Boys don´t cry

25.04.2009 um 14:01 Uhr

Der Kuchenbäcker

von: Ryan

Eigentlich wollte ich gestern Abend nen Eintrag schreiben über eher blöde Dinge, die mich zur Zeit beschäftigen, von meinem Vater, der mal wieder doof verhalten hat, weil er meinte mir nichts erzählen zu müssen dass jemand der mir sehr am Herzen liegt sehr krank ist, aber man wollte mich ja nicht behelligen. Und als ich dann sauer am Telefon nachts versuchte meinen Vater an die Strippe zu kriegen, war nur meine ältere Halbschwester dran, die mir erzählte wie ähnlich mein Vater ich uns seien, dass ich ja genauso aussehen würde wie er als junger Mann und wie oft er von mir sprechen würde. Es war nen ziemlich langer Eintrag, aber da mein Computer zur Zeit wieder spinnt und sich weigert Texte in den Explorer einzufügen, muss ich den Eintarg verschieben.

Schrieb ich heute also mal wieder was positives. Ich wunder mich über mich selbst. Wir haben Samstag mittag und anders als sonst bin ich schon lange wach. Ich bin früh aufgestanden um ... und jetzt aupfassen ... Kuchen zu backen. Ich krieg nämlich Besuch zum Kaffeetrinken. Ungewöhnlich für mich. Zum einen bin ich nicht der Mensch, der sich zum Kaffeetrinken trifft, zum zweiten hab ich noch nie nen Kuchen gebacken. Okay, mit meiner Mama vielleicht mal als ich klein war, aber noch nie alleine. Eigentlich isses auch mehr nen Torte mit Obst und viel Sahne, aber ich hab sogar den Tortenboden selber gemacht.

Meine Freundin war ganz erschrocken als ich morgens um 9 aufgestanden bin, irgendwas nuschelte von wegen: "Ich muss den Kuchen machen." Sie blinzelte, ich schon aufm Weg ins Bad, da kam sie gleich panisch hinterher gelaufen: "BITTE WAS?!" - "Ich mach nen Kuchen." sagte ich und steckte mir die Zahnbürste in den Mund. Sie blinzelt verdattert: "Wieso Kuchen? Ryan, bist du überhaupt richtig wach?!" - "Ja aber wir kriegen doch Besuch und ich dachte es wäre schön, wenn ich nen Kuchen anbieten kann." Sie blinzelt wieder "Okay ... wenn du meinst ..." und schlurft wieder ins Bett. Als sie dann ne Stunde später in die Kuche kam, wieder so ein panisch-erschrockener Ausruf: "Du machst ja wirklich nen Kuchen!" und der nächste Satz war dann: "Egal was mit dir los ist, das kann gerne länger anhalten."

19.04.2009 um 03:04 Uhr

Ganz nah dran

von: Ryan

Ohne mich lang auslassen zu wollen, egal wie sehr ich schimpfe über die Arbeit über den Tod oder über irgendwen anderes, der mein Leben schwer oder gar unerträglich zu machen scheint: Irgendwie suche ich weiter nach meiner Ruhe, nach meiner Vollkommenheit, nach meinem Frieden und meinem Glück. Diese Gefühl dass alles grade gut ist. Einfach nur gut - dass nix fehlt. Keine Angst, keine Sehnsüchte, einfach alles großartig gut - und ruhig. Vielleicht friedlich. Oder so.

Ich überlege schon seit Tagen wie ich das formuliere - vielleicht mit "mein persönlicher Frieden". Nicht perfekt sein müssen. Der Mensch sein können, den ich selbst auch mag. Ohne irgendwas anstreben zu müssen. Dieses Anstreben ist im Moment sehr anstrengend. Diese Bemühungen alles perfekt machen zu müssen, aufzupassen und sich zu kontrollieren. Perfekte Worte zur richtigen Zeit, Lachen zu provozieren, beliebt zu sein ... ich bin nicht unglücklich, nein. Ich hab viele Menschen um mich rum, die mich mögen wie ich bin, auch wenn ich nicht lustig bin. Das weiss ich.

Trotzdem sehne ich mich nach diesem Zustand, in dem ich total zufrieden sein kann, mit mir und allem anderen um mich herum. Ich hab das Gefühl, ich bin sehr nah dran an dem Leben, dass ich mir immer gewünscht hab.

16.04.2009 um 23:16 Uhr

Von doofen und mutigen Leuten, Ungereichtigkeit, Tod und Wahnsinn

von: Ryan

Musik: The Doors

Endlich mal wieder was von mir - zur Zeit leide ich irgendwie unter ner Schreibblockade. Natürlich erleb ich was und mein Leben ist nun nicht ganz so langweilig, dass es nicht ab und zu mal nen Blogeintrag wert wäre, aber ich kann mich zur Zeit kaum aufraffen.

Arbeit ist - denke ich zumindest - mal wieder dran Schuld. Kaum 4 Wochen ist mein Urlaub her und ich bin schon wieder total erschöpft. Stress, zuviele Pflegefälle und alle anderen Patienten (und auch einige Kollegen) total irre. In den letzten Tagen kam ne ärztliche Kollegin auf mich zu und klagte: "Die Patienten war so fordernd, sie hat mich sofort angepampt weil ich ihr das und jenes erklärt habe - und kaum kommt der Oberarzt, ist sie lammfroh und versteht natürlich alles! Aber ich bin ja NUR die Stationsärztin!" Und ich nur: "Tja, und ICH bin nur der Pfleger - was glaubste wie sie mich dann erst behandelt?" Ausdruck in ihrem Gesicht für den Moment hab ich echt genossen.

Im Moment haben wir auch echt Pech mit unserem Patientenklientel. Alle psychisch sehr angeschlagen, sehr fordernd, dauernd kommt: "Ich will jetzt sofort ..." oder "Ich habe ein Recht auf ..." Ich bin´s echt leid. Zum Beispiel haben wir ne Patientin, die zum Entzug da ist. Viele Patienten neigen in so ner Situation dazu ne Suchtverlagerung durchzumachen. Meistens isses auch so, dass wenn sie dann erstmal trocken oder clean sind, ihren Körper und besonders Schmerzen wieder wahrzunehmen, was vorher durch das Gift in ihrem Körper überdeckt war. Also diese Patientin kriegte ziemlich schnell Zahnschmerzen, wir gaben ihr daraufhin das stärkste Schmerzmittel, was ihre kaputte Leber noch verträgt - ihr reicht das aber nicht, sie möchte mehr. Wieso auch immer, ich mag darüber auch nicht spekulieren. Zumindest kommt sie dann an, gibt ihr Anliegen an, sie wolle jetzt Schmerzmittel. Und dann sagen wir: "Aber Sie haben grade gesagt, dass die Zahnschmerzen besser geworden sind." und die Patientin: "Ja, aber jetzt habe ich Rückenschmerzen, ich will jetzt eine Tablette gegen Rückenschmerzen." und ihr nicht klar zu machen, dass ihre Leber nur bestimmte Mengen an Schmerzmitteln abbauen kann und sie begreift auch nicht, dass eine Schmerztablette gegen ALLE Schmerzen im Körper hilft. Die Tablette ist ja nicht so klever, dass sie genau weiss wo sie hin muss, sie wirkt ja im ganzen Körper ... aber das ist dieser Patientin nicht begreiflich zu machen und sie ist seit ca. 2 Wochen da und wir erklären ihr die ganze Geschichte mindestens 10 Mal pro Tag und trotzdem dreht sie spätestens am Nachmittag total ab, brüllt übern Flur wir seien alle doof und keiner würde ihre Schmerzen ernst nehmen. Eine Ärztin hat den Fehler gemacht und hat entnervt ihr ein Beruhigungsmittel gegeben - jetzt rennt diese Patientin den halben Tag hinter uns her und will uns dieses Beruhigungsmittel aus den Rippen leihern so alla: "Nur AUSNAHMSWEISE, ich erzähle es auch keinen weiter, bitte bitte, mir gehts wirklich sehr schlecht." Für sowas geht natürlich viel Zeit drauf ... vor allem sind sie grade alle so drauf. Das war jetzt nur die Beispielpatientin, damit ihr ne Vorstellung habt, aber von der Sorte habe ich über 10 Leute auf meiner Station.

Und dann hatten wir mal wieder einen beliebten Gast auf Station: Den Tod. 4 Tote innerhalb von 3 Tagen. Das seltsame ist, für sowas gibt´s scheinbar Gesetze zwischen Himmel und Erde. Eins davon zum Beispiel ist: Wenn einer stirbt, nimmt er mindestens 2 mit. Wir haben nie (seit 5 Jahren arbeite ich in der Pflege), wirklich NIE einen Toten alleine und dann Monate lang Ruhe. Es folgen immer mindestens 2 weitere, meistens sogar in der gleichen Woche. Und diese Woche ist so ne Todeswoche. Ich hatte dann das überaus zweifelhafte Vergnügen mich gestern um zwei Tote kümmern zu dürfen (neben meinen 20 lebenden anstrengend Patienten) und ich war mit der Ärztin bei der Leichenschau (das ist ne Untersuchung, wo rechtlich immer mindestens zwei Leute dabei sein müssen, um Leute wirklich tot zu erklären - das geht nicht so wie im Film: "Zeitpunkt des Todes 11.15" und Ende, das ist etwas komplizierter, ein bisschen mehr Papierkram und mindestens zwei Untersuchungen, die Leichenschauen heissen) - also zurück zum Thema: Ärztin und ich machen Leichenschau, da geht die Tür auf, ne Suchtpatientin stürmt ins Zimmer und brüllt: "Ich such sie beide schon die ganze Zeit! Keiner kümmert sich um mich! Ich will jetzt sofort ..." sie sieht die Leiche, zeigt mitm Finger auf sie und sagt: "Na ihr seid ja auch nen tolles Krankenhaus, die da braucht mal dringend nen bisschen Blut, die ist ganz blass." Und ich schon total am schnaufen vor Wut (alleine schon die Tatsache, dass die dumme Kuh einfach in fremde Zimmer geht, ist ein großartiges Anzeichen für Mangel an Respekt), meine Kollegin guckte nur ganz erschrocken. Dann hab ich ganz langsam das Larken über das Gesicht der Toten gelegt, wand mich der Suchtpatientin zu - und bin ausgeflippt. Ich hab sie dann zur Sau gemacht - das hat wiederrum der Oberarzt mitgekriegt, der mich wiederrum 10 Minuten später im Einzelgespräch zur Sau gemacht - herrlich ... Konsequenz: Ich bin ganz knapp an ner Dienstabmahnung vorbeigeschlittert, weil meine Chefin sich für mich eingesetzt hat und bei Oberarztgespräch selber komplett ausgeflippt ist, wie dann denn sein kann, dass man Dienstabmahnungen an völlig überarbeitet Mitarbeiter verteilt, deren Grenzen überschritten werden - man müsste sich von den Patienten nicht alles gefallen lassen, vor allem nicht wenn man fast jeden Tag 2 Stunden freiwillig länger arbeitet, nur damit die Station nicht komplett im Chaos versinkt (das kommt noch dazu, dass ich irgendwie diese Woche von 6.00 morgens bis fast 17.00 abends gearbeitet hab). Antwort vom Chefarzt: "Die Station IST aber ein Chaos!" Meine Chefin: "ABER SIE LÄUFT!! NOCH!!! Und das nur weil meine Schwestern und mein Pfleger sich den Arsch aufreissen!"

Und wie ist die Patientin dabei weggekommen? Sie ist theatralisch aufm Flur zusammengebrochen, als ihr klar wurde, dass sie in das Zimmer einer Toten gestürmt war und brauchte ne Stunde später ein Psychologengespräch und ne Hand voll Beruhigungstabletten, um zu verarbeiten, dass sie eine gruselige Leiche gesehen hatte. Und wo ist mein Gespräch?? Ich krieg keine Tabletten. Nein, ich krieg nen Arsch voll Ärger und fast ne Dienstabmahnung.

Ich dreh echt durch zur Zeit. Total irre alle. Überstunden, man wird angepampt, abgewertet, die Station unter uns spielt in ihrer Dienstzeit Mensch ärger dich nicht, weil nix los ist aber sind gleich peinlich berührt und von einem Moment auf den anderen TOTAL beschäftigt, wenn man um ne Stunde Hilfe bettelt. Rückenschmerzen hab ich seit 3 Tagen auch wieder so stark, dass ich Schmerzmittel nehme, um arbeiten zu können (Stress = Verspannung + schwer Heben + nochmehr Stress = Aua). Und den einen Tag wo ich von 6.00 bis 17.00 gearbeitet hab, rief meine Freundin schon verängstigt auf Station und fragte ob ich noch da sei, ich wäre nicht nach Hause gekommen, mein Handy sei aus und sie mache sich große Sorgen ... so weit isses schon ...

Und jetzt mal die positiven Sachen: Meine Fortbildungen beginnen in 2 Wochen ... puh ... das heisst schön den Hintern breit sitzen, geregelte Pausen, was lernen und keine Patienten und gleichzeitig noch wertvoller werden als Arbeitskraft. Dieses Wochenende arbeite ich mit ganz geilen Kollegen zusammen - also egal wie schlimm es wird, meine Stationskollegin mag ich super gerne, und eine meiner besten Freundinnen arbeitet auf der Nachbarstation und die werd ich auch zu regelmäßigen Raucherpausen sehen. Und der Hübsche arbeitet dieses WE auch - den hab ich echt lange nicht gesehen und ich hatte mir eigentlich vorgenommen zarghaft aber sicher unsere (platonische) Freundschaft auszubauen und ihn spüren zu lassen, dass er in meinem Leben nicht unerwünscht ist, auch wenn ich um meine Beziehung Angst hab. Positiv denken - und heute Abend trink ich nen Bier - zum einen für die Nerven, zum zweiten mit der blöden Hoffnung dass die Verspannung in meinem Rücken gemindert wird ... ein großes Bier ...

05.04.2009 um 22:49 Uhr

Nur mal so

von: Ryan

Kurzer Eintrag zwischendurch (nur damit ich nicht ganz in Vergessenheit gerate): Es ist eigentlich immer noch alles so wie vorher. Ich muss ja wieder vermehrt arbeiten, bin grade vom Spätdienst nach Hause gekommen und versuche mich nicht über anstrengende und fordernde Patienten zu beklagen. Ansonsten haben meine Chefs einiges mit mir vor: Ich bin jetzt zu zwei Fortbildungen angemeldet, die eine dauert sogar über ein Jahr und es wird ein weniger mehr Geld darein investiert, was mich schlussfolgen lässt: Sie wollen mich wohl behalten. Ich hab ja immer noch nen befristeten Vertrag ... noch ... wird sich wohl bald ändern.

Ist schon reizvoll in meinem jungen Alter nen unbefristeten Arbeitsvertrag zu haben - mal davon abgesehen bessert sich die Situation ein wenig bezügl. Personallage usw. Mittlerweile hab ich mich auch rumgehört, wie es so in anderen Krankenhäusern läuft - und ich glaub ich komm nur vom Regen in die Traufe, wenn ich kündige. Und verliere außerdem all meine lieben Kolleginnen ... Ich zieh das jetzt mal durch.

Und ansonsten geniesse ich mein Leben. Es ist eigentlich echt gut, richtig ruhig, richtig entspannt, richtig sicher ... und Sicherheit war ja eh immer das was ich sehr vermisst hab. Die Wohnung ist super, meine Freundin ist super, im Großen und Ganzen bin ich sehr, sehr zufrieden. Ich hab sogar viel Zeit verbracht auf der Couch mit nem Buch (was ich jetzt sogar durch hab - das hab ich lange nicht mehr geschafft) und hab einfach die freie Zeit genossen.

Mit David ... die zwischenmenschliche Beziehung stabilisiert sich. Ich hab ihn neulich im Spätdienst angerufen, wollte was nachfragen und hab dann gesagt: "Hey, hast du Zeit auf ne Zigarettenpause?" und er war sichtlich überrascht, dass ich von meiner Seite aus den Kontakt gesucht hab. Ich hab ihn dann auch nochmal eingeladen - was ich ja eigentlich nicht wollte, aber Steffi will es um so mehr und je mehr ich mich sträube, desto auffälliger ist mein Verhalten. Zumindest bin ich zu dem Schluss gekommen ... mal schauen, was das wird.