Boys don´t cry

28.01.2008 um 20:13 Uhr

Mal ein anderer Blickwinkel

von: Ryan

Im Moment habe ich oft das Gefühl, dass meine Arbeit mich komplett vereinnahmt - ich hab selten ein anderes Thema - ich reg mich viel lieber über die Arbeit auf, wer da wann unfair und doof handelt, warum ich dauernd arbeiten muss und andere nicht - warum ich mich dauernd betrinken könnte nach jeder Schicht und vor allem wenn ich frei habe, weil mir dann plötzlich so langweilig ist.

Und das ganze macht mich unglücklich, ich schaffs ja kaum noch aus meinem Gedankenkreisel rauszuschauen und vergesse total, dass ich auf mich achten muss und vor allem: Ich vergesse die guten Seiten meines Lebens - denn eigentlich hab ich nen ganz gutes Leben, um dass mich sicherlich einige beneiden.

Heute war ein guter Tag, denn ich endlich mal nutzen konnte, wie ich wollte - ich hab im übrigen frei und das tut mir sehr gut. Ich war shoppen - und das hat mir so gut getan. Ich wollte mir eigentlich nur ne neue Taschen kaufen, weil meine anderen auseinander fallen und ich eigentlich viel zu geizig bin, um mir mal was nettes zu gönnen. Also etwas "nettes" was ich eigentlich nicht brauche. Wenn ich einkaufen gehe, hinterfrage ich immer, ob ich etwas wirklich dringend brauche - und meistens brauche ich es nicht ... selbst, wenn meine Taschen alle mindestens 1 Loch oder mehr haben ... sie erfüllen ja noch ihren Zweck ...

Heute mal anders: Ich habe Dinge gekauft, die ich nur "schön" fand und eigentlich gar nicht brauche. Also sie sind schon nützlich ... aber ich hab genug Kleidung ... aber jetzt habe ich schönere Kleidung *g* und nachdem ich zuhause meine 3 großen Einkaufstüten ausgepackt hab und merkte, dass ich rund 100 Euro ärmer war ... war mir klar: Ich brauche diese Dinge. Ich brauche es mich mal selbst zu belohnen. Ich muss mich viel mehr um mich selbst kümmern. Ich hab heute das erste Mal seit WOCHEN wieder gelesen ... einfach nur hingesetzt zuhause auf die Couch mit ner Tasse Tee und in nen Buch geguckt ... und es hat mich gut getan. Ich hab für mich selbst - also für mich alleine - wieder gekocht - hab ich auch schon sehr lange nicht mehr getan.

Ich muss echt zusehen, dass aus meinem kleinen Selbstmitleid-Bunker raus komme und mich in der Welt umschaue, die aus gesunden, jungen Menschen besteht und nicht nur alte, kranke Patienten.

20.01.2008 um 23:03 Uhr

Qeen der Patientenklingel

von: Ryan

Mal wieder nur ein Thema: Arbeit. Ich komme grade vom Spätdienst, hab mal wieder ne Überstunde gemacht und bin echt zu kaputt um mich großartig drüber aufzuregen ... aber diese Patienten, die wir grade haben ... intolerant, fordernd ohne Ende und sitzen nur auf der Klingel ... "Mach Sie das Fenster zu! Ich hab so trockene Lippen! Ich hab da so nen Jucken an der Hand! Schütteln Sie mein Kissen aus! Decken Sie mich richtig zu! Machen Sie dies, machen sie jenes." ... und sehr beliebt: "Ich muss aufs Klo."

Und im Moment sind unsere Omas so, dass du grade ausm Zimmer raus bist, dir vor dem Zimmer grade die Hände desinfizierst - und siehst im selben Moment, dass die schon wieder klingelt ... "Mir ist da noch was eingefallen ..." Boah ... das ist im Moment echt unglaublich ... keine 30 Sekunden ohne das irgendwer klingelt.

Ich bin müde, ich bin kaputt und ausgelaugt - sowohl mental als auch körperlich. Und an was man alles denken muss ... meine dementen Omas mögen zum Beispiel im Moment alle nicht essen oder trinken, geschweige denn Medis nehmen ... was macht man da? Infusionen sind auch innerhalb von 2 Minuten wieder abgetüddelt ... also? Pfleger Ryan ist sehr klever: Kakao ist das Zauberwort. Sie lieben alle Kakao. Alte Omas essen meistens gerne sehr süß. Einer gebe ich immer Marmelade zum löffeln, weil sie nix anderes mehr mag - ohne Brot, einfach pur. Eine andere liebt Erdbeermilchschakes - und wenn man das alles rausgekriegt hat, dann schafft man es auch, dass die dementen Ladies alle genug trinken und ne halbwegs normale Kalorienzufuhr haben.

Ich fühl mich echt oft wie nen Kindergärtner, der auf seine 18 (leider sehr großen) Kiddies aufpassen muss, wo der eine mal etwas vernünftiger ist und der andere eben nur Unsinn macht, auf den Boden pischert oder was auch immer ... große sehr kranke Kiddies ... das darf man ja auch nicht vergessen, die sind ja nicht nur einfach so bei uns, weil es so nett bei uns ist, sondern weil sie krank sind. Und ich bin nicht krank, also muss ich da wohl durch ... ich geh jetzt erstmal schlafen.

16.01.2008 um 02:43 Uhr

Rückfall vom feinsten

von: Ryan

Ich weiss auch nicht was los ist - naja eigentlich weiss ich es genau. Mein Leben läuft eigentlich ganz gut, ich hab so alles was ich brauche - ne Wohnung, nen Job, ne tolle Freundin - und kaum ist mal eins von den Dingen bedroht, reagier ich total über ... also folgendes: Da ich nur einen befristeten Vertrag bekommen habe von meinem Arbeitgeber, muss ich mich eigentlich nach was Neuem umsehen, weil dieser Vertrag bald ausläuft und ich demnach dann bald gekündigt bin oder mein Unwort des Tages: arbeitssuchend.

Ich hab mich also heute mal auf den Weg zur Agentur für Arbeit in meiner Stadt gemacht und mich als arbeitssuchend gemeldet ab dem bestimmten Termin ... und mir ist das echt schwergefallen. Ich hab mich noch nie beim Arbeitsamt melden müssen, aber irgendwann ist immer das erste Mal. Und diese Sachbearbeiterin war echt nett und hat mir alles ausführlich erklärt und so weiter ... aber irgendwie krieg ich jetzt schon wieder Panik ... vor allem und vor allem vor der Zukunft.

Und ich dachte ich belohne mich mal ... weil ich so tapfer war und diesen schweren Gang endlich hinter mich gebracht habe ... mit was? Mit Essen ... Supermarkt Großshopping ... eigentlich wollte ich nur Eis haben und am Ende habe ich ne riesige Einkaufstüte mit nach Hause geschleppt, die voll Lebensmitteln war, die ich prompt am heutigen Abend in mich reingespachtelt hab ... und irgendwann um 21.00 dachte ich: "Mein Gott! Du bist ja fressen!"

Und ich hab in den letzten Monaten so gut abgenommen und eigentlich sollte mich so ein Tag nicht kümmern, an dem ich mal "zuviel" esse - und wenn ich mich nicht grade arbeitssuchend hätte melden müssen, und ich nicht so ne Panik vor allem geschoben hätte, wäre es vielleicht okay gewesen - aber es war nicht okay, für mich. Also Gang zum Klo ... seit Monaten mal wieder ... alles erbrochen ... und dann denkste: "Naja, jetzt ist eh egal." Also weiteressen ... und weiterkotzen ... nebenbei schön ne Flasche Eierlikör in der Hand ... weil Eierlikör hat soviel Kalorien, sowas würde ich mir nie kaufen, wenn ich mich nicht belohnen wollen würde ... mittlerweile ist die Flasche leer ... wieder schlechtes Gewissen und den Rest Eierlikör auch noch hochgewürgt ... und ich hab keine Ahnung wieviel Eierlikör wirklich in mein Gehirn gelangt ist (ich fühl mich nicht so betrunken wie nach ner ganzen Flasche Eierlikör) und wieviel wirklich im Klo gelandet ist.

Ich fühl mich furchbar - ich wollte nicht mehr kotzen - für meine Freundin ... gut, man soll für sich selbst aufhören, aber mich hat der Gedanke, dass meine Freundin damit eine Last mit "meiner Last" hat, viel zu abschreckend, so dass ich es lange, lange Zeit gelassen habe ... aber im Moment in Anbetracht der Dinge, dass ich bald einen Pfeiler meiner Existenz verlieren könnte (und es mir schwer fällt mir was neues aufzubauen), das lässt mich mein sehr stabiles Gerüst HEUTE mal zusammen fallen - ich hasse solche Tage, aber heute ist ein Tag wo ich sagen muss: "Ich ertrag es nicht, ich muss irgendwas machen um mir wehzutun, um meiner kranken, verängstigen Psyche Ausdruck zu geben." und vielleicht ist das gut, vielleicht BRAUCHE ich das wirklich, grade um "normal" zu bleiben. Es hört sich wahnsinnig widersprüchlich an, gebe ich zu, aber irgendwie in sich schlüssig - zumindest für mich grade.

Wo wir bei schlüssig sind - hab ich erwähnt, dass meine Freundin nen Job als Krankenschwester auf ner geschlossenen Psychiatrie hat? Und mit MIR zusammen ist? Ich hab ihr einiges erzählt, oder Andeutungen gemacht, ich hab ihr sogar die Narben bei meinem Körper gezeigt, aber ich glaube sie hält es für ne Jugendsünde und weiss gar nicht wie aktuell diese Problematik für mich sein kann - so wie heute. Vielleicht ist sie auch ganz anderes gewohnt, und ich glaube nicht, dass sie erwarte, dass sie "zuhause" bei mir mit sowas konfrontiert wird - wird sie auch nicht. Sie glaubt, ich sei unheimlcih stabil und stark - sie sagt mir oft, dass sie mich für stark hält und mich bewundert dafür. Ich halt den Mund, wenn ich glaube, dass es richtig ist, und ich mach den Mund auf, wenn ich es nicht mehr vereinbaren kann mit meinem Gewissen, den Mund zu halten - ich bin sachlich aber bestimmt  - ich bin vernünftigt, ich gebe mir Mühe andere zu verstehen und Verständnis aufzubringen, und wenn ich es nicht aufbringen kann, verteidige ich meine Meinung und verlange auch Verständnis - ich mach den Mund auf, wenn ich etwas ungerecht finde, aber erst wenn ich es durchdacht habe - ich bin emotional aber nicht übermäßig ... das hört sich doch NORMAL an oder? ... ich find mich selbst normal ... ich hab sogar viele Freunde ... und ich halte mich für beliebt ... und hab ne Freundin, die inner Geschlossenen arbeitet und nicht wittert ... na gut, ich vermute, dass sie vermutete, dass ich mehr trinke als ich zugebe ... aber mehr nicht ...

Ich kann auch nicht ehrlich sein, was soll ich sagen? "Du Schatz, ich hab gestern irgendwie nur gekotzt." - "Warum? War dir schlecht?" - "Ähm nee ... weil ich kotzen wollte ..." sowas kann man keinem sagen, den man liebt. Morgen ist eh wieder alles in Ordnung, warum soll ich mich dann im Selbstmitleid sullen? 

12.01.2008 um 03:39 Uhr

Von Nachtdienst-Phänomen, Frauen und festen Freundinnen

von: Ryan

Schon wieder ein Seufzer-Eintrag ... ich hab meine Freundin seit Montag nicht mehr gesehen ... und heute ist schon Samstag ... ach ja ... *seufz* ... dann die Arbeit ... seit dem 2. Januar hab ich durchgearbeitet und bin ziemlich fertig ... die Station ist mal wieder knackenvoll und langsam kriegen wir den berüchtigen und gefürchtenten Noro Virus (= diese furchtbare Durchfall-und-Brech-Erkrankung, die auch noch übelst ansteckend ist), das heisst: Einer hat Noro Virus = ALLE haben Noro Virus. Im letzten Jahr war es schon schlimm, sämtliche Stationen waren gesperrt und isoliert, sämtliche Patienten plus Mitarbeiter sind erkrankt TROTZ Mundschutz und Hygienemaßnahmen ... aber dieses Jahr ist der Noro noch aggressiver und die ersten 4 Patienten haben wir schon ... die fingen promt in meinem Nachtdienst an zu kotzen ... im übrigen hab ich grade nen 6 Nachtdienst-Tourn hinter mir ... ach ja ... *seufz* ... also nur eine Frage der Zeit, wann der Virus wieder bei uns wütet ... und ich ausm Frei gerufen werde, um auszuhelfen ... mittlerweile habe ich über 70 Überstunden ... ach ja *seufz* Was soll man dazu schon noch sagen ...

Wo wir bei Nachtdienst sind ... Nachtdienst ist komisch und ich hab neuerdings sehr viel davon, vielleicht weil ich einer der zwei Männer auf Station bin, sonst nur Frauen ... Im Nachtdienst gibt es ganz seltsame Regeln ...

1) am Tag vorher soviel schlafen wie möglich, am besten nur im Bett liegen und dann zum Nachtdienst gehen, sozusagen "vorschlafen";

2) der zweite Nachtdienst ist der Härteste überhaupt ... dein Körper hat sich noch nicht an den Nachtdienst gewöhnt und verlangt irgendwann nach Schlaf, weil du nach der ersten Nacht durch irgendwelche Kleinigkeiten am Tag nach der ersten Nacht geweckt wirst und sofort wach liegst ... bei mir war das zum Beispiel um 12 ein Telefonklingeln ... KLACK wach ... ich war um 8 Uhr morgens zu Bett gegangen und konnte dann nach dem Telefonklingeln nicht mehr schlafen, weil mein Biorhythmus genau wusste, dass um 12 Uhr nicht mehr Schlafenszeit war, sondern dass mein Körper dann wach sein sollte. Man arbeite ja gegen seine innere Uhr und die rächt sich in der zweiten Nacht ... also Cola, Red Bull, Kaffee etc. ABER:

3) Regel: Du darfst bis 3 Uhr maximal koffeinhaltige Getränke nutzen, sonst kannst du am Morgen nicht schlafen - also hängt man ab 4 Uhr morgens total durch ... alle anspruchsvollen Dinge sollte man zu dem Zeitpunkt erledigt haben ... ich hab zum Beispiel gestern Nacht noch um diese Zeit Medikamente stellen müssen und ich will nicht wissen wieviele Fehler ich gemacht habe, wenn man kognitiv nicht auf der Höhe ist ... ich bin noch nicht mal müde nachm Nachtdienst, der um 7 Uhr morgens endet ... ich bin gefühlt nicht müde ... ich bin weit über den Punkt hinaus an dem ich müde bin ... man ist wach und der Körper spielt einem "Streiche" - vor allem wenn man wie ich 6 Nachtdienste (vorher 3 Spätdienste) gemacht hat und unterschiedlich gut oder schlecht schläft und gegen den Körper arbeitet ...

4) Regel: Der Körper rächt sich, das heisst: Selbst wenn man viel Belastung gewöhnt (ich hab während der Ausbildung so oft ne Nacht durchgemacht und bin morgens um 6 zum Frühdienst erschienen), irgendwann signalisiert dein Körper: "Ich kann nicht mehr, das ist grade too much!" Noch nicht mal durch Müdigkeit, sondern (noch fieser) Halluzinationen: Dazu muss ich vorher sagen, ich war die ersten 3 Nächte alleine, die anderen 3 hatte ich ne ungelernte Kraft als Springer. Ich sitz da inner 5. Nacht und stell Medikamente und seh ausm Augenwinkel wen am Dienstzimmer vorbei laufen und sag: "Kannst du mal gucken, wer da aufm Flur unterwegs ist?" und mein Springer: "Da war nix." Ich: "Gehste bitte trotzdem mal gucken?!" Springer geht los ... und kommt mit der Nachricht wieder: "Da ist niemand! Da kann auch niemand lang gelaufen sein!" - oder anderes Beispiel aus der letzten Nacht: Ich seh ne Packung Handschuhe aufm Pflegewagen und mein Gehirn: "Wer hat den Videorekorder aus dem Fernsehzimmer auf den Pflegewagen gestellt?? - Egal, bring ich später zurück , wenn ich mit den Medis fertig bin." Da stand niemals ein Videorekorder, sondern nur ne Packung Handschuhe und ich hab das nicht gerafft ... weil mein Gehirn überfordert war. Ich fühlte mich nicht müde, ich war wach, hellwach ... und in keinster Weise konzentriert - du bist konzentriert, denkst du ... aber baust nur Mist ohne es zu merken ... selten, aber das was du falsch machst, ist echt ohne Sinn und Verstand. Du kriegst nicht mal mit, wenn du in der falschen Zeile schreibst ... und eben weil man das so weiss, versucht man die wichtigen Dinge wie Medis stellen am "frühen" Abend zu erledigen (zwischen 22.00 und 1.00 nachts), wo man noch kognitiv halbwegs auf der Höhe des Geschehens ist ... es ist echt seltsam. Zum Beispiel einen Morgen tat mir der Frühdienst so leid, (es wurden 2 Schüler abgezogen auf ne andere Station), die waren zu 4 und sollten unser 26 (sehr anstrengenden) Patienten waschen und ich sagte: "Ich bleib noch um 3 Leute zu waschen" - meine Kollegen waren extrem dankbar

4) Regel: Der Körper rächt sich, das heisst: Selbst wenn man viel Belastung gewöhnt (ich hab während der Ausbildung so oft ne Nacht durchgemacht und bin morgens um 6 zum Frühdienst erschienen), irgendwann signalisiert dein Körper: "Ich kann nicht mehr, das ist grade too much!" Noch nicht mal durch Müdigkeit, sondern (noch fieser) Halluzinationen: Dazu muss ich vorher sagen, ich war die ersten 3 Nächte alleine, die anderen 3 hatte ich ne ungelernte Kraft als Springer. Ich sitz da inner 5. Nacht und stell Medikamente und seh ausm Augenwinkel wen am Dienstzimmer vorbei laufen und sag: "Kannst du mal gucken, wer da aufm Flur unterwegs ist?" und mein Springer: "Da war nix." Ich: "Gehste bitte trotzdem mal gucken?!" Springer geht los ... und kommt mit der Nachricht wieder: "Da ist niemand! Da kann auch niemand lang gelaufen sein!" - oder anderes Beispiel aus der letzten Nacht: Ich seh ne Packung Handschuhe aufm Pflegewagen und mein Gehirn: "Wer hat den Videorekorder aus dem Fernsehzimmer auf den Pflegewagen gestellt?? - Egal, bring ich später zurück , wenn ich mit den Medis fertig bin." Da stand niemals ein Videorekorder, sondern nur ne Packung Handschuhe und ich hab das nicht gerafft ... weil mein Gehirn überfordert war. Ich fühlte mich nicht müde, ich war wach, hellwach ... und in keinster Weise konzentriert - du bist konzentriert, denkst du ... aber baust nur Mist ohne es zu merken ... selten, aber das was du falsch machst, ist echt ohne Sinn und Verstand. Du kriegst nicht mal mit, wenn du in der falschen Zeile schreibst ... und eben weil man das so weiss, versucht man die wichtigen Dinge wie Medis stellen am "frühen" Abend zu erledigen (zwischen 22.00 und 1.00 nachts), wo man noch kognitiv halbwegs auf der Höhe des Geschehens ist ... es ist echt seltsam. Zum Beispiel einen Morgen tat mir der Frühdienst so leid, (es wurden 2 Schüler abgezogen auf ne andere Station), die waren zu 4 (2 Examinierte, 1 Praktikantin und 1 Erst-Kurs-Schüler) und sollten unser 26 (sehr anstrengenden) Patienten waschen und ich sagte: "Ich bleib noch um 3 Leute zu waschen" - meine Kollegen waren extrem dankbar ... und als ich um 9.00 (nachdem ich seit 20.00 gearbeitet hatte), noch auf Station rumhing, hab ich nicht mal mehr richtig greifen können ... ja wirklich, hört sich komisch an, aber ich dachte wirklich intuitiv "Da ist der Griff für den Wagen wo die Akten drin sind" und hab voll daneben gegriffen ... und dann hab ich eingesehen: Das ist der Zeitpunkt an dem du nach Hause gehen solltest ... und aufm Weg nach Hause musste ich echt scharf nachdenken, mit welcher S- oder U-Bahn ich eigentlich fahren musste, um nach Hause zu kommen ... mal davon abgesehen, dass ich nicht mehr wusste ob mir Montag, Dienstag oder Mittwoch hatten ... und das Böse dabei: Man fühlt sich wach, man denkt man ist hellwach und fühlt sich DUMM, wenn man sich fragt welcher Wochentag eigentlich ist und es wirklich nicht mehr weiss ...

Ich bin am Freitag den 11. Januar morgens um halb 7 aus der Nacht rausgekommen, hab meine Merkzettel zerrissen und hab mich verabschiedet in die freie Zeit ... und ich war froh drum. Ich habe es echt genossen ... und man steigt morgens um 7 in die U-Bahn und alle Menschen um einen herum sind grade auf dem Weg zur Arbeit, schlafen fast ein ... und du selbst siehst noch fertiger und erledigter aus und möchtest am liebsten in die U-Bahn schreien: "Warum schlaft ihr? Ihr habt heute Nacht geschlafen! ICH NICHT! Ich habe grade erst Feierabend gehabt!" - Aber würde das wen interessieren? Nein ... mich auch nicht, wenn ich an deren Stelle wäre ...

Und ansonsten ... ich hab bis 13 Uhr geschlafen, dann klingelte mein Handy und meine Exfreundin (die mit der ich über 3 Jahre zusammen war) war dran und fragte ob sie auf nen Kaffee vorbei kommen könne, sie sei in der Nähe ... ja klar ... Kaffee gekocht und da stand sie dann ... und wir haben bis 18.00 "Kaffee-getrunken", bzw. uns über unsere derzeitigen Beziehungen ausgetauscht und uns unterhalten ... und es war echt nett ... um 20.00 war ich verabredet mit einigen Kollegen von unserer Station unterschiedlichster Berufstände: Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und eine Ärztin, zusätzlich einige Schwestern ... wir haben nen bissle was getrunken, was gegessen - (mussten draussen rauchen wegen diesem neuen Rauchverbot, was mir noch sehr seltsam vorkommt) - und haben uns über Dinge unterhalten, über die man sich sonst nicht so im Arbeitsleben unterhält.

Und jetzt kommt die Beichte: Ja, ich habe eine Freundin und es ist mir immer bewusst - ABER da war eine Ergotherapeutin, die ich (als Mann) echt attraktiv finde (so vom äußeren her), sie hat wirklich wahnsinnig schöne Augen, ne tolle Figur und sie ist echt gut drauf ... und in ihrem Brausebrand hat sie sowas gesagt wie: "Hast du eigentlich ne Freundin? Ich würd dich sonst angraben, wenns nicht so wäre." - Dazu muss man sagen, dass wir vorher schon 2-3 Tiquilla gekippt hatten ... und ich schau in ihr wahnsinnig hübsches Gesicht mit den wunderschönen großen brauen Augen ... und sag: "Ja ich hab ne ganz tolle Freundin."

Das sind manchmal so Momente, die über Affäre oder nicht-Affäre entscheiden - denke ich - hört sich doof an, aber da durch, dass ich mich selbst nicht so wahrnehme oder meine Bedürfnisse (oder einfach nen Mann bin), entscheide ich oft nach meinen PRIMÄREN Bedürfnissen - und das ist vielleicht in dem Moment die wahnsinnig hübsche Physiotherapeutin mit den großen Augen anstatt meiner Freundin, die weit weg außerhalb von Hamburg ihre Familie besucht ... Aber: NEIN, denn ich habe total intuitiv zu verstehen gegeben, dass meine Freundin die Beste auf der Welt ist.

Daraufhin fing die Therapeutin so nen bissle interessiert nachzufragen, wie lang wir denn zusammen seien und wie wir uns kennen gelernt hätten und sowas ... ich denke, weil sie ein gutes Herz hat und NICHT weil sie ihre Chancen ausrechnen wollte (so ne Menschen gibts wirklich), aber sie gab mir sehr klar zu verstehen in späteren Sätzen, dass sie an mir interessiert WÄRE, WENN ich SINGLE WÄRE. Aber mein betrunkenes, EHRLICHES Gehirn sagte dieser interessanten Frau, dass ich vollkommen glücklich vergeben bin - und wenn ich angetrunken meine Freundin vor anderen ATTRAKTIVEN Frauen in den Himmel lobe, denke ich: Meine Freundin ist schon die Richtige. Ich denk gar nicht dran, was wäre wenn ... ich hab meine Freundin um 2 Uhr nachts ausm Schlaf gerissen um ihr zu erzählen, wie meine letzten Tage so waren ... und sie hat mir zugehört und mir erzählt wie ihre Tage ohne mich so verlaufen sind ... und ich liebe sie für solche Momente ... auch wenn wir uns wenig sehen im Moment, weil wir unterschiedliche Dienstpläne haben.