hübsch gemütlich auf meiner Schlafcouch mit Suppenzeugs von Lidl gemacht, ein Mars Delight dazu und wollte von dieser Welt nichts wissen. Dann ein Anruf: "Hey wir wollen heute aufm Dom, kommst du mit? Und danach vielleicht aufm Kiez." - "Okay aufm Dom komm ich mit aber aufn Kiez hab ich keinen Bock." Also war ich für hamburger Dom verabredet.

2 Minuten später klingelt wieder das Telefon, mein Bruder: "Hey, es ist Samstag Abend ... du weisst was das bedeutet? Wir wollen was unternehmen!"

Letztendlich sah mein Abendprogramm dann doch so aus, dass ich 3 Stunden im strömenden Regen aufm Dom rumgelatscht bin - mein einziger Kommentar wenn von irgendwem irgendeine Bemerkung in die Richtung "Mir ist kalt" oder "Ich bin nass" kam, war nur: "Ihr habt euch auch geiles Wetter für Dom ausgesucht!"

Gut, irgendwie um 22 Uhr hab meinen Bruder dann mal kontaktiert was so geht ... und seine Antwort: "Ja nix geht, die wollen alle aufm Kiez und ich hab keinen Bock." Okay und weil ich nichts besseres vor hatte bin ich dann mit meinen Freunden auf die Reeperbahn. Hier nen Bier, da mal tanzen und ich alle halbe Stunde: "Ja ich bin müde, ich geh dann auch mal bald nach Hause." - "Ach Ryan, bleib doch." - "Okay aber nur ne halbe Stunde noch."

Letztendlich rief mein Bruder um 4 Uhr morgens an: "Wo bist du? Mir ist langweilig, wir sind jetzt was essen gegangen und ich bin noch gaaar nicht müde." Der Vogel war doch aufm Kiez und hatte sich belatschen lassen, obwohl er gaaar keine Lust hatte. Genauso wie ich. Und als ich ihn dann beim Fresstand abgeholt hab, stand da noch mein anderer Bruder, der eigentlich auch überhaupt nicht auf die Reeperbahn wollte und nur ausversehen mit gekommen war. Und eigentlich wollten wir alle schon um 24 Uhr nach Hause ... und ja ... wir haben uns dann zu dritt um 8 Uhr morgens aufm Fischmarkt wieder gefunden und fanden das sehr geil. Und wir sind alle mit voll bepackten Einkaufstüten nach Hause.

Der Fischmarkt ist echt genial, grade jetzt wo wir Hochwasserwarnung haben, sind die Leute seeehr spendabel. 10kg Obst für 10 Euro und so ne Sachen. Mein einer Bruder Steve hat gleich so nen 10 kg Korb mitgenommen, weil seine Frau ja immer meckert dass er zu wenig Obst isst. "Dann kann ich wenigstens mal sagen: Schatz, ich kümmere mich drum, dass unser Kind und wir mal Obst essen. Dann soll sie auch nicht meckern!"

Und durchgefressen haben wir uns wie die Idioten - an jedem Stand: "Können wir mal probieren?" Ich weiss gar nicht was wir alles probiert haben, Salami, Schinken, Ananas, diverses an Fisch, frisch gebackenes Brot, Käse - und Steve hat sich immer einlullen lassen: "Mmh, der Käse ist lecker, von dem nehm ich 100g!" Und Chris nur: "Das ist NICHT der Sinn von freier Verkostung!" - "Aber der Käse ist echt genial lecker!" - "Den kriegste bei Edeka auch!" - "Ja aber Montag hab ich vergessen wie der heisst." - "Dann kauf doch den blöden Käse!" - "Mach ich auch!"

Ansonsten hab ich das Prinzip der meisten Verkäufer verstanden, es heisst ANGST. Mach dem Kunden Angst und er kauft alles. Wir waren bei einem Stand, der Obst verkauft und haben interessiert zugeschaut wie der Verkäufer die Kisten vollgepackt hat. Hier noch ne Ananas, da noch Weintrauben, nen Kilo Mandarienen und und und, bis die Kiste voll war und das ganze für 10 Euro ... und plötzlich zeigt der Verkäufer auf Chris und sagt: "DU da!" - "Ich?!" - "Ja du! Kauf die Kiste!" - "Nee sind ja mindestens 7 Kilo Obst, das kann ich gar nicht tragen!" - "Nimm die Kiste!" - der Verkäufer zeigt auf eine verschlossene Pappkiste und sagt: "Für dich nur 3 Euro!" Und mein Bruder: "Ich weiss ja gar nicht was drin ist." - und der Verkäufer wieder: "Nimm die Kiste!" - und Chris: "Nee ..." - "Nur 2 Euro, nimm sie!" der Typ brüllt ihn fast an. Und Chris nur um irgendwelchem Streit ausm Weg zu gehen: "Okay ..." gibt ihm 2 Euro und findet einige Sekunden später raus, dass in der großen Kiste 7 überdimensionale Ananas drin sind. Sehr günstig, aber was will man alleine mit 7 Ananas? Letztendlich sind wir alle mit mindestens einer vollbepackten Tüte nach Hause gegangen, und Chris natürlich mit seiner Ananas Box. Steve hatte so nützliche Sachen wie Aufschnitt und frische Brötchen für Frau und Kind morgens zum Frühstück dabei und günstigen Kuchen, damit sie Sonntag mittag mal Kuchen hatten.

Ich hatte eher anderes gekauft: nen halbes Kilo Krabben, Gurken (von nem Typen, der wieder mit diesem Angstprinzip gearbeitet hat: "Nimm ne Gurke!" - "Ja hab ich ja schon." - "Nimm doch eine!" - "Okay ..."), ne Banane aus Steves 7 kg Obstkorb ("Du musst mehr Obst essen, du siehst blass aus, kleiner Bruder."), 2 überdimensionale Box-Ananas (Chris in der Bahn: "Nimm welche, ich will mich nicht an den Ananas totfressen und schon mal gar nicht nach Hause schleppen ... nimm noch ne zweite mit, ich krieg die Krise, weil ich jetzt schon nicht weiss wann ich die alle essen soll!") und nen halbes angebissenes Fischbrötchen (Steve O-Ton: "Wir sind Hamburger Jungs, wir lieben Fischbrötchen. Lasst uns Fischbrötchen essen." - Ich bestelle: "Ein Seelachsbrötchen." - mein Bruder völlig aufgebracht: "Nein, er will Bismarckhering." - Ich: "Ich mag keinen Hering, ich will Seelachs." - "Quatsch, du nimmst Hering." Plupp hatte ich nen Bismarckhering in der Hand, toll).

Ja und jetzt ist es halb 10 Uhr morgens, und eigentlich hatte ich schon vor 9,5 Stunden keinen Bock auf Kiez und bin jetzt erst zuhause. Sehr strange.

Und jetzt sitze ich hier und frage mich was das halbe Kilo Krabben in meinem Kühlschrank macht - ich kann nämlich nicht Krabben pulen - und wer die riesigen Ananas essen soll.

11.11.2006 um 01:20 Uhr

Memories

von: Ryan

Musik: The Disco Boys - I came for you

Ich hab heute ein Lied gefunden, dass ich schon fast vergessen hatte, dass auf jeder Schwulenparty gespielt wird, die ich je besucht habe und bei diesem Lied hat die Erde gebebt und wirklich alle haben getanzt und sind völlig ausgerastet.

Und ich höre es in meiner kleinen Wohnung laut über Kopfhörer und plötzlich sind alle Erinnerungen, an eine längst vergangene Zeit da, als ich auch noch zur sogenannten Schwulenszene gehörte und meine halb-lesbische Freundin hatte. Mal davon abgesehen, dass ich sie auf so einer Veranstaltung kennen gelernt habe.

Gayfactory - die grösste schwul-les-bische Veranstaltung im Norden und wir waren jeden Monat dabei. Und wir haben es zelebriert und getanzt als ob es keinen Morgen gibt. Wir haben uns meistens bei irgendjemanden getroffen, zusammen gekocht, getrunken, einige oder alle sind Karte holen gegangen, danach noch was trinken und dann ab auf die größte Party unseres Lebens. Jeden Monat wieder und wir haben getanzt und gefeiert und uns ausgelebt. Meine schwulen Kumpels konnten endlich mitten auf der Tanzfläche knutschen ohne dass irgendwelche doofen Sprüche kamen und wir haben es alle genossen. Einfach nur man selbst sein. Ich glaube, da hab ich auch tanzen gelernt, denn die ersten paar Male kamen von meiner damaligen Freundin: "Schatz, du kannst nicht tanzen." und letzte Woche kam von ner Bekannten von mir: "Hey Ryan, also früher ... aber jetzt kannst du richtig gut tanzen." Ich danke der Schwulenwelt.

Und man kannte alles und jeden. Aufm Weg zur Toilette hab ich schon immer mindestens 5 Leute getroffen, die ich kannte. Oberflächliche Bekannschaften, mit denen man eigentlich nur feiern und saufen konnte, die mich verteufelt haben, nachdem meine Ex und ich uns getrennt haben. Aber es war ne sehr geile Zeit und wir dachten, sie würde nie enden.

Und jetzt bin ich nen stück weit erwachsener und irgendwie zu hetero.

Früher hatte ich nen Kalender mit den genauen Terminen für die Gayfactory in der Brieftasche und spätestens 2 Wochen vorher wurden alle durchtelefoniert, wer kommt, wer wann wo zu treffen ist, wer Karten holt und und und ... und heute hab ich durch Zufall auf der Homepage gesehen, dass heute - also Samstag mal wieder Gayfactory ist - und es juckt mich auch wenn ich gefahr laufe meine Ex dort zu treffen. Nur einmal noch dort feiern als ob es keinen Morgen gibt. Das reizt mich schon sehr.

11.11.2006 um 00:11 Uhr

Bulimic Time

von: Ryan

Es ist Freitag Abend ... es ist unendlich lange her, dass ich an einem Freitag zuhause geblieben bin. Nein, heute will ich meine Ruhe und mein Kühlschrank ist verlockender als meine Freunde - muss ich beschämender Weise zugeben.

Wozu soll ich mich mit meinen Freunden treffen und einen fröhlichen Menschen spielen, nachdem ich mich aber nicht fühle, wenn ich ne Packung Eis, Chips und diverse Leckereien habe, die ich später wieder nach Verzehr im Klo entsorgen kann, so dass sie mich nicht mal fett machen?

Ja, im Moment empfinde ich die Gesellschaft von Eis und Schokolade als angenehmer als die Gesellschaft von realen Menschen. Diese Alternative ist auf jeden Fall weniger anstrengend, zumindest empfinde ich das zur Zeit so.

Ja - es ist ungesund, ja - es ist krank - aber wer scherrt sich drum? Wer kriegts mit? Keiner. Die Supermarkt Kassiererin denkt sich wahrscheinlich: "Oh, Moppelchen hat Hunger." und kassiert stillschweigend. Und ansonsten bekommt es keiner mit und das ist sehr reizvoll. Und ich gönn mir all die Dinge, die ich mir lange verboten habe.

10.11.2006 um 00:44 Uhr

The daily things

von: Ryan

Ich bin im Moment viel zu beliebt. Alle nase lang melden sich Leute bei mir. Ich komme in die Wohnung vom Einkaufen und sehe 3 Anrufe in Abwesenheit und fange erstmal an, diese abzutelefonieren um rauszufinden wer nun was von mir wollte. Während dessen klingelt das Telefon und irgendwer will sich mit mir verabreden ... und ich hatte heute echt keine Lust ... aber nein: "Ach Ryan, komm doch mit, wir haben uns schon sooo lange nicht mehr gesehen."

Aber heute war ich standhaft und seit 22.00 klingelt das Telefon nicht mehr und ich kam mal dazu meine Einkäufe auszupacken. Die Kollegin hat wohl auch endlich geschnallt, dass ich nichts von ihr will. Sie hat bemängelt, dass ich mich zurückgezogen verhalten würde ... ich habs auf meine schlechte Laune auf der Arbeit geschoben. Ich muss wieder netter zu ihr sein, als Arsch will ich auch nicht verschrien sein. Aber nicht zu nett, das könnte wieder unangenehme Hoffnungen wecken.

Ich hab mein Leben ganz gut im Griff - und eigentlich hab ich groß verkündet, dass ich nicht mehr kotzen will und hab angefangen mir diverse Dinge zu gönnen, die ich sonst nicht essen würde. Im Moment liegen in meinem Kühlschrank so Dinge wie Kinder Pingui, Mars Delight, Amicelli, Eis, fettiger Brie Käse ... ich hätte schlauer sein müssen ... es ist natürlich im Fressanfall geendet. Inklusive Kotzen aber auch erst seitdem ich wieder zunehme. Und das nervt mich tierisch.

Und nebenbei bin ich sehr alleine. Im Supermarkt vor mir an der Kasse steht natürlich nen Pärchen, in der Bahn sehe ich Leute rumknutschen und dann gibts ja auch noch so erbauliche Fernsehserien wie "Nur die Liebe zählt" - und ich könnt kotzen. Mein gesamtes Denken ist noch bestimmt von Mister-strange-Name und er schiebt sich auch alle Nase lang in mein Gedächnis. Ich mach den Kühlschrank auf und sehe eine Flasche von seinem Lieblingswein, die ich mal gekauft hab. Wenn ich in meine Straße einbiege, denke ich grundsätzlich: "Und? Steht er da jetzt? Sitzt er tränenaufgelöst vor meiner Haustür und will mir beichten, dass ich die Liebe seines Lebens bin und er nicht ohne mich leben kann?" - Nein, er sitzt da selbstverständlich nicht. Und jedes Mal wenn mir das klar wird (und es wird mir oft klar) wird mein Herz für eine Sekunde ein halbes Kilogramm schwer und ich fühle mich unendlich alleine. Aber auch nur eine Sekunde.

Mittlerweile hoffe ich nicht mehr ihn zufällig zu treffen - nein, ich glaube es wäre mir sogar unangenehm. Ich sehe das als Fortschritt auf meinem Weg zum "Entlieben".

Und weil ich so alleine bin und eigentlich für niemanden mehr schlank sein muss, kaufe ich Amicelli und fettigen Brie Käse. Ich hab das Gefühl mir ein wenig Freude verschaffen zu müssen, indem ich wenigstens aufs Essen freuen kann. Und ob ich kotze ... das interessiert doch letztendlich auch keinen außer mich selbst. Ich fühl mich alleine unter all den Menschen.

08.11.2006 um 20:21 Uhr

Das Leben zur Zeit

von: Ryan

Irgendwie passiert im Moment nicht viel, zumindest nicht seit Montag. Ich geh zur Arbeit, komm wieder nach Hause, Mittagessen machen, Wohnung putzen, eventuell telefonieren, lernen, Abendprogramm im Fernsehen und dann früh schlafen. Das bisschen Ruhe habe ich zur Zeit auch dringend nötig.

Mit dem Organspendeding haben wir uns in der Schule nochmal etwas genauer befasst, wir durften erzählen wie es so war und ... also wir gucken uns alle an und keiner wusste so recht wie er anfangen sollte. Letztendlich haben wir die ganze Geschichte dann doch nochmal reproduziert für unsere Mitschüler, die ziemlich blass um die Nase wurden. Unser Lehrer nickte nur ganz locker und meinte: "So ist das." und hat ne ethische Grundsatzdiskussion für die nächsten 3 Stunden anfangen.

Mein Wochenende war sicherlich spektakulärer. Es begann Donnerstag - obwohl ich arbeiten musste. Ich bin mit ner neuen Kollegin Cocktails trinken gegangen und ... wir haben es nen bisschen übertrieben. Wir hatten nen ganz tollen Abend, aber sie hats irgendwie leider als Date aufgefasst. Scheinbar. Freitag meldeten sich dann meine lang vermissten Freunde, mit denen ich dann trotz Kater vom vorigen Tag noch aufm Kiez war. Die haben mich natürlich in einen sehr interessanten "Abschlepp"-Schuppen gezerrt - nachdem die Mädels sich dann auch innerhalb von kürzester Zeit irgendwelche mittelmäßigen Kerle zum flirten angelacht hatten, stand ich um ca. 23.30 alleine an der Bar und hab mir die Kante mit Mai Tai gegeben ... 3 Mai Tais und eine Stunde später war ich dann plötzlich der beliebteste und begehrteste Mann in dieser Kneipe ... ich wurde angetanzt, nach meiner Telefonnummer wurde gefragt ... es war eigentlich ganz lustig.

Und Samstag Morgen (schon wieder mit nem dicken Schädel aufgewacht) haben wir dann beschlossen mit meinem Bruder und anderen Freunden aufm Kiez zu gehen. Also hab ich Bier geholt, es wurde sich bei mir getroffen, wir haben uns ziemlich einen angetrunken - die gewisse Kollegin von Donnerstag war auch dabei - und sind dann aufm Kiez, haben uns nen Konzert angeschaut von einer der unzähligen hamburger No-Name-Bands und sind danach noch tanzen gegangen.

Sonntag war ich dann mal wieder nicht nur krank, sondern TOT. Ich bin aufgestanden und die Welt hat sich gedreht, Überkeit hoch 8 und mehr als im Bett liegen und den Fernseher anstarren war nicht mehr drin. Montag Morgen hatte ich immer noch das Gefühl Restalkohol im Körper zu haben - ich will meine Leberwerte nicht wissen. Seitdem hab ich auch wieder ne sehr abstinente Phase.

04.11.2006 um 05:04 Uhr

Scheiss Tag

von: Ryan

Lieber Danny,

klar sind sie tot. Irreversibel komatös, sie werden nie wieder aufwachen - und würde man nicht die Organe entnehmen, dann würde man die Maschinen innerhalb von 12 Stunden abstellen. Hirntote sind IMMER intensivpflichtig, nur leider gelten sie als TOT, also bezahlt das weiterbeatmen keine Krankenkasse in Deutschland.

Hirntote, deren Organe entnommen werden, werden bis zu 48 Stunden noch weiter beatmet, sogar reanimiert. Ich verstehe sehr gut, dass sie rein menschlich gesehen sehr tot sind. Sie werden sich nie wieder BEWUSST bewegen, sie werden nie wieder etwas denken ... und ich würde so auch nicht weiter leben wollen.

Aber den Menschen, den wir heute aufm Tisch hatten - ein 23 Jahre alter sehr hübscher junger Mann - der hat zu dem Zeitpunkt noch nen Herzschlag gehabt - er war warm, er hatte einen Puls, er hatte KEINE Leichenflecken und er hat sich BEWEGT. Wir hatten zwar 2 Mal abgeklärt, dass er völlig hirntot war. Aber für uns Schüler haben die Ärzte nochmal Schmerzreize gesetzt - und dieser Mensch hat sich bewegt und er hat gezuckt unter jedem Schmerzreis - gut, das läuft angeblich nur über die Wirbelsäule - kann ich auch nachvollziehen mit meinem medizinischen Fachwissen. Aber es war echt erschreckend, einen "Toten" zu sehen, der mit dem gesamten Oberkörper nochmal hochkommen kann.

Dann hat man uns erklärt, dass man Hirntote vor Organentnahme NICHT in Nakose setzt und KEINE Schmerzmittel gibt, weil sie ja tot sind. Wäre Verschwendung, sie würden es eh nicht fühlen. Und als ich im OP neben dem Tisch stand, HAT der Anästhesist Schmerzmittel gegeben. Er hat es, ich habs genau gesehen ... warum? Und ich hab ihn dann auch leise gefragt warum und er meinte, um sein eigenes Gewissen zu erleichtern. Keiner weiss wirklich ob sie keine Schmerzen haben nur weil sie hirntot sind. Und er wüsste auch nicht wieso er das macht und eigentlich wäre es viel zu teuer für nen TOTEN ... aber wenn nur die leisteste Ahnung besteht, dass der Mensch trotzdem Schmerzen hat, dann will er ihm das nicht antun ... aha ... ab dem Zeitpunkt war mir schlecht.

Mein großes Problem war einfach, dass da in den OP ein Mensch geschoben wurde, der einen eigenständigen Puls hatte, der einen Blutdruck hatte, ein bildschöner Mann, rosig, als würde er schlafen, zwar beatmet aber irgendwie sehr lebendig scheinend. Der Operateur beginnt dann, macht einen Bauchschnitt um die Organe freizulegen und zu beurteilen. Im Hintergrund machen die Monitore ihre Piepsgeräusche und es ist eigentlich wie bei jeder OP auch. Wenn der Operateur entschieden hat welche Organe er nimmt (nehmen darf), stellt man eine Infusion an, die genau 4 Grad Celsius hat - um den Körper zu kühlen und das Blut hinauszuspülen. Das geht in die Arterien und Venen - der Mensch wird völlig blutleer. Gleichzeitig kühlt der Körper herunter, um die Organe zu erhalten ... und nebenbei spült man den freien Bauchraum mit Eiswasser. Wir haben so ca. 18 Liter Eiswasser in den Bauch geschüttet, teilweise 3 Liter auf einmal. Das schafft der Sauger aber nicht ... letztendlich standen wir 4 Stunden lang in ner riesigen Fütze aus Blut und Eiswasser und haben Organe entnommen.

Ich hab eigentlich sehr detailierten Redebedarf, aber ich finde, ich kann diese Bilder keinem anderen antun. Das ist echt schon nen halbes Trauma, was ich da heute erlebt hab. Nicht nur nen halbes ... naja - das mit dem tot oder nicht ... das hat sich mir halt nur aufgeworfen, weil ich das ein sehr seltsamer Vorgang war. Es kommt ein Mensch rein, der warm ist, Reaktionen zeigt, hübsch ist oder war, einen Puls hat und er hat sich eigentlich nicht von einem komatösen beatmungspflichtigen Patienten unterschieden ... außer eben die Ansage, dass er hirntot sei. Und DAS was aus dem OP rauskam, war ein eiskalter, völlig kalkweisser verstümmelter Leichnahm, bzw. die Reste. Die Ärzte haben alles geholt was sie holen konnten. Nicht um sonst, sollen Angehörige ihre Toten nicht mehr nach der Entnahme sehen ... ich weiss jetzt auch warum.

Und du nimmst irgendwann die Klemme von den Infusionsschläuchen, damit diese eiskalte Flüssigkeit durch die Gefäße laufen kann und das Blut abgesaugt wird und das Herz hört auf zu schlagen und die Monitore zeigen eine Nullinie an ... und du weisst: jetzt isser richtig tot. Und du kannst es gar nicht realisieren, für einen Bruchteil einer Sekunde sind alle super still, schauen nur auf die Nullinie und der Anästhesist sagt: "Okay, ist vorbei, fangt an." und dann beginnt man sehr schnell die kalten Organe zu entnehmen.

Auf der anderen Seite war ich heute auf einer Homepage von einem kleinen Mädchen, dass Mukovizidose hatte, eine unheilbare Lungenkrankheit, die zum Tod führt ohne Spenderlunde ... und sie hat ein Spenderorgan erhalten und da waren Fotos wie sie durch den Strand tobt wie ein gesundes Kind.

Ich muss meine Brüder anrufen, zwei von denen haben Organspenderausweise - gute Sache, man kann Menschen retten - aber ich will nicht, dass mit meinen Brüder sowas gemacht wird nach ihrem Tod wie mit dem jungen Mann heute vormittag. Ich will nicht dass sie so aussehen, wenn sie beerdigt werden. Das ist total unwürdig. Ich hab soviele Leichen gesehen ... selbst nach Verkehrsunfällen ... aber das war die schlimmste Leiche heute. Und WIR haben das angestellt. Es ist echt unbegreiflich ... ich hab diese Bilder im Kopf ... ist saß vorhin mit Freunden inner Kneipe auf St. Pauli ... und alle am lachen und feiern, und ich hatte diese Bilder im Kopf. Und sehe die Leute um mich herum feiern und lachen und ich sehe nur diese Organentnahme vor meinem inneren Auge. Ich hab echt Angst, dass ich heute Nacht davon träume.

Das ist wirklich das erste Mal in meinem Beruf, wo ich wirklich böse an meine Grenzen geraten bin. Als ich im OP stand und mir alles erklärt wurde, hab ich alles versucht zu verstehen und nur die medizinische Seite betrachtet. Aber zuhause ... nee, das geht gar nicht.

Ich bin total fertig.

03.11.2006 um 19:55 Uhr

Die Kopfsache

von: Ryan

Heute war so ein Tag, durch den man sich mehr oder weniger schleppt. Das Konzert gestern war super, aber ich war natürlich viel zu spät im Bett, ich hatte zuviel getrunken und außerdem hab ich heute morgen beim Aufstehen gemerkt, dass ich nen fürchterliches Piepen im Ohr hab. War wohl doch etwas laut ...

Dann heute Schule, ich hab mich gleich schon aufm Stuhl gesetzt und hab gehofft, dass der Tag schnell vorbei geht. Und dann kam unser Lehrer rein mit der freudigen Nachricht, dass einige von uns SOFORT bei ner Transplantationsentnahme dabei sein können.

Und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hab meinen Organspenderausweis aus der Brieftasche genommen. Irgendwie war das ... sehr schockierend. Organspende ist ne tolle Sache und sicherlich kann man anderen Menschen so die Chance geben weiter zu leben ...

Aber ... was da mit den "Leichen" passiert während der Entnahme ... (es sind noch keine Leichen, weil das Herz zum Zeitpunkt der Entnahme noch schlagen muss, allerdings ist man tot erklärt) ... ey nee, so ne Veranstaltung wirkt wie nen schlechter Splatter-Horrorfilm. Aber über sowas spricht niemand ... weil wir brauchen ja Spenderorgane und wir müssen uns immer die Kinder anschauen, die wegen einer neuen Niere gerettet werden und zu glücklichen gesunden Erwachsenen heranreichen.

Ich kann echt viel ab aber das konnte ich nicht ab. Das ist das erste Mal, wo ich nach Hause komme und diese Bilder im Kopf hab und mich schon halbwegs traumatisiert fühle.

02.11.2006 um 18:21 Uhr

Ach ja

von: Ryan

Ich lenke mich erfolgreich ab - zumindest versuche ich das. Arbeit, mit Freunden einkaufen, später zusammen essen gehen und jetzt hab ich mich auch noch breitlatschen lassen mit nem Kollegen aufm Kiez zu gehen (obwohl ich morgen früh arbeiten muss).

Naja, aber wie soll man sonst die Zeit rumkriegen, wenn die Zeit schon im Schneckentempo schleicht. Man lacht so über flache Witze, geht zusammen rauchen aber ich merk schon, dass mir was fehlt und dass es mi grade etwas mehr fehlt als sonst - nämlich der Mann mit dem seltsamen Namen.

Warum steht er nicht vor meiner Haustür - vielleicht in Tränen aufgelöst, aber auf jeden Fall totunglücklich und sagt, er habe den größten Fehler seines Lebens gemacht und er muss mich zurück haben, weil er endlich gemerkt hat wie toll und einzigartig ich bin und dass er so jemanden nie wieder finden wird.

Aber er merkt es scheinbar nicht.

Gut, lenken wir uns ab. Das Leben geht weiter. Ich gehe heute Abend auf ein Konzert und ich werde nicht an ihn denken - ich geb mir zumindest Mühe.