Boys don´t cry

22.12.2006 um 22:46 Uhr

Woah

von: Ryan

Ich hasse meinen Job grade mal wieder so unendlich ... Weihnachten ist in greifbarer Nähe und unsere Station läuft über mit Patienten. Patienten, die klar im Kopf sind, möchten natürlich über die Feiertage nach Hause, statt dessen bekommen wir ganz üble Pflegefälle. Ich wusste heute schon nicht wo mir der Kopf steht, welche Arbeit ich zuerst machen sollte und wie ich überhaupt durch die Schicht kommen soll - und das geht irgendwie grade allen so.

Ruhige, besinnliche Weihnachten - nicht für mich dieses Jahr.

18.12.2006 um 17:18 Uhr

Ich bin schon volljährig

von: Ryan

Eigentlich bin ich nicht so konservativ mit Sie und Du und seitdem Ruth bei uns liegt, hab ich mich sogar an "Schwesterchen" und "Pflegerlein" gewöhnt.

Aber seitdem ich mich mit Lebkuchen und Schokolade ziemlich fett gefressen hab, muss ich irgendwie soviel Fett im Gesicht zugelegt haben, dass ich furchtbar jung aussehen muss. Weihnachtsmarkt: Ich ordere 2 Glühwein und von der Verkäuferin kommt nur: "Na, dürfen wir denn schon Alkohol trinken?" - "Äh ja, legal schon seit über 6 Jahren."

Disco ... alle kommen ohne ein Wort rein und bei Ryan sagt der Türsteher: "Ausweis bitte."

Und die Douglas-Verkäuferin war heute der Hammer. Ich hab mir selber Parfüm gekauft, weil ich heute morgen rausgefunden hab, dass meins leer ist. Gut, ich also zielstrebig zur Kasse, sie kassiert, grinst mich an und sagt: "Hast du das für deine Mama gekauft?" Ich hab die nur ganz irritiert angeguckt und war gedanklich irgendwie so perplex, dass ich auch nichts erwiedern konnte. Und sie ganz fröhlich: "Und hast du denn auch schon eine Douglas-Kundenkarte?" - Anmerkung: Sie hatte die Kundin vor mir mit Sie angesprochen. Ich wusste echt nicht ob die mich verarschen will. Und ich nur: "Äh nee." Sie packt alles hübsch in ihre dämliche kleine Douglas-Tüte: "So bitte schön und dir eine schöne Schulwoche." Ich nehm die Tüte - mein Kopf fängt immer noch nicht an zu denken, statt dessen überkommt mich das leise Gruseln, dass die verrückten, eigenwilligen, älteren Damen mittlerweile nicht nur im Krankenhaus anzutreffen sind, sondern mittlerweile immer öfter in öffentlichen Einkaufspassagen.

17.12.2006 um 16:25 Uhr

Weihnachtsfeier

von: Ryan

Wir hatten gestern Weihnachtsfeier - die erste in meinem Leben an der ich je teilgenommen habe, weil wir die letzten 2 Jahre kein Geld hatten um ne große Weihnachtsfeier abzuhalten - dieses Jahr war das anders. Ich hab mich mit Kumpels getroffen und nen Bier getrunken ("Wer weiss was es da gibt, höchstwahrscheinlich nur Wasser und Tee.")

Aber irgendwie hatten wir alle sehr viel weniger erwartet als was da letztendlich wirklich aufgetischt wurde. Wir kamen in unseren, eigentlich "schäbigen" Konverenssaal ... der irgendwie ganz anders aussah. Ich weiss gar nicht wo die ganzen tollen Tische herkamen? Hatte mein Arbeitgeber wirklich all den ganzen Kram gemietet oder steht sowas wirklich in einem dunklen Keller in einer Bunkeranlage unterm Krankenhaus? Ein riesen großer Festsaal ("Haben die angebaut oder ist das ne optische Täuschung?") mit vielen großen langen Tischen, dekoriert, Tafelsibler, gefaltete Servierten, 4 verschiedene Gläser pro Platz und - meine Güte war ich froh, dass Mama mir gute Tischmanieren beigebracht hat - mindestens 6 verschiedene Gabel und Messer. Kumpel von mir: "Wozu denn soviel Besteck?" - "Immer von außen nach innen arbeiten, hat meine Mama immer gesagt."

Und ALLE waren da, bzw. es waren soviele Menschen da, dass nicht auffiel wenn einer nicht da ist. Man stand dauernd mit irgendwem da rum und unterhielt sich. Irgendwie kannte ich 90 % der Menschen dort und wenn auch nur vom sehen her. Und Tischservice ... ich könnt schwärmen, besser als bei meinem Abiball. Sobald dein Glas leer war, schoss auch schon von irgendwo her ein übermotivierter Kellner herbei und hat es neu befüllt. Und sobald ich sagte: "Für mich bitte keinen Rotwein mehr." kam von irgendeiner Ecke: "Och Ryan, das ist hier alles gratis, tu doch nicht so als seist du nicht trinkfest!"

Nach dem großen Essen stand ich dann irgendwo im Raucherbereich, hatte alle jungen Frauen unter 30 meiner Station um mich herum und wir haben gegackert wie ne Horde angetrunkener Krankenschwester - gut, das waren wir ja auch. Mir ist irgendwann - Gott sei dank - aufgefallen, dass alle mehr gelallt haben als ich. Zumindest hat es mch beruhigt, dass ich nicht der einzig angetrunkene Pfleger dieser Veranstaltung war. Und als ich noch ne Flasche Rotwein organisieren wollte, stand plötzlich mein Lieblings-schwuler-Krankenpfleger neben mir, drückte mich schneller als ich reagieren konnte gegen seine breite Brust und orderte Prosecco. Und der Prosecco hat mich dann gekickt. Nach dem dritten Glas hatte ich vergessen, dass ich für die Mädels Rotwein holen sollte und stand am Tisch mit allen schwulen Krankenpflegern und einem lallenden hetero Krankenpfleger, hab mich totgelacht und musste irgendwie immer lachen, wenn mir einer an den Arsch ging. O-Ton eines Pflegers: "Ich hab euch doch gesagt, dass wir Ryan heute noch gefügig machen!"

Dürstend nach Rotwein folgten uns irgendwann die Mädels "Ach hier bist du - das war ja klar." Schimpfe an die schwulen Pfleger, die mich geklaut hatten. Zigaretten bekam ich auch dauernd ausgegeben und aufm Weg um wieder eine Flasche Rotwein zu holen (mit einer Schwester zusammen - "Wir wollen nicht dass du schon wieder verschwindest, ich komm lieber mit.") lief mir plötzlich meine Lehrerin entgegen, dreht sich hastig um, strahlt mich an: "Ryan!" fällt mir um den Hals und gibt mir nen Kuss auf die Wange ... zurück am Tisch: "Ich hatte grade ein gaaanz unheimliches Erlebnis ... Frau Schulze ist total betrunken und hat mich geküsst ..." - "Darauf trinken wir!"

Irgendwann standen dann meine Kumpels, mit denen ich gekommen war hinter mir: "Ach Ryan, in der Mitte der schönsten Frauen, das war ja klar." - "Und schönster Männer!" fügte ein schwuler Pfleger hinzu. Und immer war mein Glas voll, egal ob ich wollte oder nicht. Später wurde der Festsaal von den Tischen befreit und die wenigen betrunkene Kollegen haben getanzt. Pfleger Ryan stand mit seiner Frühschicht-Kollegin Maya aufm Tisch und hat getanzt, zwei Ärzte um uns herum am Klatschen. Drei Minuten später - Trinkpause sitzt mein Stationsarzt lallend neben mir: "Maya ist ne ganz Flotte, nä?" Ryan nickt nur brav. "Maya will ja leider was von mir, aber ich bin verheiratet." Ryan nickt brav. "Heirate nie, Ryan, tu es nicht!" - Ryan nickt und trinkt. "Immer wenn man verheiratet ist, laufen einem super geile Frauen über den Weg wie Maya." - Ryan nickt zustimmend zu. "Ryan, mit dir kann man sich toll unterhalten, trinken wir auf Männergespräche!"

Irgendwann zwischen Abendessen und endlos Raucherpause steht plötzlich meine Mutter hinter mir. Zur Erklärung: Meine Mama hat fast 15 Jahre lang bei uns im OP gearbeitet und war von einer alten Kollegin auch eingeladen worden. Nun muss man sich unsere OP-Schwestern so vorstellen: Alle sind über 40, alle haben ein furchtbar großes, dem Alter NICHT entsprechendes Mundwerk und lieben es unsere Vorgesetzen zu ärgern. Diese 6 OP-Schwestern saßen also zusammen gerottet inmitten leerer Weissweinflaschen und gackerten und lässterten so auffällig, dass es wirklich JEDER mitkriegte.

Und irgendwann gröllte zwei von denen: "Pfleger RYAN! Kommsu ma bidde!" Neben mir jemand: "Ryan du wirst gerufen." und ich nur mich umguckend ob ich mich verstecken kann: "Ich weiss ..." Wieder: "Ryyyyääään, kommsuuu mal?! Und bring ma bidde ne Flasche weissen Wein mit!" Ryan dackelt da also rüber. Mutti sofort: "Braver Junge, ich hab meine Kinder gut erzogen. Setz dich mal hin, wir müssen reden." Sie zeigt auf ihren Schoss. "Nein, Mama bitte ..." - "Setz dich hin, Babe, komm zu Mama." - "Mama nicht, hier sind alle meine Arbeitskollegen und ..." - "Ryan Audrey Anderson! Setz dich oder du kannst Weihnachten ohne deine Familie feiern!" Ryan macht brav Sitz auf Mamas knöcherne Beine und ich hab gebetet dass es keiner sieht. Mutti sofort: "Er hat Spätdienst Heiligabend, ist das unverschämt oder was?!" - "Das geht ja echt nicht, Moment seine Stationsleitung steht da. SAAAANDRA kommsu mal bitte?" Meine Stationsleitung (hübsch, 25 Jahre jung) kommt mit lassiven Gang und Rotwein-Glas in der Hand zu uns. "Der Junge hat Spätdienst Heiligabend, was soll das denn?" Und Sandra: "Wieso darf er kein Spätdienst haben Heiligabend, das hat er sich gewünscht." - Mama: "Das hat er sich nie im Leben gewünscht." - Sandra: "Doch, und wieso haben Sie was dagegen?" - Und ich nur: "So es reicht, ich krieg gleich nen Nervenzusammenbruch." Mama: "WIESO? Schämst du dich für deine Beziehung mit ner älteren Frau?!" Ich nur motzig: "Wegen dir brauch ich eines Tages ne Therapie!" - Mama: "Stell dich nicht so an, du bist gut erzogen." - Sandra strahlt: "Das ist deine Mama?! Oh wie süß!" Und Mama beginnt augenblicklich die alten peinlichen Kindergeschichten ihres Sohnes Ryan auszupacken. Und als sie bei der Geschichte angekommen ist wie ich als 3 Jähriger versucht hab einen Tampon zu essen, sitzen irgendwie 20 Leute bereits am Tisch und lauschen gespannt ... Ryan dampft in genau dem Moment ab zur Bar, wo mein Lieblings-Homo-Pfleger steht und sich weiterhin mit mir mit Prosecco betrinkt. Und dann kamen auch wieder so Fragen von betrunkenen Menschen, die nur die Hälfte mitgekriegt hatten: "Wer war denn die alte Frau bei der du aufm Schoss gesessen hast und die dich ganz wild geküsst hat?!"

Wie gesagt: Später haben wir noch getanzt und ich gehörte zu den letzten, die dann auch rausgeschmissen wurden, weil der Catering-Service auch irgendwann um 6 nach Hause wollte.

Ich bin Samstag nachmittag um 17 Uhr irgendwann aus einem komatösen Schlaf erwacht und hatte einen höllischen Kater. Und lag gott sei dank alleine in meinem Bett.

13.12.2006 um 01:38 Uhr

Verwandtschaft im Krankenhaus

von: Ryan

Über mein Lob hätte ich mein Horrorerlebnis vergessen. Neuaufnahme: Eine rüstige Dame mitte 60 - und sie kam mir bekannt vor als ich ins Zimmer kam. Die Schwiegermutter meines ältesten Bruders ... geil ... sie zeigte nur mit dem Finger auf mich: "DICH kenn ich, MEINE Tochter ist mit DEINEM Bruder verheiratet." Ich hab nur brav und still genickt. Aber sie war eigentlich super nett und wir haben uns gut verstanden. Eine sehr angenehme Patientin - anfangs. Von der Person her angenehm aber ... naja, ich erzähl weiter:

Ruth - so heisst sie - wollte eigentlich über Weihnachten mit ihren Freundinnen in den Urlaub. Morgen sollte es losgehen. Italien - HEUTE hat der Hausarzt bei der sehr fitten Ruth eine Thrombose im Bein festgestellt - also sofort ins Krankenhaus, Beine wickeln und absolute Bettruhe für mehrere Woche. Ruth ist verständlicher Weise etwas angefressen. Und ich habe Ruth heute besser kennen gelernt als in den 10 Jahren, in denen mein Bruder mit ihrer Tochter verheiratet ist (gemeinsame Tochter gibt es auch, die ist 14 Jahre alt - mein Bruder hatte ja das Talent mit 17 Vater zu werden).

Ruth kam also auf Station aber gleich mit der Ansage: "Ich geh gleich wieder, ich muss Koffer für Italien packen." Ich war dann mit dem Arzt drin, der ihr dringends geraten hat im Krankenhaus zu bleiben, weil sie sonst ihr Leben riskiert. Ruth: "Ist mir egal! Ich will tot umfallen und kein Pflegefall werden." Ich hab nebenbei Ruth die Beine gewickelt und sie immer zwischendurch: "Und Ryan? Was sagst du dazu?" - "Ich finde, du solltest hier bleiben. Du bist doch noch so fit ... und die Reise ist ja nur verschoben." - "Ja da hast du recht ... aber über Weihnachten im Krankenhaus?" - "Wir kommen dich doch alle besuchen." - "Ja aber du kennst du deinen Bruder und meine Tochter ..." - "Ich trete denen in den Arsch und dann kommen die auch." - "Okay, wenn du meinst." Der Arzt guckte nur ganz komisch und meinte dann nur: "Äh ... Sie bleiben also ... okay ..."

Das einzige womit ich nicht klar komme war folgendes: Der Arzt fragte dann, ob wir intensivmedizinische Maßnahmen einleiten sollen, wenn sie eine Lungenembolie bekommt - also wenn das Blutgerinsel im Bein in die Lunge hochwandern und Ruth sofort: "Nein, will ich nicht. Ich möchte nicht wiederbelebt werden. Ich will dann sterben, ich hatte nen gutes Leben und ich will nicht bettlägerig werden." Und da musste ich schon echt schlucken - ich kann und muss ihre Entscheidung verstehen - aber ich weiss, dass es mir echt schwer fallen wird sie NICHT wiederzubeleben im Fall der Fälle.

Und dann wurde es stressig ... kurz nachm Abendbrot rannte ich so mit meinen Medikamententablett über Station und plötzlich höre ich von irgendwo her: "Wo liegt Ruth Soundso?!" und ich nur völlig automatisch: "Zimmer 8." Mein Bruder und seine Frau rennen an mir vorbei, meine Nichte brüllt noch: "Ryan!", meine Schwester rennt mir entgegen und reisst mir dabei fast das Tablett aus der Hand und meine Mutter läuft in 3 Meter Abstand mit erhöhter Nasenspitze hinter der Gruppe gemählich her. SUPER - die haben auch meinen gesamten Ablauf durcheinander gebracht.

Meine Mutter hat mir erstmal gezwungen mit ins Zimmer zu gehen - und dazu muss man sagen: Meine Mama ist selber leidenschaftliche Krankenschwester: "Wieso issn der Wickel so locker? Das muss fester - hast DU den etwa gemacht? Wie oft bekommt Ruth Heparin? Wie lange muss sie hier liegen? Muss sie etwa bei Bettruhe auf ein Steckbecken? Ryan, wieso habt ihr so hässliche Nachthemden?" Und meine Schwester und ihre Nichte: "Wieso piebst das hier? Schreit da jemand? Warum hast du Kratzer? Sowas machen Patienten? Warum hast du nen roten Fleck am Oberteil? Ist das Blut? Wird hier einer sterben?" Und Ruth irgendwann: "RYAN, bring die hier raus, ich fang gleich an zu heulen!" - "Aber Ruth." - "Ryan, das nervt mich, ich bin schwer krank mit diesem THROMBOSEDINGSBUMS!" - und ich: "Okay die Patientin braucht Ruhe und ..." - Mama fällt mir ins Wort und zischt: "Du willst deine eigene Mutter aus dem Zimmer schmeissen?!" - Meine Kollegin (27 und sehr hübsch) kommt genau in dem Moment rein und sagt: "Okay, es ist unruhig hier drin - wie wäre es wenn sie alle in die Kantiene gehen und einen Kaffee trinken?!" - Stille - bis meine kleine Schwester unpassender Weise etwas laut flüstert. "Mit so hübschen Frauen arbeitest du - und bist SINGLE?!"

Meine Kollegin hat sich halb tot gegrinst ... okay, Familie in die Kantiene verbannt und Ruth hatte ihre Ruhe. Leider ist die Katiene von unserem Flur sehr gut einsehbar und nur von einer Glasscheibe getrennt ... und jedes Mal wenn ich dran vorbei gelaufen bin, sah ich meine Mutter an der Glasscheibe kleben wie sie mit ihrem Mund die Worte formten: "RYAN, KOMM SOFORT HER!" und ich jedes: "ICH KANN GRAD NICHT!" und das "SOFORT!" was jedes mal hinterher kam, habe ich ignoriert. Das war irgendwie der höchste Stressfaktor für mich.

Nach der Schicht kam ich auch nach Hause, 10 Anrufe in Abwesenheit von Mama ... wir haben dann noch ne Stunde telefoniert, sie musste über genaue Medikamentengabe informiert werden, welcher Arzt für Ruth zuständig ist und wie gewissenhaft denn dieser Arzt arbeiten würde. Aber Mama meinte dann irgendwann: "Als wir gegangen sind, meinte deine Kollegin dass du ein sehr guter und gewissenhafter Pfleger seiest - und wenn du ihr morgen vernünftig die Beine wickelst und nicht so schlampig wie heute, dann vertraue ich dir sogar - und bin ein bisschen stolz."

Meine Mama muss Schwester Rabiata gewesen sein - ich hab keine Lust unter ihren Adleraugen zu arbeiten. Und nur so als Ergänzung: Ruths Wickelverbände waren großartig, ordentlich und perfekt und nicht "schlampig" - das werde ich aber mit Mama Heiligabend nach der dritten Flasche Wein ausdiskutieren, ansonsten hat es keinen Zweck.

13.12.2006 um 00:41 Uhr

Ein Lob

von: Ryan

Arbeit macht im Moment sehr Spaß, auch wenn es stressig ist und die neuen Schüler so zwischen uns rumwuseln und von nix nen Plan haben - aber so war ich ja auch vor zwei Jahren.

Ich hab Spätdienst und wir sind wie immer chronisch unterbesetzt. Also hab ich ne Patientengruppe (die Hälfte) alleine mit einer Schülerin gemacht und das war schon irgendwie sehr ... naja ich hab die Verantwortung und ich hab immer die latente Angst, dass ich nicht diesen routinierten Rundumblick habe, was noch gemacht werden muss, was wichtig ist - ich hab auch permanent das Gefühl was vergessen zu haben, hol mir dann meine examinierte Kollegin dazu, geh mit ihr kurz alles durch, was ich gemacht hab, was noch zu tun sein könnte usw.

Und diese "Angst" hab ich heute mal angesprochen, weil jemand fragte ob ich mich überfordert fühle die Verantwortung mehr oder weniger alleine zu tragen. Und dann kam gleich von diversen Kolleginnen: "Nein Ryan, du brauchst keine Angst haben. Du bist wirklich fit, du siehst die Arbeit, du machst sie gründlich, du kannst gut die Aufgaben für die neue Schülerin einteilen, du gehst super mit den Patienten um - und auch wenn du manchmal nen bissle hektisch wirkst - was wir alle mindestens 2 Mal pro Schicht sind - kriegst du alles super gut hin und du bist nen toller Pfleger - auch wenn du noch gar nicht fertig bist."

Da hab ich schon ganz furchtbar gestrahlt. Und dann kam noch das Lob, dass sie es klasse finden, dass ich den Schülern soviel nebenbei erkläre. Und dann kam von einer Kollegin: "Sag mal, wann bist du fertig? Kannst du nicht zusehen, dass du nachm Examen zu uns kommst? Wir arbeiten total gerne mit dir."

Und dann war mein Tag gerettet

10.12.2006 um 02:53 Uhr

Warum gehe ich eigentlich jedes Mal wieder mit?

von: Ryan

Ich bin heute Mittag irgendwann aufgestanden und hatte eigentlich vor den gesamten Tag im Bett zu verbringen. Nein, meine Freunde haben mir wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich wurde genötigt zu duschen mit auf den Weihnachtsmarkt zu kommen und danach eine der größten Abschlepp-Kneipen von Hamburg.

Die Mädels, mit denen ich da war, hatten großartig Spaß, wurden auch innerhalb von wenigen Sekunden von mehr oder weniger attraktiven Männern angesabbelt und ich stand gelangweilt inner Ecke und dachte immer nur: "Oh weh, Kindergeburtstag ..." - Ich konnte nicht recht Freude an dem Treiben um mich herum entwickeln. Um uns herum eine Gruppe Teenies (19-20 Jahre alt). Die Jungs sahen so aus wie "Endlich sehe ich auch mal das Tageslicht" und die Mädels ... ohne böse zu klingen, aber die waren so fett ... die Schlankeste hatte schon Oberarme wie ich Oberschenkel und dann grinste sie mich noch so lazsiv an ... und ne Freundin zu mir: "Na, da findet sich ja jemand scharf." - "Na großartig." - Frustartig hab ich wieder ein Bier nach dem anderen in mich reingekippt.

Dann tanzten neben uns 4 Mädels, die wohl "Mädelsabend" hatten. 3 von denen sahen auch ganz gut aus, vielleicht mitte 20 und eine war irgendwie so ... so typisch graues Mäuschen ist betrunken und lässt die attraktive "Jeder-kann-mich-haben"-Schlampe raushängen. Ein echt hübsches Mädchen, wenn sie sich nen anderes Brillengestell aussucht oder Kontaktlinsen trägt, Kleidung kauft die halbwegs ihrer Figur entsprechen und vielleicht noch nen Schnitt in die langen Haare bringt - ich komm nicht mehr in den Himmel, das ist mir schon klar, deswegen darf ich gemein sein. Fräulein "Ich bin offen und attraktiv weil ich betrunken bin" meinte mich also angraben zu müssen ... und ich war so gelangweilt und genervt ... ich hätte schon viel früher nach Hause fahren sollen.

09.12.2006 um 02:40 Uhr

Der "Schuss" und ich bin abgeschossen

von: Ryan

Heute morgen bin ich mal vernünftig aufgestanden, wir sind mit Freunden aufm Lübecker Weihnachtsnachts, haben schon inner Bahn gesoffen- dann dort noch 2-3 Glühwein und ich war gücklich. Ich habe sehr großzügig von meinen hetero-homosexuellen Beziehungen erzählt und ich war gut drauf.

Jetzt wo ich zuhause angekommen bin, bin ich ziemlich betrunken, habe leichte Kopfschmerzen und ärgere mich furchtbar, dass ich im Suff immer so freizügig über mein Seelenleben spreche, wo es doch eigentlich keinen was angeht. Zumindest nicht vor so vielen Leuten.

Und ich muss mich wundern über mich selbst: Ich bin jetzt schon sturz betrunken, wo ich eigentlich wesentlich mehr vertrage. Zumindest glaubte ich das. Oder der Lübecker Weihnachtsmarkt nimmt den "Schuss" im Glühwein ernster als man als Hamburger es gewöhnt ist.

07.12.2006 um 03:00 Uhr

Männer

von: Ryan

Heute bin ich mal zu ner christlichen Zeit aufgestanden und hab Weihnachtsgeschenke gesichtet für die Familie ...

Und dann irgendwann nach Hause nachdem mein Rücken mich fast umgebracht hat (ich hoffe, dass ich mir nur nen Muskel gezerrt habe). Ich hab dann mit 3 (schwulen) Freunden telefoniert und jedes Mal kam der Satz: "Und was machen die Männer bei dir?"

Sind sie alle so notgeil? Hab ich den Ruf als Schlampe? Nein, die zärtlichsten Stunden verbringe ich eingekuschelt in meinem Bett, tausend Teelichter auf der Fensterbank und eine Packung Mon Cherie neben mir.

Die Partnersuche ist mir grade viel zu anstrengend - und zu enttäuschend gewesen in den letzten Monaten. Ich konzentriere mich jetzt auf mich selbst und meine Arbeit. Die Sehnsucht hält sich in Grenzen, ich bin auch so halbwegs glücklich.

Als ich Weihnachtsgeschenke gesichtet hab (immerhin muss ich mich noch entscheiden wer was bekommt), hab ich ein großartiges Buch gefunden: "Die schönsten Sagen - Hamburg und Niederelbe." und ich dachte sofort: "Oh, das ist ein schönes Geschenk, erstmal kaufen und gucken wer es bekommt." Mittlerweile hab ICH das Buch schon aus der Folie geholt und zur Hälfte durchgelesen - und beschlossen, dass es mein persönliches Weihnachtsgeschenk wird.

Ich lese im Moment wieder sehr viel. Wer braucht schon die Männer? Die Männchensuche wäre mir grade viel zu stressig.

"Ich hab keine Zeit zu bluten, und ich hab keinen Platz für Wunden, während ihr die Schmerzen sucht, hab ich Glück gefunden - ich bin ausgebildet worden um dem Quatsch hier stand zu halten." - Zitat aus Olli Schulz und der Hund Marie "Keine Zeit zu bluten "

"Olli Schulz und der Hund Marie" ist zur Zeit der Soundtrack of my Life.

06.12.2006 um 21:48 Uhr

Lyric zu Spooky Girlfriend von Olli Schulz & der Hund Marie

von: Ryan   Stichwörter: Favorite, Song

Meine Zeit mit ihr ihr war grausam, kalt und leer - wie oft haben wir uns belogen?  Von der Straße, die uns sicher heimwärts führt, sind wir sehr schnell angebogen. Wir waren hoffnungslos verloren in einer Welt, die so fern war von der Liebe, und der Weg den wir gegangen sind, für den gab es nie Motive.

Oh ich weiss nicht mehr, ob wir jemals glücklich waren, alles scheint so fern und fremd, doch ich bin sicher, dass der Schmerz deinen Namen kennt. Goodbye my spooky Girlfriend.

Selbst wenn wir uns berührten, konnte ich dich nicht fühlen, da lag immer was dazwischen. Mit der Zeit wurde unsere Welt so kalt, wir verlernten uns zu küssen. Wir waren viel zu beschäftigt mit der Qual, die wir beide nicht kapierten - und wurden Meister eines kleinen Trauerspiels, das wir beide inszinierten.

Und ich weiss nicht mehr, ob wir jemals glücklich waren, alles scheint so fern und fremd. Doch heute Nacht schmeiss ich dich raus aus meinem Kopf, Goodbye my spooky Girlfriend.

Selten warst du nur du selbst, meistens warst du jemand anders, jemand der so tat als wäre er du.

Oh, ich weiss nicht mehr, ob wir jemals glücklich waren, alles scheint so fern und fremd. Ich grüße dich zum allerletzten Mal, Goodbye my spooky Girlfriend, Goodbye my spooky Girlfriend, Goodbye my spooky Girlfriend, Goodbye my spooky Girlfriend ...

06.12.2006 um 03:36 Uhr

Keks-Menschen

von: Ryan

Grade hatte ich einen tollen Denkanstoss - den Vergleich von Menschen mit Keksen und Plätzchen.

Was wäre ich für ein Gebäck? Ich wäre ein Knusperkeks mit Schokoladenüberzug. Wenn man erstmal durch die Schokolade durch ist, kommt der Knusperkeks. Und wenn man zu lange auf mir rumkaut, kommen die harten Karamelstückchen, die beim Kauen an den Zähnen wehtun können - wenn man sie nicht mag.

Ich bin süchtig nach Keksen, solange keine Nüsse drin sind.

06.12.2006 um 03:14 Uhr

Making Friends

von: Ryan

Ich habe endlich frei - nach einem duzent Tage Arbeiten ohne einen einzigen Tag frei. Ich war allerdings ungewohnt fit, vielleicht gewöhne ich mich an die langen Turns so langsam nach 2 Jahren.

Im Moment ist allerdings immer noch die Hölle auf Station los, wir haben sehr viele sehr aufwändige Pflegefälle. Nebenbei haben wir seit einer Woche frisch-angefangene Azubis, die eigentlich nur im Weg stehen. Gut, vor 2 Jahren war ich genauso und hab wohl auch nur im Weg rumgestanden, dementsprechend kann ich mich auch in die Azubis hineinversetzen. Auf der anderen Seite sind die so frech und fordernd ... dass ich heute echt einige Mal kurz davor war richtig auszurasten. Wir hatten Dienst, 4 Azubis, ich als fast-fertiger Azubis und 2 examinierte noch sehr junge Krankenschwestern. Und wir waren echt schwer beschäftigt. Die Azubis haben wir zum Waschen diligiert, weil das so ziemlich die einzige Aufgabe neben Klingeln-Ablaufen ist, die sie eigenständig übernehmen können.

Und "wir" (die examinierten Schwestern und ich) waren beschäftigt mit Medis verteilen und stellen, Infusionen, Sondenkost anhängen, Blutzucker messen, Spritzen und die Isolationszimmer (=ansteckende Krankheiten) versorgen. Und irgendwann um 9.00 waren die Azubis weg ... frühstücken gegangen ... ich hab die vom Frühstück weggescheucht und war echt sauer. Immerhin hatte noch kein einziger Patient gegessen, da esse ich auch dann auch nicht. Das ist irgendwie ne Selbstverständlichkeit, die ich eigentlich nicht erklären muss oder?

Ne halbe Stunde später beschwerten sich die Azubis: "Wir wollen nicht mehr waschen, wieso müssen wir nur waschen und ihr macht das nicht?" WEIL wir alle Aufgaben übernehmen, die die Azubis noch nicht dürfen und können ... und das ist mehr als waschen. Und ich hab mir schon echt Mühe gegeben WENN Zeit war mir mal einen von denen rauszugreifen und den mitzunehmen alle: "Willst du mal zuschauen wie ich ne Sondenkost anhänge? Möchtest du zuschauen, wenn ich den Verband wechsel?" Und hab auch supern viel erklärt trotz Stress. Und wir haben gewaschen, die Isolationszimmer. MRSA - das issn super resistenter, super ansteckender Keim, wo man wirklich mit Mundschutz und komplett verhüllt rein muss, den Patienten komplett mit ner Desinfektionslösung waschen, alle Oberflächen desinfizieren und und und ... und das dauert pro Patient vielleicht 30-40 Minuten, wenn wir SCHNELL sind. Ich hätte das auch mit nem Azubi gemacht, aber das musste heute einfach schnell gehen.

Bis 12.30 haben wir gewaschen und waren dann erst mit der ersten Runde fertig. Und dann geht auch schon die zweite Runde los, weil dann das Mittagessen los geht, Blutzucker wieder gemessen werden muss, die Ärzte die Visten alle eingetragen haben, nochmal in alle Windeln schauen usw. Wir haben die Azubis auch irgendwann zum Frühstück geschickt, weil die ja auch essen müssen --- aber als dann um 12.30 die Hölle tobte mit mehreren Neuaufnahmen und wir panisch die Azubis gesucht haben, weil wir völlig überfordert waren und ich die Mädels gemütlich beim Mittagessen inner Küche gefunden hab ... hatte ich fast nen mittelschweren Tobsuchtanfall.

Genauso Raucherraum ... eine examinierte Schwester und ich rauchen und wir beide haben genau EINE Zigarette geraucht im GESAMTEN Dienst weil einfach zuviel zu tun war. Und die Azubis: "Ach herrjee, ich rauch hier soviel, ich hab ja fast ne Schachtel runter heute im Dienst."

Ich hab jetzt einmal ganz klar und deutlich die Ansage gemacht, dass bevor sie rauchen oder essen gehen, sie gefälligst zu fragen haben ob noch was zu tun ist. Und dass sie auch nen bissle Verständnis haben müssen, dass wir die Aufgaben teilen müssen - sie dürfen noch nicht alles und diese Aufgaben übernehmen wir - dafür müssen sie für uns einfachere Aufgaben übernehmen, auch wenns doof ist, wenn man dauernd aufräumen muss. Aber so ist das nun mal im ersten Ausbildungsjahr. Und ich wäre glücklich gewesen, wenn da jemand wie Pfleger Ryan gewesen wäre, der mich trotz des Stresses mitnimmt um irgendwas zu sehen, was interessanter ist als waschen. Die sollen ja auch was lernen, aber auch arbeiten. Und mit drei Schwestern, die voll mitarbeiten können kommen wir nie im Leben durch die Frühschicht.

Dann hatten wir noch ca. 5 Neuaufnahmen und die alten Akten voller Visten. Ich hab dann angefangen die Visiten alle auszuarbeiten, nachdem ich die Schüler zum Mittagessen austeilen geschickt habt (Kommentar: "Wieso müssen wir Mittagessen austeilen? Mach ich für sowas ne Ausbildung?" - Kommentar von mir: "Weil Lena inner Küche (unsere Küchenfee) gebeten hat, dass ihr jemand hilft, damit sie nicht noch mehr unbezahlte Überstunden macht!"). Die anderen beiden haben die Akten ausgearbeitet (pro Akte braucht man ca. 1 - 1,5 Stunden), weil wir wussten, dass der Spätdienst noch schlecht besetzt ist und die, die Akten erst recht nicht schaffen, Nachtschicht genauso ... und nen Tag lang Visiten und Akten vor sich herschieben GEHT NICHT. Das ist wichtig.

Und dann kam von den Azubis: "Na ihr sitzt da auch gemütlich mit dem Aktenkram und wir müssen arbeiten." - Ich hatte richtig Lust einen von denen zu schütteln und zu würgen ... ey, so frech und fordernd ... ich war damals nicht so. Ich hab das verstanden wenn einer sagte: "Sorry, wenn du soviel waschen musst, aber ich muss anderen Aufgaben nachkommen. Ich hasse es Medikamente zu verteilen, ich würd lieber waschen, aber ich MUSS das, weil sie es nicht dürfen und noch nicht können. Genauso diese scheiss Aktenschreiberei.

Um 13.00 der Anruf: "Azubi-Vertretung Ryan bitte zur Schule, da haben sich erst-Kurs-Schüler über eure Station beschwert." - Gut, dann saß ich auch noch ne Stunde bei meinem Klassenlehrer und konnte mir anhören die Station sei unfreundlich, die Azubis müssten nur waschen und werden nur angepampt. Und dürfen nicht frühstücken. Mein Klassenlehrer hat allerdings meine Sicht der Dinge sehr gut verstanden, nachdem ich ausgeführt hab was da auf Station los ist und dass ich es für selbstverständlich empfinde, dass ich erst dann frühstücke, wenn meine Patienten auch gefrühstückt haben und nicht vorher. 15 Minuten vor Feierabend bin ich wieder auf Station gewesen, hab mir die Schüler rausgegriffen und denen ganz ruhig und freundlich erklärt, was sie ändern müssen und dass sie vorsichtig sein müssen. Dass es echt nicht gut ankommt, wenn die Hölle sich wegen der vielen Arbeit auftut, und sie gehen dauernd rauchen.

Sie haben dann auch "relativ" verständnisvoll reagiert - weil ich ja auch noch Azubi bin und ich auch gleich erklärt hab, dass ich das auch ungerecht fand als ich im ersten Kurs war und nicht verstanden hab wie lange Medikamente, Infusionen und so nen Kram dauern kann. Du siehst ja erstmal nur die Arbeit am Patienten und das sind Kleinigkeiten, die sie nicht machen dürfen, wie Spritzen, Medis, Infusionen, das dauert eigentlich nicht lange. Aber die ganzen administrativen und organisatorischen Aufgaben sieht man zu dem Zeitpunkt noch nicht und das kostet Zeit (und Nerven). Und es ist wahnsinnig anstrengend für 20 Zimmer nen Blick zu haben und zu sagen: "Okay, ihr beiden wascht Zimmer 1 bis 6, du misst alle Blutdrücke, in Zimmer 7 gehe ich mit der Schwester XY und dann ..." und nebenbei hab ICH dann im Kopf "Okay, Infusionen in Zimmer 1,2 und 4, Sondenkost in Zimmer x bis y, Verbände in 4 Zimmern, denk dran, dass Frau soundso Erbrechen hat und wir noch ne Probe nehmen müssen und diese und jene Kultur muss noch abgenommen werden uuund ...." - ja ...

Wie gesagt, die Azubis haben "relativ" verständnisvoll reagiert. Ich hab das erklärt, ich bin auch immer noch deren Lieblingspfleger und ich hab auch gleich gesagt, egal ie pampig oder ernst ich Anweisungen gebe, es ist nicht böse gemeint und es tut mir leid, wenn ich unfreundlich wirke. Und sobald ich sitze und 30 sekunden Luft hatte, bin ich auch wieder bereit rumzualbern usw. Ich hab mich auch echt beim Spätdienst auskotzen müssen über die Azubis, weil ich so geladen war. Ich hab auch erst in meinen Überstunden zwischen 14.00 und 15.00 das erste Mal was essen können WÄHREND ich noch Akten ausgearbeitet hab.

Und dann noch nebenbei nen Notfall, nachdem ich echt dachte es bricht alles zusammen ... nen Patient wurde plötzlich sehr blass, ist kollabiert, ich sofort hin, Puls nicht fühlbar, keine Atmung, Sauerstoffstättigung ist rabide gesunken --- super, Herzstillstand. Maja, meine eine Kollegin hat nur schnell den Arzt informiert während ich schon beatmet hab, Bine (eigentlich Sabine, aber ich nenn sie nur Bine) ist die Schüler beschäftigen gegangen, damit die nicht unbedingt sofort inner ersten Woche ne Reanimation mitkriegen. Maja, Ralf (unser Stationsarzt), noch nen anderer Arzt und ich am Reanimieren, bis Maja mal kurz die Medis abchecken wollte und brüllt plötzlich: "Scheisse, der Patient hat ne Verfügung! Der darf nicht reanimiert werden." --- Scheisse, großartig ... sofort Hände weg, aufhören, Patient ins Bett gelegt und ich hab noch mal ne halbe Stunde alle Vitalzeichen gemessen --- bis es dann vorbei war. Dann war ich noch mit Ralf auf Leichenschau --- die Azubis: "Boah, Ryan rennt auch nur hinter dem Arzt her." -- Maja aber: "Nee Ryan muss mit zur Visite." - Azubis: "Aber der andere Arzt da hat ohne Schwester Visite gemacht." - Maja: "Ja ... aber ... bei dem Patienten ist das ganz wichtig, dass Ryan mitgeht."

"Visite" --- klar, aber klever von Maja. Und nach der zweiten Leichenschau haben Maja und ich die Leiche runtergebracht und als wir den Patienten dann in der Box verstaut hatte mussten wir uns auch einmal umarmen, weil wir beide echt fertig waren --- von der Schicht, vom Stress, weil wir nen Berg Arbeit vor uns haben, den wir nicht abgearbeitet bekommen, weil wir da grade einem Patienten sterben lassen mussten, weil der ne Verfügung hatte und weil wir grade ne Leiche in die große Tiefkühlbox geschoben haben. Wir sind dann hoch auf Station gefahren, relativ schweigend und bedrückt --- Fahrstuhl geht auf, Maja nur: "Lass mal erst eine rauchen - und dann gehts weiter." - Und zwei Azubis standen aufm Flur am quatschen und sagen echt sowas wie: "Na? WO ward ihr denn?! Zigarette danach oder was? ... ist ja toll, dass wir hier waschen müssen und die verpissen sich." - und Maja nur: "Ryan, nicht aufregen ... setz dich, rauch eine. Denk nicht drüber nach ..." Maja kann mich echt gut wieder runterbringen. Dafür guckten die Azubis während der Übergabe auch SEHR blöd als Maja sagte: "Zimmer 14 ... Herr bla bla ... verstorben." Große Augen der Azubis: "Wann das denn?" - und Maja nur ganz keck: "Kurz bevor Ryan und ich eine Ziagarette "danach" geraucht haben." - "Hä? Der ist gestorben als ihr ..." - "NEIN - Ryan und ich haben den nur runtergebracht." - und wieder eine: "Äh, wieviel sterben denn hier?" - "Unterschiedlich, je nachdem was für Erkrankungen." - Azubi: "Ich will aber keine Leichen sehen, das ist ja eklig." - Schweigen ... Ryan wieder vorlaut konnte sich nicht verkneifen: "Herzlich Willkommen im falschen Beruf." - von den Azubis große Augen oder nen böser Blick, meine Kolleginnen nur so geguckt alla: "Boah, endlich hat´s einer ausgesprochen."

Als ich dann endlich um 16.00 auch da rauskam, hat mir ne Kollegin auch gesagt: "Ich find das toll, dass du das gesagt hast, kein anderer hat sich das getraut." - Super, bei mir kommt sowas immer automatisch über die Lippen. Gleichzeitig hab ich aufm Weg nach Hause noch Krisentelefonate mit den Azubis geführt, weil ich ja Azubivertretung bin. Und ich kann sie verstehen, weil ich auch in der Lage WAR - und ich kann meine examinierten Kollegen verstehen, weil ich in der Situation BIN. Ich hab dan Azubis auch nochmal ganz deutlich gemacht, dass sie aufpassen sollen was sie sagen, dass ich diverse Sätze heute unpassend fand - wir albern rum, das Team versteht sich super untereinander und wenn ich mit bestimmten Leuten Dienst hab, komm ich ausm Lachen nicht mehr raus, aber so vorwurfsvolle knalleharte Sätze, können sie sich sparen. Dann sollen sie lieber später mich als Kummerkasten benutzen, wenn sie drüber nachgedacht haben, aber nicht in der ersten Wut allen anderen das Leben schwer machen. Genauso, dass man Verständnis haben muss für den Umgangston, wenn´s stressig ist und dass nun mal einfach auf sie die Decksarbeit abfällt. Das ist so - ich bin auch nen Pfleger, der seinen eigenen Dreck wegräumt und auch eher nochmal nen Wäschesack wechselt, bevor ich Pause mache.

Aber es geht nicht, dass die Azubis nach so kurzer Zeit schon über solche Aufgaben meckern. Gibt natürlich Stationen, wo man als Azubis echt nur aufräumt, aber das ist bei uns nicht so. Genauso würde ich die auch nie mit der Leiche alleine lassen, deswegen haben Maja und ich die runtergeschoben. Es gibt auch Stationen, die den Azubis nur die Leiche und den Schlüssel für die Leichenkammer in die Hand gedrückt hätten.

Gut --- ich merk doch, dass ich nach 12 Tagen echt schlecht abschalten kann.

Was hab ich mir vorgenommen für die freien Tage: Weihnachtsgeschenke kaufen. Mein Weihnachtsgeld ist da und ich möchte Mama und meine Brüder beschenken. Putzen muss ich auch dringend und mal mehr als 6 Stunden Schlaf kriegen. Und telefonieren. Ich bin im Moment zu müde zum telefonieren aber ich weiss gar nicht mehr was bei meinem Freunden abgeht. Mein Privatleben wird wirklich vernachlässigt durch die vielen Dienste.