Boys don´t cry

31.10.2008 um 17:30 Uhr

Und wieder eine Geschichte aus dem Leben des Ryan

von: Ryan

Zwischenbilanz von dem Urlauber: Urlaub ist geil. Heute komm ich auch mal dazu meine freie Zeit mit mir alleine zu genießen. Mein Urlaub war die ersten Tage nämlich ultra stressig. JEDEN Tag standen mindestens 2 Programmpunkte auf der Liste - oder mehr - so Sachen wie Freunde treffen, Kino und so weiter. Meine Freundin und ich haben uns vorher überlegt, was wir so "abfrühstücken" müssen im Urlaub. Zum Beispiel wollten wir dringend mal wieder Sushi essen, Cocktails trinken, Kino ...

Ja Urlaub ... wahnsinnig stressige Geschichte. Aber ich glaub die meisten Freunde und Bekannten hab ich jetzt durch, alle mal gesehen, mit allen gequatscht, mit allen nen Bier getrunken. Das ist auch schlimm an Urlaub-haben: Überall wo du hin kommst, gibts nen Bier oder zwei ... Gestern bin ich schon mit Kater aufgewacht - gut, da sind wir auch bei meinem Bruder abends versackt und von meinem Bruder kommen so Sprüche wie: "Du trinkst doch noch nen Bier? Wie?! Was heisst denn: ich kann nicht mehr?!" Das Problem: Wir sind alle irgendwie mit nem Kater aufgewacht ... und mussten ziemlich früh am Mittag zu meiner Mama zum obligatorischen Familienessen. Bis um 4 Uhr morgens gesoffen und um 12 zum Mittagessen bei Mama taufrisch erscheinen - Oma wird ja operiert, also hat Mutti gesagt, wir müssen alle kommen. Mein Bruder Chris tauchte da schon mit Sonnenbrille auf so alla: Bitte nicht ansprechen, ich bin nur körperlich anwesend. Mein Bruder Mike (auch dabei gewesen abends, darf im übrigen wieder bei seiner Familie wohnen, hat aber immer noch das Zeichen des Sünders auf der Stirn stehen) hatte wohl kaum geschlafen, wurde um 7 Uhr morgens nach 3 Stunden schlaf von seiner Tochter geweckt und sah dementsprechend nicht gut aus. Ich hatte leichte Kopfschmerzen aber mittlerweile wieder Appetit - und Steffi (die blöde Kuh) hatte ... nix. Keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit, keinerlei Spätfolgen - und hatte sogar ein Bier mehr als ich gehabt! Als ich am Abend sagte: "Ich kann nicht mehr, ich muss mal nen Wasser trinken" kam von meiner zierlichen Freundin: "Stell dich doch nicht so an!" Ossis sind echt trinkfest ...

Naja, das war zumindest ein riesen Trallala bei Mama als die merkte, dass wir alle nicht so ganz taufrisch und wahrscheinlich mit ordentlich Restalkohol bei ihr aufgeschlagen sind. WENIGSTENS sind wir aufgeschlagen, aber Mama hat sofort geschimpft: "Wir haben unter der Woche! Wie könnt ihr euch an einem Mittwoch-Abend so betrinken? Ihr stinkt als ob ihr grade aus ner Kneipe rauskommt! Mike! Kannst du nicht auf deine kleinen Brüder aufpassen? Guckt euch mal die Steffi an! Nehmt euch ein Vorbild! Die geht abends auch feiern, aber betrinkt sich nicht so wie ihr!"

Und meine liebreizende Freundin strahlt uns an wie die Jungfrau Maria. Ich glaube, wenn sie auch nur ein falsches Wort gesagt hätte oder nur zustimmend genickt, hätten wir drei Jungs sie erwürgt. Und während des gesamten Essen und nochmal beim Kuchenessen kam von Mama immer mal wieder ne Stichelei: "Nehmt euch ein Beispiel an der Steffi, die muss sich nicht so betrinken wie ihr!" und irgendwann zwischen dem 1. Und 2. Stück Kuchen sagte mein Bruder Chris: "So wenig hat sie aber auch nicht getrunken!" Steffi guckt schon schuldbewusst zu Boden ... und Mama sofort: "Das könnt ihr doch gar nicht beurteilen! Ihr ward betrunken!" Das ist typisch Mama: Sie weiss ALLES - auch wenn sie nicht dabei war. Und dann kam Oma ins Spiel bezüglich Vorwürfe machen: "Was ist wenn ich bei der Operation sterbe? Dann muss ich meine Enkelkinder immer als so Saufnasen in Erinnerung behalten!" - "Oma, du stirbst nicht, das ist nen Routineeingriff!" - "UND WAS IST WENN DOCH?!"

Naja, Ende vom Lied: Oma wurde heute vormittag operiert und lebt noch. Mama hat mich fast stündlich telefonisch über ihr Befinden informiert.

24.10.2008 um 22:32 Uhr

Yiieehaa

von: Ryan

Unglaublich - ich kann´s noch gar nicht fassen. Ich hab endlich Urlaub. Nachdem ich jetzt ne Woche lang jeden morgen um 4 Uhr aufgestanden bin, mich durch die kalte Nacht zum Krankenhaus gequält habe, um dort nen Kaffee zu trinken und dann nach der Übergabe meine Patienten um 7 Uhr oder früher zu wecken, zu waschen, zu versorgen, auf Untersuchungen vorzubereiten, sie aufzunehmen, sie zu entlassen, ihnen Medikamente zu geben, ein offenes Ohr zu haben, freundlich zu sein, windeln, organisieren, aufregen, laufen, aufräumen und so weiter und so fort ... das ist vorbei. Ich habe Urlaub. Ich hab´s noch gar nicht realisiert, ich freu mich natürlich - sehr sogar. Ich darf jetzt ausschlafen, ich muss keinen von den Knalltüten sehen. Keine Hektik - kein Stress. Großartige Zeiten liegen vor mir.

Diese Geburtstagsgeschenk-Sache ist auch vom Tisch. Das Geschenk ist liebevoll verpackt und sorgfältig vor den neugierigen Blicken meiner Freundin versteckt. Wie habe ich das angestellt? Ich bin wirklich mal wieder alleine auf ne großartige Idee gekommen. Nachdem ich frustriert von nem Schaufensterbummel zurück kam und total ideenlos und verzweifelt war, hatte ich irgendwann eine geniale Eingebung: Meine Freundin ist großer, großer Ärzte-Fan. Und nachm letzten Konzert in Hamburg, hat sie sich nen Ärzte-T-Shirt gekauft - und sagte später, dass sie sich ärgere, dass sie sich keinen Ärzte-Pulli gekauft hätte - weil sie in dem Moment zu geizig dafür gewesen wäre. Wochenlang hat sie fast täglich folgenden Satz gesagt: "Hätte ich mir den doch gekauft ..." Wozu hat man einen aufmerksamen Freund? Ich muss zugeben, dass ich selbst im Moment sehr fasziniert bin, wie aufmerksam ich bin - und dass ich mich nach so langer Zeit daran erinnert habe. Ich vergess ja sonst sofort jeden Mist. Nein, scheinbar doch nicht. Geburtstag ist also gerettet.

18.10.2008 um 00:59 Uhr

Dauer-Erschöpfungs-Zustand

von: Ryan

 

Irgendwie ist es heute wieder schlimm. Ich hab endlich frei nach einem 12-Dienste-Marathon - wobei ich mich eigentlich nicht beschweren dürfte, denn ich mach mich zur Zeit nicht tot auf der Arbeit. Die Dienste sind angenehm, wir schaffen unsere Arbeit, bleiben sehr selten mal länger - die Patienten bleiben allerdings aus. 1/3 der Betten ist leer - chronisch seit einigen Wochen, keiner weiss woran das liegt. Aber das ist - meiner Meinung nach - auch gut so. Allerdings muss ich die Station nicht finanzieren, ich denke selten wirtschaftlich. Auf der anderen Seite ist die Bettenbelegung auch nicht meine Baustelle.

Die letzten Dienste waren Nachtdienste - ruhige, sehr angenehme Nachtdienste, zumindest vom Arbeitsaufwand her. Ich konnte so vor mich hin tüddeln, dies und jenes machen, was sonst so liegen bleibt am Tage. Das einzige was mich richtig runterzieht ist, dass ich in 3 Nächten 2 Tote hatte. Eine ältere nette "Oma" die einfach morgens tot im Bett lag - die hat sich heimlich verdrückt. Ich wollte morgens die Infusionsflasche wechseln und guck ... und sie ist tot ... und ich wechsel noch die Flasche und plötzlich merke ich: "Scheisse! Sie ist wirklich tot." Naja, sowas passiert. Ein friedlicher Tod, ohne Zweifel, sie sah zufrieden und entspannt aus. "Sie scheint sich bei dir wohl gefühlt zu haben" sagt meine Kollegin noch, naja, aber es ist trotzdem immer schwer.

Durch die zweite Nacht hab ich alle Patienten lebend rausgekriegt, aus der dritten leider nicht mehr ... junger Mann, vielleicht Ende 20, Suizid - in MEINER Schicht. Ich hatte eigentlich nen anderen Eintrag vorher schon geschrieben, aber das war echt zu detailreich und sowas kann man keinem antun - denke ich zumindest. Nur ganz knapp: Ich hab ihn gefunden, wir haben ihn reanimiert über ne Stunde lang und wir haben uns echt Mühe gegeben ... aber wir haben ihn nicht ins Leben zurück bekommen.

Und diese ganze Geschichte hat mich echt etwas traumatisiert. Ich hab immer noch die Bilder vor Augen und es war echt unschön und dadurch, dass er sich mit nem Messer suizidiert hat, war alles - wirklich alles - voller Blut. Wir haben bei der Rea nur im Blut gekniet, ich hab die Schweinerei sauber machen können - also wirklich die gesamte Schweinerei, also Fussboden, Notfallkoffer, Leichnam- und irgendwie belastet mich diese Geschichte doch erheblicher als ich dachte. Ich hatte bis jetzt auch noch nicht die Möglichkeiten mit irgendwem darüber zu reden, dem ich vertraue. Gut, ich hab das Gespräch auch noch nicht gesucht, es gibt ja immer irgendwen den man zuschwallen kann, ob derjenige das nun möchte oder nicht ...

Zumindest jetzt habe ich frei - ich genieße es mal nen paar Tage für mich zu haben - auf der anderen Seite bin ich echt super unmotiviert und irgendwie auch resigniert und unzufrieden. Ich wollte doch was Bewegendes machen in meinem Leben, irgendwie "Großes" - nicht nur jeden Tag zur Arbeit und zurück und an meinem freien Tagen vorm Fernseher sitzen - leider hab ich genau das heute gemacht. Ich konnte mich zum Einkaufen motivieren - aber mehr dann auch nicht. Und diese Zustand fühlt sich irgendwie sehr resigniert und unzufrieden an. Ich hab viel vor - aber irgendwie fehlt mir die Motivation - rede ich mir zumindest ein - vielleicht fehlt mir auch die Kraft. Vielleicht brauch einfach 24 Stunden um mich wirklich von so nem langen Arbeitsmarathon zu erholen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur ungeduldig und zu anspruchsvoll an mich selbst. Das kann durchaus sein. Vielleicht ist das einfach nicht vereinbar - auf der einen Seite der überaus aufopfernde Super-Pfleger zu sein und nebenbei auch noch ein tolles aufregendes Privatleben zu haben. Im Moment isses wirklich in keinster Weise aufregend. Meistens bin ich zu erschöpft für Aufregung.

Für morgen hab ich mir vorgenommen etwas früher aufzustehen - nicht wieder wie heute um 15.00 (scheiss Nachtdienst) und mal etwas mehr zu schaffen, zum Beispiel ein Geburtstagsgeschenk für meine Süße zu kaufen. Die hat nämlich in 14 Tagen Geburtstag und irgendwas Nettes werde ich wohl finden können. Aber ich hab leider noch gar keine Ahnung was ... für erotische Fotos von mir selbst, hab ich leider grade nen kleinen Rettungsring um die Hüfte, also fällt diese Idee dieses Jahr flach - im übrigen war das nen Scherz, nicht dass es im Nachhinein heisst "Der hatte das wirklich vor!"

Vielleicht hat auch wer von euch ne schöne Idee? Liebe Frauen, was wünscht ihr euch zum Geburtstag?

11.10.2008 um 00:57 Uhr

Seuchen und andere alltäglichen Katastrophen

von: Ryan

Ich arbeite mal wieder - und arbeite - und arbeite - jeden Morgen das gleiche Spiel: Schlafen bis 10, duschen, was essen, bissle aufräumen in meiner verdreckten Einzimmerwohnung, die ich auch nicht schaffe zu putzen, wenn ich Spätdienst habe. Dann zur Arbeit, bis 22.00 arbeiten, nach Hause, Fernsehen, Computer, schlafen und das Ganze von vorne. Meine Freundin sehe ich so GAR NICHT, weil die Frühdienst hat, da bleibt nur nen kurzes Telefonat am Abend wenn ich von der Arbeit komme und sie grade schlafen geht.

Und ich habe mich sehr auf meinen Urlaub gefreut, den ich eigentlich in 2 Wochen antreten wollte ... nun bin ich irgendwie nicht mit Urlaub im Dienstplan eingeplant sondern mit ner fetten Nachtdienst-Woche ... ganz super. Da hat wieder einer Mist gebaut oder sie trauen sich nicht mir zu sagen, dass sie mir MAL WIEDER den Urlaub streichen wollen. Aber das können die knicken, da komm ich mit meiner armen gebrechlichen Oma, die operiert wird, und um die ich mich dringend im Urlaub kümmern wollte. Ich hab keinen Bock mehr auf diese Faxen von meinen obersten Chefs. Neulich im Spätdienst wollten die mir noch nen Nachtdienst andrehen so alla: "Da ist wer auf ner anderen Station krank geworden, eure Nachtwache geht auf diese Station und du kannst ja ne Doppelschicht machen, hängt "einfach mal so" nen Nachtdienst hinten dran" Ja klar ... ey ... so seh ich aus als wäre ich scharf auf nen 18 Stunden Dienst ... wer in der freien Marktwirtschaft arbeitet denn bitte 18 Stunden?? Von mir wird es natürlich erwartet, weil ich nen sehr sozialen Beruf habe und mich ja ständig aufopfere ... ist richtig ... irgendwann ist dann auch mal Schluss ... ich hätte nicht mal frei gekriegt am nächsten Tag, nee. Da erwarten die von mir, dass ich um 8 schlafen geh und um 13.00 wieder zum Dienst antanze ... so gut passt man auf die Gesundheit seiner Mitarbeiter auf.

Eigentlich darf ich mich gar nicht beschweren, wir haben grade nen angenehmes Leben, wir haben kaum Patienten, es ist "ruhig". Aber im Krankenhaus gibt es ja immer etwas zu tun. Medikamentenschränke aufräumen, Kühlschränke, Notfallkoffer etc. kontrollieren, irgendwelche Lagerräume aufräumen und auseinander nehmen ... man findet immer was. Und sehr beliebt: Putzen. Man kann alles putzen und desinfizieren und alles muss ja irgendwann mal geputzt werden. Meine Mädels haben also geputzt und ich hab mich um nen verwahrlosten männlichen Patienten 3 Stunde gekümmert und hab versucht aus dem wieder sowas wie ein menschliches Wesen zu machen. Der Mann war mal grade ende 20, zwar starker Alkoholiker, hatte jetzt aber irgendwie dauernd Husten und hatte auch sehr viel Gewicht verloren - also mal ins Krankenhaus um zu gucken, was da so los ist. Ich nehm den also auf und krieg fast die Krise als ich die ersten Läuse in seinem ungeschnittenen Haar springen seh. Also mit Goldgeist dran und hab den Typen da 2 Stunden unter der Dusche eingeweicht, hab den prophylaktisch schon mit Krätze-Mitteln behandelt, hab den geschrubbt, den Bart mühsam mit ner Schere gestutzt, rasiert, grob Haare geschnitten, umgezogen, seine Sachen in nen Müllbeutel geschmissen, ihn in nen Krankenhausnachthemd gesteckt ... und dann ... ich könnt kotzen ... hab ich ihn zum Röntgen zuschoben ... und ich komme grade mit dem wieder auf Station, da gröllt unsere Ärztin: "Ryan! Der Patient hat ne offene Tuberkulose!" Okay, gute Nachricht: Der Patient weiss endlich wieso es ihm so schlecht geht seit Wochen. Wir haben eine Diagnose. Schlechte Nachricht: Der hat MICH 20.000 Mal angehustet während ich ihn schick gemacht hab ... ohne Mundschutz etc. Geil ... ich hab also in nen paar Wochen nen Termin zum Blutabnehmen, damit sie gucken können ob ich mich angesteckt hab, weil der Scheiss super ansteckend ist - ich flippe aus. Da gibt man sich 2 Stunden seines Lebens die größte Mühe eine arme gequälte Seele von dem Schmutz der letzten paar Monate zu säubern ... und ganz ehrlich: andere Krankenschwestern hätten den Mann nicht angefasst. Unsere Ärztin hat sich sogar geweigert den zu untersuchen bis er geduscht hat und da ich nen Mann bin und ... nun ja ... sowas bleibt dann an mir hängen. Und ich habe mir Mühe gegeben, verdammt nochmal! Und zum Dank wirste mit ner Krankeheit konfrontiert, die auf der gleichen Stufe wie Cholera und Pest in der Ansteckungsgefahr steht und die zwischen 1800 und 1900 echt viele Todesopfer forderte. Die "Schwindsucht". In welchem anderen Job wird mit man mit Seuchen konfrontiert??

Ich sollte echt irgendwas dummes studieren gehen. Ich bin schon wieder gnadenlos begeistert von meinem Job - mal davon abgesehen, dass der Typ echt super eklig war und zum Dank stecke ich mich (vielleicht) mit Tbc an ...

05.10.2008 um 02:06 Uhr

My Family

von: Ryan

Mittlerweile hat sich unsere familiäre Situation halbwegs beruhigt. Mit "halbwegs" meine ich, dass gewisse Leute mit anderen gewissen Leuten nicht mehr reden, sich dementsprechend nicht mehr gegenseitig hochpushen und mein Festnetz-Telefonstecker seit diversen Tagen aufm Boden liegt. Einmal hab ich meiner Mutter gestattet mit mir zu telefonieren aber auch nur so knapp vom Dienst, dass ich nach 3 Minuten die Ausrede hatte: "Ich muss jetzt zur Übergabe!" und von ihr kam dann nur: "Aber denk dran: Oma wird bald operiert!"

Schock. Oma. Meine Oma ist genau das, was meine Mutter in 20 Jahren sein wird. Hysterisch, chronisch unzufrieden und über alles schimpfend - also genauso wie meine Mama jetzt, nur eben etwas älter. Um genauer zu sein: Ich führe als einziger eine Familientradition weiter. Sowohl meine Oma als auch meine Mama sind Krankenschwestern und haben - wer hätte es gedacht - "große Karriere" in meinem Krankenhaus gemacht. Und es ist ein kleines Krankenhaus und da fällt schon manchmal so nen Satz wie: "Ich weiss noch, als deine Mutter noch die Leitung im OP war." Und beide waren/sind oberkorrekte Krankenschwestern, streng aber gerecht, aber Krankenschwester mit Leib und Seele. Und sowas kriegt man natürlich nicht aus den Leuten raus, selbst wenn sie schon in Rente sind (wie Oma) oder gar nicht mehr arbeiten (wie Mama). Und alles was da länger als 10 Jahre arbeitet, kennt meine Mama natürlich persönlich.

Schön war letztes Jahr: Omas geht ins Krankenhaus, hat ne Thrombose - meine Oma ist echt kerngesund und topfit für ihr Alter bis auf wenige Alterserscheinungen, wie zum Beispiel, dass sie jetzt nen neues Knie braucht. Und eben letzte Jahr bis auf die Thrombose. Sie brüllt zwar immer wie doof und inkompetent bei uns im Krankenhaus alle sind, aber als ihr Hausarzt sie dann einweisen wollte mit Verdacht auf Thrombose, wollte sie auch nirgendwo anders hin. Und dann lag meine Oma bei uns ... als sie ankam, liegend auf ner Krankentrage, brüllte sie gleich: "WO IST RYAN?! Das ist mein ENKEL! Der arbeitet hier! Und ich will nur von Doktor Meiermüllerschulz untersucht werden!" - "Doktor Meiermüllerschulz arbeitet hier aber nicht mehr." - Und sie total kaltschnäuzig: "Ist mir egal! Schafft ihn ran!" Solche Sätzen klären immer sofort die Fronten ...

Und dann lag Oma da ... sie war noch nicht mal beim Ultraschall um die Thrombose zu betätigen, da hat sie schon gebrüllt wie am Spieß, dass man ihr das Bein wickeln damit sie aufstehen kann. Dann haben mich natürlich meine Kollegen alle vorgeschickt: "Ist ja deine Oma, mess mal Blutdruck." - da hat Oma mich erstmal gefragt ob ich denn Blutdruck messen kann - ich konnte es damals schon seit zwei Jahren, aber so ne Fragen von ner alteingesessenen Krankenschwester, mit der man verwandt ist, schüchtern einen sehr ein. Ich hatte nen hohen Druck raus - Oma hat sich ja auch die ganze Zeit aufgeregt wie Hölle - und sofort von ihr: "Das ist nicht mein Blutdruck! Ich hab nie nen hohen Blutdruck!!" - und ich erklärend: "Naja, ist ja auch alles grade aufregend für dich." - "ICH BIN NICHT AUFGEREGT!" Ne Kollegin hat nachgemessen, hatte noch nen höheren Wert, aber Oma hat sie gleich für noch dümmer erklärt als mich ... guter Start für die erste halbe Stunde.

Ich durfte dann natürlich auch nicht mehr weg von ihrem Bett. Als der Stationsarzt dann Blut abnehmen wollte, kamen von Oma nur so vorwurfsvolle Sätze wie: "Sie sind aber jung ... Sie sind hoffentlich kein Assistenzarzt ... wollen Sie nicht GRÜNDLICH desinfizieren? ... Sie bringen mir dann gleich mal den Blutentnahmeschein, ich kreuze selber an, auf was mein Blut untersucht werden soll ..." Bei solchen Patienten tickst du ab ... und tickst auch ab, wenn du NICHT mit ihnen verwandt bist.

Und die Angehörigen solcher Patienten ... sprich: Mama und Co. Mama hatte natürlich SOFORT meine sämtlichen Geschwister und deren Frauen zusammen getrommelt (ich wunder mich heute noch, dass die Nachbarn nicht Bescheid wussten) um Oma schnellst möglichst zu besuchen. Also stapft meine Mutter wie die Queen persönlich über Station und gröllt: "Ich möchte sofort zu meiner Mutter, Frau sowieso, wo liegt Sie?" - "In Zimmer 8" sagt ne unbedarfte Kollegin von mir. Und Mama sofort mit der Nasenspitze irgendwo bei Wolke 9: "Ich will mit dem Stationsarzt reden!" Alleine immer dieses "Ich will" und "Sofort" macht Leute extrem unsympathisch, aber Mama und Oma glauben sie könnten sich das ausnehmen, immerhin sind die beiden ja die Superschwestern überhaupt gewesen.

Dann hatte Oma auch klare Vorstellungen von ihrer Behandlung. Das ging los bei den Schmerzmitteln. "Oma, der Arzt hat Novalgin aufgeschrieben gegen die Schmerzen." - "NOVALGIN? Was soll ich denn mit Novalgin?! Ich will Morphin! Ich bin ein alter Mensch, ich darf das!" - "Oma .. Probier doch erstmal das Novalgin ob es hilft ..." - "ICH WILL MORPHIN! Scheinbar hat hier keiner Ahnung!" Und dann war ich auch noch der Idiot, der ihr das Bein wicklen musste. Nun gibt es ja auch Pflegemaßnahmen, wie zum Beispiel bestimmte Wickeltechniken, die veraltet sind, mit denen man nicht mehr arbeitet oder mittlerweile verboten sind. Oma wollte die ganz ganz ganz alte Beinwickeltechnik ... die ist aber verboten ... und ich wickel halt (und ich kann gut wickeln) und Oma und Mama (die auch noch daneben stand) haben mich ne viertel Stunde lang vollgetextet, dass ich nicht wickeln könnte. Einen Moment lang hab ich wirklich überlegt zu heulen und meiner Mutter die Wickel zu überlassen - aber nun ist es mein Krankenhaus, und die beiden Ollen Schwestern sind raus aus der Nummer. MEIN ARBEITSPLATZ - jetzt bin ich die Superschwester ... äh Superpfleger - zumindest sind die beiden RAUS ... aber das sehen die natürlich nicht ein. Und mit Oma als Patient war es Horror - später als sie aus der Akutphase raus war, ging es ... ich hab sie sogar mal im Rollstuhl auf ne Sighseeing-Tour durchs Krankenhaus eingeladen und sie hat mir erzählt wie es früher aufgebaut ist und sie durfte sich alles mal kurz angucken. Dann war Oma begeistert und Mama wollte auch ne Tour haben - hat sie auch gekriegt - ich bin ja nicht so.

Aber wieder schlimm: Mama und Oma haben sich bei ALLEN über mich erkundigt. Ob ich fleißig bin, ob ich sauber arbeite - aber Gott sei dank haben sie sich beide auch über alle anderen erkundigt. Jede pflegerische und ärztliche Maßnahmen wird im Frage gestellt und immer wieder: "Aber früher haben wir das ganz anders gemacht!" Früher gabs auch Pest und Cholera ... Und dann sah Mutti unseren chirurgischen Chefarzt ... vor dem ich immer sehr viel Respekt heckte, bis meine Mutter - die olle OP-Schwester - ihn mit "Hey Süßer!" begrüßte und er: "Hi Schneckchen!" zu ihr sagte. Dann erwähnten beide im Nebensatz, dass sie mal was miteinander hatten und seit diesem Zeitpunkt kann ich diesem Chefarzt nicht mehr in die Augen sehen. Vielen Dank! Es gibt Dinge, die will ich nicht wissen! Meine Mama ist Jungfrau und ich wurde unterm Apfelbaum gefunden - Punkt, Ende, Aus!!!

Und dann eines Tages war meine Mutter mal wieder zu Besuch, und ich kam so am Dienstzimmer vorbei, sehe da ca. 10 Krankenschwestern und Ärzte von unterschiedlichsten Stationen um meine Mama rumstehen und höre: "Und Ryan war ja noch klein und sehr unruhig, da gab ich ihm meine Handtasche zum spielen, habe aber nicht mitbekommen, dass er einen Tampon heraus gekramt hatte, hat diesen in den Mund gesteckt wie Kleinkinder in ihrer oralen Phase nun mal sind ... und der Tampon füllte sich also mit Ryan´s Kleinkindspeichel und wurde in seinem Mund immer größer - bis er plötzlich panisch schrie, weil er den Tampon nicht mehr aus dem Mund bekam ..." alle brüllt vor Lachen ... und ich hab mich erstmal für 2 Wochen krank gemeldet ... sowas erträgt doch kein normaler Mensch!! Meine Oma brüllt im Krankenbett nach Morphium wegen einer winzigen Thrombose und kritisiert alle in ihrer Arbeit auf böseste Art und meine Mama hat nix besser zu tun als die peinlichsten Kindergeschichten von mir vorm gesamten Klinikpersonal zu erzählen.

Und in 3 Wochen isses soweit: Oma lässt sich natürlich in der schlimmsten Klinik der ganzen Stadt (das waren ihre Worte) ein neues Knie machen. Frage: Warum bei uns? Ich glaube, sie weiss selber nicht wieso. Ich hab mit Oma noch nicht gesprochen aber mit Mama: "Du versorgst Oma doch, oder?" - "Mama, ich arbeite nicht auf der Chirurgie." - "Du lässt dich ja wohl versetzen!" - "Mama, ich will nicht auf der Chirurgie arbeiten! Ich arbeite auf einer Inneren!" - "Dann gehste halt auf die Chirurgie wenn deine Oma nach dir verlangt!" - "Mama, ich hab genug zu tun auf meiner Station! Und die Schwestern auf der Chirurgie machen auch nen guten Job!" - und dann kam ein eingeschnapptes: "Ryan ... das hätte ich nicht von dir gedacht!" Die beiden wissen noch nicht, dass ich meine Woche Urlaub vorverlegt hab ... in der Zeit wo Oma operiert wird ... das ist auch topsecret ... und wenn das rauskommt ... wie gesagt: Ich krieg keine Weihnachtsgeschenke dieses Jahr, aber das ist mir in Anbetracht dieser Umstände mittlerweile egal.