Boys don´t cry

30.09.2008 um 23:31 Uhr

Ich bin der einzige normale Mensch ...

von: Ryan

Musik: GAAAANZ seichte Musik

Jetzt spinnen alle ... Telefon und Handy klingeln wie bescheuert, ich versuche es zu ignorieren. Anrufbeantworter geht ran: "Ryan, hier spricht deine MUTTER - ich weiss, dass du zuhause bist! NIMM AB!" Ich nehm also ab: "Ja?" - "Also Ryan, ich wollt dir nur nochmal was zu Mike sagen ... bla bla sülz ... und natürlich sind nicht alle Männer Arschlöcher ... die Schwulen zum Beispiel! Die klären vorher ob man fremdgehen darf ... bla bla blubb ..." - "Mama, hast du getrunken?" - "Wieso?" Sie lallt etwas und wird immer so redefreudig - dass ist sie so schon - aber angetrunken wird es SCHLIMMER, und heute Abend isses mehr als nur SCHLIMMER. Sie stellt komische Lebenstheorien auf und das gefällt mir nicht - mal davon abgesehen habe ich Kopfschmerzen und langsam auch Ohrenschmerzen. "Ich hab mit deiner Schwägerin eine Flasche Wein getrunken, DAS MUSS SEIN!" - Ja okay ...

Dann: "Mama, ich hab wen auf der anderen Leitung, ich leg auf!" - "Wer ist es?!" (Meine Mama ist so geil ...) Und ich: "Das weiss ich doch JETZT noch nicht! Ciao!" Schnell auflegen.

"Hallo?!" - " .... Ryan ....(schluchz)" - "Mike?!" - "Jaaaa ... (schluchz) ... ich ... ich muss dir was sagen ... bevor du es ... schluchz ..." - "Hör auf, ich weiss es schon." - "Von wem?" - "Ich hab hier den ganzen Nachmittag Mama und deine Frau um mich gehabt - warum machst du so nen Scheiss?!" - dann kommt die geilste Ausrede, die ich je gehört hab von einem Mann mit der Stimme eines 3Jährigen: "Sie ... sie ... (schluchz) ... hat mich bedrängt ..." - "Nein ... die Schlampe ... ey, komm!" Mein Bruder bricht in Tränen aus und heult irgendwas von: "Das wollt ich nicht, ich liebe meine Frau ..." wieder bla bla und blubb.

Handy klingelt - "Mike, ich muss mal eben ans Handy nebenbei." Er jault weiter nebenbei. Am anderen Ende der Leitung keifft mich jemand an: "Ist das MIKE?!" Mama ... "Äh Mama ..." - "ES IST MIKE!" Ich bin verloren ... "Sag deinem Bruder, ich habe keinen Sohn mehr!! Ich geb ihn zur Adoption frei ... keiff ... brüll ..." Mike aufm Festnetz: "Ist das Mama?! Sag der blöden Schlampe, sie soll sich nicht in mein Leben einmischen!"

Genau so hab ich mir meinen Abend vorgestellt ... ich steh mit zwei Telefonen in meiner Wohnung und werde aus beiden angebrüllt. Und ich nur so halbwegs vermittelnd in beide Telefone: "Ihr könnt euch auch gegenseitig anrufen!"

Ausm Handy: "RYAN!! Du bist auch ein Arsch! Immer rottet ihr euch zusammen, scheiss Männer!" und ausm Festnetztelefon: "Die dumme Kuh ruf ich nie wieder an! Die hetzt meine Frau gegen mich auf!" Meine Ohren bluten ... und ich leg auf, beide Telefone - damit bekomme ich dieses Jahr keine Weihnachtsgeschenke - damit muss ich wohl jetzt leben.

Ich bin natürlich sehr aufgewüllt und rufe jemanden unparteiisch an - meinen Bruder Chris. Nachm 29. Klingeln nimmt er dann auch mal an und mampft mich so mit vollem Mund an: "Jaaa?!" - "Hey, sag mal, haste schon mit Mama oder so telefoniert in den letzten Tagen?" - "Nö." Er isst Chips oder sowas - ich kann es mir bildlich vorstellen wie er in Boxershorts aufm Sofa hängt mit ner Tüte Chips neben sich. "Dann weiss du ES noch nicht?" - "Nö." - "Mike hat ne Affäre!" - "Und?" - "Seit 2 Jahren!" - "Ja ich weiss." Ich bin geschockt. "Wie? ... du weisst das?!" - "Jupp" er schiebt ne Hand voll Chips in den Mund und mampft: "Ich hab die beiden mal aufm Kiez getroffen, ihn und seine Olle da mit der er gepoppt hat." Ich bin sprachlos. 30 Sekunden Stille bis auf das Chipsknuspern. "Das wusstest du?" - "Jupp" weitere 30 Sekunden Stille (mit was für Leuten bin ich verwandt?!) "Und da hast du nie versucht Mike ins Gewissen zu reden?!" - "Nö, wieso?" (Chris ist nicht so der Gewissenhafte und auch nicht so der Mensch, der Dinge hinterfragt oder sich um den Seelenfrieden anderer Menschen bemüht).

Nö, wieso auch? "Naja, Mike hat zwei Kinder und Ehefrau und da könnten Leute verletzt sein, wenn sowas rauskommt." - "Ja, WENN ..." - "Ey sag mal, hörst du zu? Es ist rausgekommen! Mike wohnt nicht bei seiner Familie, sondern bei Lukas! Sie hat ihn rausgeschmissen!" Andächtiges Chipsknuspern und dann: "Bei Lukas? Cool, dann können wir uns ja Freitag Abend bei Lukas treffen, ich bring nen Kasten Bier mit." Zur Abwechslung bin ich mal wieder sprachlos. "Hörst du mir eigentlich zu, Chris?" - "Ja wieso?" - "Weisst du eigentlich was grade los ist? Mike heult, Mama ist hysterisch und" - "Mama ist IMMER hysterisch und erzählt uns schon seitdem wir klein sind, dass alle Männer inklusive uns Arschlöcher sind. Also - steht Freitag? Becks oder Astra?" - "Becks" Er hat recht.

Kann man eigentlich seine Familie bei e-Bay versteigern? Geht auch bei maximal 1 Euro los ... Handy ausgemacht und Festnetzstecker rausgezogen ... die haben doch alle nen Knall ...

Und als ich mit der Ausrede kam "Ich bin um 4.30 heute morgen aufgestanden wegen Frühdienst und bin totmüde!" kamen nur folgende mitleidige Antworten:

Mama: "Stell dich nicht so an!" ("Als ich damals Lernschwester war, da haben wir 52 Stunden-Schichten geschoben, JEDEN TAG!") ja ja ... wer´s glaubt ...

Mike: "Aber ich bin verlassen worden!" ("Ich bin das Opfer, mich trifft keine Schuld, heul") Augenroll ...

Chris: "Warum machstn du sowas? Ich würd mich ja krank melden bei der Uhrzeit."

30.09.2008 um 21:42 Uhr

Eine Tragödie oder "Mein Bruder, das Arschloch"

von: Ryan

Es ist mal wieder soweit - ich werde unweigerlich Zuschauer einer Tragödie in meinem näheren Umkreis. Die Kullisse passt auch schon wieder perfekt: Graues Herbstwetter, Wind, Regen - der Himmel weint.

Kommen wir zum Vorwort: es war einmal ein Mann und eine Frau - um besser zu sein: Mein älterer Bruder Mike und seine Freundin/jetztige Ehefrau. Große Liebe - mein persönliches Sinnbilder einer intakte, großartig laufenden Beziehung. Sie lieben sich, sie sind beste Freunde, sie teilen alles miteinander, sind lieb zu einander, behandeln sich mit Respekt, achten sich gegenseitig, haben mittlerweile sogar 2 Töchter im Kleinkindalter. Ich mag meinen Bruder, immerhin ist er mein älterer Bruder, ich wollte immer ein wenig sein wie er - welcher kleine Bruder will das nicht? Aber bei meinem Bruder Mike hab ich seinen Charakter bewundert, dass er so ein ruhiges, gewissenhaftes und gerechtes Wesen hat. Meine Schwägerin ist auch ein toller Mensch, ich mag sie sehr gerne, sie passt zu ihm und die beiden waren einfach immer schon ein ganz tolles Paar. Mike ist so ein Mensch, der einem nen Liebeslied schreibt, zwar nicht singen kann, es aber unbedingt vortragen muss, sich dann ganz schrecklich schämt und im nächsten Moment freut wie nen Kleinkind, weil es doch überraschend gut ankam. 

Irgendwie hab ich zu ihnen beiden aufgesehen - ich wollte auch eine so tolle, harmonische, entspannte Beziehung haben und so glücklich sein wie sie es scheinbar waren. Und jetzt ist das alles futsch ... flutsch und weg ...

"Dein Bruder ist ein riesen Arschloch!" brüllte meine Schwägerin mich heute an und hat dabei Tränen vor Wut in den Augen. "Ein RIESEN Arschloch!" brüllte meine Mama von der anderen Seite und meine Schwester ganz erschüttert: "Das hätte ich nicht von Mike gedacht." - Wir hätten es alle nicht von Mike gedacht ... so was war also geschehen: Eine morgens geht meine Schwägerin nichtsahnend an das Handy meines Bruder, der dies zuhause vergessen hatte und eine nette Damenstimme säuselt: "Mike? Sehen wir uns heute Abend?" Und meine Schwägerin: "Wer sind Sie?! Woher kennen Sie meinen Mann?!" - Nach ner viertelstunde Gespräch kam raus, dass die Stimme zu einer Janina gehört, welche mit meinem Bruder seit über - festhalten!! - ZWEI Jahren eine Affäre hat. Janina weiss scheinbar dass Mike verheiratet ist, aber das störte bis zu dem Zeitpunkt weder Janina noch Mike.

Also hab ich heute den ganzen Nachmittag nachm Frühdienst mit den drei Frauen verbracht und hab alle Details der Tragödie anhören dürfen. Und wieder mal ist eine Beziehung zerstört, von der ich dachte, sie würden es schaffen. Es heisst ja immer: Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende ... aber irgendwie leben alle nur glücklich bis zum ersten großen Krach oder ersten Seitensprung oder sowas. Natürlich übertrage ich diese Weisheiten auch auf mein Leben und bekomme akut Panik bald wieder Single sein müssen und Liebeskummer durchleben zu müssen - nein, es ist nix akutes, alles läuft super, da gibts keinen Grund warum ich die Befürchtungen haben müsste.  Aber ich beobachte dass alles Beziehung in meiner unmittelbaren Umgebung irgendwann ganz schrecklich zuende gehen und dann anstatt Liebe und Glück nur noch Leid und Schmerz da ist.

Schlimm sowas ... stellvertretend für Mike und alle anderen untreuen männlichen riesen Arschlöcher haben meine Mama und meine Schwägerin mich von beiden Seiten angebrüllt und mir schlimmste Qualen angedroht sollte ich mal eines Tages dem Beispiel meines Arschloch-Bruders folgen. Jetzt hab ich latente Kopfschmerzen und ein Bild vor Augen wie schlimm eine Bilderbuchbeziehung enden kann.

29.09.2008 um 02:34 Uhr

Der Vogelstrauss

von: Ryan

Mein Leben wird nicht einfacher ... ich hab frei - endlich ... und womit schlage ich mich rum? Mit den alltäglichen Konflikten, vor denen ich eigentlich immer mit meinem stressigen Job flüchten kann.

Gestern war ich zum Beispiel den halben Tag bei meiner Mom - sie hat angerufen, sie fühle sich allein, ob ich sie nicht besuchen könnte. Ich hab überlegt - aber ich bin ein guter Mensch und hab 7 Stunden meiner kostbaren Zeit bei ihr verbracht. Und höre mir ihre Sorgen an: Dass mein Stiefvater ein so schlimmer Mensch ist, was er sich wieder alles geleistet hat, dass er viel zu viel trinkt - dass sie sich Sorgen macht um meinen einen Bruder, weil der überstürzt heiraten will - eine Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat und er denkt, es sei seins - dass alles in ihrem Leben irgendwie komisch gelaufen ist. Sie wollte nie Kinder - jetzt hat sie 6 Stück, aber sie bereut sicherlich keinen von uns. Wir wären alle auf unsere Art "Wunschkinder", weil sie keinen von uns missen möchte - aber sie überlegt oft wie es wäre, wenn es keinen von uns gegeben hätte, wie ihr Leben verlaufen wäre - sicherlich "unerfüllter" - genau das Wort hat sie benutzt - aber anders. Und wie traurig sie es fände, dass keiner ihrer Söhne mit Vater aufgewachsen sei. Der Mann mit dem sie meine älteren Bruder hat, ist früh verstorben, mein Vater kümmert sich nicht und mein Stiefvater sieht ja auch nur zu, dass er seinen Promillewert halten kann. "Meine Männer sind immer scheisse gewesen." sagte sie. "Aber meine Söhne sind großartige Männer geworden." Kompliment - thanks, Mom, i love you too.

Und sonst außerhalb der Familie? Meinen Freundeskreis kann man/ich knicken. Entweder sie melden sich nicht nach ner 3. SMS (die Schweine sind alle zu faul um mal zurück zu schreiben), müssen arbeiten oder sind akut um Stress. Zum Beispiel gibt es da eine Kumpeline ... sie wurde eine Kumpeline nachdem ich mit ihr einen One-Night-Stand verbracht habe. Gut, dumme Basis, aber wir sind jetzt gute Freunde - wirklich gute Freunde. Dumm, dass sie seit über 8 Jahren inner Beziehung steckt - und der ONS ist mal grade 2 Jahre her .. ups ... gut, wir dachten, wenn alle brav die Klappe halten, dann kommt es nie raus. Falsch gedacht, da sich ein anderes befreundetes Pärchen trennte, und jemand krank vor Schmerz und whatever nix besser zu tun hatte, zu versuchen den gesamten Freundeskreis zu sprengen. Ein Anruf: "Weisst du eigentlich, dass deine Freundin was mit Ryan hatte?!" BUUUMM - Bombe geplatzt und nix mit für ewig geheim halten. Und alles ist kaputt. Keine gemeinsamen Kaffeenachmittage mehr. Nix. Ich werde auf Geburtstagspartys ausgeladen wegen dieser dummen Sache von damals. Alle sagen: "Nein, du hast keine Schuld, du wusstest es nicht." Ich wusste es wirklich nicht ... ich hab mir sogar ein wenig Hoffnungen bei der Frau gemacht, bis sie mir sagte, dass ich nur nen Seitensprung sei ... nein ich hab keine Schuld ... aber ich fühl mich schuldig. Immerhin werde ICH ausgeladen - was ich verstehen kann - ich hab auch keine Lust auf angespannte Stimmung und schwerlastige Gespräche und Tränen an einem Abend, der ohne meine Anwesenheit wahrscheinlich fröhlich verlaufen wäre. Ich hab freiwillig angekündigt nicht zu kommen. Vernünftig oder?

Warum muss immer alles so schwer und kompliziert sein?

Außerdem hat sich mein ehemals bester Freund gemeldet - das ist bestimmt 5 Jahre her, wo wir richtig dicke miteinander waren. Er ist schwul und ich hab ihn so gemocht. Wir hatten ne großartige Freundschaft, wir waren dauernd zusammen, wir haben uns soviel von einander erzählt, soviel vertrauen und er hat an meinen Augen ablesen können, wie es mir geht. Er ist psychisch nicht so ganz in Ordnung und wir waren beide sehr viel füreinander da - und dann irgendwie in einer seiner depressiven Phasen haben wir komplett den Kontakt verloren. Und vor zwei Tagen hab ich ne SMS von ihm bekommen. Nur so nen Ding alla: "Meine neue Nummer ... bla bla, Grüße" aber es gibt mir sehr zu denken. WIE meldet man sich auf sowas? Ich war sehr verletzt, weil ich den Kontakt versucht habe zu halten und meine Versuche nur ins Leere liefen und nun nach über 4 Jahren ein Lebenszeichen. Ich erwarte, dass wir uns viel zu erzählen haben und furchtbar weinen werden, wenn wir den Kontakt wieder aufnehmen und uns treffen - oder dass ich etwas schreibe und es wieder ins Leere läuft - aber ich weiss gar nicht ob ich das will. Passt er noch in mein Leben? Will ich riskieren, dass wir 2 Monaten vielleicht wieder engen Kontakt haben und er mich dann wieder ignoriert? Ich weiss es nicht.

Mein Vater meldet sich zur Zeit sehr oft - für seine Verhältnisse. Er hat scheinbar ein wahnsinssig schlechtes Gewissen, weil er mich versetzt hat. Er versucht mir etwas von seiner Lebensweisheit mit auf meinen Weg zu geben - aber ich kann das alles gar nicht annehmen, was er versucht durch Chats oder Telefonate gut zu machen.

Alles ist im Moment schwer - ich versucht mich zu flüchten - meistens in Musik - irgendwas seichtes, nicht all zu schwerlastiges, versuche alle anstrengende Termine weit weg zu schieben und versuche irgendwie zu flüchten, solange wie es eben sein muss. Bis "Grass über die Sache" gewachsen ist. Die typische Vogelstrauss-Methode: Kopf in den Sand. Aber bin ich so? Eigentlich nicht. Alles überfordert mich. Und wenn ich hart gearbeitet hab, hab ich wenigstens ne Ausrede flüchten zu dürfen.

23.09.2008 um 17:14 Uhr

Tomorrow´s gonna be another day

von: Ryan

Heute war es mal wieder schlimm ... so schlimm, dass ich kaum weiss, wo ich anfangen soll ... die Akten stapeln sich ... man legt immer nur eine Akte auf den Stapel, den man grade ausgearbeitet hat ... und dann kommen schon wieder die Rettungsassistenten mit nem neuen Patient auf der Trage ... und du möchtest ausflippen, ausrasten und dich am liebsten verstecken ... aber ... es geht ja nicht ... nebenbei noch: "Ich muss aufs Klo." von den Patienten oder von den Ärzten: "Ryan, kannst du mal ..."

Man versucht alles gleichzeitig zu machen und dabei adäquat und richtig zu handeln - und es ist schwer. Es ist wahnsinnig schwer. Immerhin bin ich kein Maurer, der Stein auf Stein legt und nach Feierabend bleibt die Mauer halt so stehen wie sie grade steht ... nee, das ist schon alles ne Ecke komplizierter. Wenn nen Patient blitzblau anläuft, kann das mehrere SCHLIMME Ursachen haben. Ein Patient heute zum Beispiel, der hatte schon keinen Herzschlag mehr als er zur Tür reinkam ... bevor du Hallo sagen kannst, sitzte schon auf seinem Brustkorb und versuchst ihn zu reanimieren.

In so ne Situation pampt natürlich auch jeder jeden an. Die Schwester rotten sich zusammen und stänkern weil die Ärzte ihre Kaffeetassen rumstehen lassen und auf ihre halbe Stunde Pause bestehen - die Ärzte stänkern, weil die Schwestern nur pampige Antworten geben und den ganzen Tag nur fluchend und schimpfend über den Flur laufen. Nebenbei betteln um Personal, die Schimpferein und Unzufriedenheiten der Patienten ertragen, Erbrochenes und Urin wegwischen, EKGs schreiben, Medikamente verteilen, Infusionen anhängen, Essen reichen, mal selbst einen Schluck Wasser trinken, sich mit anderen unzufriedenen Mitarbeiten rumplagen und sich am Telefon anbrüllen lassen - es macht im Moment keinen Spaß.

Und jetzt ... jetzt tun mir die Füße weh vom laufen, der Hals tut weh vom schimpfen und rufen, meine Augenringe werden immer schlimmer und je mehr Stress ich hab, desto öfter tut mein Rücken weh. Und ich bin totmüde und erschöpft.

Warum bin ich kein Maurer?

21.09.2008 um 02:50 Uhr

Stroh im Feuer

von: Ryan

Es ist mal wieder schlimm - ich weiss gar nicht wie ich es beschreiben kann. Ich meine, ich arbeite jetzt schon SEHR viel und ich dachte oft, das Chaos, was ich täglich zu bewältigen habe, wäre kaum zu toppen ... aber jedes Mal wenn ich das denke, kommt irgendetwas dazwischen, dass mich vom Gegenteil überzeugt - egal wie schlimm ist es ist und wie erschöpfend, es geht immer schlimmer.

Das geht damit los, dass wir ab nächster Woche sehr knapp besetzt sind - keine Schüler, die uns helfen. Dann unsere knappe Personallage - wir sind wirklich insgesamt 9 examinierte Krankenpflegekräfte, die einen 3-Schichten-Tag abdecken müssen - davon sind 5 Leute weniger als 50% Kräfte ... herrliche Personallage. Und nun gehöre ich zu den Vollzeitkräften, die eh schon ewig und dauernd arbeiten und massig Überstunden haben, die sie nicht abbummeln können, weil die Personallage es nicht zulässt - nein, dass gibt es noch Dinge, die neben dem Dienst noch erledigt werden müssen. Zum einen bin ich (zwar auf Probe) aber für ein halbes Jahr der neue Mentor auf der Station - d.h. ich betreue die Krankenpflegeschüler, schreibe deren Zeugnisse etc. d.h. mehr Arbeit, mehr Zeit. Dann war ich so doof und hab mich für ne AG gemeldet, die bei uns im Krankenhaus läuft und unsere Pflegequalität überprüft - das bedeutet wieder 2 Stunden pro Woche, die ich so extra arbeite ohne Geld oder Freizeitausgleich zu bekommen.

Und jetzt kommt der Überhammer: Meine Chefin geht in Urlaub für 4 Wochen und wir haben zur Zeit noch keine Stellvertretung - und sie zieht mich zur Seite und sagt: "Ryan, ich will das DU das machst - du denkst wie ich, du triffst die richtigen Entscheidungen - DU bist die Stationsleitung - und wenn das alles gut klappt, wirst du meine Stellvertretung." - ganz im ernst: DIESEN JOB will ich nicht mal geschenkt haben. Mehr Arbeit, mehr Stress, keinen Cent mehr oder ich arbeite jetzt schon 60 Stunden pro Woche ... ohne meine Extraaufgaben, die ich JETZT auch noch alle an der Backe habe. Geil oder? Ich flippe aus ...

Ich will diesen Leitungsjob nicht mal geschenkt haben und bin auch an keinen AGs interessiert und hab im Moment auch keinen Bock auf Fortbildungen oder ähnliches ... und ohne das alles bin cih stark überfordert, weil ich sehr oft und viel zu viel arbeite wegen Personalmangel-Geschichten, die zur Zeit scheinbar alle Krankenhäuser durchmachen. Aber meine Chefin ist ne sehr nette Frau, die ich sehr bewundere und ich vertraue ihr auch - und wenn sie sagt, ich schaffe das, dann ... dann HOFFE ich das auch stark, aber ich denke mir, dass sie an mich glaubt ... und das gibt mir ein gutes Gefühl, dass sie an mich glaubt ... auch wenn ich es selbst nicht tue ... aber sie ist auch eine Kollegin/Freundin/Chefin, der ICH nichts abschlagen kann, weil ich ihr sehr vertraue, sie sehr schätze und sie sehr mag - meine Idealvorstellung einer Chefin: Ich schaue zu ihr auf, ich mag sie sehr, ich habe Respekt vor ihr und weiss, dass ich ihr vertrauen kann. Und ich hab ihr schon gesagt: "Du, ich glaub, ich kann das nicht!" und sie sagte: "Aber ich weiss, dass du das kannst!!" Es ist wirklich schwer sowas abzuschlagen oder nochmal intensiver und vetraulich zu sagen: "Ich kann das nicht!"

Es ist einfach sehr, sehr viel im Moment - gut, ich muss zugeben, dass wir zur Zeit wenig zu tun haben generell auf der Station. Wir hatten letzte Woche ne schlimme Zeit, aber die hat sich schlagartig geändert. Auf der anderen Seite weiss ich nicht wie ich mit der Verantwortung umgehen kann oder soll, die auf meinem Schultern liegt - es ist wirklich zuviel. Ich bin wieder für viel zu viele Dienste eingeplant, habe selten mal nen Tag frei und mache dann noch 3 Aufgaben zusätzlich, die erledigt werden müssen, die mich nochmal ne unbestimmte Zahl an Überstunden kosten wird. Überstunden, die ich nicht abbummeln kann, die mich von meiner knappen Freizeit abhalten werden ... ich könnte ausflippen bei dem Gedanken an die nächsten Wochen. Ja natürlich ist das großartig, wenn es Leute gibt, die einem viel zutrauen - viele verantwortungsvolle Aufgaben - aber mir geht es jetzt schon schlecht.

Ich merke immer mehr wie mein Körper resigniert. Ich bin zu müde, um mich mit meinen Freunden zu treffen, die ich seit nem halben Jahr nicht mehr gesehen habe. Ich habe Schmerzen - diese Krankenschwestern-Rückengeschichten - einmal in der Halswirbelsäule und in der Brustwirbelsäule, die mir echt zu schaffen machen. Teilweise nehme ich Ibuprofen vorm Dienst und mitten drin, wenn ich merke, dass ich kaum weiter arbeiten kann. Die Patienten werden immer dicker und man muss sie sicherlich 4-5 mal pro Schicht im Bett hochziehen, weil sie runterrutschen - oder sie laufen umher und stürzen fast oder liegen aufm Boden und wenn man die man(n) - also ich - vom Boden wieder hochholt, hab ich das Gefühl dass meine ganze Wirbelsäule MAL WIEDER komplett zusammen gestaucht wird und ich wieder mindestens 4 Tage massive Schmerzen davon habe.

Und dann das psychische ... ich hab ja eh schon seit je her starke Magenbeschwerden (wegen meiner Bulimie von damals), also Stress = Magenschmerzen. Ich nehme fast täglich Ranitic oder Omeprazol (=Säurehemmer für den Magen) wegen Magenschmerzen - es ist nur ne Frage der Zeit, wann ich mein nächstes Magengeschwür schiebe - wenn ich es nicht schon habe. Und die ganzen Schmerzmittel sind auch nicht klasse für den Magen. Dann esse ich kaum ... auf der Arbeit esse ich maximal ne Scheibe Brot, vorher und nachher meisten eh nix, weil ich noch oder schon wieder zu müde bin. Und wenn ich dann mal reinhaue, dann in einem Zustand, indem ich fast unzuckert schwindelig irgendwas in mich reinfutter - Süssigkeiten, Pommes und so nen Mist. Ich esse wirklich nur noch Mist, in keinster Weise ausgewogen oder nahrhaft. Ich habe lange Hungerperioden, in denen ich nicht zum essen komme oder mir schlecht vor Erschöpfung oder whatever es sein mag ist. Ich habe viel abgenommen, 5 kg in den letzten 2 Wochen und die völlig ungewollt.

Und was mich am meisten erschreckt: Ich kann nicht mehr schlafen. Ich liege viel wach im Bett, total erschöpft aber unfähig einzuschlagen. Mein Körper ist erschöpft und wahnsinnig schwer aber mein Geist kommt nicht zur Ruhe. Ich habe gestern Nacht - das erste Mal seit über 2 Wochen! - 5 Stunden am Stück geschlafen. Meistens sind es 2-3 Stunden. Dann wache ich auf weil ich Alpträume hab oder plötzlich nicht mehr schlafen kann. Und ich träume sehr häufig von der Arbeit. Abartig - manchmal fühle ich mich als würde ich einen Alptraum leben - man kommt von der Arbeit, überlegt noch ob man alles richtig gemacht hat und hat gleichzeitig Panik vor der nächsten Schicht - du hast gar keine Chance dich zu entspannen. Und grade wenn man so 12-14 Schichten am Stück arbeiten wie ich ... und immer schön Wechselschichten, so dass dein Körper dauernd aus seinem Schlafrhythmus gerissen wird und man plötzlich zu Zeiten arbeiten muss, an denen man die letzten 5 Tage noch geschlafen hat ... und die Verantwortung, ich muss an soviel denken, ich muss ja wirklich wissen wieso welche Tabletten bei welchem Patienten gegeben wird ... und das alles obwohl du überarbeitet und übermüdet bist und Schmerzen hast und dich nicht erholen kannst von den letzten paar Schichten.

Nachdem ich bei meiner Freundin einen Tag diese Woche in Tränen ausgebrochen bin, weil die Lage einfach so unerklärlich überfordernd war, denke ich wirklich darüber nach, ob ich nicht einfach kündigen sollte. Ich meine, ich liebe meinen Job, ich liebe es mit den Patienten zu arbeiten, die Patienten mögen mich, ich liebe Medizin, ich mag meine Kolleginnen unheimlich gerne ... aber ... aber ich weiss jetzt schon nicht mehr was ich machen soll. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, nicht abschalten, mich nicht erholen - und es wird nicht besser. Die Chefs verheizen uns als wären wir Stroh im Lagerfeuer ... vielleicht muss ich die Konsequenzen für mich daraus ziehen. Aber ich bin eigentlich kein Mensch, der aufgibt - ich hadere sehr mit mir selbst.

16.09.2008 um 01:33 Uhr

Eigentlich mag ich meinen Job

von: Ryan

Wie der Titel schon sagt, es könnte immer noch schlimmer sein - zumindest denke ich mir das immer. Ich hab jetzt 4 Nachtdienste hinter mir - nach sehr stressigen Spätdiensten, die ich noch sehr in den Knochen hatte. Der erste Nachtdienst war furchtbar - ich war alleine auf Station, dauernd rannten meine dementen Omas über den Flur, die ich dann zu allem was ich gemacht hab mitgenommen habe - nur damit ich sie im Auge habe und sie mir über Nacht abhauen. Die drei Frauen waren putzmunter die ganze Nacht, hochmotiviert wach zu bleiben, aber leider in keinster Weise orientiert oder klar im Kopf. Solche kleinen Ansagen wie: "Setzen Sie sich bitte dahin - hier, trinken Sie den Tee" ging noch - dann kam meistens zurück: "Oh danke, ich mag Tee!" Mehrmals versucht ins Bett zu stecken ohne Erfolg ... nein, die rannten die ganze Nacht hinter mir her ... dann ne sehr anstrengende Patientin, die tausend Fragen hatte ... im 5 Minuten Takt geklingelt wegen dies und jenem ... wollte Fragen wieviel Uhr es ist, wie alt ich bin, ob ichne Freundin hab, ob sie Wasser trinken darf und bla bla bla ... ich hätte ausflippen können ... und das die ganze nacht lang ... ich hab wirklich nur das Nötigste geschafft, war auf 180 geladen als meine Kolleginnen zur Übergabe kamen ... hab nur rumgeschrien und war echt unerträglich von meiner Stimmungslage ...

Nächste Nacht ... plötzlich heisst es, ich hätte nen Springer ... ne ganz liebe Kollegin, die ich sehr gut kenne und die sehr fleissig ist .. plötzlich schlafen die dementen Patienten und alles ist ruhig. Als hätten sie gerochen, dass ich nicht alleine wäre ... alle waren lieb bis auf wenige unbedeutende Zwischenfälle. Nebenbei hatte ich auch noch 3 über 100 kilo Patienten, die ich zwar alleine lagern KÖNNTE ... aber nicht ohne Rückenschmerzen zu bekommen ... nach der ersten Nacht hab ich meinen Rücken mal wieder richtig gemerkt ... die Nächte mit meiner Kollegin war das plötzlich was ganz anderes. Wir hatten sogar pro Nacht mindestens ne halbe Stunde Zeit uns über private Dinge zu unterhalten - das war echt ne Wohltat! Ich sag zu ihr: "Ich muss noch das und jenes erledigen!" und sie sagt: "Nee, hab ich schon gemacht!" Freu ...

Trotzdem bin ich heute ziemlich knülle ... ich hab mich um 10.00 morgens hingelegt, bis knapp 14.00 geschlafen udn ich fühl mich den ganzen Tag lang "betrunken" - egal was ich mache, ich mache es komisch oder verkehrt. Ich verschreibe mich, ich kann mich nicht richtig artikulieren, ich bin dauermüde, ich verschütte Getränke ... Schlafmangel ist was sehr fieses ... ich hab echt nen harten Job ... sowas ist Quälkram ... ich hab halt versucht früh aufzustehen, damit ich nachts schlafen kann und nicht stundenlang wachliege ... aber es ist schon hart.

Und ich in den Nächte mit meiner lieben Kollegin hab ich endlich mal geschafft mit meinem Vater zu telefonieren, der ja in den USA lebt ... mein göttlicher Vater ... eine Nacht hab ich mit ihm geredet und er fragte mich was so Thema in meinem Leben grade wäre ... und ich sagte, die Arbeit und hab so nen bissle von den harten Schichten erzählt, die mich im Moment erwarten und die ich so erlebt hab in der letzten Woche ... und die Schichten waren schon sehr, sehr hart. Zwei Stunden später ruft er zurück, total euphorisch: "Ich hab nen neuen Job für dich, du spielst doch die Drums, ich hab ne Band wo du sofort anfangen kannst." Und ich nur: "Äh ... ich will keinen neuen Job ... und ich will nicht in die USA ziehen!" Der Mann ist unmöglich.

Ich hatte dann noch die Möglichkeit mit meinem Patenonkel (nen sehr guter Freund meines Vaters, lebt auch in den USA) zu telefonieren und der ist GOTT SEI DANK zwischenmenschlich nicht so ganz gedankenlos wie mein Vater - und der fand die Aktion auch unmöglich und sagte: "Dein Vater scheint nicht zu verstehen, dass du deinen Frust nur los werden wolltest ... und dass du nen eigenständiger Mensch bist, der selbst entscheiden, wo er leben und was er arbeiten will."

Ach ja ... so long ... ich bin totmüde ...

12.09.2008 um 00:47 Uhr

Der schlimmste Dienst meines Lebens

von: Ryan

Mein Top 1 der schlimmsten Dienste ... es hat ein neues Höchstmaß erreicht ... ich habe heute sicherlich DEN absolut schlimmsten Dienst aller Zeiten erlebt - ach, eigentlich den schlimmsten Dienst, den ich in 4 Jahren je erlebt hab. Ein Spätdienst ... die Tafel mit den Patientennamen ist voll ... brechend voll und alle sind sie furchtbar krank und furchtbar pflegebedürftig ... und aufwändig.

Mein Beruf ist mittlerweile blanker Selbstmord. Wir hatten 5 Aufnahmen, alle samt aus Heimen, grotten dement, alle mit Dünnpfiff, alle machen sie nur Blödsinn. Sie liegen aufm Boden, in ihrer eigenen Scheisse und du stehst daneben und fragst: "Frau xy, warum sind Sie denn aufgestanden?" und sie gucken dich nur mit großen Augen an. Eine hab ich ausm Treppenhaus rausgefischt, ne andere hatte ins Bett gemacht, wieder ne andere hatte sich ne Patientenakte geschnappt und verstreute die Zettel über den ganzen Flur. Und die, die nicht aufstehen können, wiegen über 100 kg und man bricht sich jedes Mal den Rücken, wenn man sie hochzieht im Bett, weil sie wieder bis ans Fussende gerutscht sind.

Und nebenbei der Papierkrieg, gegen den wir mittlerweile auch ankämpfen. Es ist unglaublich wieviele Zettel ausgefüllt werden wollen, wenn man als Aufnahme im Krankenhaus landet. Wieviel Papier man benötigt nur damit man nen Ultraschall kriegt ... Meine Kollegin sah ich zwischen 14 und 17 Uhr gar nicht ... die war irgendwie in den Patientenzimmern verschwunden und kam irgendwann total verschwitzt ins Dienstzimmer, Blut am Kittel und hatte nur noch nen müdes Lächeln übrig als ich sagte: "Ich hab zwei deiner Aufnahmen ausgearbeitet und deine Visiten gemacht."

Ich bin wirklich abartig gut im schnell arbeiten und Gas geben ... ich geb eigentlich immer am Beginn eines Dienstes Gas und Volldampf, damit ich vielleicht um 17.00Uhr 20 Minuten Pause rausschlagen kann ... heute - No Chance. Es war nicht machbar. Unsere Schülerin haben wir 20 Minuten eher nach Hause geschickt, weil die sich auch halbtot gemacht hat und extrem müde aussah. Um 18.00 - nachdem ich schon 4 Stunden wirklich VOLLGAS gegeben hab in allem was ich getan hab, hab ich echt meinen Körper gemerkt. Zitternde Hände, Übelkeit, noch keinen Schluck getrunken, noch nix gegessen, keine Minute Pause. Ich dachte echt, ich seh gleich Sternchen und alle Patienten stehen in der Tür und fragen nach dem Abendbrot. "Wir haben Hunger!" - Ich auch ... aber erst bekommen die Patienten, dann ich ... also hab ich mir kurz nen Apfelsaft runtergehauen und dann ging es los mit Abendbrot verteilen und füttern bei den Patienten, die nicht alleine essen können ... ich bin wirklich mit 3 Löffeln gleichzeitig aufm Flur rumgerannt ... in Zimmer 1 ein Hapser, in Zimmer 2 wieder ein Hapser, in Zimmer 3 ein Hapser und zurück ins Zimmer 1 und das ganze von vorne.

Zwischendurch das Telefon: "Hallo, hier ist Frau Meier, können Sie bitte Frau xy ganz lieb Grüßen?!" Ich hab heute alle Grüße vergessen ... oder: "Hier ist Doktor blabla, wie ist der Kaliumwert von Frau xy?!" Die Ärzte haben uns wenigstens heute echt mit Samthandschuhen angefasst und waren echt lieb, weil wir beiden Schwester, bzw. ich als Pfleger total durch waren und die echt gemerkt haben, wie sehr uns der Schweiss von der Stirn tropfte. So alla: "Sei mir nicht böse, ich weiss dass du ganz viel Stress hast, aber ..."

Normaler Weise bin ich nach so einem Dienst stinksauer und rege mich auf. Ich motze, ich brülle ... heute nicht ... ich hab keine Kraft mehr. Ich bin fix und fertig, ich hab weder geschrien noch gemotzt. Ich war einfach nur still ... so still, dass die Nachtdienstschwester schon sagte: "Oh Ryan, dir gehts echt nicht gut." Und mein Rücken bringt mich um - soviele Patienten gedreht im Bett, soviele vom Boden hochgehoben und soviel hochgezogen im Bett ... und die Station sah aus wie ein Schlachtfeld ... alles irgendwo hingeschmissen, wo man grade stand, in der Küche, die wir mitversorgen müssen, stapelten sich 3 Stunden lang die 30 Teller und Tassen vom Abendbrot, teilweise sogar aufm Boden, weil auf den Arbeitsflächen schon zuviel schmutziges Geschirr rumstand ... die Wäschewagen leer, die Wäsche- und Müllbeute dafür umso voller. 3 große blaue Müllbeutel mit Schutzhosen haben wir geschafft in diesem Dienst und 2 Wäschesäcke mit vollgekoteter oder urinierter Wäsche. Um 17.00 war ich NOCH am fluchen und hab geschrien: "Ich flippe aus!" aber ab 20.00 hab ich nur noch gearbeiten, mit Augenringen und erschöpft und viel zu kaputt um mich aufzuregen.

Und zu allem Überfluss hatten wir ne super irre Patientin dazwischen, jung, dick, Thrombose im Unterschenkel und schizophren, nicht zu begrenzen, überschreitet jegliche Grenzen und ist voll abgeknallt, sobald sie mich gesehen hat. Ich war bei ihr, und musste ihr nen Mittel spritzen damit das Blut nicht so schnell geringt und sich die Thrombose auflösen kann ... und sie fing an mit: "Finden Sie mich attraktiv?" und ich: "Sorry, aber auf sowas kann ich nicht antworten." - und sie: "Ich bin Ihnen zu dick oder?!" und meine Kollegin: "Ey, hören Sie mal auf damit den Pfleger anzugraben, das ist hier keine Partnerbörse." und die Patientin: "Ich bin schwanger - von Ihnen!" und ich: "Wie geht das denn?" und die Patientin: "Ich habs mir grade gewünscht." und ich: "Aha." Meine Kollegin guckt nur komisch. Und die Patientin wieder total psycho: "Freuen Sie sich nicht Vater zu werden?" - und ich: "Meine Freundin wird das nicht so geil finden" - und die Patientin: "Aber wir sind doch jetzt ein Paar!" und meine Kollegin: "Woah! Jetzt reichts aber! Reissen Sie sich zusammen!" Und das Problem: Die Patientin glaubte das im ERNST! Die hat mich psychotisch verarbeiten und im ganzen Stress hatte ich immer diese durchgeflippte Braut hinter mir her rennen, die eigentlich Bettruhe hat und gar nicht inner Gegend rumlaufen darf: "Ryan! Ryan! Wir müssen reden!" - "ICH KANN JETZT NICHT!" und meine Kollegin hat sich echt Mühe gegeben, die von mir fern zu halten. Die kam mir echt bis in die Patientenzimmer hinterher gerannt, weil sie besprechen wollte wie das Kind heissen soll und ob die Thrombose schlecht für das Kind ist und und und ... wir haben im gesamten Dienst 4 Mal die Ärztin reingesteckt ins Zimmer, damit die ihr sagt, dass sie damit aufhören soll ... dann gings immer 10 Minuten und dann flippte die wieder durch.

Und inner Übergabe - die sich eh schon um 30 Minuten verspätete, weil wir noch am aufräumen unserer Misthaufens waren - ging dann zwischendurch gar nichts mehr. Ich konnte nicht mehr denken, ich konnte nicht mal mehr von A nach B denken. Es ging nix. Ich hab so erzählt was ich wusste, hab mich entschuldigt für alles was ich nicht mehr wusste oder vergessen oder versäumt hatte ... und dann gings los - Kloss im Hals und Tränen in den Augen - und als ich dann anfing zu heulen, gings bei meiner Spätdienstkollegin auch los. Sie schluchzte dann auch immer: "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr ..." Wenn ich meine Kolleginnen nicht so mögen würde, würd ich mich morgen krank melden - und dann kann irgendeiner ne Doppelschicht schieben und das ist ja auch ... ach scheiss Job!

07.09.2008 um 00:39 Uhr

Meine drei Dämonen

von: Ryan

Musik: Muse

Ich schreibe zu selten ... eigentlich gibt´s da viel mehr was mich bewegt, aber im Moment fühle ich mich oft zu müde und zu erschöpft um zu schreiben. Es passiert eigentlich nicht viel, ich arbeite wieder nach meinem Urlaub und hab mich gleich nach der ersten Schicht ausgesaugt und tot gefühlt. Die ersten paar Stunden war ich voller Elan und Energie ... und dann passierten die ersten Dinge, die einfach nur scheisse waren - Dinge, die so passieren, mit denen keiner rechnet - Dinge, die einem die Beine wegreissen und mit denen man trotzdem klar kommen muss und professionell handeln ... natürlich tue ich das. Ich bin verdammt gut in dem was ich tue ... aber man hat trotzdem das Gefühl, als ob es einem die Beine wegreisst und man versucht trotz allem aufrecht stehen zu bleiben und zu weiter zu machen.

Ich war echt angepisst nach meiner ersten Schicht ... danach konnte es eigentlich nur besser werden - und das tat es auch. Gott sei dank. Aber es zeigt mir einmal mehr, dass ich nicht alt werde in meinem Traumberuf. Genau das was ich grade mache, möchte ich machen. Genau damit will ich mein Geld verdienen - aber es ist blanker Selbstmord. Körperlich ... gleich nach der ersten Schicht wieder Rückenschmerzen wie Hölle - psychisch ... ich musste mit mir kämpfen mich nicht zu betrinken - und seelisch ... ich war so leer, so unzufrieden, so wütend über Dinge, die ich nicht ändern kann, bzw. nicht in meiner Macht stehen. Was für ein scheiss Job - trotzdem gehöre ich dann zu den Menschen, wenn es richtig stressig und hart wird - grade dann hochmotiviert sagen: Jetzt erst recht! Und es ist hart, wenn man nach 8 Stunden rausfindet, dass der eigene Elan und der eigene Stolz zerbrochen vor einem liegen und man sich nur noch unter der nächsten Bettdecke verkriechen will. Das ist scheisse - richtig scheisse.

Und sonst so ... es gibt ja auch noch ein Leben neben der Arbeit. Sonst ist auch alles so ziemlich ... ich weiss auch nicht, wie ich es ausdrücken kann. Ich fühle mich jetzt nach einem Tag frei immer noch erschöpft und müde, total demotiviert mich mit Freunden zu treffen und irgendeinen Schritt mehr zu tun als ich grade muss. Und ich erkenne immer mehr wie sehr mein Leben zerrüttet ist. Manchmal glaube ich wirklich, ich sei stark, ich hätte den Absprung aus den schlimmen Zeiten geschafft, aber zur Zeit kommen meine Dämonen immer mehr zurück ... meine drei Dämonen sind Hunger, Schmerz und Alkohol. Wenn ich einen im Griff hab, erhält ein anderer die Überhand. So geht das seit Jahren.

Ich habe Jahr lang unter Bulimie gelitten, hungern, kotzen ... immer der gleiche Kreislauf. Ich hab so gelitten. Dann kam das selbstverletztende Verhalten - ich hab meinen Körper zerschnitten - und jetzt wo die Narben verblassen und ich mein Gewicht akzeptieren kann und fast alles wieder essen kann, was damals verboten war und ewig nicht gekotzt habe, merke ich, dass ich kaum alleine sein kann, ohne einen Abend zu trinken. Im Moment trinke ich viel, es ist nicht schön - ich bin neulich durch meinen nächsten Supermarkt gelaufen, Pfandflaschen weggebracht - der Automat war kaputt, vor mir zwei vermeindliche Alkoholiker - ich bin mir ziemlich sicher, ich arbeite ja immerhin mit alkoholkranken Patienten. Beide Männer wurden immer unruhiger je länger das Pfandflaschen einwerfen benötigte ... am Ende sah ich beide kaum mit Lebensmitteln, dafür umso mehr mit Bierflaschen eingedeckt an der Kasse stehen. Und ich ekel mich vor solchen Leuten - ich halte sie für willensschwach - auf der anderen Seite hab ich auch fats nen Jahr gebraucht um Süchte als Krankheit anzuerkennen.

Ich dachte früher, die Leute wollen nur nicht ... aber je mehr ich darüber weiss und je öfter ich diese "Suchtis" auf Station hab und diese immer wieder rückfällig werden und wie unglücklich sie damit sind und man merkt, wie sehr sie sich vor sich selbst ekeln, desto mehr Verständnis kann ich dafür aufbringen - zur Erklärung: Mein Stiefvater ist auch starker Alkoholiker - hat natürlich ÜBERHAUPT KEIN PROBLEM mit dem trinken - er kriegt halt nur Probleme, wenn er nicht trinken kann. Mama ist ähnlich, sie kann zwar lange Zeit ohne Alkohol auskommen, aber wenn sie trinkt, dann kann sie nicht mehr aufhören. Und ich schätze ganz stark, dass ich auch so nen Alkoholiker-Gen abgekriegt hab. Nicht umsonst hat mein Bruder ne Kneipe und ne gute Ausrede jeden Abend 2 bis unendlich viel Bier zu trinken. Alle trinken gerne - und ich auch. Und im Moment ist es echt schlimm.

Gestern wollte ich nicht trinken, nur um mir zu beweisen, dass ich nicht trinken muss. Und - es ist echt schlimm sowas zu sagen - aber ich hab echt Druck gehabt, ich bin um den Kühlschrank rumgeschlichen - ich hab oft das Problem, dass ich Gedankenchaos hab, wenn ich alleine bin und manchmal wird es echt schlimm - und gestern war es echt schlimm - aber ich wollte nicht trinken - aber ich habs dann doch getan. Nicht viel - 1 Bier - aber es war 1 Bier - UND ICH WOLLTE NICHT TRINKEN. Das ist das allerschlimmste.

Manchmal hab ich sas Gefühl durch diese Dämonen bleibe ich normal - dadurch raste ich nicht eines Tages total unangebracht auf der Arbeit oder im Supermarkt aus oder breche heulend irgendwo zusammen. Vielleicht sind es auch einfach nur tolle Verdrängungsmechanismen. Wer weiss. Aber es beschäftigt mich schon sehr - grade jetzt, wo ich lange Zeit dachte, es würde gut laufen, es würde mir gut gehen - und jetzt muss ich feststellen dass es doch nicht so ist. Nicht ganz so gut wie ich es mir vorgestellt hatte - wie ich es mir gewünscht hätte.